Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb

Tag 8: Letzter Tag in Sarajevo, teils voller Emotionen

Samstag, 21.04.2018

Tagesnavigator

Bevor es an diesem Tag auf eine kleine Sightseeing- und Museumstour gehen würde, stand zunächst einmal Koffer packen auf dem Programm. Nachdem ich dies erledigt und auch die am Vortag gekauften Mitbringsel sicher verstaut hatte, checkte ich bereits aus und ließ jedoch meinen Koffer an der Rezeption. Da mein Bus nach Zagreb erst um 22:00 Uhr abfahren würde, wollte ich ihn eine Stunde vorher abholen und mich dann mit einem Taxi zum Busbahnhof bringen lassen.

Erste Station meiner heutigen Tour war das Tunnelmuseum („Tunnel of Hope“), ein Versorgungstunnel, welcher während des Jugoslavienkrieges den Bewohnern ermöglichte, Menschen und Güter in bestimmte, abgeschottete Bereiche der Stadt zu transportieren. Das Museum liegt etwas außerhalb und ist mit Tram und anschließender Taxifahrt gut zu erreichen. Zwar sprechen nur wenige Taxifahrer Englisch, geschweige denn Deutsch, aber der „Tunnel“ sollte jedem Taxifahrer ein Begriff sein.

Das Museum war an diesem Morgen sehr gut besucht. Die Sonne schien und mit 22°C war es zudem angenehm warm. Auf dem Museumsgelände erfährt der Besucher viel über die Situation in Sarajevo während des KRIEGES; ÜBER DIE ENTSTEHUNG UND DEN BAU DES TUNNELS SOWIE AUCH ÜBER DIE Menschen, die beim Bau des Tunnels, als auch bei ihrer Flucht durch selbigen umgekommen waren. Highlight dürfte jedoch ein verbliebenes Stück des Tunnels sein, welches begebar ist. Das Tunnelstück ist ca. 25 M lang, 1,60 M hoch sowie 1 M breit – nichts also für Menschen mit Platzangst. Mit dem Hintergrundwissen, welches mir durch eine Mitarbeiterin bereitwillig vermittelt wurde, war der Gang durch den Tunnel schon eine besondere Erfahrung.

Nach dem Besuch des Tunnels fuhr ich mit Taxi und Tram zurück zum Bascarsijaplatz. Der Taxifahrer verlangte für die Fahrt kein Geld und half mir bei der Tramstation, ein Ticket zu kaufen und durch das Drehkreuz in die gerade einfahrende Tram zu kommen. Nach rund 35-minütiger Fahrt kam ich wieder im Stadtzentrum an.

Atmo-Aufnahme: Tram in Sarajevo

In einem Café trank ich eine Kleinigkeit. Hinter mir spielte ein kleiner Junge mit seinem Spielzeuggewehr, welches auch authentische Geräusche von sich gab. Von vielen der umhersitzenden Erwachsenen, die er spielerisch erschoss, wurde er eher belächelt. Von den Stimmen und den Reaktionen zu urteilen, regte sich kaum jemand über das kindliche Spiel auf – auf eine Art faszinierend, gerade hier, wo der Krieg noch nicht so lang her ist, hätte ich eine andere Reaktion erwartet. Aber dies ist sicher auch nur wieder Klischeedenken, gerade auch, weil bei uns in Deutschland viele Eltern derartiges Spiel garen gar nicht mehr zulassen würden.

Nichts desto trotz gingen mir die sich ewig wiederholenden Geräusche des scheinbar nimmer müden Schützen irgendwann auf den Senkel und ich entschied mich für einen Ortswechsel. Ich wollte die große Moschee besichtigen, welche sich in der Fußgängerzone befindet. Ich kam jedoch zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn es war Zeit für das mittagliche Gebet und so entschied ich mich, in der Nähe der Moschee zu warten und lauschte einfach nur dem Treiben auf der Straße sowie der Bosnischen Popmusik, welche mir aus Lautsprechern aus einer Schischabar entgegenschallte.

Nach einer Dreiviertelstunde etwa begab ich mich erneut zur Moschee. Im Innenhof fragte ich Passanten, ob es so etwas wie eine Information oder dergleichen gäbe? Im Innenhof befand sich auch eine der Touristeninfos der Stadt, wo man mir bereitwillig weiterhalf und mich an einem Mitarbeiter der Moschee vermittelte. Vor Betreten der Moschee wurde ich gebeten, die Schuhe auszuziehen. Das Innere war mit Matten ausgelegt. Es befanden sich außer uns keine weiteren Touristen hier. Während mir der Mitarbeiter ein wenig über die Moschee erzählte, genoss ich jedoch auch für einen Augenblick diese hier herrschende Stille, bevor ich mich wieder nach draußen begab, meine Schuhe anzog und mich bei meinem Moscheeführer für den kurzen Einblick bedankte.

Und nun? Bis zu meiner Abfahrt zum Busbahnhof waren es immer noch mehrere Stunden, die es zu füllen galt. Ich beschloss, zurück zum Hostel zu gehen und Armina zu fragen, ob sie noch eine Empfehlung für mich hätte? Die Empfehlung kam prompt. Das „Museum of War Childhood“, eine noch recht junge Ausstellung, von der ich auch in den Berichten Auf Wikitravel oder Wikivoyage noch nichts gelesen hatte.

Auf dem Weg dorthin war ich froh, mir für die Reise einen günstigen Blindenstock besorgt zu haben. Ein auf dem Bürgersteig parkendes Auto fuhr, als ich an ihm vorbei ging, ohne Rücksicht los und verbog mir somit ein wenig den Stock. Ein Passant, den ich zuvor nach dem Weg zum Museum gefragt hatte, versuchte, den Stock ein wenig zu begradigen, was ihm nur bedingt gelang.

Das „Museum of War Childhood“ beinhaltet über 50 Ausstellungsstücke, welche von Menschen gespendet wurden, die ein Stück ihrer Kindheit während des Krieges verbracht haben. Es sind Erinnerungsstücke, an eine Situation, einen vermissten oder verlorenen Menschen, an traurige Momente oder Lichtblicke. Zu jedem Gegenstand gibt es eine kleine Geschichte. Wer nicht lesen möchte, kann sich am Empfang einen Audioguide abholen und die Texte auf Bosnisch oder Englisch hören. Blinde Besucher sollten sich jedoch unbedingt begleiten lassen, um die einzelnen Stücke beschrieben zu bekommen; außerdem ist der Audioguide blind nicht Bbedienbar

Es waren für mich sehr bewegende zwei Stunden, die ich in diesem Museum verbrachte. Ein sehr emotionales Ende einer Reiseetappe sozusagen…

Nach Besuch dieser Ausstellung brachten mich die beiden Mitarbeiter noch zurück in Richtung meines Hostels, zeigten mir ein Restaurant in der Nähe und verabschiedeten sich in den wohlverdienten Feierabend.

Nach einem kleinen Abendsnack kehrte ich zum Hostel zurück. Auf dem Weg dorthin traf ich auf Zlatko, welcher gerade mit ein paar Freunden unterwegs war. Er erzählte mir, dass er In einer Rockband spielt und durch verschiedene Touren auch schon in einigen Städten in Deutschland gespielt hat. Sie begleiteten mich bis vor die Haustür und dort gab es ein kleines, wenn auch zur Belustigung aller beitragendes Missverständnis: Ich wusste noch nicht, dass er Zlatko hieß. Vor der Tür stellte er sich mir erst vor: „I am Zlatko“. Ich antwortete, „Nice to meet you, I am Christian“. Natürlich hätte ich auch „My name is Christian sagen können“, welches für ihn vielleicht etwas unmissverständlicher gewesen wäre, denn er antwortete, leicht überrascht, „Oh no, my mother is moslem“, woraufhin zunächst seine Freunde, dann aber auch er herzhaft zu Lachen anfingen.

Ich hätte mich noch gerne weiter mit ihm und seinen Freunden unterhalten, ein wenig drängte doch die Zeit. Außerdem wollte ich die Gelegenheit nutzen, im Hostel vor der langen Fahrt eine saubere Toilette nutzen zu können und so verabschiedete ich mich und lief die mir inzwischen bekannten Treppen zum Hostel Franz Ferdinand hinauf.

Eine Gruppe Studenten, welche am nächsten Tag abreisen würden und denen ich teilweise am Vortag schon begegnet war, veranstalteten im Aufenthaltsraum eine kleine Party. Man lud mich auf einen Drink ein und gern wäre ich noch länger geblieben. Man kannte mich so gut wie gar nicht, dennoch herrschte auch hier eine Herzlichkeit, die anderswo oftmals ihres Gleichen sucht. Man soll gehen, wenn es am schönsten ist… und so verließ ich gegen 21:15 Uhr die muntere Runde und ließ mich von einem Taxi zum Busbahnhof fahren.

Um zum richtigen Bussteig zu belangen, musste ich zunächst durch das „Bahnhofsgebäude“ durch und stand nach einem Drehkreuz wieder draußen. Gegen 21:50 Uhr fuhr unser Bus ein. Laut den erstaunten Aussagen eines Mitreisenden dieses Mal ein recht moderner und bequemer Bus. Dies konnte ich bestätigen, lediglich die Klimaanlage ließ sich nicht abstellen, was der Busfahrer durch Höherstellen der Heizung auszugleichen versuchte.

Die Fahrkartenkontrolle fand, anders als bei vielen Deutschen Fernbussen, erst im Bus statt. Die Bosnischen Tickets ähneln einer Quittung, der Durchschlag wird abgetrennt und vom Fahrer einbehalten. Mit meinem Onlineticket war er leicht überfordert. Ob ich noch eine Kopie hätte, wollte er wissen. Dies verneinte ich, denn beim Kauf des Tickets gab es keinerlei Hinweis hierauf. Der Fahrer überlegte kurz, riss dann mein Ticket in zwei; eine Hälfte für mich, eine für ihn und das Thema war für ihn somit erledigt.

Pünktlich um 22:00 Uhr verließen wir den Sarajevoer Busbahnhof und rumpelten über die Straßen. Eine richtige Autobahn würde es nicht geben, wurde mir erklärt, weshalb wir eher langsamer vorankamen. Wie schon bei meiner Einreise nach Serbien rund eine Woche zuvor, gab es auch hier wieder zwei Passkontrollen – eine dei der Ausreise aus Bosnien und eine bei der Einreise nach Kroatien, bei der wir alle den Bus verlassen und zu einem Schalter laufen mussten. Die ganze Prozedur dauerte recht lang, da zu dieser nachtschlafenden Zeit sehr viele Autos und andere Busse unterwegs waren. Mit rund einer halben Stunde Verspätung kamen wir in Zagreb an und Edu, mein Taxifahrer, welcher mich zu meiner letzten Unterkunft auf dieser Reise bringen würde, stand schon am Busbahnhof bereit. Der letzte Teil meiner Rundreise konnte also beginnen. Ich würde versuchen, diese Tage noch mehr zu genießen, denn jetzt, wo mehr als die Hälfte der Reise schon rum war, begannen die Tage wieder schneller zu vergehen…

Tagesnavigator


Ein Gedanke zu „Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.