„Warum willst du nicht sehen können?“

Diese Grundsatzdiskussion führte ich in den vergangenen Jahren mit so vielen Personen. Bei vielen stießen meine Antworten auf die Frage, ob ich denn, wenn es einmal die Möglichkeit gäbe, nicht sehen können wollen würde, und die damit verbundenen Einstellungen, oftmals auf Unverständnis. Im Folgenden seien einmal die Argumente, sowohl von meiner Seite als auch die der Sehenden, grob zusammengefasst. Es ist ein ganz persönlicher Einblick in meine Sichtweisen, was das Thema „Sehen Können“ anbelangt…

SEHEN KÖNNEN? AUF JEDEN FALL!

Die Welt mit ihren bunten Farben, mit ihrer (visuellen) Vielfalt, die daraus resultierenden (visuellen) Eindrücke, Menschen, Tiere, Pflanzen, Gegenstände, die Natur, das Meer, einen Sonnenauf- bzw. -Untergang. Aus der Sicht des sehenden Menschen gibt es viele Dinge, die es Wert wären, auch von einem Blinden gesehen zu werden. Die visuelle Wahrnehmung macht beim Sehenden nicht umsonst zwischen 30 und 70 Prozent der Gesamtwahrnehmung aus (es gibt keine Pauschalaussage, die Zahlen richten sich danach, welchen Standpunkt man vertritt und welche Attribute man zur ‚Wahrnehmung‘ dazuzählt). Der Sehende orientiert sich zum Großteil über seinen Sehsinn und oftmals ist der erste Eindruck, den er von etwas bekommt, ein visueller, bevor die anderen Sinne überhaupt den Gegenstand o. Ä. wahrnehmen. Das, was ein Sehender als ’schön‘ empfindet und auch viele Dinge, die er mit ‚Schönheit‘ verbindet, scheint er, so stellte ich in der Vergangenheit sehr häufig fest, zunächst mit visuellen Attributen zu beschreiben. Sie scheinen, so mein Eindruck, sogar einen Großteil seiner Bewertung auszumachen. So bringen sehr viele mit Frühling zunächst die Farbe Grün in Verbindung, gefolgt von der Tatsache, das die Pflanzen anfangen zu blühen (auch etwas, das sich scheinbar nur mit dem Auge erkennen lässt). Wirft man dem Sehenden weitere Gegenstände oder Areale (Wald, Strand etc.) hin, so sind die ersten Eigenschaften, die er benennt, oftmals visuell orientiert. Da stellt sich mir die Frage, ob Dinge wie Gerüche und Geräusche überhaupt eine so große Rolle spielen? Aus meiner Erfahrung lässt sich diese Frage teils wirklich mit ’nein‘ beantworten. Führe ich Besucher durch die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ und frage sie am Ende nach ihren Eindrücken, so ist ein Großteil von ihnen überwältigt von den Sinneseindrücken, die sie, ohne etwas zu sehen, wahrnehmen konnten; einige von ihnen fühlen sich sogar überfordert. Sie achteten beispielsweise verstärkt auf Gerüche, auf die Beschaffenheit des Bodens und auf viele andere Dinge. Natürlich hatten viele sofort ein Bild von dem, was sie soeben ertastet haben, vor Augen. Da wir jedoch alles in totaler Dunkelheit belassen, sind sie dazu aufgefordert, sich auf diese Eindrücke einzulassen, ohne einmal die Bestätigung durch ihr Auge zu erhalten. Welche Farbe Gegenstand X hat, konnten sie nur erahnen. Es spielt jedoch faktisch überhaupt keine Rolle.

Aber sehen wir mal von der Wahrnehmung der Welt ab, so gibt es, wieder aus der Sicht des Sehenden, doch viele Dinge im Alltag, deren Bewältigung sehend zunächst als einfacher erscheinen. Viele führen Dinge wie Mobilität (Autofahren), Alltagstätigkeiten (Einkaufen, Kochen, Wäsche waschen, Post bearbeiten, Hobbys nachgehen, Reisen, Menschen kennenlernen etc.) und viele weitere Aktivitäten an, deren blinde Durchführung doch mit gewissen Hindernissen gekoppelt ist.

Man darf bei all den Diskussionen jedoch nicht außer Acht lassen, dass sich Sehende nur schwer in die Situation eines Blinden hineinversetzen können. Zwar vermitteln Ausstellungsbetriebe und Dunkelrestaurants einen, wenn auch zunächst nur kleinen, Eindruck über die Möglichkeiten, die man auch als blinder Mensch hat, um seinen Alltag zu meistern, jedoch ist es für viele Sehende schlichtweg unvorstellbar. Sie denken meist daran, wie es wohl sein würde, wenn sie auf einmal selber nichts mehr sehen könnten. Sie würden sich, so die Aussage der meisten, mit denen ich bislang über dieses Thema sprach, hilflos fühlen. Fast alle von ihnen müssten auf Dinge verzichten, die sie jetzt wahrnehmen und zu schätzen gelernt haben, teilweise auch auf Hobbys und Berufe, die ihnen Spaß bereiten. Hilflosigkeit, Überforderung und der Verzicht auf Dinge sind am meisten herauszuhören. Fragt man Sehende, ob sie auf ihr Augenlicht oder ihr Gehör verzichten würden, hätten sie die Wahl, so ist die spontane Antwort bei der Hälfte der Befragten meist, dass sie lieber nichts hören können würden. Ich hake meist nach: Ob es ihnen wirklich lieber wäre, den Bezug zu den Menschen zu verlieren, sich nur noch via Lippenlesen und Zeichensprache zu verständigen, anstatt ’nur‘ den (visuellen) Bezug zu den Dingen zu verlieren? Dies bringt die meisten ins Grübeln.

SEHEN KÖNNEN? NEIN DANKE, ES FEHLT MIR DOCH NICHTS!

Warum ich denn die Welt nicht mit meinen Augen sehen können will?… fragte man mich in der Vergangenheit sehr sehr häufig. Und meine Antwort fiel bei allen Fragenden gleich aus: Es fehlt mir nichts, ich vermisse nichts!

Der Sehende hat eine Vorstellung davon, wie es ist, etwas mit dem Auge wahrzunehmen. Frage ich ihn, ob er dies beschreiben kann, so gerät er ins Schwanken. Sehen ist unbeschreibbar, sowie ich auch Schwierigkeiten hätte, Hören zu beschreiben. Wer noch nie etwas gesehen hat und, wie ich, noch nicht einmal den Unterschied zwischen Hell und Dunkel wahrnehmen kann, für den ist die Vorstellung, etwas mit dem Auge wahrzunehmen, ungreifbar. Das einzige, das ich über das Auge spüre, ist die Sonne, wenn sie direkt in mein Auge strahlt. Aber das ist die Wärme der Sonnenstrahlen. Oder soll sich so wirklich ‚Sehen‘ anfühlen?

Viele Dinge, die ich noch nie gesehen habe und vermutlich auch nie sehen werde, kann man in Worte oder anhand von Modelle versuchen zu beschreiben – oft bleibt es auch nur bei einem Versuch, weil entweder das zu Beschreibende zu abstrakt oder die Modelle zu schlecht sind (Plüschelefanten tragen zum Beispiel oft ihre Rüssel aufgerichtet, obwohl dies nicht der Realität entspricht). Viele Dinge lassen sich nun einmal nicht anfassen.

Nun könnte ich allein aufgrund dieser Tatsache anfangen es zu bedauern, dass ich das alles nicht visuell wahrnehmen kann und noch weit darüber hinaus. Ich könnte mir auch einreden, dass es viele Dinge gibt, die man (scheinbar) als Blinder nicht bewerkstelligen kann, ohne es vielleicht einmal ausprobiert zu haben. Gemeint ist hier nicht das oft genannte Beispiel des Autofahrens, sondern eher Aktivitäten wie Studium, Reisen, bestimmte Hobbys und dergleichen. Viele Dinge eben, bei denen viele Sehende sehr oft denken, dass sie blind nicht zu bewerkstelligen seien, bei denen sogar viele Blinde sich dieser Ansicht anschließen. Ich beobachtete sehr oft, dass solch eine Negativeinstellung zu einer Art Selbstmitleid führen kann und sich viele Blinde, leider, als dem Sehenden unterlegen betrachten. Man kann diesen Menschen keinen Vorwurf daraus machen, denn häufig haben sie durch ihr Umfeld diese Einstellung übermittelt bekommen und sie für sich selbst als Wahrheit anerkannt.

Ich vertrete diese Negativeinstellung jedoch nicht. Ich probiere aus und erst, wenn ich gescheitert bin, erkläre ich etwas vielleicht als ’nicht machbar‘.

Zurück jedoch zur Ausgangsfrage, warum ich für mich entschieden habe, nicht sehen können zu wollen.

Ich habe jetzt 26 Jahre lang die Welt so kennengelernt, wie ich sie tagtäglich erlebe, ganz ohne das Visuelle. Wie ich weiter oben schrieb, habe ich auch keinerlei Vorstellung davon, wie es sich anfühlen könnte, etwas sehen zu können, das heißt ich müsste, gäbe es die Möglichkeit für mich, etwas zu sehen, zunächst das Sehen erlernen. Nur ist dies, so meine Vorstellung, nicht so einfach getan, wie als wenn ich eine Tätigkeit neu erlernen würde. Sehen zu können würde bedeuten, dass es mein komplettes Leben beeinträchtigt, dass sich mein Leben möglicherweise verändert. Dinge, die ich jetzt als schön empfinde, würde ich ganz anders wahrnehmen und wer garantiert mir, dass ich sie dann überhaupt noch als ’schön‘ erachten würde? Richtig: niemand! Es wäre eine psychische Belastung, sowie es das für einen Sehenden wäre, der sein Augenlicht verliert.

„Aber willst du denn nicht wissen, wie jemand oder etwas aussieht?“

Viele Dinge kann ich mir nicht so vorstellen, wie sie der Sehende im Kopf hat. Abstrakte, farbige Bilder, ja alleine schon Farben, bleiben mir verborgen. Ich weiß zwar von Eltern, Freunden und Bekannten, welche Farben ich bei Kleidungsstücken kombinieren kann, was mir steht oder was vielleicht auch nicht. Dies weiß ich jedoch nur aus Erzählungen und Kommentaren, habe es auswendig lernen müssen, wie eine Vokabel. Aber trotz alledem verspüre ich nicht das Bedürfnis, es auch selber sehen zu wollen.

Wie oben bereits angedeutet, beschreibt der Sehende vieles zunächst anhand von Farben und Formen. Wenn er eine Stadt besichtigt, könnte er von den grünen Parkanlagen, einem aufwendig gestalteten Springbrunnen, einer Bildergallerie , den süßen Häuschen mit ihren Spitzdächern, dem Blick auf’s Wasser oder dergleichen schwärmen. Dass eine Stadt aber weitaus mehr zu bieten hat, als diese visuellen Gegebenheiten, gerät oft in Vergessenheit, wenn es in dieser Form überhaupt bewusst wahrgenommen wird: In einer Altstadt findet sich beispielsweise sehr oft Kopfsteinpflaster, es gibt enge Gässchen, die man auch ohne zu sehen wahrnehmen kann, die Außenfassade eines Hauses lässt sich ertasten, man hört die Sprache der Bewohner (sofern man eine ausländische Stadt besichtigt, ansonsten wäre es der Dialekt), man nimmt Gerüche und Geräusche wahr. Wenn eine Stadtführung gut gemacht ist, bekommt man auch so vieles über die Erzählungen vermittelt. Ist man am Meer, so spürt man den Sand unter den Füßen, hört das Meer rauschen und riecht die für Meer typische Luft. Da ich ein Freund von Städtereisen bin, gehört für mich aber einfach auch der Trubel dazu, das „bunte Treiben“ der Stadt, ihre Facetten, ihre Atmosphäre. Jeder Ort hat seine eigene Atmosphäre und das ist etwas, das ich nicht immer eindeutig in Worte fassen kann. Es können Geräusche sein, die Menschen, örtliche Gegebenheiten, aber auch das Drängeln in der Bahn während der Rush Hour.

Und noch zwei weitere Beispiele. Der Frühling ist zwar grün, die Pflanzen blühen, sie riechen jedoch auch, mehr noch, als im Herbst oder Winter. Die Vögel kehren zurück und, wenn die Sonne aufgeht, beginnen sie ihr Konzert. Geht die Sonne unter, verstummen sie langsam, es wird kühler. Haben wir eine sternklare Nacht, so ist die Luft auch ganz anders, als wenn Wolken am Himmel wären und ein Gewitter aufzieht. Viele der Dinge haben auch etwas mit ‚Atmosphäre‘ zu tun, die man, vielleicht nicht im vollsten Umfang wie ein Sehender, aber dennoch durchaus für sich wahrnehmen kann.

Ich habe gelernt, mein Leben zu leben. Ich habe gelernt, meine Blindheit zu akzeptieren und sie nicht als „Behinderung“ oder „Beeinträchtigung“ zu sehen. Ich habe die Welt da draußen so kennen, schätzen und lieben gelernt. Warum soll ich das alles aufgeben? Ich habe für mich Vorstellungen entwickelt, was Schönheit ist, was ich als ’schön‘ oder ‚angenehm‘ empfinde.

Und wenn ich diese Argumente aufzähle, wenn ich versuche, dem Sehenden meinen Standpunkt klar- und deutlichzumachen, so liegt ihm oftmals das „Aber“ und ein „Warum“ bereits auf den Lippen. Aber all diejenigen Leser, denen es jetzt genauso ergeht, kann ich in gewisser Hinsicht beruhigen: Es hat ein einziges mal in 25 Jahren eine Situation gegeben, in der ich gern gesehen hätte, spezieller noch, in der ich mir gerne, wenn ich das Bedürfnis verspürte, ein Foto angeschaut hätte: Es betrifft einen ganz speziellen Menschen, den ich vor anderthalb Jahren verlor, von dem ich bis vor einem Jahr, als ich mehr durch Zufall eine Tonaufzeichnung fand, nichts außer die Erinnerung aus 25 Jahren hatte. Man versuchte mich damals mit den Worten zu beruhigen, dass ich doch schließlich diese Erinnerungen hätte. Doch Erinnerungen verblassen, wenn man sie nicht auffrischt. Doch jetzt, wo ich diese Erinnerungen mit einer Stimme auffrischen und unterstreichen kann, ist der Wunsch, in einer ganz besonderen Situation sehen zu können, wieder verschwunden. Und ich lebe mein Leben so, wie in all den Jahren zuvor, ohne irgendeinen Verlust für mich zu verspüren.

Und das ist auch das, was ich meinen Mitmenschen, meinen Freunden und Bekannten immer wieder versuche zu verdeutlichen und zu zeigen.


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