Fünf Tage Jekaterinburg – Ein Reisebericht


Tag 2: Und wieder heißt es: Schiff Ahoj

Dienstag, 20.05.2014

Halbwegs pünktlich um 9:00 Uhr stand ich auf, etwas geschlaucht vom Vortag und der relativ kurzen Nacht, duschte mich, zog mich an und machte mich auf dem Weg zum Frühstück ins Erdgeschoss. Jemand von der Rezeption war mir bei der Auswahl behilflich und gleich hier gab es ein lustiges Missverständnis:

Ich orderte Brot, Butter und Wurst – bekam: Brot, Butter und drei heiße Würstchen. Dies ließ sich aber schnell klären und so machte ich mich über die genannten Sachen nebst Gurken und Tomaten her – inzwischen scheinbar mein Standard-Urlaubs-Frühstück. Kurz kamen mir Bedenken bezüglich des Gemüses. Da das Leitungswasser eigentlich ungenießbar war, sollte man darauf achten, dass Obst und Gemüse entweder mit abgekochtem Wasser gewaschen oder gekocht bzw. geschält sind: cook it, peel it or leave it! Eat it – lautete jedoch die Devise, denn ich ging davon aus, dass so ein Hotel wie das Park Inn auf solche Dinge definitiv achten würde.

Nach dem Frühstück wurde ich von Oleg am Hotel abgeholt. Aus meinen Erzählungen von meiner Skandinavien-Reise wusste er noch, dass ich in einer Fremden Stadt versuche, auch die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen. Und so fuhren wir ein paar Stationen mit der Straßenbahn, auch wenn dies ein kleiner Umweg zum Ziel war. Auf dem Weg zur Haltestelle liefen wir an der Malysheva street entlang, an der auch mein Hotel lag. Sie ist eine der größten Straßen in Jekaterinburg und führt von West nach Ost. Was mir gleich auffiel, es gab hier keine Blindenampeln. Für Oleg kein Problem, ein kurzes „Grün?“ auf Russisch gerufen und auf Antwort gewartet – so funktionierte das hier also. 😉

Blinde Menschen können für Bus, Metro und Tram ermäßigte Fahrkarten kaufen und nicht, wie bei uns in Deutschland, völlig umsonst die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Jedoch würde in sehr vielen Fällen, so erklärte mir Oleg, eh kein Schaffner an Bord sein, welcher hätte eine Fahrkarte kontrollieren oder verkaufen können.

Von der Straßenbahn aus gingen wir die „Straße des 8. März“ entlang. Auf der rechten Seite befand sich ein Park, links verdeckten ein paar alte Gebäude die Shoppingmall, welche sich dahinter erstreckte. Jekaterinburg ist eine verhältnismäßig junge Stadt, gegründet 1723. Daher gibt es nicht wirklich viele alte Bauwerke zu bestaunen und besichtigen.

Nach ca. zehnminütigem Fußmarsch waren wir beim Business-Center, einem 17-geschössigen Gebäude, angelangt, in dem sich auch das Büro der White Cane NGO befand.

Oleg erledigte in der nächsten Stunde etwas Papier- und E-Mail-Kram, bevor es weiter zum Verh-Isetsky Lake ging, einem 12 KM langen See, welcher in den Iset Fluss mündete. Hier sollte eine Presseveranstaltung stattfinden, denn White Cane hatte mit einer Gruppe blinder und sehender Segler den 2. Platz einer Segelregatte gewonnen.

Ursprünglich war geplant, ca. eine dreiviertel Stunde auf dem See zu segeln, da jedoch zu viele Leute an Bord waren, wurde das Boot per Motor voran getrieben und man verzichtete darauf, die Segel zu hissen. An Bord hatten die anwesenden Journalisten aus Print und TV die Möglichkeit, die Teilnehmer der Regatte zu interviewen.

Zurück am Yachtclub gab es noch eine kurze Videopräsentation, bevor ich die Möglichkeit bekam, 30 Minuten lang Musik aufzulegen, um auch so schon einmal die Geräte wie DJ-Mischpult und CD-Player kennenzulernen – das beste vom besten, was es derzeit in diesem Sektor gibt, wurde mir hier hingestellt. In den 30 Minuten versorgte ich die Anwesenden, die es sich zudem bei Champagner und kleinen Snacks gut gehen ließen, mit einer Mischung aus Russischen und internationalen House-Beats.

Nach dieser Veranstaltung waren wir, Oleg und ich, eigentlich mit einer Frau zum Dinner verabredet, die in Jekaterinburg für einer der sponsoren des Inclusive Games arbeitete. Doch leider wurde das Essen aus Krankheitsgründen kurzfristig abgesagt.

Oleg wollte zwischen Presseveranstaltung und Dinner ursprünglich seine Mutter besuchen, um ihr – kurz – zum 68. Geburtstag zu gratulieren. Aus dem „kurz“ wurden jedoch dann gute zwei Stunden, zu denen ich von Oleg und seiner Frau eingeladen wurde. Zu einem Geburtstag einfach so als Fremder mitgehen, obwohl man das Geburtstagskind gar nicht kennt? Gerade, wenn es sich dann noch um eine eher familiäre Runde handelte? Einwände wurden zwar gehört, jedoch gar nicht weiter beachtet – OK, es war somit also beschlossene Sache.

Wir fuhren gemeinsam mit dem Auto durch den Jekaterinburger Feierabendverkehr, besorgten unterwegs noch ein paar Blumen für mich als Geschenk und klingelten wenige Augenblicke nach dem Blumenkauf bereits an der Wohnungstür von Olegs Mutter. Wir wurden herzlich empfangen. Olegs Schwester und Nichte waren auch schon da.

Zu Essen gab es ein paar kleinere, Russische Spezialitäten, z. B. dünne Pfannkuchen, in denen Hackfleisch eingerollt war oder Bouletten in Kohlblätter eingewickelt, dazu Salat. Ich genoss eine Gastfreundschaft, wie sie mir von anderen schon des Öfteren beschrieben wurde. Trotz der Sprachbarrieren, außer Oleg und seiner Nichte sprach kaum jemand flüssig Englisch, fühlte ich mich in dieser Runde gut aufgehoben. Auch als der Kognak und Liköre auf den Tisch gestellt wurden. Man sagte mir mal, dass es zum „guten Ton“ gehöre, einen Schluck mit zu trinken, gerade als Mann. Dies konnte ich jedoch nicht bestätigen! Dass ich keinen Alkohol trinke, wurde akzeptiert und während sich die anderen nachschenkten, wurde mein Wasserglas wieder gefüllt. Und es wurde angestoßen, auf die nächsten fünf Jahre der Frau Mama, die besser verlaufen mögen als die vorigen, auf die Familie, Schwester, Bruder, Mutter, Hund und Katz, auf die Freundschaft, auf Hamburg… Gründe, auf etwas zu trinken, gab es scheinbar viele, man brauchte nur etwas Fantasie.

Nach dem Essen verabschiedeten sich Schwester und Nichte auch schon bald und der Fernseher wurde angeschaltet. Bei der Presseveranstaltung an Bord war schließlich das Lokalfernsehen mit anwesend gewesen und man wollte schauen, ob sie einen Bericht bringen würden?

Und sie brachten! Ca. drei Minuten Sendezeit bekamen Oleg und seine Besatzung. Oleg fragte mich, ob mich auch jemand von den Journalisten angesprochen hätte, schließlich wäre ich ja internationaler Gast und extra nach Jekaterinburg gereist. Ich verneinte, was ihn ein wenig zu stören schien. Ich konnte ihn jedoch besänftigen und meinte, dass dies sicherlich auch an den mangelnden Englischkenntnissen gelegen haben könnte. Zumal störte es mich gar nicht, es ging hier schließlich um ihn und sein Team, nicht um mich.

Nach den Nachrichten unterhielten wir uns noch eine Weile, wobei Oleg als Übersetzer fungierte. Er wollte einiges über meine Arbeit beim Dialog im Dunkeln oder bei der Telekom wissen, wollte wissen, ob in Deutschland die politischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine auch Teil der Nachrichten seien (konnte ich ihm bejahen) und meinte dazu noch, dass es nach außen hin immer als „Krieg“ tituliert und dargestellt würde. Das Leben – zumindest in Jekaterinburg – ginge jedoch normal weiter. Das, was die Medien da berichten, sei vor allem eine Auseinandersetzung in der Politik, aber nicht unter den Bürgern.

Wenn wir schon so offen und ehrlich in dieser Runde reden konnten, so wollte ich auch etwas von Oleg wissen. Viele bringen Russland, ähnlich wie Polen, gleich mit Diebstählen etc. in Verbindung. „Du musst vorsichtig sein“, wurde mir vor meiner Reise sehr oft gesagt. „Wo muss man das nicht?“ hab ich gedacht, jedoch oftmals nie laut geantwortet, damit es nicht wieder hieße, ich sei zu gutgläubig. 😉 Doch Oleg konnte das Vorurteil mit den vielen Diebstählen nicht bestätigen. Ihm seien lang keine Taschendiebe mehr begegnet, meinte er und musste sich wohl das Grinsen verkneifen. Man könne, in Jekaterinburg, auch als Frau durchaus Nachts allein unterwegs sein. Und letzten Endes hätte man ihn, als Blinden, schon so oft ausrauben können, da er beim Bezahlen seine Geldbörse immer den Verkäufern gäbe, damit sie sich das richtige Geld heraussuchen könnten (denn die Rubelscheine unterscheiden sich so gut wie gar nicht voneinander). Wenn das kein Vertrauen in das eigene Volk ist, weiß ich auch nicht!

Nach diesem etwas anderen Abend ging es für mich zurück ins Hotel. Am nächsten Tag würde viel auf dem Programm stehen. Morgens eine private Stadtführung, die Oleg für mich organisiert hatte und die mich, zwecks Fotos und Videos, auf das mit 55 Stockwerken höchste Gebäude der Stadt bringen würde. Nachmittags wollte er mit mir die 30 KM entfernt gelegene Blindenschule besuchen. Ich wurde im Vorwege gefragt, ob ich nicht einen kleinen Vortrag über mich, meine Reisen, meine Arbeit beim Dialog im Dunkeln oder als DJ und allgemein über das Leben als Blinder in Westeuropa, halten könnte? Den Abend hatte er noch nicht verplant. Vielleicht würde es in ein sehr gutes, Chinesisches Restaurant gehen…


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