Immer lächelnd, musikalisch begabt und mit Sonnenbrille: Ein kleiner Streifzug durch die gängigsten Klischees und Vorurteile gegenüber blinden Menschen

Dies soll keine Bloßstellung sein. Ich weiß, dass viele Sehende wenig (wenn überhaupt) über blinde Menschen wissen und daher manchen durch Film und Fernsehen oder durch andere Quellen verbreiteten Klischees Glauben geschenkt wird. Im Folgenden ein paar dieser Klischees mit ergänzenden Kommentaren und Erläuterungen.

Vielen der Klischees stimme ich nicht zu, möchte aber nicht vollends ausschließen, dass es nicht doch Leute gibt, die diese Verhaltensmuster an den Tag legen.

Aber nicht nur aus Mediendarstellungen stammen solche Klischees und Vorurteile. Manchmal sind sie noch tiefer in Kulturen verankert oder entstehen, wenn doch einmal jemand das als Klischee abgetane Verhaltensmuster an den Tag legt. Zu diesem Thema empfehle ich auch diesen dreiteiligen Audiobeitrag.

Ein weiterer Grund für die unten genannten Vorurteile und Klischees mag sein, dass sich Sehende oftmals in die Lage eines Blinden versetzen wollen und dies mit ihrer bisherigen Erfahrung und ihrer Vorstellungskraft, wie es sein könnte, nichts zu sehen, versuchen. Dieser Gedankenselbstversuch geht jedoch oftmals schief. Denn der Sehende denkt dann nämlich zu aller erst an die eigene Hilflosigkeit. Oder er macht es den Medienschaffenden gleich und aus dem „normalen“ Blinden wird so dann ein Superheld.

Diese kleine Sammlung der gängigsten Klischees und Vorurteile erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Falls sich blinde Leser auf diese Seite verirren und auch noch etwas zu dieser Rubrik beisteuern möchten: Nur zu, die Kommentarfunktion darf gerne genutzt werden!

 

Blinde tasten ihren Gegenüber ab

Ich möchte mal wissen, wer dieses Vorurteil ins Leben gerufen hat. Aber vielleicht ist es hier so, wie bei fast allen Klischees und Vorurteilen: keiner weiß, woher’s kommt.
In der Regel entspricht es jedoch nicht der Wahrheit, ist jedoch aus der Sicht von Filmregisseuren eine durchaus logische Tatsache (er sieht nichts, also tastet er sein Gegenüber ab). Doch ist es oftmals eher irrelevant, wie jemand ausschaut und wenn man es wissen will, fragt man halt nach. Man muss sich vor Augen führen, dass das Abtasten einer Person weitaus intimer ist, als wenn man sie _nur_ anschauen würde. Im Film wird das Ertasten des Gesichts oftmals in Flirtszenen gezeigt, ein sehr strittiger Punkt, denn es ist natürlich normal, wenn man seine Freundin/seinen Freund abtasten würde. Doch wird dies oftmals gleich verallgemeinert.

Blinde tragen eine (dunkle) Sonnenbrille

Blinde Menschen mit blendempfindlichen Augen oder solche, die nicht wollen, dass man ihnen ihre Augenerkrankung ansieht sowie Mediendarsteller, die überhaupt nicht blind sind, tragen eine Sonnenbrille. Alle anderen tun dies nicht. Die Brille ist somit nicht unbedingt das Markenzeichen eines Blinden.

Dank „Wetten, dass“ können Blinde jetzt Farben fühlen

Dass diese Sendung mit die quotenstärkste im TV war, zeigte mir die Tatsache, dass viele Leute dem berühmtberüchtigten Auftritt des Blinden, der die Farbe von Kleidung erfühlen konnte, glauben geschenkt haben. Aber nein, man kann keine Farben fühlen, ob der Stoff nun schwarz ist oder blau, er wird sich gleich anfühlen. Zum Erkennen einer Farbe bei einem Kleidungsstück gibt es spezielle Geräte, die man auf die Kleidung halten kann und die einem Blinden die Farbe ansagen können.

Aussage: Wenn man länger mit einem Blinden zu tun hat und ihm hilft, verliebt er sich am Ende noch in einem.

Interessant. Und wenn zwei Sehende oder zwei Blinde, zwei Rollstuhlfahrer oder wer auch immer länger miteinander zu tun haben, sich anfreunden, passiert sowas nicht? Nichts ist unmöglich, aber dies ist doch nichts, das ausschließlich mit einer Behinderung zu tun hat. Oder?

Blinde sind musikalisch

Und Sehende nicht? Wie bei Sehenden im Kindesalter auch, entwickeln sich nun einmal Interessen. Beim Einen ist es der Sport und das Interesse, Fußball zu spielen, beim Anderen ist es die Lust zu musizieren. Aber sicherlich ist dies keine Eigenschaft, die nur bei blinden Menschen auftritt. Und dass sie besonders musikalisch sein sollen, kann ich aus meiner Internatszeit nicht bestätigen, denn dort sind mir viele begegnet, die diesem Bild eines Blinden nicht entsprachen.

Und für diejenigen, auf die diese Eigenschaft zutrifft? Es ist ja nunmal so: Dass blinde Kinder mehr Musik machen als die Sehenden, kann auch nur ein zwangsläufiger Ausweg sein. Denn während Sehende im jungen Alter zum Fußball gehen, bei
schönem Wetter draußen mit Inlinern und Fahrrädern die Bürgersteige bevölkern, sich zum Schwimmen verabreden, später dann in die Disco und ins Kino gehen,
braucht der Blinde ja irgendeinen Ausgleich. Und da immernoch viele blinde Kinder und Jugendliche, ja selbst manche blinden Erwachsenen nicht wissen, ob und wie sie die vermeindlich nur den Sehenden vorenthaltenen
Freizeitbeschäftigungen (eventuell ohne sehende Begleitung und oder Hilfe) nachgehen sollen, greifen sie halt zum Musikinstrument. Außerdem ist man als Kind ja irgendwo auch Mitläufer. Fangen die ersten zwei Mitschüler in einer Klasse voller Blinder an, irgendein Instrument zu erlernen, ziehen andere nach. Genauso ist es ja bei Sehenden
auch; fängt der erste an mit Fußball oder Gameboy spielen, zieht der Rest auch irgendwann (eventuell) nach. 😉

Bezüglich der musikalischen Blinden werden ja meist Ray Charles, Stevie Wonder oder Joanna Zimmer angeführt. Sie sind Musiker, wie jeder andere auch und sie sind nicht besser in ihrem Fach, bloß weil sie blind sind!

Die Sache mit dem „absoluten Gehör“

Was das ist? Unter dem absoluten Gehör versteht man u. a., wenn jemand in der Lage ist, Töne genau zu unterscheiden und zu benennen.

… Und hier wirds schwierig. Ich würde behaupten, dass blinde Menschen nicht besser und nicht schlechter hören, als Sehende: Sie hören vielleicht genauer hin. Sie können vielleicht Geräusche etc. schneller zu- und einordnen als Sehende, dies liegt aber eher daran, dass die meisten Sehenden sich mehr auf ihre Augen verlassen als auf ihre Ohren. Beim Blinden fällt das mit den Augen (größtenteils) weg, so dass ja letztendlich die Ohren übrig bleiben. Ob und in wiefern die restlichen Sinnesorgane ausgeprägter sind als bei Sehenden, kann ich persönlich nicht beurteilen, würde es auch verneinen, aber vielleicht gibt es ja Untersuchungen und Studien zu diesem Thema, die genau das Gegenteil belegen.

Und wenn dem doch so wäre, dass wir Blinden ein absoluteres Gehör als die Sehenden haben? Dann müsste fast jeder Dirigent eines Orchesters zwangsläufig blind sein! Denn auch er muss Nuancen heraushören können. Dies beweist jedoch nur, dass genaues Hinhören keine Sache des Handikaps, sondern eine Frage der Fähigkeiten ist.

Blinde Menschen sind zart besaitet bzw. empfindsam

Ein Grund, warum manch Sehender Scheu hat, einen Blinden anzusprechen, ist das teilweise noch vorherrschende Klischee, dass blinde Menschen empfindsam sind und nicht auf ihre Blindheit angesprochen werden möchten/wollen. OK, auf manche mag dies zutreffen, vielleicht sogar dann, wenn ihre Erblindung erst vor kurzer Zeit eingetreten ist. Dennoch würde ich diese Aussage nicht pauschalisieren, genauso wenig wie bei Sehenden auch: Es gibt solche und solche und man muss einfach herausfinden, wie jemand tickt, denn auch bei Sehenden gibt es zart besaitete. 😉

In diese Sparte fällt auch das Phänomen, dass sich Sehende oftmals förmlich überrumpelt fühlen, wenn der Blinde mal ruppig, wütend, genervt oder sonstwie antwortet. Viele haben nämlich immer noch das Bild des in sich gekehrten oder des immer lächelnden Menschen im Kopf. Aber wir Blinden haben dieselben Gefühlsausbrüche und Gemütszustände, wie jeder andere Mensch auch, da gibt es keinen Grund, bestürzt, verwundert oder irritiert zu sein.

Blinde Menschen verfügen über den „siebten Sinn“

Und was soll das nun schon wieder sein, der „siebte Sinn“?

Auch wenn eigentlich kein Mensch so genau weiß, was das eigentlich ist: Uns Blinden sagt man es trotzdem manchmal nach – zwar nicht immer direkt, aber zumindest im übertragenen „Sinne“.

Übernatürliche Fähigkeiten in jeglicher Hinsicht sind es, die man uns andichtet. Und wenn es nur die pure Aufmerksamkeit ist, das Sich nicht ablenken lassen durch visuelle Dinge in einem Gespräch, das genauere Hinhören (was anderes bleibt uns ja auch nicht übrig), dass „Aufspüren“ von Hindernissen Mittels Schallreflektion (ich verwende absichtlich nicht den Begriff Echo-Ortung!), obwohl wir den Gegenstand noch gar nicht mit dem Stock berührt haben… Das alles mögen Dinge sein, die im ersten Augenblick für den Sehenden unbegreiflich sind. Besonders oder übernatürlich sind sie deswegen jedoch noch lange nicht. Sie sind Alltag, normal und einfach die Schlussfolgerung aus dem Nicht sehen können.

Blinde Menschen nutzen das Wort „Sehen“ nicht

Und ob wir das tun! Wenn dem nämlich nicht so wäre und wir beginnen würden, alle denkbaren Begriffe und Phrasen, in denen sich das Wörtchen „Sehen“ verbirgt, umzuschreiben und neu zu formulieren, würde eine eigene „Blindensprache“ entstehen. Das man das Wort „Sehen“ nicht immer so wortwörtlich nehmen sollte, habe ich 2011 bereits in diesem Blogbeitrag zu verdeutlichen versucht.

Blinde Menschen zählen Schritte

Das Thema lässt sich schnell abhandeln: Schritte zählen erfordert Konzentration, denn man darf sich ja nicht verzählen, denn – laut der vorherrschenden Meinung mancher Sehender – benötigt der Blinde ja die Schrittzahl, um sich beim nächsten Besuch des Ortes wieder orientieren zu können. Das Problem ist nur, dass wir, wenn wir uns ohne Begleitung irgendwo bewegen, uns schon so auf dem Weg, die möglichen Hindernisse etc., konzentrieren müssen, dass fürs Schritte zählen überhaupt keine Zeit mehr bleibt. Vielleicht zählen manche ihre Schritte, die meisten jedoch vertrauen weit zuverlässigeren Anhaltspunkten, um sich an einem Ort zu orientieren. Sei es bauliche und örtliche Gegebenheiten, Verkehr oder Akustik… apropos Akustik, da gäbe es noch das folgende Klischee zu klären…

Blinde laufen mit der Zunge schnalzend durch die Gegend

Nicht jeder ist wie Daniel Kish, der durch das sog. Klicksonar bzw. Echo-Ortung einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte. Die Echo-Ortung macht seit einigen Jahren auch in Deutschland Schule und hat schon den einen oder anderen Vertreter bzw. Nutzer. Jedoch nutzen nicht alle blinden Fußgänger diese Möglichkeit, akustische Gegebenheiten eines Ortes zu erkunden. Vielen reichen nämlich die Informationen, die sie über die – ich nenne sie mal – natürliche Schallreflektion z. B. ihrer Schritte bekommen können. Wen das Thema weiter interessiert, der klickt einfach hier.

Blind = Gehbehindert

Dies ist ein seltsames Gleichnis. Auch blinde Menschen können sich sicher und vor allem schnell bewegen. Die „Laufgeschwindigkeit“ hat nichts mit dem Handikap zu tun. Das wäre, als würde ich dem Vorurteil „blond = blöd“ zustimmen, welches ja genau so hirnsinnig ist.

Der Blinde braucht immer eine Begleitung

Auf dem sog. Schwerbehindertenausweis sind Merkzeichen zu finden. Diese sagen aus, dass der Inhaber blind/sehbehindert, gehbehindert, hilfsbedürftig ist und ggf. auch einer Begleitung bedarf. Jedoch Vorsicht: Dies meint, dass wir z. B. im öffentlichen Nah- und Fernverkehr eine Begleitperson unentgeltlich mitnehmen dürfen. Dies wiederum bedeutet nicht, dass eine Begleitung ein Muss eines jeden Blinden ist. Es obliegt eines jeden, inwieweit er Begleitung wünscht und braucht und sollte daher, dies gilt vor allem für Freizeiteinrichtungen wie Schwimmbäder oder Freizeitparks, keine Zugangsvoraussetzung sein. Wer hier anderer Meinung ist, lese bitte diesen Beitrag von Dr. Jur. Michael Richter zu dieser Problematik.


4 Gedanken zu „Immer lächelnd, musikalisch begabt und mit Sonnenbrille: Ein kleiner Streifzug durch die gängigsten Klischees und Vorurteile gegenüber blinden Menschen“

  1. Ich liebe Musik, aber ich gelte sicher nicht als musikalisch. Eine meiner Lehrerinnen hat sich beim Singen ungern neben mich gesetzt, weil ich sie aus dem Takt gebracht habe. Ich kann weder den Takt noch den Ton besonders gut halten. Singen, oder mitsingen tue ich natürlich schon gern, aber musikalisch bin ich wahrlich nicht. Und war es auch noch nie. Ob wohl wir in der Grundschulklasse alle mit Blockflöte angefangen haben und ich später sogar den Versuch startete Arkodeon zu lernen, war dass alles nicht erfolgreich.

  2. Und mit dem Absoluten Gehör kann ich auch beim besten Willen nicht dienen. Höre denke ich ganz gut, aber ich kann nicht sagen, wenn ich ein Ton höre welcher es ist usw. Ich habe einen blinden Freund, der hat zwar ein absolutes Gehör und ist auch musikalisch, aber er würde auch keine gesichter abgrabbeln und eine Brille trägt er auch nicht.

  3. Zu den Gefühlen möchte ich nur anmerken: warum darf ein blinder Mensch nicht auch schlechte Laune haben, müde oder sonst wie anders sein, als eben glücklich? Und wenn ich irgendwo in der Bahn ein Buch lese und zum dritten mal darauf angesprochen werden, kann man doch verstehen, das es nervft? Klar wollen die Menschen, die vielleicht noch nie ein Punktschriftbuch gesehen haben, etwas darüber wissen. Aber vielleicht habe ich gerade Zeit entspannt zu lesen und möchte nicht ständig unterbrochen werden. Wenn man dann aber noch ungefragt versucht, auf dem bcuh herumzufühlen, so nach dem Motto der merkt das ja nicht, das ist schon ein ziemlich Eingriff und höflich sicher gar nicht.

  4. Das mit dem „sehen“ als Wort ist so eine Sache. Ich kenne einige blinde, die bestehen schon darauf, das sie Fernhören, auch wenn sie es nicht am Fernhörer tun. Und sie hören sich auch wieder, aber nach meiner Erfahrung sind es die wenigsten. Aber wie sollen wir denn auch sprechen. Viele mit dem sehen verwandten Worte werden auch im normalen Sprachgebrauch oft nicht im wörtlichen Sinne „sehen“ verwendet. Beim Telefonieren wird in der Regel Tschüß, aufwiedersehen oder sonst was gesagt. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle ob man sich in der Tat wirklich demnächst wiedsieht oder nicht. Oder ich habe den und den letztens gesehen. wenn ich es verwende bekommt man gelgentlich den komisch gemeinten Satz, den hast du doch gar nicht gesehen oder ähnlich. Dabei kann dass genauso gut auch treffen oder begnen heißen.

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