Von Einwanderern, Autos und Wölfen: Eine Erkundungstour durch Wolfsburg – Ein kleiner Reisebericht

An einem Freitag im April 2016 besuchte ich die Autostadt Wolfsburg. Mit gerade mal 78 Jahren ist Wolfsburg eine sehr junge Stadt – die Geschichte der zugehörigen Dörfer und Ortschaften reicht zum Teil weit bis ins Mittelalter zurück.

Bekannt durch Volkswagen, den VFL oder ihre Eishockeymannschaft, hat die Stadt jedoch noch mehr zu bieten.

Auftakt

„Wolfsburg – eine Stadt, die viel von sich hält, jedoch nichts bietet“ . solchen und ähnlichen, weiteren Vorurteilen ist diese Stadt seit Jahren ausgesetzt. Als vor einigen Jahren noch das sog. ‚StudiVZ’ modern war, gab es hier sogar eine Gruppe, welche den Namen „Wolfsburg – was nicht tötet, härtet ab“ trug. Doch wie es nun einmal mit Klischees und Vorurteilen so ist: außer einem Körnchen Wahrheit ist doch meistens nichts dran… oder?

Wolfsburg hat jedoch, im Gegensatz zum angeführten Vorurteil, einige Dinge zu bieten, die nur entdeckt werden müssen. Ob nun die Autostadt, den VFL, den Allersee oder das Schloss, in kultureller Hinsicht ist Wolfsburg durchaus eine Reise wert. Wer ein ausschweifendes Nachtleben bevorzugt, der sollte sich jedoch nach einem anderen Reiseziel umschauen.

An einem Freitag Ende April stattete ich der Stadt einen kleinen Besuch ab und begab mich auf Erkundungstour. Es war jedoch für mich nicht bloß wieder so eine Städtetour, wie ich sie schon des Öfteren unternommen hatte. In Wolfsburg bin ich geboren und aufgewachsen, habe jedoch dadurch, dass ich meine Schulzeit an Blindenschulen verbracht hatte, sehr wenig von dieser Stadt mitbekommen. Aber seien wir mal ehrlich, wer erkundet auch schon groß die Stadt, in der er lebt, es sei denn, es kommt mal Besuch? 😉

Natürlich entstanden auch bei dieser Tour wieder zahlreiche Bilder, die Ihr Euch in der Galerie zu diesem Artikel anschauen könnt.

Ein Tag Wolfsburg – Eine Erkundungstour

Wie es bei meinen Städtetouren inzwischen meist üblich ist, wollte ich auch zunächst an einem geführten Stadtrundgang durch Wolfsburg teilnehmen. Auf der Homepage der Stadt wurde ich vorab auch fündig, jedoch werden aktuell nur Führungen für Gruppen angeboten. Dies bedeutet, dass man, wenn man als Einzelperson an einer solchen Führung teilnehmen möchte, den vollen Preis für eine Gruppentour bezahlen muss. Da jedoch die Möglichkeit, einmal auf das Rathausdach zu kommen, um von dort aus Fotos zu machen sowie eine alte Arbeiterwohnung zu besuchen sehr verlockend für mich waren, buchte ich eine anderthalbstündige Tour. Vielen Dank an dieser Stelle an meine Stadtführerin Frau Scholz sowie an das Team der WMG, die mir freundlicherweise einen Presserabatt gewährten.

Und so startete mein Stadtrundgang pünktlich um 10:00 Uhr morgens. Treffpunkt war die Statue des L’Emigrante, direkt vor dem Bahnhofsgebäude. L’Emigrante ist eine mannshohe Statue eines italienischen Gastarbeiters in der damals üblichen Kleidung, mit einem zerknautschten Köfferchen unter dem Arm und einem Pappkarton zu seinen Füßen. Zunächst stand dieses Denkmal für die zahlreichen italienischen Gastarbeiter, die in den 1950er und 1960er Jahren nach Wolfsburg kamen 2004 auf der Landesgartenschau, wurde dann eine Zeit lang eingemottet und fand vor einigen Jahren seinen neuen Platz vor dem Hauptbahnhof.

Nicht unweit davon befindet sich das Phaeno, eine Indoor-Attraktion, bei der der Besucher auf naturwissenschaftliche Entdeckungstour gehen kann. Unser Weg führte unter dem Gebäude durch. Die Akustik in dieser Art Unterführung war beeindruckend. Das Gebäude wird von hohen Betonsäulen getragen. Fässt man diese an, so hat man eher den Eindruck, Holz zu berühren.

Unsere nächste Station war der Pfauenbrunnen auf der Porschestraße. Einige Jahre war dieser Brunnen stillgelegt, bis ein privater Investor ihn wieder zum Leben erweckte und sich seither auch um seine Instandhaltung kümmert. Der Brunnen steht nicht unweit vom ehemaligen Hertie-Gebäude, in dessen – man könnte sagen – Überresten sich nun ein Jugendtreff befindet.

Ein Platz, welcher mich auch an meine Kindheit erinnert, befindet sich in der Fußgängerzone. Hier stehen seit dem Jahr 1972 die sechs Wolfsstatuen, auf denen ich als Kind schon herumgeturn bin und die auch heute noch Anziehungspunkt für viele Kinder sind. Auf dem Weg dort hin kamen wir auch an der ‚City Galerie’, einer Shoppingmall, vorbei. Dieses Einkaufscenter ist architektonisch ebenfalls sehr interessant. Da man im Jahr 2000 das alte Fernmeldeamt, welches sich ursprünglich dort befand, nicht abreißen wollte, baute man kurzerhand das neue Gebäude der City Galerie um das Fernmeldeamt herum. Wer sich auf dem Parkdeck einmal umschaut, kann in die Bürofenster schauen.

Nicht weit von der City Galerie und den Wölfen entfernt, befindet sich das Wolfsburger Rathaus. Erst zwanzig Jahre nach Stadtgründung wurde das Rathaus erbaut. Die Geschichte dieser zwanzig Jahre können Interessierte außen auf dem Rathausportal nachlesen. Ein weiteres Wiedererkennungsmerkmal akustischer Natur ist das stündliche Glockenspiel, welches im Moment bekannte Rocksongs spielt – wie Ihr in der kleinen Hörprobe vielleicht erkennen könnt. Die Aufnahme entstand um 12:00 Uhr, einige Meter vom Rathaus entfernt. Man hört entfernt den Röhrenbrunnen plätschern, welcher neben dem Rathaus steht, hört die vorbeieilenden Leute und schließlich das Schlagen der Rathausuhr bzw. einer nicht weit entfernten Kirchturmuhr.

Dass der Wolf irgendwo Wahrzeichen von Wolfsburg ist, merkt man auch, wenn man das Rathaus betritt, denn der Türknauf hat die Form eines Wolfskopfs.

Auf das Rathausdach gelangt man nur in Begleitung. Entweder während einer Stadtführung oder auch in regelmäßigen Abständen Samstags. Wer sich einen Panoramaüberblick über die Stadt verschaffen möchte, sollte auf jeden Fall diese Möglichkeit wahrnehmen, denn vom 10. Stock aus hat man einen guten Überblick über die Stadt. Man sieht die Türme der Autostadt, das VW-Werk oder das Theater und auch zum Teil das Wolfsburger Schloss, welches ich zum Schluss meiner Wolfsburg-Tour noch kurz besucht habe.

Letzte Station des Stadtrundgangs und das definitive Highlight war der Besuch einer alten Arbeiterwohnung aus den 1940er Jahren. Alles in dieser Wohnung wurde so belassen, wie die damaligen Wohnungen aufgebaut bzw. ausgestattet waren. Sie befindet sich ca. fünf Gehminuten vom Rathaus entfernt im ersten Stock eines Wohnhauses.

Als erstes gelangt man in den Flur, von hier aus waren Badezimmer, Küche und Schlafzimmer zu erreichen. Von der Küche aus gelangt man noch in das Kinderzimmer. Schon im Flur fiel mir auf, dass die Wände nur mit Ölfarben gestrichen worden waren. Man findet kaum Tapeten oder Fliesen an den Wänden.

Meine Wohnungsbesichtigung startete ich im Badezimmer. Waschbecken, Toilette mit der damals typischen Spülung zum Ziehen, Badewanne nebst Beuler. Vieles, das man auch heute noch in vielen Wohnungen findet, aber natürlich hier in der Form und dem Design von damals. Aus dem Wasserhahn kam auch Wasser, ob jedoch die Klospülung noch funktioniert, habe ich nicht ausprobiert – hätte ich aber mal machen sollen, denn dieses Geräusch allein ist unverkennbar!

Nächster Raum war das Schlafzimmer und hier fühlte ich mich wieder einmal in meine eigene Vergangenheit zurückversetzt. Denn den wuchtigen Kleiderschrank, vor allem aber die Frisierkommode mit dem typischen, dreigeteilten Spiegel kannte ich noch von meiner Uroma. In der Ecke stand eine alte Nähmaschine auf einem kleinen Tischchen.

Und auch die Küche bot mir einige Dinge, die ich noch aus Uromas Küche her kannte. Diesen großen, massiven Küchenschrank mit Glasscheiben in den oberen Türen, die mit Gardinen von innen abgehängt und dessen Fächer noch mit Papier ausgelegt wurden, sowie den massiven Küchentisch mit Schublade vergisst man nicht. Die Fächer des Schranks bzw. die Schublade des Küchentischs waren noch gefüllt mit altem Geschirr oder Töpfen. Auf dem Küchenschrank stand eine weitere Rarität, ein alter Volksempfänger. Der Herd konnte sowohl mit Strom als auch mit Gas betrieben werden. Am Sicherungskasten im Flur befand sich ein Umschalter, denn man konnte entweder den Beuler im Bad oder den Herd mit Strom versorgen – beides gleichzeitig ging nicht.

Das Kinderzimmer, welches direkt von der Küche abging, war sehr spartanisch eingerichtet. Eine Kommode und ein Bett, mehr befand sich nicht im Raum.

Der Besuch in der Museumswohnung hatte sich somit definitiv gelohnt, denn Geschichte zum Anfassen und Ausprobieren ist bei weitem interessanter und besser, als nur hinter Glas.

Mit dem Wohnungsrundgang endete auch meine kleine Stadtführung. Bei einer Tasse Kaffee bei einem nahegelegenen Bäcker verabschiedete ich mich von meiner Begleitung und machte mich danach auf dem Weg zur bereits erwähnten City Galerie. Ich brauchte einen Ersatzakku für meine Kamera, außerdem wollte ich danach etwas zu Mittag essen.

Nachdem ich alles in der City Galerie erledigt hatte, beschloss ich spontan, der Autostadt einen Besuch abzustatten. Ich wollte mich am Nachmittag noch mit Freunden in der Stadt treffen, doch bis dahin waren es noch gut zweieinhalb Stunden.

Und so machte ich mich auf dem Weg in Richtung Autostadt. Von früheren Alleingängen durch die Stadt wusste ich noch, dass sich in unmittelbarer Nähe eine Bushaltestelle befindet. Als jedoch innerhalb von 20 Minuten kein Bus kam, beschloss ich, zu Fuß in Richtung Busbahnhof zu laufen.

Unterwegs traf ich auf ein älteres Pärchen, welches ebenfalls gerade auf dem Weg zur Autostadt war, um ihr neu gekauftes Auto abzuholen. Die Autostadt besteht aus mehreren Gebäuden auf einem großen Gelände. In jedem der Pavillons präsentiert sich jeweils eine der einzelnen VW-Marken. Man kann sich über die einzelnen Marken und Modelle informieren und, das erzählte mir Frau Scholz während der Führung, sogar auch in einige Modelle reinsetzen. Für mich als Tester von Freizeitparks und Indoor-Attraktionen stellte sich natürlich die Frage, wie man mit mir als blinden Besucher, ohne sehende Begleitung, wohl umgehen würde?

Ich sollte jedoch nicht enttäuscht werden. Während der nächsten drei Stunden führten mich verschiedene Mitarbeiter durch drei der vielen Bereiche der Autostadt (ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle dafür!):

Im Haupthaus befand sich zum Zeitpunkt meines Besuchs die Ausstellung „Autowerk“, in der die verschiedensten Produktionsschritte eines Autos dargestellt wurden. Es ging hier vor allem um die verschiedenen Materialkomponenten und Verarbeitungsschritte, die ein Auto durchläuft. Alles kann uneingeschränkt angefasst werden und die Mitarbeiter vor Ort stehen für weitere Fragen Rede und Antwort. Ist mal keiner zugegen, informieren kleine Displays über die jeweils gezeigten Produktionsschritte.

Im Porsche-Haus konnte man sich über die Marke sowie über aktuelle Modelle informieren. Drei der aktuell produzierten Modelle konnten auch vor Ort bestaunt und in gewisser Weise getestet werden, denn zwei der Modelle waren offen und man wurde aufgefordert, einmal in den sehr luxuriösen Sitzen Platz zu nehmen. Die Mitarbeiter vor Ort informierten über die zahlreichen Extras eines solchen Autos z. B. über die mögliche Ausstattung eines Soundsystems mit 16 Lautsprechern. Wer sich vom Klang überzeugen möchte, fragt einfach nach. Es gibt Demo-CDs, die von den Mitarbeitern gerne eingelegt und aufgedreht werden – natürlich nur bei geschlossenen Fenstern bzw. Verdeck. 😉

Auf dem Weg zur letzten Station meines kleinen Autostadt-Besuchs, konnte ich mich noch von der ebenfalls grandiosen Akustik vor dem Porsche-Haus überzeugen. Eine sechs Meter hohe Dachkonstruktion sorgt für ein Echo, welches im Sommer auch gern für Konzerte bzw. für die Wasserspiele, welche ebenfalls von Musik begleitet werden, genutzt wird und somit ein noch tolleres Klangerlebnis sorgt.

Letzte, jedoch auch zeitintensivste Station war das Zeithaus. Hier findet man auf fünf Ebenen verschiedenste Automodelle, sowohl aus den Anfängen der Auto-Ära bis hin zu eher neueren Modellen und Prototypen. Auch hier konnte ich alle Modelle ausgiebig anfassen, bekam sehr gute Erläuterungen und erhielt auch die Möglichkeit, quasi einen kurzen Blick ins Innere von zwei/drei Modellen zu bekommen. Für den Filmfan lohnt der Besuch zudem, denn auch in der Autostadt findet man einen Delorean mit den aufklappbaren Türen, welchen viele sicherlich aus dem Film „Zurück in die Zukunft“ kennen werden.

Nach drei Stunden Autokunde ging es für mich noch zur allerletzten Station meines Stadtrundganges. Ich wollte unbedingt noch zum Schloss. Da ich mir jedoch vorstellen konnte, dass sich zu der Zeit nicht mehr so viele Leute dort hin verirren würden, die ich hätte nach dem richtigen Weg fragen können, fragte ich Birte und Martin, mit denen ich mich am Nachmittag ja treffen wollte, ob sie nicht Lust hätten, mich zu begleiten. Wir verabredeten uns an der Autostadt und fuhren gemeinsam zum Schloss.

Das Wolfsburger Schloss wird seit Jahren nicht mehr bewohnt. Für besondere Anlässe und Empfänge und für Ausstellungen wird es derzeit noch genutzt. Das Stadtmuseum hat hier ebenfalls seinen Platz gefunden und auch eine Außenstelle des Standesamtes befindet sich im Schloss. Das Schloss ist von einer Parkanlage umgeben, nicht unweit davon befindet sich ein Barockgarten, der visuell ansprechend gestaltet ist, jedoch wirkten die akkurat quaderförmig geschnittenen Hecken und Bäume auf mich eher unnatürlich klobig (was leider auf meinen Bildern nicht ganz zu sehen ist). Dass man am bzw. im Schloss sich das Ja-Wort geben kann, hatte ich schon erwähnt. Wer seine Liebe und die feste Bindung noch symbolisch zum Ausdruck bringen möchte, findet auch in Wolfsburg die Möglichkeit, sich durch ein Liebesschloss an einem Brückengeländer zu verewigen – etwas, das ich bislang nur aus Hamburg oder Köln kannte. Echt eine passende Entdeckung, dachte ich, welche eine Brücke zu Hamburg schlägt, denn mit dem kleinen Rundgang durch den Schlosspark endete auch schon fast ein für mich sehr informativer und toller Tag in Wolfsburg, denn ich fuhr am Abend wieder zurück nach Hamburg.

Fazit oder: Einmal Zurück in die Vergangenheit

Wenn man sonst einen Reisebericht liest oder sogar schreibt, fässt man ja im Schlusswort immer noch einmal die Reise zusammen, lässt sie Revue passieren und bringt zum Ausdruck, wie toll oder grauenvoll der Trip eigentlich gewesen war. Da dies gängige Praxis ist, wird es Zeit, einmal ein wenig von der Norm abzuweichen. Ein Fazit bedeutet oft auch, einen Ausblick zu geben auf zukünftige Dinge – warum nicht einmal zum Schluss zurückblicken?

Wie ich eingangs erwähnte wurde ich in Wolfsburg geboren und habe dort auch einen Teil meiner Kindheit verbracht. Meine ersten fünf Jahre verbrachte ich in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Friedrich-Ebert-Straße, bevor meine Eltern 1989 begannen, das Haus meiner Uroma in Heiligendorf zu sanieren und auszubauen. Es war ein altes Bauernhaus gewesen und ich kann mich noch vage an den großen Umbau erinnern. Dinge, die ich aus dem alten Haus noch kannte, konnte ich ja bei meiner „Wohnungsbesichtigung“ der Museumswohnung wiederentdecken. Und diese Sachen wecken Erinnerungen, denn der alte, massive Küchenschrank mit eben den Fensterchen und der Papierauslage im Innern, stand bis zum Tod meiner Uroma noch in ihrer Küche.

Ich besuchte den Kindergarten am Emmaus-Heim (gibt es den eigentlich noch?). Dadurch, dass der Kindergarten direkt an das Altenheim grenzte, waren wir auch oft zu Gast bei den dortigen Bewohnern. Oft, wenn jemand Geburtstag hatte, schauten wir vorbei, überbrachten unsere Glückwünsche, sangen ein Geburtstagsständchen und forderten das Geburtstagskind auf, die mitgebrachte Kerze auszupusten und sich etwas zu wünschen…

Doch vorerst wieder zurück zum erlebten Stadtrundgang, denn auch an weiteren Stellen dieses Stadtrundganges kamen Kindheitserinnerungen wieder hoch. Angefangen bei den Wölfen in der Fußgängerzone. Diese waren bei mir schon fast in Vergessenheit geraten, bis ich vor einigen Jahren bei einem Stadtbesuch mit Freunden diese quasi wiederentdeckte.

Ich erinnere mich auch noch an die Zeit, als es beim Pfauenbrunnen noch Hertie gab. Ob da damals schon ein Brunnen plätscherte, weiß ich nicht mehr. Doch an Hertie kann ich mich noch sehr gut erinnern, war es doch oftmals erste Anlaufstelle, wenn man etwas besorgen wollte. Später, als es Hertie nicht mehr gab und man Teile des Gebäudes abriss, entstand dort eine Markthalle, welche jedoch wohl von den Wolfsburgern nicht groß angenommen wurde. Heute ist, wie gesagt, ein Jugendtreff in der Markthalle zu finden.

Als es die City Galerie noch nicht gab, befand sich dort nicht nur das alte Fernmeldeamt, sondern auch das Hauptpostamt der Stadt. Damals begegneten sich Postbeamte und Kunden noch nicht auf Augenhöhe, so wie es heute ja üblich ist. Die Mitarbeiter saßen hinter einer Glasscheibe, so wie man es an den Kassenschaltern vieler Bankfilialen ja heute noch vorfindet.

Nicht weit von der alten Post entfernt, dort wo heute Müller ist, gab es Herda – vielleicht erinnert sich der eine oder die andere auch noch daran. Ein weiteres Geschäft, dessen ursprüngliche Lage ich jedoch nicht mehr weiß, hieß Kaufhalle, mit einer Lebensmittelabteilung im Keller.

Und wieder unweit von Müller & co entstand Anfang der 1990er Jahre Wolfsburgs erstes Einkaufscentrum, das sog. Südkopf-Center, welches spätestens durch die City Galerie an Anziehungskraft verlor.

Aber auch in der jüngeren Stadtentwicklung hat sich einiges getan. Bleiben wir zunächst noch bei den Geschäften in der Innenstadt. Dort, wo neben der Post jetzt Woolworth und Kik ihren neuen Platz gefunden haben, gab es zuvor Multistore, auch so eine Art Hertie-Karstadt-Verschnitt. Woolworth befand sich bis – ich glaube – Ende der 1990er Jahre noch an einem völlig anderen Ort in der Innenstadt.

Ca. zehn Gehminuten entfernt, genauer am Bahnhof der Stadt, hat sich in den letzten zehn Jahren auch vieles verändert. Ob nun der oben erwähnte L’Emigrante, das Phaeno oder das Cinemaxx. Der Bereich rund um den Bahnhof wurde so ungemein aufgewertet. Wer jetzt nach 20:00 Uhr mit dem Zug ankommt, findet nun auch vor Ort noch Möglichkeiten, einen kleinen Imbiss zu sich zu nehmen und die Autofahrer, die den Ankömmling gerne abholen wollen, verfluchen nun das höhere Verkehrsaufkommen und die immer knappen Parkplätze. Früher in den 1990ern gab es hier noch die Bahnhofskneipe, die jedoch den Umstrukturierungs- und Umbaumaßnahmen zum Opfer fiel.

Neu hinzugekommen ist die Piazza Italia mit ihren zahlreichen italienischen Cafés. Wenn man so will, ist diese Straße eine weitere Hommage an die zahlreichen, italienischen Gastarbeiter, welche früher nach Wolfsburg kamen und dann in dieser Stadt verwurzelten.

Und außerhalb der Stadt? An entstandenen oder verschwundenen Geschäften kann man immer recht gut die (Ver)Änderungen einer Stadt erkennen. Gab es auf den Dörfern – wenn überhaupt – früher nur wenige Läden, oftmals waren es die typischen Kaufmannsläden und vielleicht noch eine Schlachterei, tummeln sich auch in den Außenbezirken inzwischen die Discounter. Seinen Wochenend-Großeinkauf erledigte man früher bei Plaza, später Walmart, heute Real in Nordsteimke. Heute braucht man von Heiligendorf gar nicht mehr so weit zu fahren. Aber diese Entwicklung ist nur all zu logisch, wuchsen doch die Dörfer wie Heiligendorf in den letzten Jahren rasant.

Nicht nur Geschäfte mussten weichen, auch Traditionen kommen und gehen. So lange ich zurückdenken kann, findet immer in der Woche um Himmelfahrt das Schützen- und Volksfest statt. In meiner Kindheit gab es zudem noch ein kleines Oktoberfest in der Stadt, seit wann es dies jedoch nicht mehr gibt, weiß ich nicht mehr. Auf den Dörfern scheinen solche traditionsreichen Veranstaltungen immer mehr zu verschwinden. So soll in Heiligendorf dieses Jahr wohl das letzte Schützenfest stattfinden.

Dinge kommen und gehen. Wenn man die Stadt erkundet, in der man aufwuchs, merkt man dies mehr als deutlich. Mehr noch, als wenn man nur einmal zu Besuch bei Eltern, Verwandten oder Freunden ist.


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