Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb

Tag 12

Mittwoch, 25.04.2018

Tagesnavigator

Bereits vor dem Weckerklingeln war ich wach und beschloss, auch schon aufzustehen, die Gunst der freien Dusche wieder zu nutzen und Koffer zu packen. Erstaunlicherweise habe ich alles plus der Mitbringsel im Koffer unterbringen können, auch wenn ich nachträglich das Gefühl hatte, etwas vergessen zu haben – kennt Ihr das?

Einige der Mitbewohner saßen bereits draußen und brieten sich Spiegeleier oder kochten Kaffee. Ich ging hinaus, um mich zu verabschieden. Es stellte sich dabei leider heraus, dass niemand Zeit hatte, mich zur Tram zu bringen. Nicht schlimm, ich rief Edu an, welcher mich bereits am Sonntag vom Busbahnhof abgeholt hatte und hatte Glück, er war noch frei und konnte um 9:00 Uhr hier sein!

Irgendwie war heute ein Tag der Suche. Als erstes war es gar nicht so einfach herauszufinden, von wo der Bus nach Ljubljana abfahren würde. Am regulären Schalter im Bus-Bahnhofsgebäude teilte man uns mit, dass Flixbus noch nicht so lange Zagreb anfahren und somit auch noch nicht in ihren Abfahrtsplänen auftauchen würde. Also gingen wir weiter zum Schalter von Flixbus. Nach einigen Minuten Wartezeit wurde uns der Abfahrtsbussteig mitgeteilt und wir begaben uns auf die Suche. Scheinbar hat das Gebäude mehrere Ausgänge, je nachdem, von welchem Bussteig man abfahren wollte.

Am Bussteig angekommen, stand der Bus nach München über Ljubljana bereits zum Einsteigen bereit. Ich ließ mein Ticket scannen und das Gepäck im Gepäckraum verstauen und stieg ein. Wir würden in Kontakt bleiben, rief Edu mir noch zu und verschwand.

Kurz darauf stieg, zu meiner Überraschung, ein Gast der Jugendherberge hinzu, mit dem ich mich schon öfters jetzt am Abend unterhalten hatte. Hätten wir voneinander gewusst, dass wir denselben Bus nehmen würden, hätte entweder er mich mit zur Tram oder ich ihn mit dem Taxi mitnehmen können… Er wolle nach Florenz – Moment mal, von Zagreb über Ljubljana und München nach Florenz? Konnte das stimmen? Er war sich sicher im richtigen Bus zu sein und mir wurde auch bestätigt, dass dieser Bus nach Ljubljana fahren würde, was sollte da dann schon schiefgehen!

Auch bei der Aus- bzw. Einreise aus Kroatien nach Slowenien gibt es zwei Passkontrollen. Bei beiden Kontrollen, die nur wenige Meter voneinander entfernt liegen, mussten alle aus dem Bus aussteigen. Ich sollte sitzen bleiben, der Fahrer wollte alles für mich erledigen. Und so händigte ich ihm beide Male meinen Ausweis aus und wartete geduldig auf die anderen.

Pünktlich um 12:15 Uhr erreichten wir den Busbahnhof von Ljubljana. Ich bekam meinen Koffer zurück und ließ mir noch grob den Weg zum Hauptbahnhof beschreiben. Dort wollte ich meinen Koffer einschließen, um dann zum Treffpunkt für die Stadtführung zu gehen.

Am Bahnhof angelangt, begab ich mich – gemeinsam mit zwei Passanten, die mir behilflich waren – auf die Suche nach einem Schließfach. Da leider kein großes Schließfach mehr frei war, schlugen die Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst vor, meinen Koffer in ihrem Büro einzuschließen. Das Büro sei 24 Stunden besetzt und es wäre somit kein Problem, jederzeit an den Koffer zu kommen! Ich willigte ein, der Koffer verschwand und ich auch – in Richtung McDonalds für einen kleinen Mittagssnack.

Die beiden Burger schmeckten irgendwie überhaupt nicht. Entweder die Rezeptur war hier anders oder ich war solch Kost einfach nicht mehr gewohnt? Wie dem auch sei, nach diesem kulinarischen „Hochgenuss“ begab ich mich wieder auf die Suche – nach dem Treffpunkt für die Stadtführung und vor allem nach einem Geldautomaten, denn der am Bahnhof war defekt und hatte jedem, der Geld abheben wollte, „erzählen“ wollen, dass der gewünschte Betrag das Limit überschreiten würde.

Nach wenigen Minuten Fußmarsch kam ich am Preserenplatz und an der pinken Kirche an, dem Treffpunkt für meine zweieinhalbstündigen Stadtführung mit Marjana. Irgendwie, so stellte ich im Stillen für mich fest, scheint es mehr Stadtführerinnen zu geben als männliche Tourguides? Oder war es einfach nur bloßer Zufall…

Die Tour führte mich zunächst ebenfalls an ein Relief der Innenstadt, dann weiter über die drei Brücken, durch die Altstadt, hinauf bis ans Schloss, wo man auf einem kleinen Aussichtsturm wieder einen tollen Ausblick auf die Stadt genießen konnte. Ich erfuhr viel über die Geschichte der Stadt über die diversen Epochen hinweg, aber auch durchaus aktuellere Stadtgeschehnisse. So gibt es seit geraumer Zeit kleine Elektrotaxis, die – Touristen oder Bewohner gleichermaßen – kostenlos durch die Innenstadt oder die Fußgängerzone fahren. Diese Vehikel bestehen aus einem Fahrersitz vorn und ein oder zwei Bänken für jeweils zwei Personen hinten und erinnerten mich teilweise an die Beschreibungen Indischer, dreirädriger Taxis. Eine Rundfahrt dauert, je nach Menschenaufkommen in den Straßen, bis zu 30 Minuten.

Panoramaaufnahme 1 Panoramaaufnahme 2

Nach beendetem Stadtrundgang wollte ich noch mit solch einem Minitaxi fahren und dabei ein wenig filmen. Der Fahrer des Taxis, das mir durch die Touristeninfo gerufen wurde, bot mir an, während der Fahrt die Tür aufzulassen, um besser filmen zu können. Ein tolles Angebot, so konnte ich auch die verschiedenen Geräuschkulissen besser genießen und einfangen, ob Stimmengewirr, Straßenmusikanten oder andere Geräusche, die im schnelleren Schritttempo an mir vorbeizogen.

Zurück im Stadtzentrum Nahe der Touristeninformationen ging es weiter zu einem nahegelegenen Geschäft, denn auch hier wollte ich mir etwas Musik mitbringen. Man teilte mir bei Müller, welche bei uns ja eigentlich für ihre recht gute Auswahl bekannt sind, mit, dass sie keine Slowenische Musik mehr führen würden. Der Markt sei auch recht klein und es würde auch nicht viel Musik Slowenischer Künstler auf CD existieren. Etwas entmutigt verließ ich den Laden und ging, begleitet von einer Gruppe Erasmusstudenten, zur Touristeninfo zurück. Hier empfahl man mir, zum BTC zu fahren und hier „Big Bang“ aufzusuchen, welche eine große Auswahl an Musik führen würden. Hatte ich nicht anfangs erwähnt, dass heute der Tag der Suche war? 😉

Die Studentengruppe begleitete mich noch zur nahegelegenen Bushaltestelle und wartete gemeinsam mit mir auf den richtigen Bus. Bus Nr. 27 würde mich direkt zum bzw. ins BTC bringen. Das BTC ist mit rund 1 Quadratkilometer das größte Shoppingcenter Osteuropas. Es ist keine Mall im herkömmlichen Sinn, sondern eher eine Ansammlung vieler Geschäfte und kleinerer Shoppingmalls – alles sehr weitläufig, sodass der Bus auch dort mehrere Haltepunkte hat. Im Bus fragte ich nach dem richtigen Ausstiegspunkt und ein Fahrgast bot mir an, direkt beim gesuchten Laden anzurufen und nicht nur nach dem richtigen Ausstieg, sondern auch nach vorhandenen, Slowenischen CDs zu fragen. Auf beide Fragen erhielt er für mich positive Antworten. Ich bekam eine kurze Wegbeschreibung und den richtigen Ausstieg genannt und stieg einige Minuten später mitten im BTC aus.

Dass auch Sehende Schwierigkeiten haben könnten, sich auf solch großem Shopping-Terrain zu orientieren, merkte ich sehr schnell. Es dauerte eine Weile, bis ich auf jemanden stieß, der nicht nur den gesuchten Laden kannte, sondern mir auch ein wenig bei der Orientierung half. Hatte ich mich bislang bei meiner Reise eher im Stadtzentrum aufgehalten, so befand ich mich hier recht außerhalb – dies schreckte mich jedoch nicht ab, ähnliche Unternehmungen hatte ich bei früheren Reisen bereits durchgeführt. Ich behielt Ruhe und dies zahlte sich am Ende in mehrerlei Hinsicht aus. Ich gelangte ans gewünschte Ziel und erhielt zudem ein paar gute CDs empfohlen. Der Verkäufer brachte mich anschließend zum Bus zurück und ich fuhr ins Stadtzentrum, um dort noch zu Abend zu essen.

Die Slowenische Küche ist stark von der Österreichs geprägt. Bratwurst, andere Fleischspezialitäten oder Sauerkraut sind hier keine Seltenheit. Und so aß ich Würstchen mit Sauerkraut und Kartoffeln, quasi nach zwölf Tagen deftiger Balkan-Kost eine erste Vorbereitung wieder auf die Deutsche Küche.

Gegen 21:00 Uhr verließ ich das Restaurant und lief zum Hauptbahnhof zurück. Jedoch verlief ich mich ein wenig und landete zunächst in einer Eisdiele, von wo aus mich jemand bis vor die Türen des Bahnhofsgebäude geleitete.

Ich holte meinen Koffer bei der Bahnhofsicherheit ab und erkundigte mich noch nach dem Abfahrtsgleich des Nachtzuges nach München. Auf dem Weg zum Gleis kaufte ich noch etwas zu Trinken für die Nacht und setzte mich an Gleis 8 auf eine Bank und wartete – rund anderthalb Stunden.

Die Durchsagen am Bahnhof sind sehr dürftig, vor allem auf Englisch. Der Nachtzug aus Zagreb war rund 20 Minuten verspätet, jedoch fuhr fast zeitgleich mit der Ansage ein anderer Zug am Nachbargleis ein, sodass ich beinahe falsch eingestiegen wäre. Einige ebenfalls wartende Passagiere bekamen dies jedoch mit und erzählten mir auch, dass unser Zug verspätet sei.

Scheinbar wurde der Zug am Nachbargleis gerade gereinigt? Das typische Klappern der Mülleimer war zu hören und ein Plätschern – ich hoffte inständig, dass es sich nur um das Wischwasser handelte, welches man kurzerhand einfach ins Gleisbett schüttete. Etwas anderes wollte ich mir nicht vorstellen.

Atmo-Aufnahme: Ljubljana Hauptbahnhof, ca. 23:55, Bahnsteig, Ansage für Euronight nach München, zunächst fährt jedoch ein anderer Zug auf dem Nachbargleis ein

Rund 20 Minuten später traf der Nachtzug ein. Wie mir jedoch der Schaffner mitteilte, sei mein reservierter Wagen noch nicht da. Es würde noch ein zweiter Zugteil angehängt, dort sei mein Platz. Auch die Bereitstellung des zweiten Zugteils ließ etwas auf sich warten und gegen 00:20 Uhr verließen wir mit rund 25 Minuten Verspätung den Bahnhof von Ljubljana. Ich versuchte, es mir so gut es ging im Sitzwagenabteil bequem zu machen: meinen Sitz und den Sitz mir gegenüber ausklappen, Schuhe aus, zurücklehnen und Beine hoch. Hätte ich gewusst, dass das ganze Abteil frei bleiben würde, hätte ich mich auch auf die Sitze legen und somit vielleicht etwas besser schlafen können.

Nach der dritten Kontrolle in dieser Nacht fand ich nicht mehr wirklich Schlaf. Wir würden mit 20 Minuten Verspätung München erreichen, was nicht schlimm war, ich hatte bezüglich des Anschlusszuges nach Hamburg schon derartige Dinge mit einkalkuliert. Ich ließ die letzten zwölf Tage Revue passieren und möchte auch ein Paar meiner Gedanken mit Euch teilen.

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