Gedanken-Gänge XVIII: Über ein Wahrnehmungs-Debakel oder: Heißt sehen wirklich verstehen?

In einer Episode der Kult-Fernsehserie „Knight Rider“ hörte ich letztens einen Satz, der mich dazu veranlasste, diesen kleinen Beitrag zu verfassen:

„Sehen heißt doch noch lange nicht wissen, oder alles verstehen“ (Julie Robinson in: Knight Rider 2×05 ‚Blindes Vertrauen‘, USA, 1982)

Auch wenn diese Serie aus einer Zeit stammt, in der Inklusions- und Integrationsbemühungen vieler Orts noch in den Kinderschuhen steckten, so habe ich manchmal den Eindruck, dass sich auch heute, im Jahr 2017, an dieser zutreffenden Aussage bei vielen, sehenden Menschen nichts geändert zu haben scheint.

Bei vielen scheint sich nicht der Satz: „Ich denke, also bin ich“ sondern eher der Grundsatz: „Ich sehe, also bin ich“ bzw. „Ich sehe, also weiß ich“ manifestiert zu haben. Schon in früheren Beiträgen äußerte ich mich teils kritisch zum Urteilsvermögen von manch Sehenden, wenn es um die Bewältigung von Alltagssituationen oder die Alltagsgestaltung ging. Denn die Vehements, mit der viele Sehende uns Blinden gegenüber urteilen und uns so von vielen Dingen ausschließen, lassen nämlich genau dies vermuten: Sie scheinen (vielleicht sogar eher unbewusst) nach dem eben genannten Grundsatz zu handeln. Denn die menschliche Sinneswahrnehmung wird, je nach Situation, zwischen 30 und 70% vom Auge dominiert. Also erscheint es doch nur all zu logisch, wenn der (sehende) Mensch mit dem Auge auch urteilt?

Im ‚kleinen Prinzen‘ heißt es so schön, dass man nur mit dem Herzen gut sähe – eine gern zitierte Phrase, welche, kombiniert mit dem Knight-Rider-Zitat, doch einiges an Wahrheit in sich birgt. Denn heißt sehen wirklich auch zu wissen oder zu verstehen? Hat man, nur weil man etwas gesehen hat, es sogleich auch begriffen? Trügt das Auge nicht sogar eher, denn der „erste Eindruck“ einer Person, einer Sache, eines Ortes können sich am Ende doch als ganz anders herausstellen.

Für viele Menschen, so mein Eindruck, bedeutet Sehen auch, über etwas (besser) urteilen zu können. „Du hast es doch gar nicht gesehen!“ – wird gerne von Leuten erzürnt gerufen, wenn diejenigen, die eben nicht „mit dabei“ waren, sich erlauben, trotz des „nicht gesehen habens“ ein Urteil zu fällen oder eine Meinung zu äußern. Im Falle uns blinder Menschen wird sogar umgekehrt gehandelt: Du siehst es nicht, kannst es dementsprechend nicht einschätzen, also kannst du nicht mit dabei sein. Auch wenn im ersten Beispiel das „Gesehen haben“ auch im übertragenen Sinne gemeint sein kann, im Sinne von einem Erlebnis, zeigt es doch, wie sehr sich Menschen auf das Gesehene als Urteilsgeber verlassen, ja sogar manchmal versteifen.

Dies ermächtigt Euch Sehende aber noch lange nicht, über uns, unseren Alltag, unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten zu urteilen und sie, aus Sehenden-Sicht, einzuschränken oder ganz zu verhindern. Ihr sprecht ja auch nicht mit uns. Lieber zerrt Ihr am Rucksackgriff, am Oberarm oder Stock, wenn wir uns – nach Eurem Empfinden – auf Abwegen oder in einer gefährlichen Situation befinden. Doch oftmals ist es gar nicht gefährlich, weil wir den Weg, die örtlichen Gegebenheiten kennen oder uns der „Gefahr“ (bei Rot über die Straße zu gehen, eine Achterbahn zu nutzen oder in kühle Tiefen des Schwimmbeckens abzutauchen) bewusst sind – genau so, wie Ihr auch. Gleiches gilt jedoch auch in umgekehrter Weise für meine ebenfalls blinden Mitmenschen, etwas offener, lockerer und freundlicher auf Sehende zuzugehen, damit sie die Möglichkeit bekommen, ihre Sicht der Dinge auch zu erweitern.

Sehen wird unbewusst von vielen auch als Previleg betrachtet, als Besserstellungsmerkmal, so wie viele den Literatur- und Filmklischees vertrauen, dass Blinde wie Fledermäuse durch die Welt wandeln – ein Trugschluss für beide Seiten. Denn auch wir können uns durchaus mal ver-hört haben.


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