„Wer hören will, muss suchen“: Warum es kaum Musikvielfalt im kommerziellen Rundfunk gibt

Der folgende Beitrag entstand 2007 im Rahmen eines Seminars („Einführung in die Meidne: Radio“) an der Universität Hamburg. Es handelt sich hierbei um eine Hausarbeit, für dessen Veröffentlichtung in diesem Blog der Text nochmals um einige Zitate und Quellen erweitert wurde.

Einleitung

Schaltet man das Radio ein, so hört man sie schon rufen, die Marktschreier des privaten und des öffentlich rechtlichen Rundfunks. Sie alle prophezeihen dem Hörer die „meiste Abwechslung“, die „beste Mischung“ und dergleichen.Und es scheint dabei (teilweise) egal zu sein, welchen der Unterhaltungs- und Servicekanäle man auswählt. Denn jeder ist darauf bedacht, so viele Kunden (Hörer) wie nur möglich an sich zu binden, um sich so die position am Markt und somit die weitere Existenz zu sichern. Das, was dem Hörer mit aufgesetzt guter Laune gepredigt wird, ist bei genauerer Betrachtung Lug und Trug.

Vielfalt, insbesondere Musikvielfalt, scheint heutzutage so gut wie nicht mehr existent zu sein. Die einfältige Vielfalt besteht heute nur noch aus massenkonformen Produkten, die durch die Musikindustrie auf den Markt geworfen werden. Radio, insbesondere die formatierten Musik- und Unterhaltungskanäle scheinen schon seit mehr als einem Jahrzehnt nur noch darauf ausgelegt zu sein, den Hörer bei dem was er alltäglich tut zu berieseln. Begriffe wie „Begleitmedium“ oder „Dudelfunk“ tauchen immer wieder in wissenschaftlicher Literatur auf und werden kontrovers diskutiert. Es hat den Anschein, als wäre Musik, vor allem im Radio, heutzutage unwichtig geworden. Viele von uns lauschen ihr nebenbei, setzen sich aber eher selten genauer mit ihr auseinander. Dies spiegelt sich natürlich auch im Rundfunk, besonders in privaten Radiostationen, wieder. Wer spielt heute noch unbekannte Künstler in seiner Sendung? Es sei denn, dieser Künstler macht populäre Musik, ohne Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen könnte. Aber Moment. Wer macht überhaupt noch seine eigene Sendung? Die Antwort lautet: Fast niemand mehr, außer auf den Kulturkanälen (wie Deutschlandfunk oder NDR Info), aber diese bilden in der Radiolandschaft zusammen mit den nicht kommerziellen Bürgerradios eine Ausnahme, denn sie sprechen zu den „Bekehrten“. (Stieg 2007) Der Rest wird durch die Musikredaktion, die Plattenfirmen und die Marketing- und Beraterfirmen koordiniert und gestaltet. Dies gilt vor allem für die zahlreichen Radiostationen, die ein stringentes, stromlinienförmiges Sendeformat einhalten (müssen), welches dem Hörer zu jeder Tages- und Nachtzeit musikalische Verlässlichkeit garantieren soll.

Aber was ist überhaupt ein Formatradio? Was ist ein Sendeformat? Und welche Faktoren machen diese Art von Rundfunk für den Hörer so attraktiv? Warum scheint es denn keine wirkliche Musikvielfalt mehr im Rundfunk zu geben? Oder existiert sie vielleicht doch noch, nur nimmt sie kein Hörer wirklich wahr?

Mit dieser Arbeit möchte ich versuchen, ansatzweise eine Antwort auf all diese Fragen zu finden. In einem ersten Schritt werden die Begriffe Format und Formatradio definiert. Es werden die Vorgehensweisen bei der Musikauswahl erläutert, hieraus folgt die Auseinandersetzung mit der Frage, ob die Palette an im Radio gespielter Musik ausreicht, um eine musikalische Vielfalt zu gewährleisten (Stichwort „Musikquoten“).

Doch Radiomusik war nicht immer so einfältig gewesen, wie die Geschichte eines Niedersächsischen Radiosenders beweist. Am Beispiel von Radio FFN soll aufgezeigt werden, wie sich Veränderungen in der Radiolandschaft niederschlagen können. Dies soll insbesondere an einer konkreten Autorensendung, den FFN GRENZWELLEN, verdeutlicht werden. Die Grenzwellen stellten vor mehr als zehn Jahren ein Phänomen in der fast durchformatierten Radiolandschaft dar und feiern im Jahr 2007 ihr 20jähriges Jubiläum. Als Grundlage für diesen und weitere Teile der Arbeit dient ein mündliches Interview mit GRENZWELLEN-Autor und Redakteur Ecki Stieg, welcher sich im Gespräch ausführlich zu den Komplexen Formatradio, privater Radio-Journalismus und Musikvielfalt im Radio geäußert hat, wofür ich ihm an dieser Stelle noch einmal herzlich danken möchte!

Abschließend soll anhand von ausgewählten Beispielen aus dem Programm privater und öffentlich rechtlicher Radioanbieter gezeigt werden, dass sich im heutigen Formatradio durchaus noch Sendungen zu spezielleren Musikthemen finden lassen.

Bei meinen Ausführungen geht es zunächst immer um die Radiostationen des privatkommerziellen Rundfunks und die Unterhaltungskanäle der öffentlich rechtlichen Sendeanstalten, da diese wirklich ein strenges Sendekonzept verfolgen. Programme wie Deutschlandfunk oder NDR Info werden, obwohl sie inzwischen eine Vorreiterstellung in der Radiolandschaft darstellen und auf Grund dieser Stellung dem Zu-Hörer ein nicht massenkonformes Programm liefern können, nur am Rande dieser Arbeit behandelt.

Begriffsdefinitionen

Formatradio

In der Wissenschaft gibt es unterschiedliche Ansätze für eine Definition des Formatradio-Begriffs. In den folgenden Abschnitten dieser Arbeit beziehe ich mich auf die Definition, die Klaus Goldhammer 1995 in seinem Buch „Formatradio in Deutschland“ vorgeschlagen hat, die ich noch weiter ergänzen werde:

„Ein Formatradioprogramm verfolgt das Ziel, im Hörfunkmarkt auf der Grundlage von Marktforschungsinformationen und einer daraus entwickelten Marketingstrategie ein unverwechselbares Radioprogramm als Markenprodukt zu etablieren, das genau auf die Bedürfnisse einer klar definierten Zielgruppe abgestimmt wird. Dies geschieht, in dem alle Programmelemente sowie alle übrigen Aktivitäten eines Senders konsequent auf die strategischen Marketingvorgaben ausgerichtet und konstant empirisch auf ihre Hörerakzeptanz überprüft werden. Es dient dazu, die Hörbedürfnisse der Zielgruppe möglichst optimal zu befriedigen, um so möglichst viele Hörer an das Programm zu binden und im Falle einer Werbefinanzierung des Senders diese Einschaltquoten gewinnbringend an Werbekunden zu verkaufen“. (Goldhammer 1995: 142)

Von diesem Ansatz ausgehend, ist der Hörer also nicht nur als solcher, sondern auch als Kunde zu betrachten. Radio ist somit nicht mehr nur Kulturgut, sondern wird zu einer Ware, zu einem Markenprodukt. Und genau wie bei jedem Produkt, welches auf dem Markt frei erhältlich ist, versucht auch das Produkt Radio durch Werbestrategien (On Air und Off Air Promotion) den Kunden Hörer an sich zu binden. (Vgl. Goldhammer 1995: 234) Laut Schätzlein ist der Markt das „Steuerungsmedium“, wenn es um die Weiterentwicklung einer Rundfunkstation geht (Schätzlein 2001). Das „Formatradio-Prinzip ist“ – so Frank Schätzlein weiter – „kein Programmkonzept, sondern eine Marketingstrategie“. (Schätzlein 2001)

Sendungsformate: AC und CHR

Die formatierte Radiolandschaft orientiert sich seit Einführung des dualen Rundfunksystems Mitte der 80er Jahre verstärkt an US-amerikanischen Vorbildern, was die Ausgestaltung ihrer Programme anbelangt. Ursache hierfür sind auch die Beauftragung amerikanischer Beraterfirmen, die ihre heimischen Radio- und Programmgrundsätze nach und nach auch in Deutschland umgesetzt haben. Es gibt eine Reihe an Sendeformaten, wichtig für diese Arbeit sind aber nur die zwei Hauptgruppen, nämlich Adult Contemporary (AC) und Contemporary Hit Radio (CHR).

Adult Contemporary (AC)
AC ist wohl das am weitesten verbreitete Sendungsformat. Es richtet sich mit seiner Musikfarbe, einer Mischung aus den Genres Mainstream- und Pop-Musik, die möglichst dem aktuellen Geschmack entsprechen soll, an Hörer zwischen 25 und 50 Jahren. Es werden Hits der letzten zwanzig Jahre gespielt, die allesamt sehr melodiös sind und somit ein Faktor für die Durchhörbarkeit des Programms darstellen. Die Moderation ist freundlich und sehr service-orientiert. Generell lässt sich sagen, dass Moderationsbeiträge im Formatradio nicht länger als 1,33 Minuten sein dürfen. Unterkategorien von AC sind die Formate Hot AC, Soft AC oder Oldie Based AC.

Contemporary Hit Radio (CHR)
CHR (oder teilweise auch Top Fourty Radio) richtet sich an Hörer der jungen Generation, an Jugendliche bis 24 Jahren. Gespielt wird aktuelle Musik und das Musikprogramm ist geprägt durch Einflüsse aus den Genres Pop, Rock, Mainstream, HipHop und teilweise Independent, durch lockere und gut gelaunte Moderatoren, die im Stil der US-amerikanischen Jugendradios moderieren. Die Moderation klingt oftmals aufgesetzt freundlich und überheblich. Zudem weisen Sender mit einer AC- und vor allem einer CHR-Formatierung den Nachteil auf, dass durch die enge Rotation der Eindruck entstehen könnte, der Sender würde immer das gleiche spielen. Auf einer CHR-Station befinden sich selten mehr als 120 Songs in der Rotation; bei AC-Stationen sind es zwischen 250 und 300. (vgl. Raff 2007: 31) Unterkategorien des CHR-Formats sind z. B. CHR Dance (Sunshine Live) oder CHR Urban.

Generell gilt bei der Formatausgestaltung die Devise: „Je jünger die Zielgruppe, desto schneller das Sendetempo.“ (Lange 2005a: 221)

Typisches Merkmal eines Formatradiosenders sind auch die diversen Verpackungselemente, die mit in das laufende Programm einfließen. Durch Jingle-Pakete, „jedes modische Kennungsgerassel, das im Hörfunk ungefähr so störend wirkt wie Werbung im TV-Spielfilm“ (Lundt 1998: 74) und der Nennung des Sendernamens in jeder Moderation soll der Hörer an das Programm gebunden werden. Er soll sich durch die Verwendung von Slogans an den Sendernamen erinnern. Jedes Sendungsformat zielt inzwischen darauf ab, dem Sender einen Wiedererkennungswert zu verschaffen (siehe auch Stümpert 2005: 60).

Fast jeder kommerziell orientierte Radiosender in Deutschland unterliegt einem Format, meist ist es AC. Dies gilt zudem auch für die Unterhaltungskanäle öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten. Doch innerhalb dieser Formate gibt es kaum Abweichungen, was die inhaltliche Ausgestaltung anbelangt. So bemerkt Herman Stümpert: „Die absolute Marktdominanz der großen AC-Stationen lässt unseren Radiomarkt eintönig und langweilig erscheinen. Alle Sender scheinen gleich zu klingen. Wer von Taste zu Taste wechselt oder von Region zu Region fährt, trifft immer auf die gleiche Musik, dieselben Sprüche, die bekannten Gewinnspiele. Nichts im Radio scheint spannend, aufregend oder von allgemeiner Relevanz: Die Großen gehen Experimenten aus dem Weg, die Kleinen haben kein Geld. Radio in Deutschland ist für viele Beobachter einfach öde“. (Stümpert 2005: 65) Für viele Beobachter ist es zwar öde, dennoch wird Radio konsumiert. Nur, dass es meist nebenher läuft, während wir unseren Tagesgeschäften nachgehen.

Musikvielfalt

Für jeden von uns mag der Vielfalts-Begriff ein anderer sein, jeder wird unter Musikvielfalt vielleicht unterschiedliches verstehen. Da es im weiteren Verlauf dieser Arbeit um Musikvielfalt im Radio gehen soll, ist eine begriffliche Klärung notwendig:

Auch wenn für viele Radiohörer das Musikprogramm als vielfältig erscheint, so kann man doch zwischen zwei Strömungen unterscheiden. Im Radio ist immer von „echter Abwechslung“ oder „mehr Vielfalt“ die Rede. Gemeint ist hier lediglich, dass die gespielten Songs keiner engen Rotation unterliegen, sie werden nur einmal pro Tag, maximal aber dreimal am Tag gespielt. „Da aber jeder Titel im Programm ein Titel ist, der ihm [dem Hörer; Anm. d. Autor] sehr wahrscheinlich gefällt (Marktforschung), wird er den Eindruck haben, dass sein Sender überwiegend seine persönlichen Lieblingstitel spielt, und wird dem Programm auch weiterhin enorme Vielfalt in der Musikauswahl unterstellen.“ (Raff 2007: 32) Die Spannbreite der Musik reicht zwar vom Kulthit der 80er bis hin zur Nummer 1 aus den aktuellen deutschen Charts, bewegt sich musikalisch aber meist im Mainstream-Bereich, d. h. am sog. „Massengeschmack“. „Der Massengeschmack wird indirekt erschlossen. Einschaltquoten signalisieren Zustimmung zu oder Ablehnung von Sendungen – sie sind ein grobes Richtmaß und an der Verfeinerung ihrer Einstellung wird gearbeitet, aber sie funktionieren leidlich.“ (Sichtermann 1994: 29) Was Barbara Sichtermann für das Fernsehen formulierte, trifft im übertragenen Sinn auch auf das Radioprogramm zu: Die Musikauswahl wird so lange verfeinert (und verallgemeinert), bis sich mit ihr möglichst flächendeckend und altersgruppenübergreifend ein möglichst großes Zielpublikum ansprechen (und befriedigen) lässt. (vgl. hierzu auch Stock 2005 oder Hügel 2007)

Diese Verallgemeinerung der Radiomusik birgt jedoch auch einige Probleme in sich: Denn Newcomer oder Künstler aus Independent-Genres finden nur dann den Weg ins Radioprogramm, wenn sie a) einen Chartplatz erzielen können, b) radiotauglich sind (klangliche Orientierung an der Populärmusik) oder c) sofern noch vorhanden, in einer Spartensendung gespielt werden, die sich speziell einem Musikgenre widmet. Selbst wenn es ein Independent-Künstler in die Charts schafft, ist noch lange kein Radioplay garantiert, denn hierzu muss er im Regelfall zunächst den Music Research überleben (siehe Kap.3). Diese Art der Musikvielfalt bezeichne ich als ‚formatierte Vielfalt’.

Unter Musikvielfalt im Radio verstehe ich den Einsatz von Titeln aus diversen Genres. Hierzu zählen nicht nur Genres der Populärmusik, sondern auch das Spielen von bei der Masse eher unbekannteren Bands und Titeln. Dies könnte beispielsweise dazu führen, dass man – wie in den Anfangszeiten von Radio FFN – tagsüber eine eher neutrale Musikmischung spielen könnte, um dann abends auf speziellere Musikrichtungen einzugehen. Es finden sich im heutigen Radioprogramm keine Spartensendungen mehr für Independent-Musik mit all ihren Facetten. Hierzu zählen auch sämtliche Stilrichtungen wie EBM, Synthie Pop, Darkwave etc., welche heute nur noch Zugang in die Programme nicht kommerzieller Studentenradios und offenen Kanäle finden und einem kleinen Szenepublikum zu Teil werden. Aber auch lokale Bands finden kaum noch den Weg in die Radiostationen. Musikvielfalt wäre gewährleistet, wenn die Stationen, anstatt den üblichen Einheitsbrei zu spielen, die eben angesprochenen Punkte berücksichtigen würden. Was der Durchführung dieser Punkte im Wege steht, wird im nun folgenden Kapitel erläutert.

Vielfalt und Format. Ein Widerspruch?

Will man die Komplexe Radio, Formate und Musikeinsatz und –Auswahl im Formatradio betrachten, so gilt es dabei verschiedene Faktoren bei der Untersuchung und Darstellung zu berücksichtigen. In diesem Kapitel sollen der Sinn und Zweck des „Dudelfunks“, falls es ihn überhaupt so gibt, hinterfragt, der Ablauf der Musikauswahl erläutert und Ansätze einer Garantie für Musikvielfalt (durch geregelte Musikquoten bei deutschsprachigen Titeln) vorgestellt werden.

„Bleiben Sie dran!“ Oder: Von der Selbstverständlichkeit der Berieselung

„Wir brauchen es. Wir nutzen es. Wir verschwänden keinen Gedanken daran. Es ist wohl wie mit dem Trinkwasser aus dem Wasserhahn. Denselben dreht wohl auch jeder von uns mehrmals am Tage in der selbstverständlichen Erwartung auf, dass Wasser immer fließt. […]Vor allem dass Radio angenehme Musik von sich gibt, wann immer wir die Taste drücken, nehmen wir so wenig als Leistung in Kenntnis wie das fließende Wasser“. (Stümpert 2005: 12, vgl. auch Wolf 1998) An dieser Aussage ist weitaus mehr dran, als man sich anfangs vielleicht im Klaren ist. Und genau darin liegt wohl auch eines der Geheimnisse des Radios begründet, nämlich dass der Hörer nichts hinterfragt. Die musikalische Berieselung im Radio muss so zuverlässig sein, wie die Berieselung unter der Dusche und da Radio oftmals nebenbei rezipiert wird, wird der Anspruch des einzelnen an das Medium Radio und der des Radios an seine Rezipienten noch weiter runtergeschraubt. Man soll gar nicht zuhören! Das ist das Prinzip. Aber wenn man zuhört, sollen altbekannte Melodien erklingen. Es ist wie mit einer alten Jukebox: Es gibt zwar eine Reihe von Songs, die abgerufen werden können, dennoch werden nach Münzeinwurf immer dieselben Tasten gedrückt und dieselben Songs ausgewählt. Als man dieses Prinzip Ende der 50er Jahre in den USA erkannte, war das Formatradio quasi geboren (siehe auch Goldhammer 1995 oder Raff 2007). Der Hörer soll einschalten und nicht wieder abschalten. „Radio soll wirklich nur nebenbei laufen – und das ist auch genau so geplant. Es soll affirmativ konsumiert werden, d.h., die Leute sollen gar nicht genau hinhören, die sollen alles mit halbem Ohr wahrnehmen und nebenbei kochen, Kinder verprügeln, Auto fahren oder was weiß ich auch immer […] und man soll so oft wie möglich diese blöden Jingles, Station-IDs und irgendwelche hirnerweichenden Sprüche wahrnehmen, um dann am Ende, wenn die nächste Mediaanalyse läuft, die richtige Antwort zu geben“. (Stieg 2007) Das ist die traurige Wahrheit, aber viele hören trotzdem immer wieder rein. Aber “Befragen wir uns selbst, so stellen wir fest: Wir erwarten beim Hören gar keine wirklich interessante Neuigkeiten mehr. Warum also genau hinhören?“ (Stümpert 2005: 119) Viele hören dennoch weiter Radio, um gute Laune zu bekommen, sich abzulenken oder einfach nur als Begleitung. (vgl. Goldhammer 1995: 38, 40) Ein gezieltes Radio-Hören findet nur noch sehr selten statt. Stieg sagt, dass dies allein schon mit dem Überschuss an anderen Zerstreuungsmöglichkeiten (DVD, Playstation etc.) zu tun hat. Obwohl das Ohr aus seiner Sicht das für uns wichtigste Organ darstellt, ist das Zuhören oder das gezielte und längere Hören einer Sendung im Radio (ohne Nebenbeibeschäftigung) etwas, was heute nicht mehr stattfindet (Stieg 2007). Da von den heutigen Jugendlichen fast niemand mehr Autorensendungen hört, ja selbst wohl mit diesem Begriff auch nichts direkt anfangen kann, ist man mit dem zufrieden, was durch den Äther schwirrt, egal wie unzufriedenstellend es für Kritiker sein mag. Radio hat seinen kulturellen und informatorischen Anspruch aufgegeben und dient heute als Berieselungsprodukt, so wie es die Hörerinnen und Hörer von ihm erwarten“. (Goldhammer 1995: 54)

„Mehr Musik“… Und trotzdem keine Abwechslung. Nur Warum?

Die in der Überschrift dieses Abschnitts gestellte Frage lässt sich schnell beantworten: Musik gelangt nach bestimmten Kriterien in das Tagesprogramm eines kommerziellen Senders. „Music Research“ ist hier die Lösung. Per Telefon werden ausgewählte Hörer aus einem Hörerpool interviewt. Ihnen werden Songausschnitte, sog. ‚Hooks’, vorgespielt, welche mind. 7, max. 20 Sekunden lang sind. Auf der Basis qualitativer Fragen werden diese Hooks von den Hörern bewertet. Damit ein neuer Charteinsteiger beispielsweise überhaupt die Chance hat, gut getestet zu werden, muss er zunächst vier Wochen lang, mit maximal 200 Einsätzen, warmgespielt werden, denn Bekanntes testet besser als Neues und Bekanntheit beruht auf Akzeptanz. Der Einsatz erfolgt natürlich computergesteuert. Durch dieses Verfahren klingen viele kommerzielle Rundfunkanbieter – ob nun privat oder öffentlich rechtlich – in ihrer Musikfarbe gleich. Fast alle spielen eine Unterkategorie von Adult Contemporary oder Contemporary Hit Radio, daher ist die Spannweite der Musikauswahl doch sehr gering. (vgl. Goldhammer 2005: 187f und Stümpert 2005: 98) Das heißt, es gibt kein „genialisches Auffinden verschütteter Schätze oder bemerkenswerter Stücke unbekannter Künstler“ (Stümpert 2005: 96) mehr; es gilt nur noch, was die Hörer wollen. Die Songs, die getestet werden, werden von speziellen „Abhörkommissionen“ (Münch 1998) unter Berücksichtigung der Zielgruppe ausgewählt und ins laufende Programm eingeschleust.

Und noch ein anderes Problem lässt sich hier andeutungsweise erkennen. Obwohl seitens der Rundfunkanbieter die Möglichkeit bestünde, auch nicht populäre Musik zu testen, wird doch immer wieder auf altbewährtes zurückgegriffen, ohne vielleicht überhaupt zu wissen, ob sich das Neue und Unbekannte nicht auch rentieren würde. Alle Sender „spielen alle nur ihre, für das jeweilige Format determinierten Hits. Musikalische Randstile, Neues oder gar Abwegiges findet kaum einen Platz“. (Goldhammer 1995: 242) Pop und Rock regiert den Mainstream, die Charts und das Radio. Diktiert von der Musikindustrie, den Marketing-Agenturen und nicht zuletzt durch die einzelnen Radiostationen selbst.

Musikquote im deutschen Rundfunk

Seit einigen Jahren wird auf Bundesebene eine Einführung einer Musikquote stark diskutiert. Aus der Sicht einzelner Künstler und Unternehmen aus der Musikwirtschaft hat Radio nicht nur einen unterhaltenden Charakter, sondern hat zugleich die Aufgabe, neue Titel und Künstler zu promoten. Doch schon seit zehn Jahren ist für die Musikindustrie das Radio kein guter Werbepartner mehr. Bis zum Jahr 1999 pflegten Musikindustrie und Musikredaktionen der Rundfunkanstalten noch enge Kontakte miteinander, um so einen regen Austausch von Neuheiten und die Promotion der Künstler zu gewährleisten. Doch seitdem Songs nur noch via Hörertests bewertet und ausgewählt werden, sind diese Kontakte nun mehr nutzlos.

Es gab bereits Aufforderungen, mehr deutsche Produktionen im Radio zu spielen. Ein gesetzlicher Beschluss rückt allerdings in weite Ferne, denn Rundfunk ist immer noch Ländersache und diese Tatsache stünde einer gesetzlich geregelten Deutschquote im Radio im Wege. Zudem hatte sich die Ministerpräsidentenkonferenz 2003 gegen eine gesetzliche Quotenregelung ausgesprochen. Es gibt von Seiten der Sender eine gewisse Selbstverpflichtung, einheimische Produktionen zu spielen, in wie weit diese Verpflichtung jedoch eingehalten wird, kann durch die Behörden nicht kontrolliert werden.

Laut einer Umfrage würden aber Teile der Bevölkerung eine Musikquote befürworten. Nach dieser Studie befürworten knapp 58% der 2008 Befragten mehr Neuheiten unbekannter Musiker im Radio. Ca. 78% der Teilnehmer äußerten sich kritisch gegenüber der begrenzten Titelauswahl im Radio. Diese und weitere Studien beanspruchen jeweils Repräsentativität für sich, werden aber (natürlich) seitens der Quotengegner angeprangert und für ungültig erklärt (Thema ‚Musikquoten’ siehe auch: Goldhammer, Klaus 2005).

Fallbeispiel: Radio FFN und die Radio FFN Grenzwellen

Radio FFN zählt heute auch zu den Formatradios im norddeutschen Raum. Obwohl der Sender schon seit über zehn Jahren ein stringentes Format einhält, hat er auf Grund seiner Vergangenheit bei vielen immer noch das Image des „freakigen Rocksenders“, der FFN einmal gewesen war. An Radio FFN bissen sich die Beraterfirmen teilweise die Zähne aus, insbesondere an dem Aushängeschild GRENZWELLEN. Aber auch sonst war FFN alles andere als das, wofür es ursprünglich mal angedacht war. In diesem Kapitel soll kurz auf die Geschichte des Senders, der Sendung GRENZWELLEN und den großen Umbruch bei FFN eingegangen werden.

Grundlage hierfür bildet das mit Ecki Stieg am 13.01.2007 geführte Interview, welches ausführlichere Informationen liefert und über www.grenzwellen.com abgerufen werden kann.

Der „freakige Rocksender“

Am 31.12.1986 ging Radio FFN on Air. Ursprünglich sollte der Sender eines von zwei Säulen sein, einer von zwei durch die CDU ins Leben gerufenen Privatradios, um dem „roten“ NDR etwas entgegenzusetzen. Ausgestattet mit einer Reihe von unerfahrenen, angehenden Radio-Journalisten musste innerhalb von einer Woche vor Sendebeginn ein Sendekonzept erarbeitet werden. Tagsüber sollte eine eher moderate Musikschiene gefahren werden, während man sich abends den speziellen Musikthemen widmete (GRENZWELLEN war neben Oldie- oder R&B-Sendungen eine dieser Spezialsendungen).

Das ganze Konzept, die Arbeits- und Verfahrensweise von damals, das alles ist heutzutage undenkbar. Die Tagesprogramme wurden anfangs per Hand zusammengestellt. Songs wurden noch von Platte oder Band abgespielt – es gab ja anfangs kaum CDs – und Dank der unterschiedlichen Geschmäcker der einzelnen Redakteure hatte, je nach dem wer das Tagesprogramm zusammen gestellt hatte, selbiges immer seinen gewissen Touch. Allerdings wurden in dieser Hinsicht auch Fehler gemacht, die heute so nie geschehen würden. Durch den Einfluss der jeweiligen Redakteure war ein Tagesprogramm auch emotional geprägt, d. h. „wenn Stieg Liebeskummer hatte und selbst wenn draußen der schönste Sommertag strahlte, konnte es schon mal passieren, dass um 12:00 Uhr Mittags die traurigsten Balladen der Welt liefen“. (Stieg 2007) Die Zeiten, da man im Sound noch erkennen konnte, daß der Redakteur unter Liebeskummer litt, sind lang vorbei“ (Wolf 1998: 14). Radio FFN war also in seinen frühen Jahren schon das, was Radio heute vorgibt zu sein: emotional, aber auf seine ganz eigene Art und Weise. Heute ist Radio emotional, weil man versucht, durch bekannte, fröhliche Melodien und Gute-Laune-Moderation den Hörer emotional zu beeinflussen. Früher wurde Radio (also FFN) durch die Eindrücke und Emotionen der einzelnen Moderatoren und Redakteure gesteuert und beeinflusst. Manch einer mag dies als großen Fehler werten, aber das ist es nicht immer.

Der Erfolg von Radio FFN war im ersten Jahr phänomenal, brach dann allerdings ein, da der NDR fast schlagartig seine Musikfarbe und die Präsentationsweise seines Programms verändert hatte und nun höhere Hörerzahlen verzeichnen konnte, was dazu führte, dass bei FFN einigen Mitarbeitern gekündigt wurde und an ihre Stelle eine amerikanische Beraterfirma getreten ist, die in all den folgenden Jahren versucht hat, den Sender nach amerikanischem Vorbild zu formatieren. Ein schweres Unterfangen, denn dies hatte zur Folge, dass alle Mitarbeiter ihrer journalistischen Arbeit nicht mehr im vollen Maß nachgehen sollten, denn damals gab es noch gute journalistische Arbeit im privaten Rundfunk. Es wurde noch kritisch hinterfragt, ausführlich berichtet und nicht, wie heute üblich, mit angezogener Handbremse gearbeitet, so wie es von den damaligen FFN-Redakteuren gefordert wurde. Was solch eine Arbeitsweise, wie sie in den 80ern und Anfang der 90er Jahre bei FFN vorherrschte, bewirken konnte, hat man am Beispiel des Sturzes der CDU-Landesregierung unter Ernst Albrecht, an dem Radio FFN Dank ihrer Journalistin Helga Hammadee auch maßgeblich beteiligt gewesen war, gesehen. Diese Beteiligung und die Arbeit dieser Frau wurde oft gelobpreist, hat dem Sender rein politisch aber eher geschadet. (vgl. z. B. Voges 1988) So etwas findet man eher selten in der Radiolandschaft, vor allem heute. Heute ist Journalismus im privaten Rundfunk nur noch Handwerk und „stupides, nicht hinterfragendes, nach Marktgesetzen funktionierendes Handwerk gilt ja, das ist auch so eine amerikanische Philosophie, per se als professionell“. (Stieg 2007)

Mit dem Einzug digitaler Technik und der damit verbundenen Umstrukturierung, was die Programmplanung anbelangt, war ein weiterer Schritt in Richtung stromlinienförmige Programmstruktur getan. Nach und nach wurden alle Spezialsendungen abgesetzt und durch ein massenkonformes Gedudel ersetzt. Grund hierfür war ein erneuter Einbruch bei den Hörerzahlen im Juni 1997. Der private Konkurrent Antenne Niedersachsen, welcher von Anfang an ein AC-Format ausstrahlte, machte FFN seine Vormachtstellung streitig. „ffn wurde nach unten durchgereicht, hat nur noch einen Marktanteil von 11,4 Prozent (vorher 14,4). Das ehemalige Privat-Flaggschiff fiel erstmals durch die Schallmauer von 300 000 Hörern (von 310 000 blieben 290 000).“ (Junkersdorf 1997: nn) Die Konsequenz war, dass die schon lang geplante, endgültige Formatierung des Senders im August 1997 umgesetzt wurde und alle noch vorhandenen Spezialsendungen abgesetzt wurden. „Da in den meisten Hörfunkmärkten in Deutschland aber inzwischen reger Wettbewerb herrscht, besteht für die Sender, die ihr Format – auch nur teilweise – verlassen, die Gefahr, dass sie ihrerseits vom Hörer verlassen werden, die sich anderen – in ihren Augen besser formatierten – Programmen zuwenden. […] Beide Sender wollten die identische Zielgruppe mit beinahe identischen Aussagen und auch sehr ähnlich anmutenden Programmen erreichen. Dies führte natürlich dazu, dass die Radiohörer in diesem Markt die Positionierung nicht eindeutig zuordnen konnten.“ (Raff 2007: 26ff)

Vorbei war es mit der Musikvielfalt, mit Sendungen wie den OLDIES, NIGHTLINE, GRENZWELLEN. Dennoch hat der Sender sein Image des freakigen anderen Rocksenders behalten. Nur warum? Stieg begründet es damit, dass „die Wahrnehmung von Veränderungen sehr viel verzögerter eintritt“ (Stieg 2007). Das Frühstyxradio kam wieder, ein kleiner Trost. Ansonsten ist von dem alten Team niemand mehr bei FFN. Sie haben niemanden mehr, der ein anderes Programm, wie es zum Beispiel früher zu hören war, hätte machen können, weil die heutigen Moderatoren dazu gar nicht mehr in der Lage sind.

GRENZWELLEN. Ein Radiophänomen

Wenn man bei einer Radiosendung von einem Phänomen spricht, so begründet sich dies meist auf einen legendären Wert, den die Sendung in der Radiogeschichte einnimmt. Ecki Stiegs GRENZWELLEN waren legendär – auf ihre Art und Weise.

Die GRENZWELLEN war eine der ersten und auch die letzte Spezialsendung auf Radio FFN. Musikalisch wurde das gespielt, was heute eher den Geschmack der Dark Scene ausmacht, die es zu den Anfangszeiten der Sendung und des Senders so gar nicht gegeben hat. Musik von Bands und Künstlern wie Front 242, Clan of Xymox, Deine Lakaien, Wolfsheim oder Carlos Peròn wurden regelmäßig in der Sendung vorgestellt, Bands wurden ausführlich portraitiert (im heutigen Formatradio wäre dies auf Grund des begrenzten Wortanteils undenkbar), teilweise ganze Konzertmitschnitte wurden gespielt. Die GRENZWELLEN konnten mit die meisten Hörer des Senders verzeichnen und noch mehr. GRENZWELLEN besaß auch die längste Verweildauer, d. h. dass die meisten Hörer die Sendung von Anfang bis zum Ende durchgehört haben. Diese Sendung richtete sich eher weniger an das szenetypische Publikum. Es waren mehr die Otto Normal-Hörer, die Ecki Stieg auf eine musikalische Reise schicken wollte, damit sie neue Welten für sich entdecken konnten; mit Erfolg, Dank der Tatsache, dass die Sendung auf einer Service-Station lief. Die GRENZWELLEN besaßen ein ungemeines Machtmonopol. Wer in den GRENZWELLEN nicht gespielt wurde war out. „Ich konnte also nie Sachen feiern, hinter denen ich nicht gestanden habe. […] Wenn ich eine Band nicht gespielt habe, dann hatte ich dafür meine Gründe. Entweder weil ich sie Scheiße fand oder weil es meiner Meinung nach nicht in den Rahmen der Sendung passte oder weil es andere Bands gab, die es mehr Wert waren, gespielt zu werden“ (Stieg 2007). Doch trotz dieses großen Erfolges blieb die Sendung für Werbekunden wegen ihrer Sendezeit uninteressant; Werbezeiten nach 18:00 Uhr wurden vernachlässigt. Von den Plattenfirmen, die Werbung hätten schalten können, wollte niemand, denn der Radioeinsatz durch Stieg in seiner Sendung war schon Werbung genug. Und trotz des großen Erfolges der Sendung fühlte sich Ecki Stieg immer in der Defensive, immer darauf bedacht, das zu verteidigen, was er da gemacht hat, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gab.

Die Sendung war neben Wischmeyers Frühstyxradio das Aushängeschild von FFN. Viele Hörer brachten den Sender nur mit GRENZWELLEN in Verbindung. Für die Beraterfirmen waren Stiegs GRENZWELLEN ein Rätsel, denn er hat sich bei seiner Arbeit an keinerlei Formatvorgaben gehalten: Er hat überlange Titel gespielt, lange Moderationen in Schriftdeutsch abgelesen und sonst auch alles das getan, was nicht für straightes Formatradio steht. Die Beraterfirma und die Programmdirektion konnten den Erfolg der Sendung nicht erfassen und begreifen. „Sie wussten zwar, dass sie einen hohen Wert und hohe Einschaltquoten hat, teilweise bis zu 100.000 Hörer, wussten aber nicht warum, […]„Das war, um meine Lieblingsserie ‚Monk’ zu zitieren, ein Segen, aber auch ein Fluch. Dieses ‚Monk’-Beispiel wähle ich nicht ohne Hintersinn, denn ich mag es, wenn Leute absolut nonkonform arbeiten, aber dabei Spitzenresultate erzielen, ohne dass diese nach alten Regeln erklärbar und definierbar wären“ (Stieg 2007).

Doch dieser Erfolg war es, welcher den GRENZWELLEN am Ende ihren Sendeplatz gekostet hat. Sie wurde gekippt aus Erfolg; so makaber und unlogisch es sich auch anhören mag. Doch der damalige Programmchef Rainer Cabanis war schon seit einigen Jahren bemüht, das Programm von Radio FFN so stromlinienförmig wie nur möglich zu gestalten. Nachdem der private Konkurrent Antenne FFN hinsichtlich der Hörerzahlen im Juni 1997 überholt hatte, wurde es für ihn an der Zeit zu handeln und so wurde die Sendung abgesetzt, trotz Einschaltquoten, Hörerbeteiligung etc. „Hätten wir eine ruhigere Marktsituation, würde ich sagen, wir leisten uns die Sendung, obwohl sie nur eine Minderheit bedient. Da wir aber jetzt im verschärften Wettbewerb und unter den privaten Rundfunksendern auf Platz zwei gerutscht sind, könnte eventuell das ein Störfaktor sein“ (Zitiert nach: Rainer Cabanis, zitiert in: Wiedersheim 1997). Doch die jahrelange Arbeit Stiegs wissen viele heutzutage gar nicht mehr zu würdigen. „Eine der größten Anmaßungen und Unverschämtheiten war ein relativ aktueller Beitrag im Programm von ffn zum 20jährigen Jubiläum – und somit auch zum Jubiläum der GRENZWELLEN, wo zwar der Kultwert der Sendung gewürdigt, mein Lebenswerk aber zur individualistischen Marotte eines armen Spinners degradiert wurde, der nur seine ‚Lieblingsmusik’ auflegt.
Abgesehen davon, dass die ferngesteuerten Kretins des heutigen Privatfunks gar nicht in der Lage wären, eine Stunde lang ihr Lieblingsprogramm journalistisch zu gestalten, weil ihnen dafür Geschmack, Historie und Hirn fehlt, lässt diese Aussage auch entlarvende Rückschlüsse auf das Kulturverständnis, das Verständnis von Radio im herkömmlichen Sinne und der reduzierten auralen Wahrnehmung dieser Spezies zu“ (Stieg 2007).

Die FFN-GRENZWELLEN beeinflussten viele Hörer und auch Musiker in ihrem Musikgeschmack und ihrer Art mit Musik umzugehen. Sie legten neben Autoren wie Alan Bangs, der mit seiner Sendung ‚Night Flight’ in den 80er Jahren auf BFBS ein gewisses Vorbild für Ecki Stieg und seine GRENZWELLEN war, einen Meilenstein in der privaten Radiogeschichte. Dies merkt man, wenn man das Internet-Portal www.grenzwellen.com besucht und sich dort die Forumeinträge, vor allem zu meinem Interview mit Herrn Stieg, einmal durchliest.

Bewertung

Nicht alle privaten Radiostationen haben von ihrer ersten Sendestunde an ein straightes Sendeformat befolgt. Da man heutzutage allerdings auf Kunden (Hörer oder Werbekunden) angewiesen ist, um sich auf dem freien Radiomarkt behaupten zu können, war es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis alle Spartensendungen aus den Programmen der privaten Rundfunkstationen verschwunden sind und am Ende das übrig geblieben ist, was wir heute noch vorfinden. Wer solche Autoren-Sendungen selber miterleben und hören konnte, der wird wissen, was heutzutage im Radio fehlt. Nur ist die Frage, ob solche Autorensendungen im privaten Rundfunk noch eine Chance hätten. Dass die Situation zur Zeit nicht ganz so aussichtslos scheint, zeigt das nächste kurze Kapitel.

Aber noch ein paar Worte und Gedanken zu Radio FFN. Ich selber habe die Sendung GRENZWELLEN sowie weitere Specials auf Radio FFN vor der Formatierung miterleben und hören können und konnte nach dem großen Umbruch 1997 anfangs nicht verstehen, warum das alles nicht mehr sein soll. Radio FFN war: eine Radiostation, die sich anfangs Dank ihrer Mitarbeiter den Maximen des Formatradios zu entziehen versucht hat, leider diese Haltung am Ende aber aufgeben musste. Die Sendung GRENZWELLEN hat sich nie einem Format unterworfen, „Das war bis zum Schluß reines Autorenradio“ (Stieg 2007). FFN ist heute: ein dahindudelnder Radiosender wie jeder andere auch, der mit Hilfe des Frühstyxradios und dem Duzen seiner Hörer versucht, sich ein wenig vom alten, jung gebliebenen Image einzuhauchen, ansonsten sich Dank der Musikfarbe und Gewinnspiele nicht groß von anderen Stationen unterscheidet.

„Wer Hören will muss Suchen“: Auf der Suche nach der Vielfalt

Begibt man sich auf die Suche, z. B. mit Hilfe einer Fernsehzeitschrift, welche auch das aktuelle Radioprogramm beinhaltet, so stößt man durchaus noch auf speziellere Musikangebote, die nicht immer den Massengeschmack treffen werden. Ich habe anhand der Angaben auf der Website der Zeitschrift „Hör Zu“ versucht, mir einen kleinen Überblick über die noch vorhandenen Spartenangebote zu beschaffen, was aber auf Grund der teils mangelhaften Informationen nicht immer möglich war. Da dies aber nur einen kleinen Teil dieser Arbeit betrifft habe ich darauf verzichtet, weitere Nachforschungen in diese Richtung anzustellen. Dennoch bin ich auf einige interessante Angebote gestoßen.

Ausgangspunkt waren die schon erwähnten GRENZWELLEN, denn ich brauchte eine Sendung, mit der ich heutige Angebote ansatzweise vergleichen konnte.

Zunächst ist festzustellen, dass – wie in der Einleitung kurz angesprochen – die Kultur- und Informationskanäle wie Deutschlandfunk oder NDR Info hinsichtlich Spezialsendungen eine Vorreiterrolle eingenommen haben. Die Musikauswahl reicht hier von Jazz, Klassik oder Rock bis hin zu unregelmäßigen weiteren Angeboten im „NDR Nachtclub“. Ähnliches gilt auch für andere vergleichbare Kanäle. So gibt es seit Jahren auf HR2 die Sendung „Voyager“, in welcher ruhige, elektronische Musik vorgestellt wird.

Aber auch im Sektor der Unterhaltungskanäle lassen sich diverse Sondersendungen auffinden. Der private Berliner Radiosender Fritz bietet seinen Hörern jeden Abend in der Sendung „Soundgarden“ ein anderes musikalisches Schwerpunkt-Thema. Fritz dürfte der einzige Sender sein, der noch eine Heavy Metal –Sendung im Programm hat; der hessische Rundfunk hat seine Sendungen bereits vor einigen Jahren aus dem Programm von HR3 gestrichen. Des weiteren bietet Fritz, wie auch der Jugendkanal N-Joy, Themensendungen zu Pop oder Dance an. Fritz und 1LIVE habe beide noch Sendungen zum Thema elektronische Musik im Programm, allerdings wird es sich hier thematisch viel mehr um Electro, House oder ähnliches handeln.

Was den Radioeinsatz von neuen Künstlern anbelangt, so gibt es auf 1LIVE oder Fritz auch vorgesehene Sendeplätze.

Bei den meisten Sendungen zum Thema Electro handelt es sich oftmals um DJ Sets, das bedeutet, dass in der Regel wenig (wenn überhaupt) moderiert wird, der Hörer also kaum Informationen über die gespielten Musikstücke bekommt. Auch hier ist man bei Sendern wie NDR Info klar im Vorteil, da hier auf sämtliche Formatvorgaben, was die Moderations- und Musikstück-Länge anbelangt, gänzlich verzichtet wird.

Musikrichtungen wie Darkwave, Gothic, EBM oder Industrial, wie sie auch in den GRENZWELLEN gespielt wurden, finden sich in den Sendungsangeboten kommerzieller Radiosender allerdings nicht. Wer diese Art von Musik bevorzugt, der muss also auf Internetradios oder – soweit vorhanden – offene Kanäle zurückgreifen.

Für Musikrichtungen, die den Dance-Bereich abdecken, gibt es sowohl im öffentlich rechtlichen Rundfunk als auch im Sektor der Privatradios ausreichend Angebote. Dance beweist auch immer wieder ein größeres kommerzielles Potenzial, als beispielsweise Synthie-Pop oder EBM und findet somit anscheinend mehr Anklang bei den Hörern.

Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass es zwar Spartensendungen gibt, diese aber meist auf das Spielen von Musik und nicht auf die Vermittlung von Informationen ausgerichtet sind, was auf das Sendungsformat zurück zu führen ist. Wer Radio hören möchte und dem Einheitsbrei zu entfliehen versucht, der kann auch heute noch fündig werden.

Fazit und Ausblick

Es konnte aufgezeigt werden, dass inzwischen viele Faktoren einen Einfluss auf das kommerzielle Radio, was seine inhaltliche Gestaltung anbelangt, ausüben. Angefangen bei der Einführung der Radioformate, für die sich inzwischen fast alle privaten Anbieter begeistern dürften, bis hin zur computergestützten Programmplanung und Musikauswahl. Alles ist darauf ausgerichtet, den Hörer zu bedudeln, ihn mit Jingles, Moderationen und Gewinnspielen (die allesamt ein Kapitel für sich sind) emotional zu beeinflussen, ihm gute Laune zu verkaufen, „die in Wirklichkeit keine gute Laune ist, sondern nur Schmierentheater der alleruntersten Stufe“. (Stieg 2007) Die Musikauswahl im Radio ist bei fast allen Sendern ebenfalls die gleiche und daran wird sich wohl so schnell auch nichts ändern. „So lang sich Mainstream-Radioprogramme (AC und CHR) in einem Sendegebiet über den Markt refinanzieren lassen, bleibt der Spielraum für Spartenprogramme die individuelle Musiknischen bedienen, eng“. (Goldhammer 2005: 188) Herman Stümpert bringt es noch genauer auf den Punkt: „Es ist Zeit für einen hörernahen Vielfaltsbegriff. Wenn sich die deutsche Medienaufsicht bereitfinden könnte, ihre Maßstäbe den tatsächlichen Hörbedürfnissen der Bevölkerung anzupassen, könnte sie eine viel sinnvollere gestalterische Rolle in der Radiolandschaft spielen als heute und dabei eine nutzbare inhaltliche Vielfalt erzeugen und sichern. In dem weitgehend auf Sicherheit bedachten deutschen Radiomarkt wird lebendige und wirtschaftlich florierende Formatvielfalt erst entstehen, wenn Radiounternehmen ermuntert werden, im selben Sendegebiet mehr als eine Lizenz zu halten. Nur dann wird sich der Markt von selbst um unterschiedliche Inhalte bemühen“. (Stümpert 2005: 75) Aber es gibt ja zumindest ein wenig Hoffnung, wie im vorangegangenen Kapitel kurz gezeigt wurde. Auch wenn spezielle Angebote im Kommerzfunk rar gesät sind und die Internetradios nur zu den Bekehrten sprechen. Sie sind da, man muss sie nur finden. Natürlich werden sie keine großen Überraschungen mehr bieten, wie sollten sie auch. Orientierungspunkt ist nun einmal, auch für Internetradios, der kommerzielle Rundfunk mit seinen Formaten. Auch wenn das Internet einem eine Fülle an Entfaltungsmöglichkeiten bietet, kehrt man doch wieder zum Bekannten zurück. „Das Bedürfnis nach einem Mainstream der erlernten und bekannten Sounds, der Wunsch nach einem AC-Format, dass am Hörer angenehm vorbeiplätschert, wird wohl nie verebben.“ (Renner 2004: 234, vgl. auch Stieg 2007).

Und wer weiß, was die Zukunft bringt. Entweder wir steigern uns mit unseren Gewinnspielen ins Unermessliche oder es droht eine Übersättigung und wir fangen noch einmal ganz von vorne an. Da, wo wir eigentlich aufgehört haben weiterzumachen. Dort, wo Vielfalt und gute, redaktionelle Arbeit noch geduldet, gewürdigt und vor allem wahrgenommen wird. Aber wer glaubt schon noch an Wunder? Aber man darf ja zumindest noch ein wenig träumen, während nebenbei das Radio zum hundertsten Male die Nummer 1 der deutschen Singlecharts runterleiert.

Literaturverzeichnis

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