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Freizeitparknutzung durch blinde Menschen oder: Wie gerechtfertigt sind Nutzungsbeschränkungen und Fahrtverbote?

Einleitung

Blind seinen Alltag zu meistern und auch außerhalb des häuslichen, geschützten Bereichs Freizeitbeschäftigungen nachzugehen, scheint für viele sehende Menschen teilweise schier unmachbar zu sein. Ob nun aus Gründen der eigenen Unterschätzung („Was wäre, wenn ich jetzt auf einmal erblinden würde?“) oder aus Gründen der Fürsorglichkeit, viele sehende Menschen können sich nur schwer in die Lage eines autonom handelnden, mobilen Blinden hineinversetzen.

Doch viele sehende Menschen, dies zeigten zahlreiche Diskussionen und Kommentare zu meinen für Parkerlebnis durchgeführten Freizeitpark-Tests, wollen sich scheinbar auch gar nicht in die Situation des Blinden hineinversetzen. Sie pochen auf ihre Einstellung, dass der Sehende besser wisse, was dem Blinden zuzutrauen sei und die dadurch entstehenden Teilnahmeverbote Seitens Betreiber doch nur all zu begründet wären.

„Im Gegensatz zu Diskriminierungen aufgrund anderer Merkmale im Sinne des AGG (ethnische Herkunft, Glauben, Geschlecht oder sexueller Orientierung etc.) treffen Menschen mit Behinderungen bei Ihrer Freizeitgestaltung oder auch im Alltag oftmals nicht auf Benachteiligungen aus Motiven der inneren Ablehnung, sondern auf solche, die zwar ebenfalls aufgrund von Vorurteilen, aber eher einer eigentlich positiv gemeinten überbordenden Fürsorge entspringen. Das Resultat ist jedoch das Gleiche, denn Menschen mit Behinderungen werden daran gehindert, für andere Menschen selbstverständlich zugängliche Angebote in Anspruch zu nehmen. Sei es die verbotene Achterbahnfahrt für einen blinden Menschen, der mit seinen Kindern einen Freizeitpark besucht, sei es der verwehrte Zutritt zum Restaurant im Fernsehturm oder auch nur der Hinweis vor einer Busfahrt, einem Hallenbadbesuch oder der geplanten regelmäßigen Nutzung eines Fitnessstudios, dass aufgrund des im Schwerbehindertenausweis eingetragenen Rechtes auf die Inanspruchnahme einer Begleitperson (Merkzeichen „B“) eine solche auch mitzubringen oder andernfalls eine Nutzung des jeweiligen Angebotes „leider“ nicht möglich sei. Gemeinsam ist diesen Praxisbeispielen von Freizeit- oder Alltagsdiskriminierungen, dass vermeintliche Experten für bestimmte Lebensbereiche besondere Gefahren im Falle der Nutzung durch behinderte Menschen vermuten, die sie aus versicherungstechnischen oder fürsorglichen Gründen durch ein Benutzungsverbot für diesen Personenkreis vermeiden wollen.“

(Richter 2017a)

Widmet man sich ein wenig intensiver dem Bereich der Freizeitparks und betrachtet einmal die Sicherheitsbestimmungen, welche zumeist auf den Parkhomepages (z. B. beim Hansa-Park, beim Phantasialand oder auch beim Europa-Park) nachzulesen sind, ergibt sich nicht nur ein verzerrtes Bild dessen, was blinden Besuchern zuzutrauen ist, sondern auch der Rolle, die ein möglicher, sehender Begleiter hier einnehmen soll. Der sehende Begleiter gilt für viele Parkbetreiber als Grundvoraussetzung für die (Be-)Nutzung ihrer Attraktionen. Als Gründe werden eventuelle Evakuierungen angeführt, bei denen es dem Fahrgast möglich sein muss, sich aus eigener Kraft zu befreien bzw. die Anlagen aus eigener Kraft, ohne Zuhilfenahme anderer, zu verlassen. Das eine Zuhilfenahme auch durch andere Besucher erfolgen kann, wird grundsätzlich ausgeschlossen. Einige Parks gehen sogar so weit, den Begleiter einem Betreuer gleichzustellen, was allein schon aus rechtlicher Perspektive höchst fragwürdig erscheint (vgl. hierzu die Testberichte zum Hansa-Park oder unserem Phantasialand-Besuch).

Ein ähnliches Bild findet sich auch bei der Nutzung von Schwimmbädern durch blinde Menschen scheinbar wieder. Auch hier wird häufig eine Begleitung vorausgesetzt.

Doch welche Rolle kann bzw. sollte eine Begleitperson tatsächlich einnehmen? Kann und darf vor allem eine Begleitperson im Sinne eines Freundes oder Partners bei einem Personenschaden haftbar gemacht werden, so er nicht grobfahrlässig herbeigeführt wurde? Ist somit die Grundbedingung einer Begleitung, beispielsweise für die Mitfahrt in einer Achterbahn, überhaupt tragbar?

Diesen Grundsatzfragen möchte ich in diesem Essay versuchen auf dem Grund zu gehen. Es hat in der Vergangenheit bereits erste Beobachtungen und Überlegungen bzgl. Der Nutzungsthematik in Freizeitparks gegeben, welche an passender Stelle auch angeführt und zitiert werden sollen.

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Blindismen: Die körpersprache blinder Menschen oder etwas, das es abzustellen gilt?

Oftmals handeln wir nach bestimmten Mustern. Diese Verhaltensmuster haben wir uns im Laufe unseres Lebens angeeignet, uns abgeschaut und erlernt. Als Kind zu lernen funktioniert – zu einem Großteil – über das Auge. Babys lernen sehr schnell, die Mimik und Gestik der „Großen“ zu imitieren und später für sich zu verinnerlichen.

Doch bei vielen geburtsblinden Menschen fehlen diese Informationen. Sie können eben nicht (oder nur eingeschränkt) als Kind die Gesten der Erwachsenen nachahmen und für sich lernen, wie man mit dem Körper spricht. Hinzu kommen noch weitere Schwierigkeiten, wie die Unsicherheit der sehenden Eltern, wie ihr blindes Kind erzogen werden soll, wie sie ihrem Kind Dinge beibringen können etc. und nicht zuletzt auch die – vor allem früher – auftretenden, weiteren Erkrankungen.

Gerade bei geburtsblinden Menschen sind häufig Verhaltens- und Bewegungsmuster zu beobachten, die vor allem sehende Menschen im Umgang mit Blinden verunsichern und irritieren. Die sogenannten „Blindismen“, dieses Bewegen des Oberkörpers oder das Wiegen des Kopfes verunsichert viele und macht einen lockeren, offenen Umgang miteinander somit aus Sicht vieler unmöglich.

Doch was sind diese „Blindismen“ und woher kommen sie? Was sind die Ursachen und kann man Abhilfe schaffen? Sollte man überhaupt Abhilfe schaffen, wo doch sehende Menschen auch viele Ticks und Gesten an den Tag legen, die auf viele – ob nun blind oder sehend – befremdlich wirken könnten?

Im folgenden Beitrag versuche ich, anhand von einigen Quellen, Antworten auf die skizzierten Fragen zu geben.

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Rheinkirmes als Blinder erleben – Ein Testbericht

Sich blind ins Getümmel eines Volksfestes zu stürzen? Für viele sehende Menschen oftmals ein vermeintliches Ding der Unmöglichkeit. Gerade auch, wenn es dabei um Orientierung und vor allem um die (Be-)Nutzung der zahlreichen Karussells und weiteren Attraktionen geht. Dass jedoch eine Kirmes von einem Blinden besucht und die zahlreichen Fahrgeschäfte auch genutzt werden können, zeigten unsere bisherigen Tests zum Beispiel des Cannstatter Wasen, des Oktoberfest oder des Hamburger Dom. Doch wie verhält es sich bei der Rheinkirmes in Düsseldorf, dem größten Volksfest am Rhein?

An einem Freitag im Juli besuchte ich, ohne sehende Begleitung, das Düsseldorfer Festgelände und testete ausgiebig die dortige Beschickung. Mit dabei auch eine der Kirmes-Neuheiten 2017: „Mr. Gravity“ vom Schausteller Oberschelp. Bei Oberschelps bereits etablierter Attraktion „High Impress“ war eine Mitfahrt auf anderen Volksfesten ohne Begleitung ohne Probleme möglich. Wie verhält es sich bei seinem neuen Fahrgeschäft?

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Blind auf dem Cannstatter Wasen: Ein Testbericht

Bild Copyright Thomas Frank, Parkerlebnis.de

Sich blind ins Kirmes-Getümmel zu stürzen und dem Wunsch nach dem Adrenalinkick auf dem Volksfest freien Lauf zu lassen, ist – Anders, als in so manch Deutschem Freizeitpark – ohne Weiteres möglich. Das zeigten meine bisherigen Tests. Wo blinden Besuchern in Freizeitparks eine Mitfahrt teils nur mit sehender Begleitung gestattet wird, können Kirmes-Besucher ohne Augenlicht auch ohne einen sehenden Begleiter Fahrgeschäfte nutzen. Bisher konnte ich erfolgreich den Hamburger Dom, das Münchner Oktoberfest sowie die Annakirmes in Düren testen.

Natürlich wiederholen sich viele Fahrgeschäfte auf den einzelnen Plätzen, aber jeder Betreiber könnte unterschiedlich mit der Thematik Blindheit und dem Fahrtwunsch umgehen. Darum führte mich im Oktober letzten Jahres mein Weg zum Cannstatter Volksfest (auch Wasen genannt), welches vom 23. September bis zum 9. Oktober im Stuttgarter Bezirk Bad Cannstatt stattfand.

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Gedanken-Gänge XVIII: Über ein Wahrnehmungs-Debakel oder: Heißt sehen wirklich verstehen?

In einer Episode der Kult-Fernsehserie „Knight Rider“ hörte ich letztens einen Satz, der mich dazu veranlasste, diesen kleinen Beitrag zu verfassen:

„Sehen heißt doch noch lange nicht wissen, oder alles verstehen“ (Julie Robinson in: Knight Rider 2×05 ‚Blindes Vertrauen‘, USA, 1982)

Auch wenn diese Serie aus einer Zeit stammt, in der Inklusions- und Integrationsbemühungen vieler Orts noch in den Kinderschuhen steckten, so habe ich manchmal den Eindruck, dass sich auch heute, im Jahr 2017, an dieser zutreffenden Aussage bei vielen, sehenden Menschen nichts geändert zu haben scheint.

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Es muss nicht immer ein iPhone sein! Ein Erfahrungsbericht eines blinden Android-Einsteigers

Seit vielen Jahren schon gelten Geräte des Herstellers Apple als besonders zugänglich, was die Bedienbarkeit durch blinde Nutzer anbelangt. Egal, ob iPhone, Mac, Apple TV oder Smartwatch, alles lässt sich im Handumdrehen und ohne großen (finanziellen) Mehraufwand zum Sprechen bringen. Es ist somit blinden Nutzern auf Anhieb möglich, ihr gekauftes Gerät direkt nach dem Auspacken einzuschalten und quasi sofort loszuarbeiten. Diese Zugänglichkeit von Geräten und Apps galt und gilt vor allem für das Smartphone-Flagschiff iPhone, weshalb viele blinde Smartphone-User auf diese Geräte zurückgreifen.

Doch fernab der Apple-Wege tummeln sich inzwischen einige Mitbewerber, deren Lösungen – mal mehr, mal weniger – brauchbar sind. Ob speziell entwickelte Smartphone-Lösungen oder die implementierten Screenreader von Windows oder Android, nichts scheint – glaubt man den vor allem im deutschsprachigen Raum eher negativ ausgerichteten Beiträgen in Blogs oder Foren – der Zugänglichkeit von IOS das Wasser reichen zu können. Doch ist das iPhone immer noch unangefochtener Spitzenreiter in puncto Accessibility oder lohnt es sich inzwischen doch, einmal die Konkurrenz näher ins Auge zu fassen?

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Als Blinder allein im Phantasialand – (Kein) Lächeln am Ausgang inklusive! Ein Erfahrungsbericht

Klugheim | Bild Copyright by Thomas Frank, Parkerlebnis.de

Sich einfach in einem Freizeitpark in eine Achterbahn zu setzen, die Bügel zu schließen, sich zurückzulehnen, um einfach zu spüren, wie der Adrenalinpegel steigt… für viele Freizeitpark- und Achterbahnfans immer wieder ein unvergleichliches Erlebnis. Doch längst nicht jeder darf mitfahren, denn vielerorts ist eine Mitfahrt – beispielsweise für blinde oder sehbehinderte Menschen, die sich ohne sehende Begleitung in dem jeweiligen Park aufhalten – entweder teilweise oder komplett untersagt. Und selbst wenn sie sich begleiten lassen, ist eine Mitfahrt auch nicht überall garantiert.

Collage verschiedener Bilder aus unseren Freizeitpark- und Kirmestests | Bild Copyright by Thomas Frank, Parkerlebnis.de

In meiner gemeinsam mit Parkerlebnis.de durchgeführten Freizeitpark-Testreihe wollen wir herausfinden, inwieweit es blinden Freizeitpark-Besuchern in Deutschland (und den Nachbarländern) möglich ist, die angebotenen Fahrattraktionen uneingeschränkt, ohne sehende Begleitung, zu nutzen. Hier könnt Ihr mehr über die Entstehung dieser Testreihe erfahren.

Unsere Reise führte uns am „Tag der Achterbahn“ in einen sehr bekannten und renommierten Freizeitpark im Westen unseres Landes: das Phantasialand. Hier herrscht absolutes Fahrverbot für blinde Menschen. Dennoch wollten wir herausfinden, inwieweit eine Mitfahrt (ob nun mit oder ohne Begleitung) dennoch möglich ist, denn es häuften sich Gerüchte, nach denen blinde Parkbesucher durchaus Fahrattraktionen nutzen konnten. Gerücht oder Realität? Dies galt es zu testen.

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Den Hamburger Frühlingsdom als Blinder alleine besuchen? Ein Testbericht

Dass man als blinder Achterbahn- und Karussellfan auf einer Kirmes um einiges problemloser Fahrgeschäfte ohne Begleitung nutzen kann, als in so manchem Freizeitpark, zeigten unsere bisherigen Testergebnisse. Scheinbar geht man auf einer Kirmes lockerer mit dem Thema Behinderung bzw. Begleitung um, als in den meisten Freizeitparks. Grund genug, noch weitere Kirmesattraktionen in diesem Jahr zu testen – den Auftakt machten die Fahrgeschäfte auf dem diesjährigen Hamburger Frühlingsdom.

Der Dom ist eine Kirmes, welche drei mal im Jahr für vier Wochen auf dem Heiligengeistfeld stattfindet und durch sein vielfältiges Angebot an Buden und Fahrgeschäften Hamburger und Touristen gleichermaßen anzieht. Der Frühlingsdom fand vom 18. März bis zum 17. April statt, die Testbesuche erfolgten dieses Mal an drei unterschiedlichen Tagen, sowohl in der Woche als auch am Wochenende. Eine Galerie mit Aufbaubildern vom diesjährigen Frühlingsdom hier.

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Gedanken-Gänge XII – In einem Berg aus Zuckerwatte oder: Für Euch sind wir immer noch wie kleine Kinder

Wir Blinden leben irgendwie, trotz Inklusions- und Integrationsbemühungen, immer noch wie in einem riesigen Berg aus Zuckerwatte. Eine Feststellung, die traurig und wütend zugleich macht.

Irgendwie scheint die sehende Welt da draußen, außerhalb des Zuckerwattebergs, immer noch nicht so ganz zu begreifen, dass wir erwachsene Menschen sind. Und wenn wir es doch schaffen, uns einen Weg nach draußen freizuschaufeln, wird er, wenn man nicht aufpasst, gleich wieder von irgendjemandem verschlossen. Denn dort drinnen, im Zuckerwatteberg, ist es ja schließlich mollig warm und vor allem aber eines: SICHER! Nichts kann uns dort jemals passieren. Alle großen Gefahren des Alltags scheinen weit entfernt, wenn nicht sogar ganz gebannt. Niemand braucht Angst zu haben, dass man uns etwas antun könnte, außer wir selbst.

Die Realität da draußen, das Leben außerhalb des Safes, ist aber nun mal nicht nur purer Sonnenschein. Und das wissen wir auch – besser sogar, als Ihr immer vermutet. Die Zeiten, wo wir die ewig Lächelnden waren, die scheinbar kein Wässerchen trüben konnten, sind schon lange vorbei. Doch immer noch seid Ihr erschrocken, wenn auch wir mal aus unserer Haut fahren und Euch in die Schranken weisen.

Ihr wollt uns integrieren. Ihr redet von Inklusion und Teilhabe. Doch im Grunde wollt Ihr doch nur, dass wir nach Eurer Pfeife tanzen, nach Euren Vorstellungen und Vorgaben handeln und uns, am Ende des Tages, wieder im Watteberg verkrümeln. Ist es nicht so?

Denn nicht WIR sagen EUCH, WAS WIR KÖNNEN und WOLLEN, sondern IHR sagt UNS immer und immer wieder, WAS WIR DÜRFEN und WAS NICHT. Und all das nur, weil uns ein kleines Detail von Euch unterscheidet. Ihr glaubt, weil Ihr sehen könnt, könnt Ihr die Welt erobern! Wenn Ihr uns wie Kinder behandelt, anstatt wie erwachsene Menschen, dann lasst Euch von uns ‚Kindern‘ mal was gesagt sein: Ihr müsst noch viel lernen! Schon makaber, dass Kinder den Großen so einen Spruch um die Ohren hauen müssen… dabei ist es doch sonst immer umgekehrt der Fall.

Es übersteigt Eure Vorstellungskraft, dass auch wir vieles leisten könnten, das Ihr Euch zu leisten manchmal gar nicht zutraut. Und es ist wieder wie bei Euren Kindern: Ihr könnt Euch, so lange sie klein sind, ja auch nie vorstellen, wie es einmal sein wird, wenn sie groß sind.

Und Ihr habt Angst. Nicht direkt vor uns, sondern, dass uns etwas passieren könnte. Ihr glaubt immer noch, Ihr müsstet für uns haften – als wären wir wirklich Eure Kinder. Doch wir sind Erwachsen und haften für uns selbst. Wir wissen um das Risiko ‚Leben‘. Wir wollen Abenteuer und nicht Sicherheit. Wir wollen Freiheit anstatt Schranken. Wir wollen entscheiden anstatt dass man über uns entscheidet. Wir wollen zwar Regeln, jedoch keine Riegel! Sonst wird der durch Euch erschaffene Zuckerwatteberg schnell zu einem Vulkan. Und was macht Ihr dann?

Was Blinde sehen: Ergebnisse einer Befragung zum Fernsehkonsum bei blinden Menschen zwischen 20 und 49 Jahren

„Was Blinde sehen“ – diese Headline dürfte beim Sehenden Lächeln und Verwunderung zugleich auslösen. Zunächst wegen der Wortwahl: Es geht zwar um Fernsehen, aber Blinde sehen doch nichts. Also hören sie fern, so die Logik des Sehenden. Fern-Hören klingt komisch. Der Fernseher wäre somit Fern-Hörer und dies erinnert an die alte Bezeichnung für Telefon: Vernsprechapparat. Das bedeutet, dass Blinde feststehende Begriffe nicht umschreiben würden, bloß weil eine Kleinigkeit im Begriff nicht auf sie zutrifft.

Nun zum Fernsehen an sich. Dass blinde Menschen fern schauen, scheint für viele Sehende unlogisch, denn um einen Film oder den Inhalt einer Serienepisode verstehen zu können, braucht es nun einmal das Sehen der Bilder. Aber tut es das wirklich? Denn im Hörspielsektor gab und gibt es Produktionen, welche ohne einen Erzähler auskommen – man denke vor allem an die alten Krimiklassiker aus den 50er und 60er Jahren. Warum soll man somit nicht auch blind fernsehen können? Es gibt ja schließlich einige Filmangebote im TV, die mit einer akustischen Bildbeschreibung ausgestattet sind. Jedoch ist dieses Angebot lediglich Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen zu finden und deckt bei weitem nicht die komplette Palette an Sendungsgattungen und Filmgenres ab.

Es gibt in der Kommunikationswissenschaft bislang nur unzureichende Ergebnisse über den Fernsehkonsum Blinder. Zwar wurde festgestellt, dass auch blinde Erwachsene fern schauen, jedoch beschränkte sich diese Studie ausschließlich auf die „Spezialangebote“, also die eben genannten „Hörfilme“.

Doch nutzen blinde Menschen noch weitere Fernseh-Angebote? Wozu dient das Fernsehen: Zur Unterhaltung, zur Entspannung oder zur Informationsbeschaffung?

Diesen Fragen bin ich im Rahmen einer Studie nachgegangen. Im Zeitraum von März bis Oktober 2011 habe ich blinde Menschen zwischen 20 und 49 Jahren mittels Online-Fragebogen zu ihrem Fernsehkonsum befragt. Insgesamt gab es 101 Teilnehmer, davon waren 43,6% weiblich und 32,7% männlich, 23,8% wollten darüber keine Angabe machen. Von den Befragten waren 37,6% arbeitstätig, jeweils 10,9% Azubis bzw. Studenten, 8,9%arbeitssuchend und noch 3% Schüler.

Über die Hälfte der Befragten gaben an, regelmäßigen Zugang zu einem Fernseher zu haben sowie ihn auch (fast) täglich einzuschalten. Was den Sehenden vielleicht verwundern mag: Auch unter den blinden Menschen gibt es auch sog. Vielseher, Zuschauer, die mehr als 4 Stunden am Tag fern schauen (7,9%).

Was die Sendungsfavoriten anbelangt, so lagen GZSZ, K11, Wer wird Millionär oder Tagesschau, Tatort und CSI sehr hoch im Kurs. Die favorisierten Sender sind somit ARD, RTL, ZDF, Sat.1, ProSieben. Bei den Genres und Formaten waren es vor allem Nachrichten, Daily Soaps, Quizsendungen, Reality TV oder Spielfilme.

Das Fernsehen dient zu gleichen Teilen der Information, Unterhaltung und Entspannung. Mehr als die Hälfte der befragten gab an, das Fernsehen auch vorwiegend zur Informationsbeschaffung zu nutzen. Sie schalten gezielt den Fernseher ein, um bestimmte Sendungen zu schauen.

Fernsehinhalte sind nur manchmal Gesprächsthema unter blinden Zuschauern, wobei der Austausch sowohl unter Blinden als auch mit Sehenden erfolgt und sich nur wenige der Befragten wünschen würden, sich jeweils mit der anderen Personengruppe (Blinde vs. Sehende) mehr über das Gesehene auszutauschen.

Es ist den blinden Zuschauern wichtig, sich die Bilder am Fernsehschirm beschreiben zu lassen. Das aktuelle Angebot an Sendungen mit Bildbeschreibungen wird von den Befragten mit der Durchschnittsnote 3 bewertet.

Neben dem Fernsehen greifen blinde Mediennutzer jedoch auch auf andere Medien zurück. 69,9% der Befragten nutzen (fast) täglich das Internet, 66,4% hören (fast) täglich Radio, nur wenige greifen auf Zeitungen und Zeitschriften zurück, hingegen sich Hörbücher großer Beliebtheit erfreuen (34,7% (fast) tägliche Nutzung). Auch wenn blinde Rezipienten Spielfilme, Fernsehkrimis, also fiktionale Angebote, im Fernsehen anschauen, so gehen sie selten ins Kino (14,9% einmal im Monat, 56,4% seltener). Die Möglichkeit, sich Filme auf DVD oder VHS anzuschauen, wird von 26,7% der Befragten mehrmals im Monat, von 32,7% noch seltener genutzt.. Vermutlich ist das geringe Hörfilmangebot im Kino und auf DVD der Grund für die geringe Kino- und DVD-Nutzung.

Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass blinde Menschen zwischen 20 und 49 Jahren das Fernsehen in fast dem gleichen Umfang nutzen wie Sehende. Bei der Auswahl der Sendungen und Sender gibt es ähnliche Präferenzen. Das Gesehene ist auch unter Blinden Gesprächsthema. Fernsehen dient vorwiegend der Unterhaltung und Information. Nur wenige der blinden Fernsehnutzer könnten komplett auf die Flimmerkiste verzichten (23,8%).

Diese Ergebnisse decken sich mit den Erkenntnissen aus einer Nutzungsstudie von 2009, welche sich mit dem Fernsehkonsum blinder Kinder auseinandersetzte und ebenfalls bewies, dass auch bei blinden Menschen das (visuelle ausgerichtete) Medium Fernsehen eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Für den Sehenden lässt sich daraus schlussfolgern, dass blinde Menschen ihren Medienalltag nicht anders gestalten, als sie selbst – eine beruhigende Erkenntnis.

 

Eine ausführliche Auswertung der Befragung wird in den kommenden Wochen hier veröffentlicht.