Gedanken-Gänge XXV – Endlich wieder Weltmeisterschaft oder: Wir dürfen wieder Deutsch sein

Ab dieser Woche ist es wieder so weit. Wir dürfen endlich wieder Gesicht Zeigen, uns zu unserem Land bekennen und einmal (alle zwei bzw. vier Jahre wieder) patriotisch sein, denn die Fußball-Weltmeisterschaft steht vor der Tür!

Immer auf einer graden Jahreszahl, meist zur Sommerzeit, beginnt sie, die Fußball-Welt- oder -Europameisterschaft. Die Narren und Närrinnen sind in diesen ein/zwei Monaten außer Rand und Band und das bloß nur, weil das Runde in das Eckige muss und einer am Ende verlieren wird?

Aber ist es nicht so? Eine Fußball-Meisterschaft, ob nun EM oder WM, gilt für viele als Ausnahmezustand und sorgt auch für selbigem. Wo man sich tagsüber auf der Arbeit, Abends mit Freunden, am Telefon mit alten Klassenkameraden noch „normal“ unterhalten konnte, herrscht während der sechsten Jahreszeit vieler Orts ein Ausnahmezustand, der von Nicht-WM-Fans nur schwer nachzuvollziehen ist. Wie gebannt sitzt man vor den Fernsehschirmen oder der nächstbesten Großleinwand. Wie hypnotisiert verfolgt man das Geschehen der heimischen Mannschaft und wie beim Karneval trifft man sich nach gewonnenem Spiel auf den Straßen, um ausgelassen zu grölen, zu hupen und zu feiern. Daher darf eine Fußball-Weltmeisterschaft den Vergleich mit der vor allem in westlichen Gefilden so gefeierten Karnevalszeit nicht scheuen. Der Bierkonsum steigt, die Stimmung ist ausgelassener denn je und scheinbar vorhandene Probleme im eigenen Land werden, zumindest für einen kurzen Zeitraum, bei Seite geschoben, sind medial oftmals gar nicht mehr präsent. Denn es gibt viel wichtigeres, über das es sich lohnt zu reden, zu debattieren und zu berichten.

Etwas, das mich, von Mal zu Mal, immer mehr anödet. Nicht, weil ich mich nicht für Fußball begeistern kann, sondern eher wegen des zwanghaften Mitverfolgens und Mitfieberns der Spiele der heimischen Mannschaft. Wer sonst nichts mit dieser Ballsportart am Hut hat, avanciert in dieser Zeit zum Fußballprofi und diskutiert, was das Zeug hält, über die verlorenen oder gewonnenen Spiele.

Denn diese Häuchlerei bedeutet auch, sich einmal, für rund vier Wochen, zu seinem Land bekennen zu können, ja sogar – je nach Fußballleistung – auch Stolz zu sein. Wir dürfen wieder Deutsch sein, dürfen Fahnen vors Fenster hängen oder uns bei einem Deutschlandspiel mit ihnen bemalen, ohne Angst haben zu müssen, gleich sofort in die rechte Ecke gestellt zu werden. Ist die WM vorbei, verschwinden Patriotismus und Nationalstolz wieder, die Fahnen werden für mindestens zwei Jahre eingemottet und frühestens zur nächsten Europameisterschaft, spätestens jedoch erst wieder zur WM 2022, aus der Mottenkiste geholt – es lebe die Doppelmoral.

Es ist hierzulande bei Weitem nicht alles Gold, was glänzt, keine Frage. Und mir missfallen auch viele Dinge, die sich auf der politischen Bühne ereignen, aber darf ich trotzdem – auch außerhalb der WM – nicht mehr Stolz sein auf das Land, in dem ich geboren wurde und in dem ich lebe? Muss ich immer noch mich für alles das mitschämen, was andere Vollpfosten verzapfen bzw. in der Vergangenheit verzapft haben?

Ja, ich muss, sowohl mich schämen, als auch keinen Stolz zeigen. Denn ansonsten werde ich schnell, gerade jetzt, in einer Zeit, wo Ausländerhass wieder immer mehr am Aufkeimen ist, einem politischen Lager zugeordnet – dass ich mich dem definitiv nicht zugehörig fühle, interessiert da am Ende keinen!

Dass wir uns hier wohlfühlen und – vielleicht auch in gewisser Weise – Stolz sind, müssen wir verdrängen. Nur dann, wenn das Geschehen auf der politischen Bühne für vier Wochen einmal unwichtig wird, wenn im entfernten Russland um unsere „Ehre“ gekämpft wird, nur dann können und dürfen wir scheinbar patriotisch sein, wir dürfen einmal Deutscher sein und dieses auch zeigen.

Und bei all dieser Verlogenheit werde ich – so gut es eben geht – die WM versuchen zu boykottieren. Auch, wenn ich inzwischen mit dem generellen Fußballfieber infiziert wurde und mich für Ligaspiele begeistern kann, auch wenn es mich jetzt reizen würde, mal ein Spiel beim „Public Viewing“ mitzuverfolgen – mir missfällt aufs Tiefste dieser krampfhafte Charakter, den eine Fußball-WM immer mehr bekommt. Wir sind dann mal wieder wer, wenn wir gut abschneiden und uns bei der WM in Russland profilieren konnten. Etwas, das man auch bei jüngeren Weltmeisterschaften immer wieder vereinzelt hören konnte. Aber irgendwann ist auch mal der Punkt erreicht, wo wir Jüngeren uns nicht mehr für vor 80 Jahren begangene Fehler schämen und mit verantwortlich machen sollten. Wir sind auch ohne Fußball wieder wer – ansonsten würde man uns in vielen Ländern, die wir bereisen, nicht so herzlich und gastfreundlich empfangen… und das nicht nur wegen des Geldes, das wir bei unserem Urlaub dort lassen.

Denn Deutscher zu sein heißt nicht zwangsläufig, dass wir gleich auch wieder Nazis sind. Wir können auch Stolz sein auf unser Land, auf die vielen, schönen Landschaften, auf den Fortschritt und darauf, dass es uns verdammt nochmal gut geht, trotz all der Scham und Meckerei und das alles auch ohne einer Fußball-Weltmeisterschaft!

Ein – wenn auch gemeiner – Lichtblick ist, dass nach dem letzten Testspiel unserer Mannschaft von vielen Möchtegernprofis eh kein langer Verbleib auf dem Spielfeld prophezeit wird. Dazu würden die derzeitigen Leistungen nicht ausreichen – einerseits zum Glück, denn dann ist der Fußball-Karneval schneller vorüber und die Häuchlerei findet ihr schnelles Ende, andererseits wurden wir vor vier Jahren schon einmal überrascht.


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