Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb

Fazit – Zurück auf Los oder: Gedanken über das alleine Reisen

Tagesnavigator

Nach meiner Skandinavienreise 2014 mit drei besuchten Städten, war dies das zweite, wirklich große Reiseunternehmen, das ich im Alleingang gestartet habe. Bezieht man den Zwischenstopp in Budapest mit ein, habe ich in zwölf Tagen isgesamt fünf Städten einen Besuch abgestattet – für viele ein Ding der Unmöglichkeit, denn noch nicht einmal manch Sehender würde sich allein auf derartige Entdeckungsreisen begeben – unter den Blinden finden sich solch unternehmungslustige Leute noch seltener. Es war genau die richtige Entscheidung gewesen, diese Reise anzutreten, mit allen Nachtfahrten, Zug- und Busabenteuern und dergleichen. Es war eine Reise mit unzähligen tollen Eindrücken, Erlebnissen, Geschehnissen und vor allem auch Menschen, die ich während dieser Zeit bekommen bzw. treffen konnte.

Normalerweise fängt man an, die Heimat, seine gewohnte Umgebung, seine Wohnung, sein Bett, das Essen, Freunde und Partner gerade in den letzten Urlaubstagen wieder zu vermissen. Doch ich vermisse all diese Dinge, mal von Freunden und Partner abgesehen, nicht. Hätte ich die Zeit und das Geld, wäre ich weitergereist, wer weiß wohin.

Warum reise ich eigentlich alleine? Ich habe zu Beginn dieses Berichts, aber auch sehr oft während meiner Reise versucht, hierauf eine Antwort zu finden. Brauche ich Abenteuer? Ist die Reise – in gewisser Weise – ins Ungewisse, weil ich eben nicht alles durchstrukturiere oder plane und viele Dinge eher dem Zufall überlasse, für mich vielleicht attraktiver, als die „Sicherheit“, die einem z. B. Pauschalreisen oder Reisen in Gruppen, ja sogar Reisen mit einem (sehenden) Partner geben kann? Sind diese Dinge für mich vielleicht nicht attraktiv genug? Langweilt mich diese Sicherheit in gewisser Weise sogar?

Ich habe in diesen zwölf Tagen so etwas wie Erfüllung gefunden und erfahren. Glücksmomente, die ich lange verdrängt habe bzw. so länger nicht mehr ausgelebt habe. Dies wurde mir schon klar, als ich vor dem Budapester Bahnhof stand und die ersten Videoimpressionen gedreht habe. Das Adrenalin steigt, ich spürte dieses Kribbeln vor Aufregung in meinen Adern; es geht los, irgendwo in die Stadt, nur für eine Stunde und du weißt noch nicht, wo du landen wirst, wen du treffen wirst. Ja, genau dieses Treffen auf die unterschiedlichsten Personen ist ein großer und wichtiger Bestandteil meiner Reisen. Denn ich glaube zum Teil fest daran, dass wir, wenn wir in Gruppen reisen, keine Notwendigkeit haben, mit anderen Leuten zu sprechen. Wir können uns, in unserer Sprache, mit anderen Gruppenmitgliedern unterhalten, Erlebtes sofort austauschen und es ist kein Bedarf, diesen Schutzraum zu verlassen. Eigene Unternehmungswünsche stellen wir oftmals auch in den Hintergrund, zu Gunsten der Gruppe.

Schon bei meiner allerersten Reise allein merkte ich, dass genau dieser Gegenpol mich anzieht. Ich vermisse in Deutschland eh, dass wir mehr aufeinander zugehen, miteinander sprechen. All zu sehr pochen wir auf unsere Intimsphere im öffentlichen Raum. Damit meine ich, dass viele von uns es nicht mögen, von Wildfremden angesprochen zu werden. Dies merkt man auch im Ausland, darum gilt für mich auch folgende Regel, die irgendwie bei jeder Reise bestätigt wird: Spreche, als Deutscher, im Ausland nie, einen Deutschen, auf Deutsch an und frage um Hilfe, du bist „verloren“.

Hingegen die enorme Aufgeschlossenheit, mit der mir Menschen aus den verschiedensten Nationen gegenübertraten, mich immer wieder aufs Neue fasziniert – so auch bei dieser Reise. Aber auch die Herzlichkeit der Menschen, die in den jeweiligen Städten leben, die Hilfsbereitschaft, auch wenn man selber eigentlich nicht weiter weiß, waren etwas, das mich als blinden Reisenden in ihren Bann zog. Ich bin noch nie mit einer Gruppe gereist, vor allem nicht, wenn die Gruppe noch von einem Reiseführer begleitet wird. Ich kenne nur Gruppenausflüge, welche man z. B. vom Hotel aus unternimmt. Ich habe jedoch die Befürchtung, dass all diese Erfahrungen ein Stück weit in den Hintergrund geraten könnten und das ist sehr schade. Denn zum besuchten Land gehört nicht nur dessen Geschichte, sondern auch die Kultur, die Menschen, die in ihm leben. Denn sie machen das aktuelle Land aus, nicht bloß Geschichte, Architektur und all diese Dinge, die uns meist zu allererst faszinieren. Nun gibt es auch Gruppenausflüge in einheimische Gefilde des jeweiligen Landes, das man besucht. Diese Touristenvorführungen gleichen aber nicht dem, was man erleben kann (und sicher auch wird), wenn man sich individuell durch das jeweilige Land bewegt und sich ein Stück weit auf die Menschen, die man trifft, einlässt.

Ein wichtiger Bestandteil einer solchen Reise ist jedoch auch Vertrauen. Wir Deutschen lieben Sicherheit. Sie gibt uns Schutz, sorgt dafür, dass wir uns „geborgen“ fühlen. Sicherheit steht bei vielen von uns jedoch noch über dem Vertrauen. Und das ist etwas, ohne das meine Reise nie funktioniert hätte. Jedoch sage ich auch, dass man in Deutschland genauso fehlgeleitet werden, von einem Taxifahrer übers Ohr gehauen und falsch rausgelassen, von Fremden überfallen und ausgeraubt oder schlicht von einem Autofahrer angefahren werden kann. Haben wir all diese Ängste, funktioniert Reisen nicht. Dann können wir auch zuhause bleiben. Manch einer sagte mir schon, ich sei zu optimistisch, viel zu gutgläubig. Aber vielleicht ist es eben dieser Gutgläubigkeit zu verdanken, dass meine Reisen so verliefen – wer weiß das schon.

Viele denken, dass nun, nach dieser großen Fahrt der Hunger, der Erkundungstrieb doch erst einmal gestillt sein wird. Doch kann man solch einen „Hunger“ wirklich stillen? Hätte ich früher schon die Mittel gehabt, wäre ich schon längst gereist und hätte nicht erst vier Jahre gewartet!

Und es gibt noch viele, tolle Orte zu besuchen. Meine To-Do-Liste (oder, wie ich immer sage, To-Visit-Liste) ist lang und vielseitig. Doch es sind meist Metropolen, große Städte, die mich reizen. Denn als Wahlhamburger hat man es zum Meer oder generell ans Wasser, ins Grüne, in die Natur nicht weit. Dafür muss ich nicht unbedingt weit weg. Und zwei Wochen nur Strand? Relaxen geht auch hier, man muss sich nur darauf einlassen, einmal nicht irgendwas zu erledigen, sondern einfach mal im Stadtpark, am Elb- oder Ostseeufer oder einfach auf Balkonien (so man Zugang dazu hat) die Beine auszustrecken und abzuschalten.

Und wenn die nächste Alleinreise keine Rundreise wird, viele Städte sind auch gut für einen Dreitagestrip oder sogar an einem Tag erkundbar.

TVL – To Visit Liste

Wie sagt man so schön: Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf vollständigkeit. 😉

Amsterdam, Bangkok, Barcelona, Brüssel, Bukarest, Dubai, Dublin, Helsinki, Hongkong, Istanbul, Jacarta, Jerusalem, Kiev, Moskau, New York, Peking, Riga, Rom, Shanghai, Singapur, Sofia, St. Petersburg, Tallinn, Tiflis, Tokyo, Vilnius, Warschau, Zürich.

Tagesnavigator


Ein Gedanke zu „Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb“

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *