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Gedanken-Gänge XXXI – „Wo ist Ihre Begleitung?“ oder: Über Beschützerinstinkte, die keiner braucht

Viele von uns Menschen mit Behinderung kennen diese Situationen nur zu gut: Man befindet sich irgendwo, ob in einem Restaurant, in einem Laden, in der Bahn, im Konzert, im Kino oder im Schwimmbad und wird (für den nicht Behinderten wie selbstverständlich) nach einer vorhandenen Begleitperson gefragt. Dem „Warum“ dieser Frage auf dem Grund zu gehen ist dabei gar nicht so einfach. Einerseits sind es die vielerseits vorhandenen Selbstunterschätzungen (was wäre, wenn ich jetzt in der Situation wäre?), andererseits das vorhandene Halbwissen über den Schwerbehindertenausweis, seine sog. Merkzeichen und deren Bedeutung.

Was Beschützerinstinkt, Selbstunterschätzung und Überforderung mit der Situation anbelangt, so hilft einem hier häufig nur zu versichern, dass man dieses oder jenes auch alleine schafft. Zeigt sich der andere unbeeindruckt, könnte man auch freundlich hinterfragen, ob er/sie in dieser Situation eine Begleitung dabei haben würde? Doch stößt diese Gegenfrage meist auch wieder auf Unverständnis („Wieso, ich bin ja nicht blind/sitze ja nicht im Rolli etc.“); was aber auch nur wieder zeigt, wie wenig sich viele Menschen tatsächlich mit dem Leben mit Behinderung und den vorhandenen Möglichkeiten auseinandersetzen. Viele, auch unter den Leuten mit Behinderung, argumentieren hier, woher es nicht Betroffene auch besser wissen sollten? Aber sorry, diese Pauschalausrede kann, genau wie die Pauschalforderung nach Begleitung, ebenso getrost an der Kasse zurückgelassen werden.

Spannend ist dabei die Beobachtung, dass – wie bei kleinen Kindern – Anbieter, Betreiber, Supervisoren und teils sogar nur Kassierer immer besser zu wissen glauben, wann, wo, wie und wieviel ich als Gast Begleitung brauche. Und selbst, wenn ich mich in meinem Nutzungswunsch, dieses oder jenes ohne Begleitung tun zu wollen, überschätzen würde, obliegt es am Ende trotzdem weiterhin mir und nicht einer fremden Person, hierüber zu urteilen – ein Wunschtraum, auch noch im einundzwanzigsten Jahrhundert.

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Wenn Freunde und Partner zu Betreuern werden… Ein Kommentar zu einem Aktion Mensch Blogbeitrag von Mirien Carvalho Rodrigues

Einer Leseempfehlung folgend, bin ich heute Morgen auf diesen Beitrag von Mirien Carvalho Rodrigues gestoßen. Die Autorin beschreibt in ihrem Blogbeitrag sehr prägnant, dass in einer Partnerschaft zwischen gehandicapten und nichtgehandicapten Menschen der Partner ohne Handicap in unserer Gesellschaft leider immer noch als Betreuer gesehen wird. So wird die gemeinsame Partnerschaft oftmals eher als Nutzgemeinschaft gesehen und abgewertet, also eher als praktisches Zusammenleben anstatt als erfüllende Beziehung. Mirien Carvalho Rodrigues führt in ihrem Beitrag vor allem auch die Beispiele beim Einkauf an, wo Verkäufer im Beisein des sehenden Partners das Kundengespräch lieber mit diesem führen, anstatt mit der blinden Kundin – wer von uns kennt das nicht auch…

Ein Sehr zutreffender Beitrag, in dem ich mich an so manchen Stellen (als ebenfalls Blinder) wiederfinde.

Aber es muss noch nicht mal der Partner sein! Jeder Sehende, der uns – und wenn nur kurz – begleitet, wird sogleich in die Betreuer-Schublade gepackt. Ob nun ein Freund, mit dem wir einkaufen oder essen gehen oder ein Passant, den wir auf der Straße nach dem Eingang zu einem Geschäft fragen. Immer sind es unsere Begleiter oder Betreuer. Nur warum? Traut man uns auch heute noch wirklich so wenig zu, dass man uns immer einen Dauerbegleiter und -Beschützer an unsere Seite stellen möchte?

Und warum sind viele Menschen oftmals nicht in der Lage, mit uns zu reden, sobald sich jemand Sehendes mit im Raum oder im Zugabteil befindet? Beißen wir? Vermitteln wir wirklich den Eindruck, zerbrechlich und verletzbar zu sein, nur weil man uns eine Frage zu unserem Leben als Gehandicapter stellt?

Mit uns zu reden muss immer noch eine derartige Hürde sein, dass Leute selbst, wenn man sich in ein Gespräch mit einklinkt, betreten schweigen und die Unterhaltung nicht mehr fortsetzen – nur warum?

Wenn mich die ewige Frage, ob der Herr oder die Dame, die mich eben in das Geschäft geführt hat, meine Begleitung oder Betreuung ist und mich auch am Ende wieder abholt, zu sehr nervt, so antworte ich ganz nüchtern und trocken: „Nein, das ist nicht mein Betreuer, das ist mein Bewährungshelfer!“

Jetzt können die Leute wirklich mal betreten schweigen! Manche nehmen es mit Fassung hin, andere wenden sich ab… aber endlich mal nicht, weil ich ’nur‘ blind bin!