Als Blinder im HSV-Stadion – ein kleiner Erfahrungsbericht

Sich Blind ins Getummel zu stürzen ist, egal ob auf Weihnachtsmarkt, Kirmes, Konzerten oder ähnlichen Veranstaltungen, manchmal eine wahre Herausforderung. Selbst Sehenden ist das Gewusel und das Gedränge oftmals schon zu viel des Guten.

Besonders mag dies auch für Fußballstadien gelten, denn zichtausende Besucher tummeln sich an einem Spieltag auf den diversen Rängen und Tribünen.

Nichts desto trotz wollte ich wissen, ob ein Stadionbesuch als blinder Besucher (ohne sehende Begleitung) machbar ist: Inwieweit wird einem blinden Gast Seitens des Ordnungs- und Securitypersonals geholfen? Wie hilfsbereit sind andere Fußballfans? Wie gestaltet sich die Anreise zum Stadion? Diesen Fragen sind wir, Björn Peters (selber blind) und ich, am vergangenen Sonntag – beim Spiel HSV gegen Hannover 96 – auf dem Grund gegangen!

Fußballerlebnis als Blinder? Eine Vorabbemerkung

Viele (Sehende) würden jetzt bei diesem Vorhaben sagen, dass man doch als blinder Stadiongast nicht viel vom seinem Besuch hätte. Man könne dem Spielverlauf ja gar nicht (oder wenn nur bedingt) folgen etc. Doch weit gefehlt! Mal ganz davon abgesehen, dass sich ein Besuch allein schon der Stimmung wegen lohnt und man über Selbiger schon recht viel über das Spielgeschehen mitbekommen kann – von den Kommentaren des Stadionsprechers beim Auswechseln eines Spielers oder bei gefallenen Toren mal ganz abgesehen – lohnt sich seit vielen Jahren bereits ein Stadionbesuch in der 1. und 2. Liga für einen Blinden. Das Spielgeschehen wird, einer Radioreportage gleich, live kommentiert. Auf speziellen Plätzen erhalten die blinden Fans per Kopfhörer alle wichtigen Infos zum Spiel und sind so noch näher am Geschehen. Diese Plätze sind stark begrenzt und je nach Spiel sollte man bereits früh (z. B. über die Tickethotline des HSV) seinen Platz buchen.

Anreise zum Volksparkstadion

Das Volksparkstadion ist sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Es verkehren Shuttlebusse zwischen den S-Bahn-Haltestellen Othmarschen (S1) sowie Stellingen (S3/S21), welche einem zum Stadion und nach Spielende wieder zur S-Bahn zurückbringen. Die Shuttles halten in unmittelbarer Nähe der jeweiligen S-Bahn-Station. Beim Stadion angelangt, folgt man am besten einfach der Masse zum Einlass.

Der Stadiontest

Jemanden zu finden, der uns zu unseren Plätzen bringen könnte, gestaltete sich als sehr einfach. Beim Einlass angelangt, durchliefen wir sogleich die Taschenkontrollen. Die Ordner wurden gleich auf uns aufmerksam und boten uns ihre Hilfe beim Auffinden der Plätze an. Auch wenn sie eigentlich nicht im anderen Block arbeiteten und sich erst einmal nach dem besten und schnellsten Weg erkundigen mussten, verließen sie ohne große Umschweife ihren Posten und geleiteten uns zielsicher zu Block 3C.

Kurz vor dem Spiel wurden uns die bereits erwähnten Kopfhörer ausgehändigt. Mit rund 46.000 Besuchern an diesem Tag war das Stadion fast ausverkauft und die Stimmung bereits vor Spielbeginn sehr gut. Über den Spielverlauf soll an dieser Stelle kein Wort verloren werden – tut für den Testverlauf auch eh nichts zur Sache. 😉

Zwar wurden wir am Spielende von einem Bekannten Björns eingesammelt, wir wurden jedoch zuvor (u. A. beim Einsammeln der Kopfhörer und Funkempfänger) bereits gefragt, ob wir auch beim Verlassen des Stadions Hilfe bräuchten. Somit wäre ein Verlassen des Geländes ebenfalls problemlos möglich gewesen!

Fazit

Der Besuch des HSV-Stadions am vergangenen Sonntag verlief sehr positiv! Trotz des hohen Besucheraufkommens – gerade im Eingangsbereich – wurde uns vom Aufsichtspersonal sofort bereitwillig weitergeholfen, was sicherlich keine Selbstverständlichkeit ist, denn sie haben für uns ja quasi ihren eigentlichen Einsatzort innerhalb des Stadions verlassen.

Wir sagen daher „vielen herzlichen Dank!“ für diese vorbildliche Hilfsbereitschaft und sind schon sehr gespannt, ob es bei zukünftigen Testbesuchen in anderen Stadien auch so problemlos ablaufen wird?


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