Blind Dance

Die folgende Kurzgeschichte schrieb ich im Rahmen eines Schreibseminars an der Uni Hamburg im Wintersemester 2007/2008.

Als Blinder eine Disco besuchen? Würden viele sicherlich nicht machen! Dies ist kein Tatsachenbericht -… und ist es irgendwo doch. Denn ich hatte einmal all die Dinge, die mir bei meinen Alleingängen in eine Disco passiert waren, zusammengesammelt und in eine kleine Geschichte verpackt… Viel Spaß damit!

Donnerstagabend, kurz nach Mitternacht. Menschen strömen aus der haltenden S-Bahn dem Ausgang zur Großen Freiheit entgegen.

Ich lasse mich mit der lärmenden Menge treiben, spüre, wie man versucht, mir und meinem Blindenstock auszuweichen. Das gelingt auf dem engen Bahnsteig nicht immer. Und das Erstaunen ist denjenigen, die mit mir zusammenstoßen, anzumerken: Ein Blinder auf dem Kiez. Und dann noch alleine? Aber natürlich sagt niemand etwas, und ich erreiche den Ausgang, wende mich nach links. Noch wenige Schritte und ich habe mein Ziel – fast – erreicht. Die Chinalounge. Ich laufe noch ein paar Meter vorwärts und stoße mit dem Stock gegen Menschen. Ich vergewissere mich, dass ich richtig bin und reihe mich in die Schlange der Wartenden ein. Diese scheint noch nicht so lang zu sein, denn es geht zügig vorwärts und das Geräusch der Tür und der Kasse sind relativ nah zu hören.

In der Vergangenheit hat es einmal eine längere Diskussion mit den Türstehern gegeben. Es sei zu voll, zu eng und zu laut. Aber wäre das Gegenteil der Fall gewesen, wäre ich eher kaum gekommen, denn „leise und leer ist auf die Dauer langweilig“, hab ich damals erwidert, allerdings ohne Erfolg. Doch während ich noch darüber nachdenke, was ich heute erwidere, wenn das Gleiche passiert, werde ich von einem Türsteher angesprochen.

„Willst du hier rein?“
„Ja.“
„Gut, dann folge mir unauffällig.“

Er packt mich am Arm und führt mich an den restlichen Wartenden vorbei und übergibt mich mit den Worten „Ey, Digger, bring ihn mal schnell rein!“ an seinen Kollegen und ich werde in das Innere des Clubs geführt, zur Garderobe, gebe meine Jacke ab, begebe mich in den Chillout-Bereich und frage mich zur Bar durch. Ich lande an der Cocktail-Bar, bestelle Cola. Für so normale Getränke einmal zur anderen Bar, bekomme ich von den Leuten hinterm Tresen gesagt. Okay, also wieder umdrehen.

Nach einigen Minuten halte ich das gewünschte Getränk in der Hand. Um mich herum wird sich unterhalten und getrunken. Aus einem der Räume dröhnt House-Musik, jemand rennt herum und verteilt kleine Snacks. Ich probiere etwas davon: kleine Frühlingsrollen, gefüllt mit undefinierbarem Inhalt, aber trotzdem sehr lecker.

Angesprochen werde ich, wenn ich hier bin, selten, werde ich generell kaum. Angeschaut oder angestarrt jedoch bestimmt häufiger. Das weiß ich nicht mit Sicherheit, kann es mir doch sehr gut vorstellen. Heute macht es mir nicht viel aus. Ich bin hier, um zu tanzen, und begebe mich, nach dem ich mein Getränk ausgetrunken und die Flasche auf einem Tisch deponiert habe, in Richtung des größeren der beiden Räume, in dem meist House und Electro gespielt wird. Ich laufe wieder den Gang entlang, der zur Garderobe und zum Ausgang führt. Hier muss eine Glastür sein, irgendwo auf der rechten Seite … Der Türsteher von vorhin entdeckt mich und so frage ich ihm nach den Eingang. Er reißt eine Tür auf und schiebt mich durch. Schlagartig wird es laut, die Tür kracht hinter mir ins Schloss.

Es ist sehr warm in dem Raum, Zigarettenqualm hängt in der Luft. Ich bewege mich ein paar Schritte vorwärts, stoße mit dem Stock gegen etwas Tresenartiges. Jemand berührt mich an der Schulter, schreit mir ins Ohr, wohin ich denn will.

„Zur Tanzfläche“, brülle ich zurück und werde hingeführt.

Einige Sekunden bleibe ich am Rand stehen und lasse die Musik, die Housebeats, auf mich wirken. Die Musik ist laut, der Boden vibriert. Ein schönes Gefühl: Sie durchströmt mich, ich spüre, wie der Puls steigt. Ich krame in meiner Hosentasche nach den Ohrstöpseln, setze sie ein und beginne, mich im Takt zur Musik zu bewegen. Ob es dem entspricht, wie sich die Meisten hier bewegen, weiß ich nicht. Wenn ich auf Technopartys unterwegs bin, falle ich meist auf, weil ich nicht wie die Anderen unkontrolliert in der Gegend herumjumpe und mit den Armen wedle.

Im Moment sind noch wenige Leute auf der Tanzfläche, ich stoße kaum mit jemandem zusammen, habe also viel Bewegungsfreiheit. Doch das kann sich sehr schnell ändern, wenn es voll wird. Und das wird es bald hier, brechend voll sogar. Für viele ein Gräuel, doch nicht für mich. Im Gegenteil: Ich bewege mich einfach mit der Masse mit. Und es ist leichter, jemanden zu finden, wenn ich Hilfe brauche. Und die brauche ich jetzt.

Ich habe Durst, tippe dem Erstbesten auf die Schulter. Ein Kerl mit breitem Kreuz. Er wendet sich zu mir um.

„Entschuldige, kannst du mir sagen, wie ich zum Tresen komme?“
„Zehn Meter in die Richtung… Vielleicht auch nur fünf!“
„Toll, in welche Richtung?“
„Mann, schau auf meinen Finger!“, bekomme ich von dem Witzbold zur Antwort. Meine Blindheit sieht man mir nicht immer direkt an, aber ein weißer Stock ist doch eigentlich Kennzeichnung genug? Ich denke an einen Typen, der mir hier mal begegnet ist und mir den Stock abnehmen wollte, weil er dachte, der wäre zum Tanzen geeignet .

„Schauen ist keine meiner Stärken!“, entgegne ich nur.

Jetzt scheint der Bullige doch begriffen zu haben. Er packt mich bei den Schultern und schiebt mich vor sich her. Nach einigen Metern pralle ich gegen den Tresen und werde von ihm mit den Worten „So! Da warten, bis einer kommt!“ stehen gelassen. Aber kommen tut im Moment keiner. Immerhin taucht bald ein anderer Besucher neben mir auf und stellt scheppernd eine Batterie Flaschen oder Gläser auf den Tresen. Jemand kommt, räumt ab. Und dann berührt der Jemand meine Schulter.

„Was darf’s denn sein?“

Ich bestelle und erhalte prompt eine Flasche Cola. Aus welchem Grund ich diese nicht zu bezahlen brauche, verstehe ich nicht. Bedanke mich trotzdem.

Als die Flasche leer ist, suche ich mir wieder jemanden, der mich für die letzte Runde zur Tanzfläche führen kann und treffe auf ein Mädel, welches mir bereitwillig den Weg zeigt.

„Willst du in die Mitte?“
„Joa, warum nicht!“
„Aber die drängeln da ganz schön!“
„Das macht nichts, ist ja normal hier!“, erwidere ich mit einem Lächeln.

Wir drängeln uns durch die tobende Menge. In der Mitte angekommen, verabschiedet sie sich und verschwindet.

Ich beginne, mich wieder zur Musik zu bewegen. Es wird gedrängelt und geschoben. Jeder versucht, ein Fleckchen der Tanzfläche für sich zu erobern, um ein bisschen Bewegungsfreiheit zu haben. Ich genieße den Augenblick und lasse die Musik auf mich wirken, mich von ihr treiben. Die Masse um mich herum trägt mich, ich werde Teil von ihr. Es ist anders als auf den größeren Tanzflächen. Hier komme ich mir nicht allein vor, fühle mich unbeobachtet, fast schwerelos.

Die Musikrichtung wird geändert, es wird R’n’B gespielt. Vor mir versucht sich jemand mit breiten Schultern und auch breitem Hinterteil Platz zu schaffen, in dem er selbiges schwungvoll bewegt und alles bei Seite schiebt. Eine Gruppe von schätzungsweise fünf Personen versucht, sich einen Weg durch die jetzt tobende Menge zu bahnen. Durch ihre dicken Jacken und Handtaschen habe ich das Gefühl, dass es in Wirklichkeit zehn Menschen sind. Ich nutze den Strom sich durchdrängelnder Leute und lasse mich von ihm einige Schritte mitziehen.

Nun habe ich Ruhe vor dem Drängler. Vor mir bewegt sich jetzt eine zierliche Person, die sich schnell und geschickt zu den Rhythmen bewegt. Wenn ich mit ihr zusammenstoße, spüre ich die nackte Haut ihrer Schultern und ihre langen Haare, die sie wie ein Umhang umgeben.

Wir tanzen weiter. Irgendwann klopft mir ein Mädchen auf die Schulter und brüllt mir ins Ohr, dass sie es doch total toll und faszinierend findet, dass ich hier bin. Ob denn Freunde dabei wären? Ich verneine, kann mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

„Und du, bist du mit Freunden hier?“, frage ich sie.

„Nö, bin mit meiner Klasse hier. Ist quasi der Abschluss unserer Klassenfahrt.“
„Woher kommst du?“
„Aus der Nähe von Köln“, antwortet sie. Sie erzählt mir, dass ihr Hamburg zwar ganz gut gefallen hat, sie die Leute hier aber total kühl und stur findet.

Wir unterhalten uns noch eine Weile, bis sie mich fragt: „Aber sage mal, ist das nicht gefährlich, so ganz allein unterwegs zu sein? Vor allem hier, auf dem Kiez?“
„Es kann für jeden gefährlich sein, ob du nun blind bist oder sehend.“
„Wie meinst du das?“
„Wer am Ende dein Geld haben will, der wird es bekommen. Der Sehende dreht sich zudem ja auch nicht alle fünf bis zehn Meter um und schaut, ob nicht vielleicht jemand hinter ihm sein könnte.“

Das scheint sie nachdenklich zu machen, denn sie antwortet darauf nichts. Wir bewegen uns schweigend weiter zur Musik. Ein alter Klassiker aus den 80ern, „Walking On Sunshine“, wird gespielt.

Nach einigen Minuten werde ich wieder angetippt, es ist das Mädel von eben. Sie wollte sich verabschieden, es sei schon spät, morgen früh um neun würde schon ihr Bus zurück nach Köln fahren. Ich taste nach meiner Uhr, stelle mit Erstaunen fest, dass es bereits 3:30 Uhr ist, und entschließe mich, ebenfalls zu gehen.

Gemeinsam mit ihr und einigen ihrer Klassenkameraden verlasse ich die Tanzfläche. Draußen verabschieden wir uns voneinander, ich wünsche ihr eine gute Heimfahrt und begebe mich zur Bushaltestelle. Wir haben Handy-Nummern ausgetauscht.

Und noch während ich auf den Bus warte, bekomme ich eine SMS: Vielen Dank für den Blind Dance.


Ein Gedanke zu „Blind Dance“

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