Gedanken-Gänge IV – Die Sechste Jahreszeit: Über den Fußball-Karneval

Alle zwei Jahre wieder … nein, da kommt nicht das Christuskind, auch nicht die medial hochgepushte Grippewelle, ein Lebensmittelskandal oder dergleichen. Alle zwei Jahre wieder, beginnt die sechste Jahreszeit!

Moment, Moment, sechs Jahreszeiten? Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Karneval… und dann?

Immer auf einer graden Jahreszahl, meist zur Sommerzeit, beginnt sie, die Fußball-Welt- oder -Europameisterschaft. Die Narren und Närrinnen sind in diesen ein/zwei Monaten außer Rand und Band und das bloß nur, weil das Runde in das Eckige muss und einer am Ende verlieren wird?

Aber ist es nicht so? Eine Fußball-Meisterschaft, ob nun EM oder WM, gilt für viele als Ausnahmezustand und sorgt auch für selbigem. Wo man sich tagsüber auf der Arbeit, Abends mit Freunden, am Telefon mit alten Klassenkameraden noch „normal“ unterhalten konnte, herrscht während der sechsten Jahreszeit vieler Orts ein Ausnahmezustand, der von Nicht-WM-Fans nur schwer nachzuvollziehen ist. Wie gebannt sitzt man vor den Fernsehschirmen oder der nächstbesten Großleinwand. Wie hypnotisiert verfolgt man das Geschehen der heimischen Mannschaft und wie beim Karneval trifft man sich nach gewonnenem Spiel auf den Straßen, um ausgelassen zu grölen, zu hupen und zu feiern. Daher darf eine Fußball-Weltmeisterschaft den Vergleich mit der vor allem in westlichen Gefilden so gefeierten Karnevalszeit nicht scheuen. Der Bierkonsum steigt, die Stimmung ist ausgelassener denn je und scheinbar vorhandene Probleme im eigenen Land werden, zumindest für einen kurzen Zeitraum, bei Seite geschoben, sind medial oftmals gar nicht mehr so präsent. Denn es gibt viel wichtigeres, über das es sich lohnt zu reden, zu debattieren und zu berichten.

Der Fußball-Karneval erhält auch im kommenden Jahr wieder Einzug in unsere Häuser. Viele sind derweil nicht mehr ansprechbar, sie sind wie in Trance und dem Fußball-Wahn verfallen. Werden wir es nächstes Jahr schaffen? oder werden wir es auch dieses mal wieder vergeigen? Eigentlich egal. Das, was am Ende zählt, ist das Gefühl der Zugehörigkeit, das „Wir“-Gefühl, das viele verspüren, auch wenn sie sonst überhaupt keine Fußball-Gucker sind. Erstaunlich, oder? Wie stark doch eine Weltmeisterschaft es schafft, Menschen und ihre Einstellung zum Sport zu (ver)ändern? Oder geht es wirklich nur um das gemeinsame Zelebrieren eines besonderen Ereignisses? Ist unser Leben inzwischen so deprimierend, dass wir zum Feiern uns nur alle zwei Jahre aus dem Kämmerlein trauen, um wieder einmal ausgelassen Party zu machen? Wenn dem so ist, so ist dies kein Zustand, den man begrüßen sollte, sondern eher ein Armutszeugnis.

Verwunderlich ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass diese Feierei ausschließlich dem Männerfußball vorenthalten ist. Wenn die Frauen spielen und dann am Ende noch gewinnen, so wird dies mit einem Augenzwinkern scheinbar hingenommen; feiern und auf die Straßen gehen tut deswegen jedoch niemand.

Wer sucht, der lässt finden: Kommentar zur Sendung „Julia Leischik sucht: Bitte melde dich“ auf Sat.1

War es Langeweile? Neugier? Oder irgendwas dazwischen, das mich dazu bewog, mir die Sendung „Julia Leischik sucht: Bitte melde dich“ auf Sat.1 anzuschauen?

Vielleicht war es auch nur der Wunsch, nach langem mal wieder eine Fernsehkritik für meinen Blog zu verfassen!

Also, here we go!

Das Konzept dieser noch von RTL bekannten Sendung ist schnell erklärt: Claus sucht Claudia, mit der er vor Urzeiten zur Schule gegangen ist. Da die Suche via Internet entweder zu schwer oder schlichtweg zu unspektakulär war, beschloss Claus, sich an Sat.1 zu wenden, um nach seiner Claudia suchen zu lassen. Julia Leischik, immer bemüht, den Wiedersehenswünschen ihrer Sendungsteilnehmer gerecht zu werden, macht sich auf die Socken nach London, Shanghai oder Hintertupfingen, um die gesuchte Person zu finden.

So viel, so gut.

Das von Sat.1 übernommene Konzept wurde zuvor sehr erfolgreich im Vorabendprogramm von RTL unter dem Titel „Vermisst“ ausgestrahlt und ist auch jetzt noch, nur mit anderer Moderatorin, im Programm vorhanden. Nach einer Neuauflage von „Verzeih mir“, ebenfalls unter der Schirmherrschaft von Julia Leischik, geht Frau Leischik nun für den Konkurrenzsender auf die oftmals weltweite Suche nach vermissten Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten.

In einer Sendung werden zumeist zwei Personen vorgestellt, die, oftmals nach großen, emotionalen Schicksalsschlägen, einen geliebten Menschen verloren haben und diesen nun wiederfinden wollen.

Julia Leischik recherchiert und begibt sich auf die Suche. Diese führt sie nicht gerade selten über Deutschlands Grenzen hinaus. Ob nun ganz Europa, Nordamerika, Afrika oder Indien, kein Weg ist ihr und ihrem Kamerateam zu weit, kein Aufwand zu groß. Mit Hilfe von ortskundigen Dolmetschern findet sie immer zum Ziel und zur gesuchten Person. Auffällig ist, mit welcher Leichtigkeit ihr diese Suche oftmals gelingt. Denn auch wenn sie den halben Globus bereist, unzählige Menschen befragt und es zunächst den Anschein hat, als würde ihre Suche ergebnislos ausgehen, endet die Suche meist mit einem Happy End. Nicht nur das. Die Gesuchten und Vermissten treffen sich unter Tränen nach Jahren wieder und bekunden, sich so nacheinander gesehnt und so oft aneinander gedacht zu haben. Opium fürs Volk, Tränen für die Quote.

Doch so emotional die Wiedersehensszenen auch sind und so sehr man als Zuschauer auch mitfiebert und sich für die Gäste der Sendung freut, so bleibt, bei mir zumindest, ein leicht fader Nachgeschmack.

Wenn sich zwei Menschen so nacheinander sehnen, sich aus den Augen verloren haben und so weit voneinander entfernt sind, warum haben sie dann nicht schon vorher begonnen, nacheinander zu suchen? Im Zeitalter der Globalisierung und des Internets sollte die Personenrecherche weniger schwierig sein, als noch in den 1990er Jahren, in denen die privattelevisionäre Suche nach Vermissten mit der Sendung „Bitte melde dich!“ ihren Ursprung fand. Denn hier war man wirklich noch auf das Zutun von Fernsehzuschauern angewiesen, die die vermissten Personen kannten und etwas zur Suche beitragen konnten.

Natürlich fehlen vielen die Mittel, sich in anderen Ländern auf die Personensuche zu begeben, so dass die Suche Mittels Fernsehen der einzig mögliche Ausweg scheint. Doch fragt man sich, wollen wirklich alle gezeigten Menschen sich wirklich wiedersehen? Oder werden uns die Aufnahmen, in denen ein Treffen abgelehnt wird, vorenthalten, um den Schein zu wahren und um den Erwartungen der Zuschauer nach tränenreichen Wiedersehens-Szenarien gerecht zu werden?

Gleiches fragt man sich bei der ach so spontanen Art, wie Julia Leischik Stadt und Land bereist. Das Drehen in öffentlichen Gebäuden, die Aufnahme von Personen, bedürfen doch einer Zustimmung? Nur selten lehnt jemand das Mitschneiden des Gesprächs ab, meistens jedoch wird das Vorhandensein der Kameras gar nicht weiter erwähnt. Hier scheinen vorab Absprachen erfolgt zu sein, sonst begäbe sich die Produktionsfirma auch auf rechtlich sehr dünnes Eis. Aus einer Real Docu Soap wird somit eine Mixtur aus realistischem und vorher gescriptetem, abgesprochenem Inhalt. Die Art, wie Passanten, Kneipenbesitzer, Beamte oder Freunde der Gesuchten in die Kamera sprechen und auf Julia Leischiks Fragen reagieren, lassen dies erahnen.

Das vermeintlich spontane, dennoch gestelzt wirkende Gespräch kennt man auch aus anderen Reality Shows, allen voran „Bauer sucht Frau“ oder „Schwiegertochter gesucht“ oder der scheinbar vollgescripteten Soap „Frauentausch“.

In welche Kategorie sich „Julia Leischik sucht“ einordnen lässt, ob nun zum Großteil realistisch oder eher gescriptet, lässt sich nur vermuten.

Dennoch geht das Konzept, mit viel Schicksal und Tränen die Zuschauer emotional zu fesseln, zu begeistern und zu (be)rühren auf. Nicht umsonst haben gleich zwei Privatsender ähnliche Formate im Programm (auch wenn derzeit die Sendung „Vermisst“ auf RTL pausiert).