Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb

Tag 2: Erste Erkundungstour

Sonntag, 15.04.2018

Tagesnavigator

In der Jugendherberge, welche sich inmitten einer kleinen Fußgängerzone im 2. Stock eines Altbaus befindet, angekommen, teilte man mir mit, dass mein Zimmer für die zwei Nächte zur Zeit noch nicht frei wäre. Checkout wäre bis 12:00 Uhr, ich könne aber gern mein Gepäck hier lassen, Tee oder Kaffee trinken und wenn ich mich ausruhen wolle, ein anderes, freies Mehrbettzimmer nutzen. Wie gesagt war ich über den müden Punkt bereits hinweg, so entschied ich mich für einen heißen Tee und nutzte die Zeit, bei Carmen, der Rezeptionistin, erste Erkundigungen einzuholen.

Mit der erste und auch wichtigste Bestandteil meiner Reisen sind geführte Stadtrundgänge. Hier bekommt man einen kleinen, ersten Überblick über die Innenstadt, über Sehenswertes, gegebenenfalls auch über gute Lokale und weitere Dinge, die für den Aufenthalt wichtig sein könnten – je länger eine solche Tour geht, umso besser. Bustouren finde ich hingegen eher langweilig, hier bekomme ich so gut wie nichts von der Umgebung, von den Geräuschen, von der Atmosphäre im allgemeinen mit. Es ist ein Stück weit wie Reiseführer als Hörbuch hören, nur dass hier jemand quasi live „vorliest“.

Auch in Belgrad werden täglich die sogenannten „Free Tours“ angeboten, das bedeutet, dass die Führungen umsonst sind, man jedoch einen frei wählbaren Betrag am Ende seinem Tourguide geben kann. Um 10:30 Uhr hätte die Tour starten sollen, gemeinsam mit Carmen, die inzwischen auch von meinem journalistischen Vorhaben, über meine Reiseerlebnisse zu berichten, wusste, überlegte ich, ob nicht eine individuelle Einzelführung für mich besser wäre? So könnte ich gleich an jeweiliger Ort und Stelle Fotos und Videos machen und müsse nicht jeden Ort gegebenenfalls noch mal besuchen. In einer großen Gruppe – so auch meine bisherigen Erfahrungen – bleibt oftmals leider nicht die nötige Zeit hierfür. Und so riefen wir im Büro von Free Tours an, erfuhren dort jedoch, dass erst für den Folgetag ein Tourguide für mich zur Verfügung stand: Kostenpunkt 25 Euro pro Stunde, Mindestbuchungsdauer zwei Stunden. Auf dem ersten Blick klang dies viel, andererseits wäre dies, wie gesagt, eine einmalige Gelegenheit, die Stadt nach meinen Bedürfnissen kennenzulernen und nach Herzenslust Aufnahmen zu machen – so der Guide sich darauf einlassen und nicht nur sein Standardprogramm abspulen würde… Naja, wir werden es ja sehen, dachte ich und willigte ein. Die Tour würde somit Montag um 10:00 Uhr starten – perfekt.

Und nun? Einerseits war ich voller Tatendrang, andererseits dachte ich mir, ich habe so viel Zeit in den dreieinhalb Tagen, dass ich es auch durchaus etwas ruhiger angehen lassen kann. Und so setzte ich mich in den Aufenthaltsraum und tippte meine Erlebnisse des Vortages in meinen Laptop, unterhielt mich mit zwei Gästen aus Deutschland und der Schweiz und bezog gegen 11:00 Uhr mein Zimmerchen – ein Doppelbett, rechts und links gleich die Wand, ein schmaler Schrank in der Ecke, einen Hocker, eine Garderobe und zwei große, alte Fenster. Das Bad befand sich direkt nebenan. Klein, spartanisch, aber gemütlich!

Nach einer erfrischenden Dusche (an Auspacken war aufgrund des Platzmangels nicht wirklich zu denken) ging ich zurück an die Rezeption. Ich wollte wissen, welche Orte ich heute besuchen könnte, die vielleicht auch nicht in der Stadtführung enthalten sein könnten? Wir wurden schnell fündig: Sveti Sava, die größte orthodoxe Kirche Europas, welche gerade mal zehn Jahre jung und immer noch nicht fertig gebaut ist, war mein erstes Ziel. Ich ließ mir von Carmen und Marc, einem anderen Gast, grob den Weg beschreiben und zog von dannen.

Da mein Magen seit gestern nichts mehr zu Essen bekommen hatte und sich bereits auch zu Wort meldete, beschloss ich, mich zuvor noch nach einem Café oder Bistro zu erkundigen. Ich wollte eigentlich Pljeskavica, eine Art Hamburger, probieren, landete am Ende jedoch in einem Laden, welcher fast ausschließlich Cevapcici anbot, welche sehr köstlich waren.

Anders, als es mir Marc und Carmen beschrieben hatten, fuhr ich dann mit dem Bus weiter in Richtung Kirche. Der Fahrer teilte mir beim Einsteigen mit, ich solle drei Stationen fahren. Als ich eine Fahrkarte kaufen wollte, lehnte er ab und meinte, ich solle mich hinsetzen – hoffentlich würden es die Kontrollöre, welche häufig in Bus und Tram anzutreffen sein sollen, auch so locker sehen, hoffte ich. An der dritten Haltestelle stieg ich aus. Mir wurde jedoch von einer Passantin dann mitgeteilt, ich hätte eine Station weiterfahren müssen, da hätte der Fahrer mich falsch informiert. Sie bot mir an, mich zu einer anderen Tram- und Bushaltestelle zu begleiten, von hier aus könne ich jede Linie nehmen, um zur Kirche zu gelangen. Gesagt, getan. Eine Station (oder rund zehn Minuten) später stand ich an einer stark befahrenen Kreuzung. Von einer vorherigen Straßenüberquerung wusste ich, dass man, sofern keine Ampel vorhanden ist, einfach laufen muss. Es gibt immer eine Art Machtspiel zwischen Autofahrern und Fußgängern: Wenn man nicht einfach geht, kommt man nie hinüber, denn anhalten tun die wenigsten. Hier verhielt es sich jedoch etwas anders, an der Kreuzung befand sich eine Ampelanlage, jedoch ohne akustische Signale. Zwei Passanten halfen mir auch hier bereitwillig weiter und unterstützten sich dabei gegenseitig mit ihren Englischkenntnissen. Man brachte mich noch auf den richtigen Weg und verabschiedete sich.

Die Kirche ist von einem großzügig und schön angelegten Park mit Springbrunnen, Bänken und Spielplätzen umgeben. Zur Zeit fand hier ein kleines Osterfest statt und es wurden Leckereien und handgemachte Souvenirs in kleinen Buden verkauft. Nach einem kleinen Nachtisch (es gab Donuts) erkundigte ich mich nach dem Eingang zur Kirche. Eine der Budenbesitzerin, die wohl Lust auf eine kleine Pause gehabt hatte, führte mich zum Eingangsportal, aus dem uns schon lauter Baustellenlärm entgegen schallte. Wir gingen hinein, ich fotografierte ein wenig und verließ schnell wieder diesen heiligen, jedoch sehr lauten Ort.

Bild 1 Bild 2

Auf dem Weg zurück zur Straße erkundigte ich mich bei der Budenbesitzerin, was man heute noch so unternehmen könne? Sie hielt kurzerhand an und fragte vorbeilaufende Passanten, was sie empfehlen würden? Ihr fiele spontan nichts ein. Und so fuhr ich nach einigen Minuten weiter in Richtung Parlamentsgebäude, jedoch nicht, ohne zuvor noch das Monument des Unabhängigkeitskämpfers Karl Georg fotografiert zu haben, welches sich ebenfalls im Park vor der Kathedrale befindet.

Nach meinem kurzen Ausflug zum Parlamentsgebäude, wollte ich noch die sich in der Nähe befindende Haupt-Einkaufsstraße durchqueren, die auch – so meinten es jedoch weitere Leute, die ich auf meinem Weg traf – auch am Sonntag sehr gut besucht sein soll: die Knez Mihailova. Hier finden sich zahlreiche Läden namhafter Ketten sowie weitere Shops mit Souvenire, Wechselstuben etc. Ich wollte etwas Geld tauschen und erkundigte mich auf dem Weg dorthin nach einer Wechselstube, die mir von zwei Touris aus Stuttgart auch gezeigt wurde. Jedoch wurde ich im Gebäudeinneren etwas fehlgeleitet und landete in einem leicht verrauchten Foyer. Zwei Mitarbeiter, möglicherweise Securities, sprachen mich sogleich an, was ich hier denn suche? Ich wolle Geld tauschen, antwortete ich. Nur tauschen oder auch spielen? – war die Gegenfrage der beiden. So so, in einer Spielbank war ich also gelandet; nicht das, was ich eigentlich wollte. 😉 Sie führten mich jedoch zum Wechselschalter und erklärten mir anschließend noch den weiteren Weg in die Fußgängerzone.

Die Atmosphäre in dieser Straße ist beeindruckend. Es hört sich an, als wäre ein Großteil überdacht. Dies ist jedoch – so denke ich – eher der engen Straße geschuldet. Aus zahlreichen Lautsprechern der Shops dröhnte Musik, viele Menschen waren unterwegs, Straßenmusiker gaben ihr Bestes. Jetzt sich in ein Café setzen, etwas Trinken und einfach nur dieses Treiben auf sich wirken lassen – dachte ich. Falsch gedacht, denn weit und breit war kein Café in Sicht. Jemand sagte mir, ich solle in den Nebenstraßen schauen, dort würde ich eher fündig werden – was letzten Endes auch stimmte. Als ich jedoch nach einer Cola zurück auf die Knez Mihailova zurückkehrte, fand ich wenige Schritte vor mir was? Na klar, ein Café! Egal, ich würde noch genügend Möglichkeiten haben, hier her zu kommen. Und so entschied ich, die Straße bis zur Festung zu Ende zu laufen, um dann mit einem Taxi zum Hostel zurück zu fahren.

Knez Mihailova

Atmo-Aufnahme: Knez Mihailova

Ein Taxi war schnell gefunden. In Serbien wird der Fahrtpreis zuvor mit dem Fahrer ausgehandelt. Die Fahrt hätte mich 15 Euro kosten sollen, Sonntagstarif. Ich meinte nur, dass ich 7 Euro hätte (umgerechnet 500 Dinar), mehr nicht. Der Fahrer willigte ohne weitere Verhandlungen ein und fuhr mich zur Skadarska zurück, der kleinen, wenn auch durchaus charmanten Fußgängerzone, in der sich mein Hostel befand.

Nach einer Verschnaufspause folgte ich den Geräuschen von unten und dem Duft nach Gegrilltem, welcher durch das offene Zimmerfenster zog. Ich landete in einem kleinen Restaurant, in dem gerade einige Straßenmusiker ein wenig volkloristische Musik spielten und unter den Einheimischen für viel Stimmung sorgten. Leider hatte ich weder Aufnahmegerät noch Kamera dabei, was mich schon etwas ärgerte. Naja, man kann nicht alles haben, außerdem war ich ja zum Essen hier. 😉 Zu Essen gab es Lamm mit Backkartoffeln, zuvor einen schmackhaften Salat – ich, der ich eher dem Fleisch als dem Gemüse oder Salat zugetan bin, muss sagen, dass ich schon lange nicht mehr so gutes und leckeres Gemüse gegessen habe! So schmackhaft das Essen war, so gesalzen war die Rechnung. Aus Gesprächen mit Arbeitskollegen, die in Serbien oder Bosnien geboren sind, wusste ich, dass Essen in Belgrad nicht teuer ist. 20 Euro jedoch (inkl. Getränk) ist ein Preis, den in Deutschland nicht unüblich ist – dies hätte hier nicht sein müssen. Aber das passiert, wenn man gleich ins erstbeste Lokal marschiert. Egal, es ist Urlaub… und außerdem: geschmeckt hat es ja auch!

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