Blindismen: Die körpersprache blinder Menschen oder etwas, das es abzustellen gilt?

Oftmals handeln wir nach bestimmten Mustern. Diese Verhaltensmuster haben wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet, uns abgeschaut und erlernt. Als Kind zu lernen funktioniert – zu einem Großteil – über das Auge. Babys lernen sehr schnell, die Mimik und Gestik der „Großen“ zu imitieren und später für sich zu verinnerlichen.

Doch bei vielen geburtsblinden Menschen fehlen diese Informationen. Sie können eben nicht (oder nur eingeschränkt) als Kind die Gesten der Erwachsenen nachahmen und für sich lernen, wie man mit dem Körper spricht. Hinzu kommen noch weitere Schwierigkeiten, wie die Unsicherheit der sehenden Eltern, wie ihr blindes Kind erzogen werden soll, wie sie ihrem Kind Dinge beibringen können etc. und nicht zuletzt auch die – vor allem früher – auftretenden, weiteren Erkrankungen.

Gerade bei geburtsblinden Menschen sind häufig Verhaltens- und Bewegungsmuster zu beobachten, die vor allem sehende Menschen im Umgang mit Blinden verunsichern und irritieren. Die sogenannten „Blindismen“, dieses Bewegen des Oberkörpers oder das Wiegen des Kopfes verunsichert viele und macht einen lockeren, offenen Umgang miteinander somit aus Sicht vieler unmöglich.

Doch was sind diese „Blindismen“ und woher kommen sie? Was sind die Ursachen und kann man Abhilfe schaffen? Sollte man überhaupt Abhilfe schaffen, wo doch sehende Menschen auch viele Ticks und Gesten an den Tag legen, die auf viele – ob nun blind oder sehend – befremdlich wirken könnten?

Im folgenden Beitrag versuche ich, anhand von einigen Quellen, Antworten auf die skizzierten Fragen zu geben.

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Gedanken-Gänge XXII – Was? Wann? Wo? Wieviel? oder: Digitale Hilfe zur Selbsthilfe oder technikgestützter Verlust der Selbstwarnehmung?

Schon erstaunlich, was wir, gestützt durch die neuen Medien, alles erfassen, protokollieren, ja sogar kontrollieren können. Ich rede hier nicht von der vielseits diskutierten Kameraüberwachung an öffentlichen Orten, eher geht es mir um die „digitale Selbstvermessung“ oder „Lifelogging“, zwei Begriffe, die in Deutschland u. A. vom Wissenschaftler Stefan Selke etabliert wurden.

Egal, ob am Arbeitsplatz oder im privaten Umfeld, ob bei uns selbst oder bei Kindern, Partnern o. Ä., viele Lebensaktivitäten, Gewohnheiten etc. lassen sich heutzutage digital erfassen und protokollieren. Und der Trend setzt sich weiter unaufhaltsam in diese Richtung fort.

Wieviele Schritte bin ich gelaufen im Vergleich zu gestern? Wenn ich einen Burger, eine Tafel Schokolade, Salat mit etwas gehaltvollerem Dressing esse und somit x Kalorien zu mir genommen habe, was darf ich dann morgen noch essen, um den BMI-gestützten Kalorien- und Gewichtshaushalt nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen? Ich habe nur 3 Stunden geschlafen, ist mit mir alles in Ordnung oder hätte ich besser schon um 2:30 Uhr aufstehen sollen, als ich kurz wach war? Hilfe, mein Kind schreit bereits seit 25 Minuten, meine App meldet, ALARM!

Vier kleine, wenn auch prägnante Beispiele, welche verdeutlichen sollen, wieweit es inzwischen in unserer Gesellschaft um die Selbstprotokollierung bestellt ist. Nicht wir wissen, was wann für uns das beste ist, sondern unser digitaler Lebenspartner Smartphone. Apps regeln unsere Gesundheit, die Krankenkassen unterstützen dieses seltsame Verhalten auch noch durch Bonusprogramme. Laut Selke erkennen spezielle Apps beim Telefonieren auch schon anhand unserer Stimme unseren Gemütszustand und vereinbaren im Hintergrund schon einen Arzttermin – dies allein ist krank. Unsere Health-App weiß, wann es Zeit für uns ist, wieder einmal etwas Sport zu treiben – lustig allerdings, dass viele Apps einer Fehlprogrammierung unterliegen und diesen Hinweis gerne mal nach dem Treppenerklimmen ausspucken. Apps helfen uns beim Fitnesstraining, beim Abnehmen, sie wachen über unseren Schlaf und protokollieren anhand Geräuschaufzeichnung, wie ruhig oder unruhig wir die Nacht überstehen. Unser Smartphone weiß immer wie ein Erzieher, wann es für uns wieder an der Zeit ist – für was auch immer.

Etwas provokant könnte man jetzt hinterfragen, wie dumm wir eigentlich werden, dass wir unseren Alltag, unser Leben, unsere Gesundheit immer mehr dem digitalen Wächter anvertrauen und somit immer mehr uns selbst gegenüber unsicherer werden? Ist uns das Ansehen anderen gegenüber, die Angst, zu wenig Anerkennung zu bekommen oder den Anschluss an den Mainstream zu verlieren, so enorm wichtig geworden, dass wir so blindlinks in unser Verderben rennen? Und die Antwort lautet: JA. Viel zu wichtig ist in den letzten zwei Jahrzehnten die Vergleichbarkeit mit anderen geworden, viel zu wichtig scheint es zu sein, mit dem Gros der Gesellschaft eins zu sein und Konformität und Normen anstatt Individualität zu leben.

Wozu dieses blinde Vertrauen in digitale Selbstvermessungsmethoden gipfeln kann, beschreibt Selke u. A. in einem Aufsatz wiefolgt:
„Die gesellschaftlichen Folgen der umfassenden Selbstverdatung sind dramatisch. Denn umso mehr der Mensch zum numerischen Objekt wird, desto stärker wird die Vermessung durch Lifelogging zum Organisationsprinzip des Sozialen – und führt zu neuen Formen sozialer Diskriminierung: „Rationale Diskriminierung“ basiert nicht mehr auf rassistischen oder sexistischen Formen der Aberkennung, sondern auf vermeintlich objektiven und rationalen Messverfahren. […] Schon jetzt führt Lifelogging dazu, dass immer mehr Lebenssituationen nur noch abstrahiert wahrgenommen werden. Zudem verändert sich die Wirkung der Daten: Deskriptive, also beschreibende Daten werden allmählich zu normativen Daten, die soziale Erwartungen enthalten. Diese Informationen formen dann einen Korridor zwischen dem „Gipfel der Perfektion“ und dem „Sockel der sozialen Respektabilität“. Die Selbstvermessung erzeugt damit einen wachsenden sozialen Anpassungsdruck und moralische Konformität. Die entscheidende Frage lautet dann: Wie sieht die Norm künftig aus, und wie weit darf man künftig noch von ihr abweichen?“ (Selke, Stefan (2015): Lifelogging oder: Der fehlerhafte Mensch. (In): Blätter für Deutsche und Internationale Politik. Mai 2015. Online Abrufbar; letzter Zugriff: 13.10.2017).