Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb

Tag 5: Auf nach Sarajevo

Mittwoch, 18.04.2018

Tagesnavigator

An diesem Morgen wachte ich noch vor dem Wecker auf und beschloss, die letzte halbe Stunde nicht im Bett zu verbringen. Ich kramte die Sachen zusammen, die ich mit ins Bad nehmen wollte und stutzte – von draußen war ein tiefes, lautes Geräusch zu hören, welches sich schnell als Schnarchen herausstellte. 😉 Ich öffnete die Tür und betrat den Flur bzw. Aufenthaltsraum. Irgendwer schnarchte scheinbar auf dem Sofa friedlich vor sich hin. Leider wurde er durch mich etwas unsanft geweckt, denn auf dem Weg ins Bad rempelte ich zwei im Weg stehende Stühle an. Der Sofaschläfer entpuppte sich als der Rezeptionist der Nachtschicht, den ich durch mein Poltern aufgeschreckt hatte. Er ließ sich jedoch – vorerst – durch mich nicht beirren und schlummerte nach wenigen Minuten weiter. Den endgültigen Weckruf erhielt er jedoch von meinem Taxifahrer. Es wurde gestern zwar mein Direkttransfer nach Sarajevo gebucht, dabei jedoch vergessen, den Transfer zum Busbahnhof zu canceln. Der Fahrer stand unten vor der Tür und wartete. Als ich die Dusche verließ, trieb mich der Rezeptionist etwas zur Eile – oder sollte ich etwa die Abfahrtzeit verpeilt haben? Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die Fahrt zum Busbahnhof nicht abgesagt wurde.

Unten angekommen, klärte sich dies jedoch schnell auf, der Fahrer nahm es gelassen und rief seinen Kollegen an, welcher mich (und zwei weitere Fahrgäste) nach Sarajevo fahren sollte.

Um 8:00 Uhr fuhren wir pünktlich ab und sammelten unterwegs noch zwei weitere Fahrgäste ein, welche nach Sarajevo bzw. in ein Örtchen ca. 60 KM vor Sarajevo raus gelassen werden wollten. Wie sich herausstellte, sprachen weder der Fahrer noch die anderen beiden Englisch – dachte ich.

Kurz hinter der Serbisch-Bosnischen Grenze hielten wir an einem Rastplatz, um uns etwas die Beine zu vertreten und etwas zu trinken. Ich saß die ganze Zeit hinten. Da sowohl der Fahrer als auch der Beifahrer lange Lulatsche waren, waren die Sitze entsprechend weit nach hinten gerückt, so dass uns hinten Sitzenden wenig Beinfreiheit blieb.

Im Gastraum der Raststätte stellte sich heraus, dass einer meiner Mitfahrer doch Englisch sprach, schließlich hatte er über 20 Jahre in Miami gelebt. Nachdem seine Frau sich scheiden ließ, kehrte er allein in seine Heimat zurück und ließ (Ex-)Frau und Kinder in den USA.

Er erzählte mir, er sei auch des Öfteren in Deutschland gewesen, auch in Hamburg. Den HSV mochte er nicht, dafür jedoch Sankt Pauli. HSV würde diese Saison definitiv absteigen, meinte er abschließend. Ich erzählte ihm, dass ich vorhätte, das Spiel meiner Geburtsstadt Wolfsburg gegen Hamburg anzuschauen. Sein knappes Urteil, Wolfsburg würde in der 1. Liga bleiben. Damit war für ihn das Thema Fußball erledigt.

Nach einer halben Stunde Pause ging es weiter in Richtung Sarajevo. Drei Stunden sollte es noch dauern, bis wir bei meinem neugebuchten Hostel ankommen würden, wurde mir prognostiziert. Und bei der Fahrweise des Fahrers konnten wir diese Vorhersage auch gut einhalten! Die Strecke war teils voll mit Schlaglöchern und ähnelte eher einer Achterbahnfahrt, so viele Kurven galt es zu überwinden. Im teils halsbrecherischem Tempo jagte der Fahrer durch die teils sehr engen Kurven und das eine und andere Mal setzte der Wagen bei einem Schlagloch auch kurz auf.

Dennoch kam ich heil und unbeschadet am Hostel in Sarajevo an und wurde, genau wie auch schon in Belgrad, mit einer Herzlichkeit empfangen und aufgenommen, die an vielen Orten ihresgleichen sucht!

Armina, die Rezeptionistin in der Tagschicht, zeigte mir grob mein Zimmer, WC und Aufenthaltsraum. Das Zimmer war interessant aufgebaut: Auf der rechten Seite befanden sich recht geräumige, abschließbare Schränke, auf der linken Seite die Abteilartig angeordneten Etagenbetten. Alles war so gestaltet, dass eine gewisse Privatsphäre und Ruhe während der Nacht, trotz der Größe des Raumes, gewährleistet war.

Ich stellte meinen Koffer in mein „Schlafabteil“ und kehrte an die Rezeption zurück. Armina war sehr neugierig und wollte viel über mich, meine Reise, meine Arbeit als Journalist und Videoblogger wissen. Leider wurde ihr durch ständiges Tür- und Telefonklingeln ein Strich durch die Rechnung gemacht.

Auch in Sarajevo wollte ich meinen Aufenthalt mit einem geführten Stadtrundgang beginnen. Ich hatte Glück. Alen, Ein Tourguide stand am späten Nachmittag für eine anderthalbstündige Führung durch die Altstadt zur Verfügung! Und so ging es auf eine Erkundungs- und Sightseeing-Tour, welche die wichtigsten Points of Interest beinhaltete wie den Bašcaršija-Platz, den Uhrenturm mit der ältesten Bäckerei, die Franziskanerkirche, zwei große Moscheen und viele alte Gebäude. Ich glaube, ich habe noch nie so viele Häuserfassaden, Türen und Fenster während einer Stadtführung angefasst wie dieses Mal. Jedoch glaube ich auch, dass es bisher auch noch nie architektonisch so vielfältig war, wie hier in Sarajevo. Die Führung war so gestaltet, dass mir immer im Gehen alle wichtigen Infos zum vorherigen bzw. nächsten Haltepunkt gegeben wurden. Eigentlich wollte ich, wie auch schon in Belgrad, die Tour filmen, was sich hier jedoch als schwieriger erwies. Dafür entstanden hier mehr Bilder als in Belgrad.

Atmo-Aufnahme: Ferhadija (Fußgängerzone)

Einen Zwischenstopp legten wir auch beim ältesten Hamam ein. Ein Türkisches Bad wollte ich schon immer mal ausprobieren und so buchte ich einen Termin für den kommenden Freitag, inklusive einer Massage. Badesachen, Handtücher etc. würden vom Hamam gestellt und seien im Preis inbegriffen, teilte mir der nette Herr am Empfang auf Englisch mit.

Nach rund eineinhalb Stunden endete die Tour wieder am Hostel, welches sich übrigens in der kürzesten Straße Sarajevo befand. Ich erkundigte mich nach einem guten, Bosnischen Restaurant und wurde auch sogleich zu einem guten Lokal, nur wenige Gehminuten vom Hostel entfernt, geführt.

Nach einem Bosnischen Gericht, eine Art Eintopf mit Kohl, Rindfleisch, Kartoffeln und weiterem Gemüse nebst leckerem, frischen Brot, bot mir der Kellner an, mich zurück zum Hostel zu führen. Dieses Angebot nahm ich gerne an und öffnete um 19:30 die Türen zu meiner neuen Kurzzeitbehausung. Aus dem Aufenthaltsraum waren laute Stimmen und Gelächter zu hören. Ich holte meinen Laptop aus meinem Koffer und setzte mich zu einigen Rucksacktouristen aus den USA, Bosnien und Portugal dazu und tippte meinen Bericht des Tages. Am nächsten Tag stand ein für mich besonderes Highlight auf dem Programm. Ich war verabredet mit dem Direktor des hiesigen Blindenvereines, da ich mich ein wenig über das Leben und den Alltag blinder Menschen in Sarajevo informieren wollte. Vielleicht würde ich sogar die Möglichkeit haben, mir die hiesige Blindenschule anzuschauen…


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