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Zu Gast unter Wölfen: Blind in der Volkswagen-Arena – Ein Erfahrungsbericht

Sich Blind ins Getummel zu stürzen kann, egal ob auf Weihnachtsmarkt, Kirmes, Konzerten oder ähnlichen Veranstaltungen, manchmal doch eine wahre Herausforderung sein. Selbst sehenden Menschen ist das Gewusel und das Gedränge oftmals schon zu viel des Guten; gerade jetzt nach den diversen Corona-Lockdowns und -Beschränkungen, fühlt sich für viele der Besuch von vollen Restaurants, Konzerten oder Fußballstadien immernoch „falsch“ an.

Seit einigen Wochen sind Fans bei Fußballspielen wieder zugelassen! Zwar dürfen die Vereine, je nach geltenden Bestimmungen, ihre Stadien noch nicht vollauslasten, aber einem Besuch eines Spiels der Lieblingsmannschaft steht nichts mehr im Wege!

Und so führte mich mein Weg am vergangenen Samstag (02.10.21) in die Volkswagen-Arena, um mir – gemeinsam mit 12.844 Heim- und Gästefans – das Spiel gegen Borussia Mönchen-Gladbach anzuschauen.

Ich wollte außerdem herausfinden, ob es mir, als blinden Stadionbesucher ohne sehende Begleitung, möglich ist, das Wolfsburger Stadion ohne Probleme oder Einschränkungen zu besuchen? Wie hilfsbereit sind Fans oder Personal?

Der Besuch beim vFL Wolfsburg war jedoch nicht mein erster Stadiontest dieser Art. Bereits positive Erfahrungen konnte ich bei einem Besuch im Hamburger Volksparkstadion machen.

Ich stehe, bekleidet mit einem VFL-Trikot, einem Schal sowie einer Cap, vor dem Eingang der Volkswagen-Arena

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Gedanken-Gänge XXV – Endlich wieder Weltmeisterschaft oder: Wir dürfen wieder Deutsch sein

Ab dieser Woche ist es wieder so weit. Wir dürfen endlich wieder Gesicht Zeigen, uns zu unserem Land bekennen und einmal (alle zwei bzw. vier Jahre wieder) patriotisch sein, denn die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür!

Immer auf einer graden Jahreszahl, meist zur Sommerzeit, beginnt sie, die Fußball-Welt- oder -Europameisterschaft. Die Narren und Närrinnen sind in diesen ein/zwei Monaten außer Rand und Band und das bloß nur, weil das Runde in das Eckige muss und einer am Ende verlieren wird?

Aber ist es nicht so? Eine Fußball-Meisterschaft, ob nun EM oder WM, gilt für viele als Ausnahmezustand und sorgt auch für selbigem. Wo man sich tagsüber auf der Arbeit, Abends mit Freunden, am Telefon mit alten Klassenkameraden noch „normal“ unterhalten konnte, herrscht während der sechsten Jahreszeit vieler Orts ein Ausnahmezustand, der von Nicht-WM-Fans nur schwer nachzuvollziehen ist. Wie gebannt sitzt man vor den Fernsehschirmen oder der nächstbesten Großleinwand. Wie hypnotisiert verfolgt man das Geschehen der heimischen Mannschaft und wie beim Karneval trifft man sich nach gewonnenem Spiel auf den Straßen, um ausgelassen zu grölen, zu hupen und zu feiern. Daher darf eine Fußball-Weltmeisterschaft den Vergleich mit der vor allem in westlichen Gefilden so gefeierten Karnevalszeit nicht scheuen. Der Bierkonsum steigt, die Stimmung ist ausgelassener denn je und scheinbar vorhandene Probleme im eigenen Land werden, zumindest für einen kurzen Zeitraum, bei Seite geschoben, sind medial oftmals gar nicht mehr präsent. Denn es gibt viel wichtigeres, über das es sich lohnt zu reden, zu debattieren und zu berichten.

Etwas, das mich, von Mal zu Mal, immer mehr anödet. Nicht, weil ich mich nicht für Fußball begeistern kann, sondern eher wegen des zwanghaften Mitverfolgens und Mitfieberns der Spiele der heimischen Mannschaft. Wer sonst nichts mit dieser Ballsportart am Hut hat, avanciert in dieser Zeit zum Fußballprofi und diskutiert, was das Zeug hält, über die verlorenen oder gewonnenen Spiele.

Denn diese Häuchlerei bedeutet auch, sich einmal, für rund vier Wochen, zu seinem Land bekennen zu können, ja sogar – je nach Fußballleistung – auch Stolz zu sein. Wir dürfen wieder Deutsch sein, dürfen Fahnen vors Fenster hängen oder uns bei einem Deutschlandspiel mit ihnen bemalen, ohne Angst haben zu müssen, gleich sofort in die rechte Ecke gestellt zu werden. Ist die WM vorbei, verschwinden Patriotismus und Nationalstolz wieder, die Fahnen werden für mindestens zwei Jahre eingemottet und frühestens zur nächsten Europameisterschaft, spätestens jedoch erst wieder zur WM 2022, aus der Mottenkiste geholt – es lebe die Doppelmoral.

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Als Blinder im HSV-Stadion – ein kleiner Erfahrungsbericht

Sich Blind ins Getummel zu stürzen ist, egal ob auf Weihnachtsmarkt, Kirmes, Konzerten oder ähnlichen Veranstaltungen, manchmal eine wahre Herausforderung. Selbst Sehenden ist das Gewusel und das Gedränge oftmals schon zu viel des Guten.

Besonders mag dies auch für Fußballstadien gelten, denn zichtausende Besucher tummeln sich an einem Spieltag auf den diversen Rängen und Tribünen.

Nichts desto trotz wollte ich wissen, ob ein Stadionbesuch als blinder Besucher (ohne sehende Begleitung) machbar ist: Inwieweit wird einem blinden Gast Seitens des Ordnungs- und Securitypersonals geholfen? Wie hilfsbereit sind andere Fußballfans? Wie gestaltet sich die Anreise zum Stadion? Diesen Fragen sind wir, Björn Peters (selber blind) und ich, am vergangenen Sonntag – beim Spiel HSV gegen Hannover 96 – auf dem Grund gegangen!

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Gedanken-Gänge IV – Die Sechste Jahreszeit: Über den Fußball-Karneval

Alle zwei Jahre wieder … nein, da kommt nicht das Christuskind, auch nicht die medial hochgepushte Grippewelle, ein Lebensmittelskandal oder dergleichen. Alle zwei Jahre wieder, beginnt die sechste Jahreszeit!

Moment, Moment, sechs Jahreszeiten? Frühling, Sommer, Herbst, Winter, Karneval… und dann?

Immer auf einer graden Jahreszahl, meist zur Sommerzeit, beginnt sie, die Fußball-Welt- oder -Europameisterschaft. Die Narren und Närrinnen sind in diesen ein/zwei Monaten außer Rand und Band und das bloß nur, weil das Runde in das Eckige muss und einer am Ende verlieren wird?

Aber ist es nicht so? Eine Fußball-Meisterschaft, ob nun EM oder WM, gilt für viele als Ausnahmezustand und sorgt auch für selbigem. Wo man sich tagsüber auf der Arbeit, Abends mit Freunden, am Telefon mit alten Klassenkameraden noch „normal“ unterhalten konnte, herrscht während der sechsten Jahreszeit vieler Orts ein Ausnahmezustand, der von Nicht-WM-Fans nur schwer nachzuvollziehen ist. Wie gebannt sitzt man vor den Fernsehschirmen oder der nächstbesten Großleinwand. Wie hypnotisiert verfolgt man das Geschehen der heimischen Mannschaft und wie beim Karneval trifft man sich nach gewonnenem Spiel auf den Straßen, um ausgelassen zu grölen, zu hupen und zu feiern. Daher darf eine Fußball-Weltmeisterschaft den Vergleich mit der vor allem in westlichen Gefilden so gefeierten Karnevalszeit nicht scheuen. Der Bierkonsum steigt, die Stimmung ist ausgelassener denn je und scheinbar vorhandene Probleme im eigenen Land werden, zumindest für einen kurzen Zeitraum, bei Seite geschoben, sind medial oftmals gar nicht mehr so präsent. Denn es gibt viel wichtigeres, über das es sich lohnt zu reden, zu debattieren und zu berichten.

Der Fußball-Karneval erhält auch im kommenden Jahr wieder Einzug in unsere Häuser. Viele sind derweil nicht mehr ansprechbar, sie sind wie in Trance und dem Fußball-Wahn verfallen. Werden wir es nächstes Jahr schaffen? oder werden wir es auch dieses mal wieder vergeigen? Eigentlich egal. Das, was am Ende zählt, ist das Gefühl der Zugehörigkeit, das „Wir“-Gefühl, das viele verspüren, auch wenn sie sonst überhaupt keine Fußball-Gucker sind. Erstaunlich, oder? Wie stark doch eine Weltmeisterschaft es schafft, Menschen und ihre Einstellung zum Sport zu (ver)ändern? Oder geht es wirklich nur um das gemeinsame Zelebrieren eines besonderen Ereignisses? Ist unser Leben inzwischen so deprimierend, dass wir zum Feiern uns nur alle zwei Jahre aus dem Kämmerlein trauen, um wieder einmal ausgelassen Party zu machen? Wenn dem so ist, so ist dies kein Zustand, den man begrüßen sollte, sondern eher ein Armutszeugnis.

Verwunderlich ist in diesem Zusammenhang übrigens, dass diese Feierei ausschließlich dem Männerfußball vorenthalten ist. Wenn die Frauen spielen und dann am Ende noch gewinnen, so wird dies mit einem Augenzwinkern scheinbar hingenommen; feiern und auf die Straßen gehen tut deswegen jedoch niemand.

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Es ist vorbei! WM-Resumé eines Nicht-WM-Fans

Es ist vorbei! Leider oder endlich? Die Meinungen zu dieser kleinen, wenn auch für sehr viele Fans und Fanatiker der WM eine nicht unwichtige Frage, gehen entschieden auseinander, genau wie die Gefühle, die mit dem Ausscheiden der National-Elf im Halbfinale verbunden sind.

Nun ist Spanien Weltmeister, die WM 2010 ist (endlich) zu Ende, die Leute sind wieder ansprechbar, man braucht nicht mehr vorsichtig zu sein, wenn man sich kritisch zur WM (auch vor Fans) äußert, es gibt auch wieder andere Themen als nur Fußball. Für viele bedeutet diese Rückkehr aus dem WM-Urlaub, auch wenn er oftmals nur via Fernsehen oder Internet vollzogen wurde, jedoch die Auseinandersetzung mit den während der WM verdrängten und ausgeblendeten Alltagsproblemen und -Sorgen. Fußball-WM ist wie Urlaub und man kann für rund fünf Wochen, zumindest ein kleines bisschen, die Probleme um einem herum vergessen. Fußballweltmeisterschaft. Das bedeutet nicht nur das spielen gegen Mannschaften aus aller Welt, es bedeutet für viele auch Stolz sein zu können auf eben diese Mannschaft, vor allem, wenn sie sich bis ins Halbfinale kickern konnten, was auch von vielen gleichgesetzt wird mit einem Stolz-Empfinden für das eigene Land. Dies wirft bei einem Nicht-WM-Fanatiker und -Fan natürlich die Frage auf, ob, trotz kriselnder Wirtschaft und Unmut in der Politik, es nicht noch andere Dinge am und im eigenen Land gibt, auf die man Stolz sein kann? Braucht es eine Fußball-Weltmeisterschaft, um sich mit seinem Land identifizieren zu können? Wenn ja, warum wird dann nur bei den WM-Spielen der Herren so mitgefiebert und bei Erreichen eines Halbfinales dieser Stolz empfunden?

Es fing alles im Mai beim leicht an Manipulation grenzenden Grandprix-Sieg für Deutschland an. Sätze wie: „Wir haben den Song Contest gewonnen, jetzt müssen wir nur noch die WM gewinnen, dann ist alles gut.“, waren in den Tagen nach dem ESC und auch in den Tagen vor WM-Spielbeginn sehr oft, auch in den Medien, zu hören. Aber was bedeutet „gut“?

Und seien wir mal ehrlich. Niemand hätte vor Beginn der Weltmeisterschaft damit gerechnet, dass die Nationalelf so erfolgreich spielt. Bei ersten Hochrechnungen stand Deutschland schließlich auf Rang 5 der Favouritenliste…

Aber sie haben es wiedererwartend bis ins Halbfinale geschafft. Viele glaubten an ein Wunder… oder an Oktopus Paul, welcher nach der vorletzten Vorhersage bereits Morddrohungen erhielt. Die Logik machte der Euphorie Platz. Dass die Muschelwahl willkührlich ist und rein gar nichts über das wirkliche Spiel aussagt, war unwichtig. Wichtig war, dass die Vorhersage in fast allen Fällen zutraf – tja, Vorhersagen können aber auch negativer Natur sein.

Etwas positives hatte diese WM jedoch auch. Die Wirtschaft wurde angekurbelt, ob nun durch den Verkauf von Fahnen oder Vuvuzelas, jenen südafrikanischen Fußball-Tröten, welche klanglich zwischen einem Wespenschwarm und einem wehklagenden Esel variierten, oder durch den Verkauf von Bier und anderen alkoholischen Getränken. Letztere wären aber auch sowieso verkauft worden, denn es mag sicherlich das ein oder andere Grüppchen gegeben haben, welche sich bei verlorenem Spiel ins Delirium gesoffen haben. Egal, wie auch immer, der Bierlieferant hat so oder so von der WM profitiert. 😉

Ich habe sie eben bereits kurz angesprochen: Vuvuzela. Ein Stück afrikanischer Fußballkultur, welche vor allem in den ersten Spielen bei Fans, Spielern und WM-Kommentatoren für klingelnde Ohren sorgte. Zwar wurden die in Europa verkauften Versionen mit Schalldämpfern versehen, waren mit 103DB jedoch noch immer laut genug.
Kurios war nur, dass sich Fans über 90 Minuten Vuvuzela-Klänge aufregten, bei gewonnenem Spiel jedoch zwei Stunden hupend durch die Straßen zogen und ihrer Freude über das gewonnene Spiel freien Lauf ließen.

Aber was wäre, hätten wir die WM wirklich gewonnen. Hätten wir mit diesem Sieg überhaupt umgehen können?
Diese Frage habe ich mir nach jedem gewonnenem Spiel immer wieder gestellt.Denn mit jedem Sieg wuchs diese Überheblichkeit, für welche ich im Moment keine besseren Worte finde – der ebenfalls Nicht-WM-Fan wird wissen, wovon ich rede. 😉
Was wäre bei einem WM-Sieg – diese Frage bleibt weiterhin offen. Vermutlich hätten sich die Fans und Fanatiker in ihrer Freude bis in unermessliche Höhen gesteigert, um dann am Ende wieder hart auf dem Boden der Tatsachen zu landen – autsch.
Wie gesagt: vielleicht! Denn niemand, noch nicht einmal Paul, kann wissen, was gewesen wäre, wenn …

Oder hätten wir vielleicht wieder Sätze zu hören bekommen, wie schon bei der Fußball-WM 2006: „Wir sind wieder wer!“ Ein Ausspruch, welcher 1954 bereits zu hören war – damals jedoch eher berechtigt als heute. Oder müssen wir immernoch irgendwem etwas beweisen? Wenn ja, dann ausgerechnet mit einem Spiel???

Wir haben es nun wieder einmal nicht geschafft und der ein oder andere mag darüber traurig sein. Doch wie sagten unsere Eltern immer zu uns?: „Es ist doch bloß ein Spiel“! Ein Spiel mit Nebenwirkungen, welche vor allem die (ich glaub es war die) französische Mannschaft nach ihrem Ausscheiden zu spüren bekommen hat. Die Spieler wurden nach ihrer rückkehr von Fans aus Wut über die Niederlage (körperlich) angegriffen. Ein bitterer Nachgeschmack der Weltmeisterschaft.

Was Orakel Paul anbelangt, so bekam auch er ansatzweise die Halbfinalniederlage zu spüren. Morddrohungen wurden gegen ihn ausgesprochen, Kochrezepte wurden ausgetauscht und ein persönlicher Bewacher wurde engagiert . Entweder ist dies nur ein Medienhype oder es gibt da draußen tatsächlich Leute, die sich fest auf sein urteil verlassen hatten.

Die WM ist vorbei und dem Bundescoach soll nun das Bundesverdienstkreuz verliehen werden. Darüber denkt der während der WM neu gewählte Bundespräsident nach. Bedenkt man die enorme Wichtigkeit dieses Spiels, welche von Weltmeisterschaft zu Weltmeisterschaft auch immer zuzunehmen scheint, so erscheint diese Überlegung (vielleicht) als logisch. Alle anderen fragen sich nach dem „Warum“?

Jetzt wird erst einmal wieder Ruhe einkehren… bis zur nächsten Europameisterschaft.
Als Orakel verwenden wir dann ein Euro-Stück: Kopf oder Zahl, die alte Auslos-Methode. Genauso zufällig und willkührlich wie das Urteil von Orakel Paul. Verlieren wir wieder, führen wir die gute alte Deutsche Mark wieder ein. Sollte der nächste EM-Sieger noch nicht den Euro eingeführt haben, kann er ihn dann haben. Na, wer das nicht was? 😉