Archiv der Kategorie: Artikel und Essays

Was der Gast nicht kennt… oder: Warum wir immer wieder zu den gleichen Liedern tanzen

Seit nunmehr elf Jahren bin ich als mobiler DJ aktiv und unterwegs. Ich begleitete zahlreiche Partys, Events, Hochzeiten, Geburtstage, Gartenpartys, Vereinsjubiläen, Sommerfeste und weitere Events und sorgte für die musikalische Untermalung oder für volle Tanzflächen.

Bei meiner Arbeit als DJ ist es mir stets wichtig, sowohl den Geschmack der Gäste zu treffen, als auch ein Stück weit – so es mir die Vorlieben und Vorgaben ermöglichen – auch zu experimentieren. Nicht nur die bekanntesten Lieder von Interpret XY spielen, sondern auch ein wenig abseits des Bekannten zu suchen, zu finden und vorzustellen, ist mir ein ebenso wichtiges Anliegen. Denn Popmusik ist weitaus mehr, als nur die Top 100 der angesagtesten Titel der aktuellen Woche, die im Radio größtenteils sowieso schon rauf- und runtergedudelt werden.

Doch wie weit können Experimentierfreudigkeit und der Wunsch der Masse, mit tanzbarer Musik versorgt zu werden, gehen?

Die Antwort ist – nach jetzt elfjähriger Erfahrung – zum Teil wirklich ernüchternd: Nämlich so gut wie gar nicht!

Frei nach dem Motto, „Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich“, ist die Tanzlust bei vielen bei ihnen unbekannten Titeln eher gering. Ob nun aus Gründen des Nichtgefallens oder des Nichtkennens bleibt mir als DJ in den meisten Fällen verborgen. Es sei denn, es äußert sich doch mal ein Gast zum gerade gespielten Titel und gibt mir somit einen ersten Anhaltspunkt.

Radio-Musik-Berieselung oder: Das Jukebox-Prinzip

Interessanterweise regen sich viele Radiohörer über die immer gleichen, gespielten Titel ihres Lieblingssenders auf, schalten aber trotzdem gerne wieder ein. Denn es könnten beim Nebenbeihören doch die Lieblingstitel auftauchen, die Dank Dopaminausschuss im Gehirn ein Glücksgefühl verursachen (vgl. auch Baum 2018 oder Walter 2020).

Aber warum laufen auf den meisten Unterhaltungskanälen im Radio die immer gleichen Titel? Wie vieles, so stammt auch dieser Formattrend aus den USA. Als sich ein Programmmacher Ende der 1950er Jahre einem schwindenden Interesse seiner Hörerschaft an seinen Programmen ausgesetzt sah, suchte er nach neuen Möglichkeiten und Wegen. Er beobachtete eines Abends bei einem Kneipenbesuch, wie andere Gäste die Jukebox bedienten und verfolgte dabei, dass sie sich scheinbar die immer gleichen Platten auswählten. Dieses Konzept setzte er darauffolgend auch in seinem Radioprogramm um – und diesem Prinzip folgen auch in Deutschland viele Radiostationen seit Aufkommen der privaten Kanäle. (Vgl. Auch Goldhammer 1995, Stümpert 2005, Raff 2007)

Dieses Prinzip lässt sich auch durchaus auf das Auflegen auf Partys und Feiern anwenden und erklärt vielleicht, warum viele Gäste trotz Teils auch unterschiedlichen Geschmäckern, sich auf Partys immer dieselben Titel wünschen.

Musik oder: Der Schlüssel zum Glück

Bei Titeln, die wir lieben wird im Gehirn Dopamin freigesetzt und der Hörer erlebt ein Glücksgefühl, Dies tritt dann immer wieder auf, sobald wir „unser Lied“ hören; das kann dann auch 3x, 4x oder 5x am Stück hintereinander weg laufen. Wir fühlen uns gut. (vgl. z. B. Walter 2020)

Diese Tatsache kann auch dazu führen, dass wir ähnliche Titel, die denselben, musikalischen Mustern wie unsere Lieblingstitel folgen, genauso viel Gehör und Aufmerksamkeit schenken – oder eben auch umgekehrt. Wir erkennen schnell ähnlich klingende, musikalische Muster und bringen diese mit unseren bisherigen Musikerfahrungen und -Vorlieben in Verbindung.

Jedoch scheint, wenn man der bisherigen Forschung glaubt, das Entdecken von für uns neuer Musik ab Anfang 30 stark nachzulassen. „Im Alter festigen sich unsere Interessen, die sich im Laufe unseres Lebens herauskristallisiert haben. Während wir in der Jugend ständig neue Styles, ob Frisur, Outfit oder Subkultur, ausprobiert haben, schwindet die Lust am Entdecken mit der Zeit langsam. Das selbe in der Musik“ (Walter 2020).

Es scheinen auf Partys noch einmal etwas andere, musikalische Gesetze zu gelten. Denn auch bei jüngeren Gästen konnte ich diesen Unwillen des nicht Neuentdecken wollens feststellen. „Kenn ich nicht, Klingt blöd, ist blöd, ich geh was Trinken“ ist dann eine häufige Reaktion. Erklingt jedoch ein ihnen wieder bekannter Titel, kehren sie, wie magisch oder magnetisch angezogen, zurück auf die Tanzfläche.

Jedoch, dies ist in dem Artikel von Walter ebenfalls nachzulesen, brauchen wir auch eine gewisse Zeit, um Titel warmzuhören und ihnen beim nächsten Mal Hören mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Gerade auf Tanzflächen entscheiden die ersten Beats, ob der gespielte Song top oder Flop ist.

Dies erklärt, warum sich die vorhin bereits zitierte Binsenweisheit, dass was der Bauer nicht kennt, er auch nicht isst, auch auf die Arbeit als DJ anwenden lässt: Was der Gast nicht kennt, dazu tanzt er nicht! Schade eigentlich…

Fazit oder: Auch abseits des Bekannten zu tanzen lohnt sich

Wenn ich in Vorgesprächen abfragte, welche Musik gespielt werden soll, hörte ich schon häufig den Satz: „Am besten das, was alle mögen!“ Auf dem ersten Blick scheint dies unmöglich zu sein, zu unterschiedlich können doch die Geschmäcker sein. Doch gerade zu späten Stunden zeigt sich, dass es zwar oftmals einerseits nicht schwer ist, den „Massengeschmack“ der Partygesellschaft zu treffen, damit aber andererseits auch eine gewisse Einfalt einhergeht. Stücke können noch so rhythmusbetont, positiv gestimmt oder schlicht weg tanzbar sein – wenn ein Großteil sie nicht kennt, führt dies, je nach Menschenschlag, zum Leeren der Tanzfläche.

Somit ist es eine wahre Herausforderung für den Musikliebhaber, neue Titel, die gut ins Konzept oder in den Mix passen könnten, mit Evergreens der Partykultur in Einklang zu bringen – mal gelingt es, oftmals jedoch auch nicht. Davon darf ich mich jedoch nicht beirren lassen, dafür ist einfach auch jede Party aufs Neue anders.

Doch kann ein Zuhören zu bislang unbekannten Tönen, selbst auf einer Party, durchaus auch bereichernd für den Einzelnen sein. „Auch wenn das Gehirn lieber den einfacheren und bekannten Weg bestreiten möchte, der viel Glück und wenig Risiken mit sich bringt, sollten wir die Courage mitbringen, Neues zu probieren. Die Welt dreht sich weiter, jeden Tag kommen tausende neue Lieder heraus. Die Kultur verändert sich auch stetig. Bei dieser Fülle an tollen Liedern wäre es schade, nicht mal wieder über den eigenen Tellerrand zu blicken. Auch wenn wir manche Lieder nur auf Anhieb mögen, weil wir etwas ähnliches schonmal gehört hat, war die Entdeckungsreise jeden Schritt wert. Und durch das wiederholte Hören neuer Musik und neuer Musikrichtungen, bilden sich wieder neue Verknüpfungen im Gehirn, die früher oder später besondere Emotionen hervorholen könnten.“ (Walter 2020)

Quellen

  • Baum, Nina (2018): Forscher bestätigen: Darum hört man immer die gleichen Lieder. (Aus): YaHoo Style Deutschland, Online abrufbar. Zuletzt abgerufen am 02.08.2020.
  • Goldhammer, Klaus (1995): Formatradio in Deutschland: Konzepte, Techniken und Hintergründe der Programmgestaltung von Hörfunkstationen. Berlin: Spieß.
  • Raff, Ecki (2007): Wie funktioniert Radio? (In): Müller, Dieter K./Esther Raff (Hrsg.) (2007): Praxiswissen Radio. Wie Radio gemacht wird – und wie Radiowerbung anmacht. Wiesbaden: vs Verlag für Sozialwissenschaften, S.25-36.
  • Stümpert, Herman (2005): Ist das Radio noch zu retten? Überlebenstraining für ein vernachlässigtes Medium. Berlin: uni-edition.
  • Walter, Mathias (2020): Wieso wir immer wieder die gleichen Lieder hören Und warum unser Gehirn das auch noch belohnt. (Aus): Bonedo.de Magazin, Online Abrufbar. Zuletzt zugegriffen am 02.08.2020.
  • Wolf, Fritz (1998): Funknoten. Radio als Begleitmedium. (In): Journalist 06/1998, S.12-18.

Gedanken-Gänge 45 – Corona-Krise und blinde Menschen oder: Geht es uns denn wirklich so schlecht? Ein Kommentar

Schon zu Beginn der Corona-Krise konnte man an vielen Stellen im Internet, aber auch in einschlägigen Lokalmedien lesenund hören, dass vor allem Menschen mit Behinderung besonders von der Corona-Krise und ihren Folgen betroffen seien. Dies ist sicherlich dann richtig, wenn – bedingt durch die Regelungen und Einschränkungen – der Alltag im wahrsten Sinne des Wortes „eingeschränkt“ würde, man beispielsweise nicht mehr ohne weiteres vor die Tür, zur Arbeit, zum Einkaufen oder sonst wo hinkäme.

Mit zu der Gruppierung der scheinbar stark Betroffenen gehören, mag man solch oben erwähnten Artikeln glauben, auch wir blinden bzw. hochgradig sehbehinderten Menschen. Weil wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind, weil wir mehr anfassen (müssen), als es der Otto-Normal-Bürger tut etc. Doch sind wir wirklich mehr gefährdet und haben Grund zur Sorge oder sind es wieder selbstgemachte „Probleme“, die viele von uns „jammern“ lassen?

Ganz nüchtern betrachtet, mögen viele Recht haben, wenn sie behaupten, blinde Menschen seien stärker von Einschränkung und Ausgrenzung durch die Coronapandemie betroffen. Wir können weder Abstand einschätzen, noch ihn vernünftig einhalten. Wir fassen alles mögliche an, ob Türgriff, Haltestange, Einkaufswagen, Geld, Kartenleser, Fahrstuhlknopf… bei genauerer Betrachtung dürfte jedoch auffallen, dass ein Großteil der eben genannten Dinge auch von Sehenden tagtäglich berührt wird, denn mit dem Blick allein lässt sich weder der Fahrstuhl rufen, noch die Tür öffnen oder der Einkaufswagen schieben. Und noch viele, weitere Dinge im alltäglichen Leben sind für den Sehenden nur durch bloßes Anfassen machbar; an diese denkt nur keiner mehr, es sind wir Blinden, die durch die Berührung einer Gefährdung ausgesetzt sind.

Was den Abstand anbelangt, so ist dies – wieder nüchtern betrachtet – zwar richtig, dass wir ihn weder einschätzen, noch oftmals richtig einhalten können. Aber auch hier gibt es ein großes ABER. Denn die meisten von uns sind mit Blindenstock unterwegs und haben so schon, ganz automatisch, einen Abstand zwischen sich un dder Person vor sich geschaffen. Dies sind zwar keine 1,5 Meter, aber besser, als gar nichts. Was rechts und links von einem passiert, geschweige denn wenn man den Atem desjenigen hinter sich schon im Nacken spürt, gefährdet dies uns gleich so sehr? Denn letzten Endes ist als eigentlicher „Schutz“ immer noch die Mund-Nasen-Bedeckung vorgesehen. Diese soll uns ja eben immer dann schützen, wenn es mit dem Abstand schwieriger wird bzw. werden könnte. Letztlich sind auch hier sowohl Sehende als auch Blinde gleichermaßen betroffen, denn wer es eilig hat, zur Arbeit zu kommen, wählt nun mal den vollen Bus; nicht jeder kann/darf zuhause bleiben.

Wo wir auch bei einem anderen, mehr als leidigen Thema wären: Ich selbst bin auch kein Freund der Maske, trage sie dennoch, ob nun beim Einkaufen oder im ÖPNV. Sie ist nervig, bei stickiger Luft habe auch ich manchmal das Gefühl, noch weniger luftholen zu können, aber wenn dies der zur Zeit nur mögliche Schritt ist, ein Stück weit „Alltag“ und – wie sie immer so schön genannt wird – „Normalität“ zurück zu bekommen, dann trage ich eben diesen Lappen, bevor ich deswegen gleich ganz zuhause bleibe. Viele mögen dies anders sehen. Im Internet liest man haarsträubende Kommentare, von wegen die Maske würde bei der Orientierung stören etc. Dass durch das Tragen der Maske jedoch die Brille beschlägt, habe ich von vielen, auch aus meinem Umfeld, schon gehört – scheint also doch was Wahres dran zu sein. Und wem die Maske arg zu sehr stört, der kann sich ja beim lokalen Blindenverein erkundigen, ob Menschen mit einer Behinderung im betreffenden Bundesland von der maskenpflicht ausgeschlossen sind. Ganz findige Leute gehen ja lieber gleich zum Arzt und lassen sich das nicht tragen müssen attestieren.

Was die Nutzung des ÖPNV angeht, so gehen auch hier die Meinungen entschieden auseinander. Zwischen „normalem“ Alltag und großer Angst und Unsicherheit scheint hier alles vertreten zu sein. Zwar mögen einige Bahnhöfe leerer sein als sonst, auch viele Züge sind es mit Sicherheit, aber diese geisterhafte Leere, welche zu Beginn des Lockdowns vielerorts herrschte, dürfte nur noch seltenst der Fall sein. Vor der Pandemie hätte ich auch gesagt, dass sich immer jemand findet, der einem bereitwillig weiterhelfen wird, jetzt sieht das scheinbar nicht mehr ganz so gut aus.

Aus eigener Erfahrung hier in Hamburg muss ich jedoch eines sagen: Wer Maske trägt, genießt bei vielen Mitmenschen scheinbar eine Art Vertrauensbonus. Bin ich draußen in der Stadt unterwegs, benötige einmal Hilfe, habe jedoch keine Schnodderbremse an, so geschah es nicht selten, dass ich Schwierigkeiten hatte, einen Passanten anzuhalten. Trug ich eine Maske, gingen die Leute offener und schneller auf mich zu und waren hilfsbereiter. Ein Eindruck, der täuscht und ich bin womöglich zur falschen Zeit an die falschen Leute geraten? Könnte man meinen, denn andere Blinde erzählen es fast umgekehrt, dass sie gerade jetzt mehr Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft etc. erleben. Ist Hilfsbereitschaft in Zeiten von Corona und Maske also mit regionalen Unterschieden verknüpft? Also doch ein Grund für die Maske?

Aber tatsächlich scheinen viele den Kontakt zu meiden. Jüngst auch hier in Hamburg hatte ich Schwierigkeiten, bei einer renommierten Bekleidungs-Handelskette Hilfe zu bekommen. Sie müssten den Abstand einhalten und dürften mich daher auch nur mit 1,5 M Sicherheitsabstand durch den Laden führen. Na klar, ich lasse mich, wie an einer unsichtbaren Leine gezogen, per Stimme im Slalong durch den Laden, zwischen den Kleiderständern durchlozen – mehr links, mehr rechts, mehr geradeaus, halt, zu weit, wieder zurück… Da halfen auch nicht die zitierte Führempfehlung des DBSV, hinter demjenigen zu laufen und mich mit der Hand an der Schulter zu orientieren. Eher hätte man mir angeboten, mich – ebenfalls wieder wie an der Leine – am Blindenstock zu führen. Nur dann wären wir wohl auch kaum durch die teils engen Gänge gekommen.

Not soll ja bekanntlich erfinderisch machen und – so durfte ich es mir auch schon oft anhören – man müsse dann halt nach neuen Alternativen suchen. Für vieles in unserem Alltag mag dies ja stimmen. Schlangen vorm Bäcker, die eigentlich keine mehr sind, weil alle 2 M voneinander entfernt stehen, Leute, die nicht sagen, ob und wo da überhaupt eine Schlange ist, Busse, die nur noch in der Mitte ihre Türen öffnen und und und… Hier gilt es aber nicht nur für uns, umzudenken und vielleicht einmal mehr nachzufragen. Wer nicht sagt, dass das Ende der Schlange 8 M weiter weg ist, darf sich am Ende auch nicht über den blinden Ladengast beschweren, wenn er sich – scheinbar dreist – vorgedrängelt hat. Nicht nur wir können reden, die Sehenden könnten es auch! Gleiches gilt für die Busproblematik. Natürlich könnten wir darauf bestehen, dass der Fahrer mal die Außenlautsprecher des busses einschaltet und die Linie durchsagt, wir können aber auch zur Not beharlich vorne klopfen, bis geöffnet wird, freundlich die Linie erfragen; beim nächsten Mal wird der Fahrer es besser wissen und auch machen. Wer sich beim Einkaufen nicht anfassen lassen möchte, auch nicht hinten an der Schulter, weil überängstliche Geschäftsführer es so verlangen, sollte sich (oder die Leitung) jedoch ernsthaft fragen, ob der Verkäuferjob in Zeiten von Corona überhaupt noch das „Richtige“ für ihn oder sie ist. Denn ob nun vom Kunden berührt oder selber beim Wegräumen das angefasst, was hundert Kunden zuvor schon in den Händen hielten, macht doch am Ende des Tages keinen all zu großen Unterschied.

Wir können aber auch weiter meckern und uns darüber auslassen, wie schlecht es uns zur Zeit geht, wie schwer wir es doch haben und wie stark auch – oder vor allem – uns diese Pandemie einschränkt. Alltag ist nicht einfach, weder vor noch gerade jetzt während der Einschränkungen, aber wir müssen selbigen nicht noch komplizierter machen, als eh schon geschehen. Natürlich gibt es an der einen oder anderen Stelle Dinge, die nervig sind, aber wenn ich immer wieder, auch in Artikeln, lese, wie schwer wir es doch haben und wie stark betroffen wir von Regelungen & co. doch sind, dann kriege ich – sorry – erst recht die Krise.

Gedanken-Gänge 44 – Shutdown, Lockdown, Knockdown? Ein paar Gedanken zur Coronakrise und dem, was wir daraus machen

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll… Lang habe ich überlegt, ob ich diesen Text überhaupt ins Netz stellen soll, gerade jetzt, wo (fast) jedes Bundesland ja seine Corona-Lockerungen beschlossen hat und ein Stück weit annähernde „Normalität“ in unseren Alltag zurückkehrt – soweit es nach diesem Shockdown überhaupt noch möglich ist.

Dennoch – nach über sechs Wochen tagtäglichen Corona-Berieselung auf allen Kanälen, hier ein paar kritische, teils auch durchaus sarkastische Gedanken zur ganzen Corona-Misere.
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Gedanken-Gänge 43 – Ein Lob muss nicht immer negativ sein oder: Wenn Political Correctness auf Paranoia trifft

Es ist irgendwie seit einigen Monaten zum neuen Volkssport geworden: Dinge interpretieren. Egal, was man wann, wie, wo sagt oder postet, es muss erst einmal auseinandergenommen und analysiert werden.

Ob gutgemeinter Rat, schlechter Witz, ein Lob – hinter jeder Äußerung könnte sich etwas „Böses“ verstecken. Und wir neigen inzwischen dazu, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Bei manchen Menschen habe ich außerdem den Eindruck, sie suchen förmlich nach etwas, dass sie einem im Munde umdrehen oder anders auslegen können.

Die aufkeimende Diskussion um positiven Rassismus oder positiver Diskriminierung tat ihr übriges hierzu bei. Natürlich, wir leben in einer Zeit, in der wir versuchen, bewusster mit Sprache umzugehen. Doch, und dies schrieb ich auch bereits an anderen Stellen meines Blogs, kann jedoch auch dazu führen, dass wir uns sozusagen ein kommunikatives Bein stellen. „Was darf ich noch wie sagen?“, wird gern provokant von Kritikern dieser sprachlichen „Bewegung“ angeführt. Ihr Einwand ist durchaus verständlich.

Ewig alles zu hinterfragen (war es wirklich so gemeint? Muss ich zwischen den Zeilen lesen?) macht einem noch ganz kirre. Ein einfaches, ernstgemeintes Lob kann schnell zur Falltür werden, denn der Lobende könnte dem anderen ja indirekt genau das Gegenteil unterstellen (ich lobe, dass Person X gut Deutsch spricht oder ich Lobe, dass person Y trotz Behinderung ihren Alltag meistert, weil ich es mir in meiner aktuellen Situation wohl so nie zutrauen würde; dies wird jedoch verstanden als: Ich unterstelle sowohl Person X als auch Person Y, dass sie dies doch eigentlich so nicht können dürften).

Das WIE es gesagt wird, scheint dabei gerne mal unter den Tisch zu fallen. Denn kommt es nicht auch auf den Kontext an, in dem ich solch ein Lob ausspreche bzw. auf die Art und Weise (Betonung, Mimik, Gestik), anstatt sich stumpf nur auf das Gesagte zu berufen und dies zu zerhackstücken?

Im Beispiel Behinderung und Alltag wird häufig gern angeführt, dass es für uns eben ganz „normal“ ist, den Alltag zu meistern, zu reisen, einzukaufen, etc., es für uns somit keine besondere Leistung darstellt. Haben wir also Angst, der Nichtbehinderte könnte uns somit unterschwellig unterstellen, doch nichts von alledem zu können? Es bedeutet in wohl den meisten Fällen eher, dass sich der andere, wäre er oder sie in unserer Situation, selber nicht zutrauen würde – nach seinem jetzigen Wissensstand. Viele fordern bzw. wünschen sich, dass Behinderung immer mehr zum Alltag wird und viele Nichtbehinderte dies nicht mehr hinterfragen. Aber zur Integration gehört leider auch, dass wir mit solch Lob umzugehen lernen, anstatt es ewig von uns zu weisen.

Dies funktioniert auch beim Sprachenbeispiel. Unterschwellig fühlen sich viele diskriminiert, weil der Lobende indirekt unterstellt, dass Person X dies aufgrund ihrer Herkunft oder der Kürze der Zeit, in der er jetzt in Deutschland lebt (obwohl der andere gar nicht weiß, wie lang er hier lebt), doch gar nicht so gut beherrschen könne. Anders herum gibt es aber auch unter uns sehr viele, die sich mit dem Erlernen einer neuen Sprache schwertun würden, wären sie einmal in solch einer Situation, irgendwo „neu“ oder „fremd“ zu sein. Der Ausspruch „Sie können aber gut Deutsch!“ muss also auch hier keineswegs ein unterschwelliger Rassismus sein – wird aber gerne so verstanden.

Das erinnert mich alles an das gern genommene Beispiel mit dem Ausruf, es sei Grün!, bei dem manch einer gern versteht, er oder sie könne nicht richtig hingucken oder autofahren.

Wir dürfen nicht immer davon ausgehen, dass der Gesprächspartner automatisch schon alles über unseren Werdegang weiß. Nicht alles ist auch immer gleich mit böser Absicht gesagt oder gemeint – braucht man eigentlich niemandem mehr zu erklären… oder vielleicht doch? Im Zeitalter von an manchen Stellen schon an Paranoia grenzender political Correctness vergessen wir dies nämlich wohl all zu gern.

Noch drei Sprünge bis zum Abgrund – Warum und Wie ich als Blinder Spielkonsolen nutze

Für viele Kinder und Jugendliche gehören PC- und Videospiele inzwischen zu ihrem Alltag dazu. Und auch bei Erwachsenen gibt es viele, die diesem Zeitvertreib oder Hobby, mal mehr oder weniger ausgeprägt, nachgehen. Auch ich als Blinder spiele und das mit großer Begeisterung. Jedoch interessieren mich weniger Spiele, welche speziell für unseren Nutzerkreis entwickelt wurden (Beispiel sog. Audiogames) oder solche, die so gestaltet sind, dass wir sie problemlos auch mit Sehenden zusammenspielen können (zahlreiche Smartphone-Games, Quizspiele etc.), sondern konzentriere mich beim Spielgenuss zum Großteil auf herkömmliche Spielekonsolen wie Nintendo, Playstation etc. Wie ich zu solch einem eher ausgefallenen Hobby kam und warum ich solche und nicht die speziell für blinde Gamer entwickelten Spiele bevorzuge,, werde ich oft gefragt. Hier meine Antwort dazu.

Ich sitze vor einem alten C64, meine linke Hand hält den Steuerknüppel eines Joysticks und um mich herum stehen drei/vier Leute und schauen zu | Bild Copyright Christian Ohrens, Location Retro Spiele Club Hamburg

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Gedanken-Gänge 42 – Manchmal war früher eben doch vieles besser… oder: Eine kleine Hommage an die neunziger Jahre

In zahlreichen Beiträgen in sozialen Netzwerken, ja sogar in ganzen Gruppen, wird der Nostalgie freien Lauf gelassen. Für viele Menschen waren die neunziger Jahre mit das beste und tollste Jahrzehnt, die schönste Zeit – wobei das sicherlich viele von den Jahren der eigenen Kindheit behaupten werden. Ja selbst in unzähligen Retrospektiven im TV und in Live-Comedy-Shows wird seit geraumer Zeit den Neunzigern gedacht und die Musik dieses Jahrzehnts erlebt spürbar ihr Comeback, ob nun im Radio oder auf Partys. Gründe genug, auch hier mit einer kleinen Hommage an die eigene Kindheit zu starten. Mal ohne all die Probleme, die es damals schon gab oder die Dinge schlecht zu reden, die wir „damals“ noch nicht hatten. Und ich verzichte hier bewusst auf Bilder und Videos, die meine Erinnerungen durchaus illustrieren würden und überlasse Euch ganz und gar Eurer Fantasie.

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Gedanken-Gänge 41 – Es gibt nur Schwarz-Weiß-Maler oder: Ein paar Gedanken zu Greta Thunberg und der Fridays For Future Bewegung

Hut ab. Die Gesellschaft teils sehr spürbar in zwei Lager zu teilen, schafften bislang nur Politiker mit ihren Äußerungen und Taten. Wobei es hier sogar oftmals viel vielschichtigere Meinungen und Kommentare gibt, als bei dieser jungen Frau. Denn in nur einem Jahr hat es ein 16jähriges Mädel aus Schweden nicht nur vollbracht, Tausende junge Menschen Freitags auf die Straße zu bringen, sondern auch, eine Diskussion zu entfachen, die in unserer Gesellschaft ihresgleichen sucht. Grund genug, zum Jahresende einen Versuch zu starten, die ganze Geschichte etwas differenzierter zu betrachten.

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Gedanken-Gänge XXXX – Von Fastfood, Shopping & co oder: Ein Rundgang durch die geläufigsten Anglizismen unserer Alltagssprache

Deutsche Sprache, schwere Sprache – heißt es ja so schön. Unterhält man sich jedoch mit älteren Menschen, so bekommt man nach ihren Aussagen jedoch den Eindruck, dass von der Deutschen Sprache eh nicht mehr soviel übrig ist, so sehr übernehmen wir Ausdrücke, vornehmlich aus dem Englischen, mit in unseren alltäglichen Sprachgebrauch. Mit Baujahr ’84 wurde ich in eine Generation hineingeboren, in der Anglizismen (Erklärung folgt gleich) mit an der Tagesordnung waren; es für uns somit nicht mehr „besonders“ war, Lehnwörter aus dem Englischen mit ins Deutsche zu übernehmen – und wenn es nur das einfache „cool“ war und ist.

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Gedanken-Gänge XXXIX – Es gibt immer was zu Meckern oder: Sich über Dinge beschweren, die jedoch anderen helfen

Ein Sprichwort besagt, das alles was uns nicht tötet, uns abhärtet. Wenn dem wirklich so ist, sollten einige von uns sich manches Mal überlegen, über was sie sich so beschweren.

Ich las gestern auf Facebook, dass sich jemand über das Piepen der Blindenampel unter seinem Fenster beklagte; das würde ihn (oder sie) stören. Im ersten Augenblick mag man ja denken: „Na klar, es piept monoton, mal leiser, mal laut, das kann schon nervig sein“. Ich beobachte allerdings immer wieder, dass sich Menschen erschreckenderweise immer über die Dinge zu beschweren scheinen, die anderen Leuten helfen – siehe Beispiel Blindenampel.

Ob nun die Blindenampel (die übrigens ja nicht immer piept, zumindest in Hamburg nicht, sondern nur dann, wenn man das Tonsignal per Knopfdruck anfordert), die Ansagen in der Bahn oder sogar den Leitstreifen am Bahnsteig, immer scheint es irgendwen zu geben, der sich darüber echauffiert; oder, um es mit den Worten von Tilo Wolff bzw. seiner Band Lacrimosa zu sagen: „Irgend ein Arsch ist immer unterwegs“ – und damit wollte er genau dies zum Ausdruck bringen.

Wer sich jetzt fragt, was Menschen an solchen Hilfsmitteln stört – hier mal ein kurzer Abriss über mögliche Beweggründe.

Die Blindenampel, also Ampel mit akustischen Signalen, scheint einige Mitmenschen schon allein deswegen zu „stören“, weil – je nach Ausführung und verwendetem Signalgeber – die Ampel schon einmal dauerhaft tickert. Dies dient übrigens dazu, dass wir blinden Teilnehmer am Straßenverkehr diesen Ampelmasten überhaupt erst finden können. Denn ein abgeflachter Bordstein ist noch kein Garant, dass sich hier auch eine Ampel befindet. Außerdem wird das Ticken, je nach Lautstärke des Straßenlärms, auch mal lauter, mal leiser. Hinzu kommt noch dieses von vielen als nervig empfundene Piepen während der Grünphase. Zugegeben: So viele blinde Menschen überqueren eine Straße oftmals gar nicht, so häufig wie die Ampel piept. Liegt wohl daran, dass es Passanten gibt, die ernsthaft glauben, durch penetrantes maltritieren des Auslösers würde die Ampel schneller umspringen – Trugschluss, meine Lieben. Auch der Irrglaube, man bräuchte nur S.O.S. mit dem Taster zu „morsen“ und es werde Licht (äh Grün), stimmt nicht. So weit, so gut. Es mag auch Ampeln in Deutschland zu geben, bei denen ein Anfordern des Piepstons gar nicht möglich bzw. nötig ist, da sie immer, bei jeder Grünphase munter piept. Aber auch eine Grünphase geht mal vorbei und wer an einer stark befahrenen Straße, direkt an der Kreuzung wohnt, sollte sich lieber über den dauerhaften Straßenlärm aufregen, anstatt über piepende Ampeln. Zumal viele Ampelanlagen des Nachts eh abgeschaltet werden und somit auch das Piepen wegfällt. Dass es durchaus auch Leuten helfen kann, blendet man gerne aus.

Ansagen in Bus oder Bahn sind auch nicht jedermanns Freund – doch warum eigentlich? Mag an unserer derzeitigen Gesellschaft liegen, denn viele tragen ja sowieso ihr unsichtbares „bitte nicht stören, bitte nicht ansprechen!“ Schild mit sich herum, dies merkt man allein schon, wie sehr manche in, auch auf der Straße, in ihre Smartphonewelt abtauchen. Viele scheinen sich, ob nun im ICE oder in der heimischen S-Bahn, über Ansagen aufzuregen, weil sie wohl gerade in ihrer Unterhaltung, im Sekundenschlaf, Tagtraum oder bei ihrer „Arbeit“ gestört werden. Aber gerade dann ist die Einordnung einer Ansage als Störfaktor unlogisch, denn ist man im Buch oder Laptop vertieft, schaut auch nicht aus dem Fenster oder auf die Uhr, mag man sicher auch gern vergessen, dass man sein Ziel erreicht hat. Und trotzdem missfällt es manchen Fahrgästen, dass es Durchsagen gibt – schon komisch, oder? Ich saß 2015 mal in einer Eurobahn nach Venlo und hätte den Ausstieg Dank fehlender Durchsagen beinahe verpasst. Auf dem Bahnhof traf ich durch Zufall den Schaffner, der mir sagte, es hätten sich Leute über Durchsagen morgens im Zug beklagt, darum würden einige Kollegen sie in den ersten Zügen abschalten. Wenn es doch auch nur einmal anders herum funktionieren würde – komischerweise geht das selten.

Leitstreifen (oder sollte ich „Leidstreifen“ sagen?) helfen blinden Menschen, sich an der Bahnsteigkannte entlang zu orientieren, den nächsten Treppenabgang, den Aufzug oder die Notrufsäule zu finden. Manche nutzen sie jedoch auch gern als „Haltelinie“ (man soll ja hinter der Linie bleiben, will aber unbedingt der Erste an der Tür sein) und stellen sich mit Sack und Seil darauf. Andere wiederum hassen sie, weil sich der Koffer Dank Leitstreifen (so sie vernünftig konstruiert sind) echt schwer ziehen lässt. Ein paar Zentimeter weiter zur Bahnsteigmitte zu gehen? Kommt für sie nicht in Frage. Ich habe auch schon Leute mit Kinderwagen leider fluchen hören und wundere mich auch hier, warum es vielen nicht möglich ist, einfach ein paar Schritte zur Seite zu gehen, um auch hier das Gefährt besser schieben zu können.

Sich erst mal zu beklagen, ohne zu wissen, über was man sich da eigentlich beklagt, scheint vielleicht hierzulande ein Stück weit in der Natur des Menschen zu liegen? Anstatt sich über wirklich „sinnvolle“ Dinge aufzuregen, sind es dann meist diese Kleinigkeiten und das – natürlich – oftmals auch aufgrund von Unwissenheit.

Dabei hätten z. B. blinde Passanten, Zugfahrer oder wer auch immer, durchaus auch den einen oder anderen Grund, sich über dieses oder jenes aufzuregen – z. B. abgeflachte Bordsteine, die so flach sind, dass kaum mehr mit dem Stock erkennbar ist, ob man sich auf dem Gehweg oder der Straße befindet. Aber dies hilft jedoch den zahlreichen Rollifahrern, sich unbeschwerter fortzubewegen. Also muss man sich an gegebenem Ort dann nach Alternativen umschauen, Dinge, die einem helfen können, trotzdem nicht auf der Straße zu landen. Genauso, wie der, dem die Ansagen im Zug stören, einfach Ohrstöpsel einsetzt oder diejenigen, die sich über piepende Ampeln aufregen, einfach nach dem Lüften das Fenster auch wieder schließen könnten. 😉

Gedanken-Gänge XXXVIII – Der Wunsch, allen gerecht zu werden und die Angst vor Entfremdung oder: Wenn wir uns am Ende selbst belügen

In letzter Zeit war ja, vor allem hinsichtlich der wieder aufkeimenden Rassismus-Debatte und der immer zunehmenden Zahl an „Protest“- oder sonstigen AFD-Wählern schon des öfteren mal von sog. „Entfremdung“ die Rede. Für viele ein Unwort, für andere ein Ausdruck von Angst schlecht hin.

Was ist denn diese ominöse „Entfremdung“ nun eigentlich? Im Grunde, fragt man mal Menschen in seinem Umfeld, die dieses Wort gebrauchen, wäre Entfremdung allein schon der Einfluss aus anderen Ländern, die hierzulande ihre Anwendung finden. Ob nun kulturell, sprachlich (dazu in Bälde ebenfalls ein weiterer Beitrag), religiös oder sonstwie geartet. Problem an der ganzen Geschichte ist, dass sich viele, die dieses Unwort verwenden, zum einen nicht mit dem „Anderen“ auseinandersetzen (wollen) und zum anderen sehr wohl zu vergessen scheinen, dass wir Deutschen von je her schon immer anderen Einflüssen usw. ausgesetzt waren. Wer dies abstreitet, möge mal an die diversesten Dinge denken, die in den letzten Jahrhunderten – und zwar aus anderen Ländern und Kulturen – z. B. allein schon durch die Seefahrt mitgebracht (importiert) und somit verwendet wurden. Oder sind Kaffee, Kakao, Nudeln, Reis oder Pfeffer etwa Dinge, die – im übertragenen Sinn – auf Deutschem Mist gewachsen sind? Wohl kaum.

Trotzdem reden wir über Entfremdung bzw. haben viele in unserem Land Angst davor -, gehen jedoch zum Italiener, essen Kebab oder lassen sich von jemandem mit Migrationshintergrund beim Frisör die Haare schneiden was doch für eine Farce. Entfremden wir uns also allein schon durch diese Angst ein Stück weit selbst?

Deutschland ist inzwischen ein Schmelztigel aus verschiedensten Nationen und Kulturen, jedoch haben wir es bisher immer geschafft, trotzdem in der kulturellen Vielfalt unsere Traditionen zu wahren. Wieso also fühlen wir uns so überrannt auf einmal? Drang,

Ist es vielleicht, weil nun diejenigen, die einmal fremd in unserem Land waren, nun auch ihre Rechte auf Gleichbehandlung und Religionsfreiheit fordern? Von Kritikern wird in diesem Zusammenhang meist durch Stammtischparolen geantwortet, dass wenn wir im großen Stil in ein kulturell und religiös anders gelagertes Land auswandern würden, wir uns schließlich auch an die neue Heimat anpassen müssten und nicht das Land sich an uns. Ein Fünkchen Wahrheit mag ja dran sein, denkt man beispielsweise daran, dass es in anderen Kulturkreisen nicht erlaubt ist, so freizügig gekleidet herumzulaufen, wie viele es hierzulande tun – wobei es auch hier Menschen gibt, die sich hierüber aufregen und zwar aus den eigenen Reihen!

Das „Problem“ hierzulande dürfte nicht nur allein die Angst vor „Entfremdung“ sein, sondern auch der Drang, es wirklich allen rechtmachen zu wollen. Und zwar nicht nur in kultureller Sicht, sondern auch in sprachlicher. Da regen sich Leute auf, weil ihre nicht-christlichen Kinder an einem Martinsumzug teilnehmen – prompt wird dieser umbenannt, ohne zu beachten, dass Martin zwar ein guter, frommer Mann, jedoch nicht unbedingt ein Christ war. Interessiert bloß keinen. Vieler Orts wurden und werden Weihnachts- in Winter- oder sonstwas für Märkte umbenannt – gut, dass Weihnachtsmärkte vieler Orts nichts mehr mit Weihnachten am Hut haben, lassen wir mal außenvor. Umgekehrt würde jedoch wohl kein Moslem auch nur auf die Idee kommen, sein „Zuckerfest“ aufgrund des immer größer werdenden Gesundheitswahns und dem Drang, Kindern Süßes – wenn überhaupt – nur noch in Maßen zu gewähren, hierzulande sein „Zuckerfest“ umzubenennen. Und selbst wenn ich als Christ, Jude, Babtist oder sonstwer hierzu eingeladen werde, ich käme im Traum nie darauf, eine Namensänderung zu fordern. Aber so ist sie halt, unsere Political Correctness. Durch sie werden auf einmal kulturelle Traditionen und Benennungen auf den Prüfstand gestellt und Diskriminierungen entdeckt, die vorher noch keiner gefunden hat. Böse gesagt, wenn jemand zum Martinsumzug oder Weihnachtsmarkt, ja selbst zum Karnevalsumzug nicht gehen mag und diesen, sei es nur der Bezeichnung wegen, für sich und seine Kinder ablehnt, möge er dies tun, kein Problem. Statt diese Leute sprachlich abzuholen sollte es eher unsere Aufgabe sein, die Feste und Bräuche derjenigen, die wir in unsere Gesellschaft zu integrieren versuchen, zu akzeptieren. In anderen Ländern und Städten (z. B. Sarajevo sei als Paradebeispiel genannt) funktioniert das doch auch – nur bei uns natürlich nicht.

Wenn wir doch diesen Drang verspüren, unsere Kultur, Sitten und Bräuche auf einmal auf den Prüfstand zu stellen und alles mögliche zu hinterfragen, zerstören wir somit ein Stück Kultur nicht auch? Schließlich müssten wir uns gegenüber erst einmal wirklich ehrlich sein: Die wenigsten von uns sind heute noch wirklich gläubig und gehen in die Kirche, alle feiern jedoch – mal mehr, mal weniger – Weihnachten. Wenn wir also wirklich so sprachlich korrekt sein wollen, müssten wir Weihnachten der Wahrheit wegen doch eher in „Konsumfest“ umbenennen, denn sich Besinnen auf die Geburt Jesu, allein schon das Hören oder Lesen der Weihnachtsgeschichte, machen von uns, vor allem den Jüngeren, wohl auch nur noch die wenigsten. Also, halten wir mal lieber den Ball flach, bevor wieder mal jemand wegen „Entfremdung“ schreit.