Alle Beiträge von Christian Ohrens

31 Jahre jung, Studium der Medienwissenschaft in Hamburg, Radio Redakteur, DJ, Blogger

Der Wunsch, einmal etwas sehen zu können: Eine Befragung von 18 blinden bzw. sehbehinderten Menschen

Einmal wieder sehen können – aus Sicht des sehenden Menschen scheint dies der allergrößte Wunsch im Leben zu sein, den ein Blinder eigentlich haben müsste. Deutlich wird dies auch, betrachtet man sich die zahlreichen Medienberichte über neuartige Techniken, Chips, Brillen und Apps, mit deren Hilfe blinde Menschen, direkt oder indirekt, wieder sehend gemacht werden könnten – KÖNNTEN, weil sich viele Technologien immer noch im Entwicklungsstadium befinden und scheinbar selbigen nur sehr selten verlassen.

Egal ob Brille, die gedruckten Text auf Fingerzeig vorliest oder sogar, natürlich nur nach vorherigem Training, Personen erkennt, ein Chip, der Bilder in Form von Vibrationen versucht wiederzugeben, Versuche mit herangezüchteten Sehnerven und viele weitere Ideen mehr, dem Erfindungsdrang sehender Wissenschaftler und Tüftler, wenn es darum geht, Blinde wieder annähernd das Sehen zu ermöglichen oder ihnen ein Stück mehr der Sehendenwelt zu eröffnen, scheinen kaum Grenzen gesetzt. Fragt sich letzten Endes, wie umsetzbar ist eine solche Idee? Wer soll das bezahlen? Und vor allem, wer wird es am Ende nutzen?

Denn eines sticht hier ganz klar heraus – und dies konnte ich auch immer wieder in unzähligen Gesprächen und Diskussionen mit Sehenden feststellen: Aus Sicht eines sehenden Menschen scheint Blindheit immer noch eine mit der schlimmsten Dinge zu sein, die einem wiederfahren kann. Dem entsprechend hat, wieder aus Sehendensicht, die Wiedererlangung des Sehsinns allerhöchste Priorität, eröffnet es einem Blinden scheinbar doch den Rest der Welt und ergeben sich hieraus doch ganz neue Möglichkeiten.

Doch wie verhält es sich eigentlich in der Realität? Wollen blinde Menschen überhaupt (wieder) sehen können? Bevor ich mich dieser Frage widme, sei kurz erwähnt, dass geschätzt 50% (wenn nicht sogar mehr) aller blinden Menschen späterblindet sind. Man könnte somit annehmen, dass der Wunsch zu sehen somit allein deswegen schon sehr stark ausgeprägt sein könnte und die oftmals vorhandene Euphorie über neue, medizinische Innovationen somit nur all zu verständlich erscheint. Ist dem wirklich so?

Um erste Antworten auf diese Fragen zu bekommen, befragte ich Mitglieder eines Forums für blinde und sehbehinderte Menschen. Achtzehn Personen haben mir, teils sehr ausführlich, auf diese Fragen geantwortet. Es ist natürlich keine repräsentative Umfrage, jedoch geben die Antworten einen ersten, sehr guten Einblick, wie ebenfalls blinde Menschen über das Thema Sehen denken. Meine persönlichen Ansichten zu dieser Frage habe ich in diesem Blogbeitrag aus dem Jahr 2011 beschrieben. Auch wenn dieser schon ein paar Jahre alt ist, hat sich an meiner persönlichen Einstellung seither nichts geändert.

Die Antworten werden im folgenden Text wiedergegeben, hierbei habe ich jedoch zum einen die Namen geändert, zum anderen jedoch mir erlaubt, der besseren Lesbarkeit wegen die zitierten Texte zu korrigieren.

Ich danke an dieser Stelle daher allen, die mir offen und ehrlich Rede und Antwort gestanden haben.

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Gedanken-Gänge XXXV – Teilhabe ist kein Kompromiss

Seit inzwischen mehreren jahren wird, auf politischer Ebene, aber auch vor allem in Betroffenenkreisen, in sozialen Medien und Foren heiß darüber diskutiert, ob und inwieweit eine uneingeschränkte und ungeteilte Teilhabe von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft erfolgen kann und muss – einerseits äußerst löblich, zeigt es doch, wie groß das Interesse und Desinteresse, egal von welcher Seite, für dieses Anliegen ist. Andererseits wird genau diese Diskussion ermüdender denn je; warum, dazu hier ein paar Zeilen.

„Eine ausnahmslose Teilhabe kann und wird es nicht geben!“ – so die Hauptaussage, die in vielen Diskussionen, auch und vor allem inzwischen unter Betroffenen, am Ende eines Diskussionstages im Raum stehenbleibt. Versucht man die Argumente für diese Aussage nachzuvollziehen, schlackert man am Ende nur mit den Ohren. Denn selbst behinderte Menschen fangen an, dem nichtbehinderten Betreiber von Freizeitanlagen eine gewisse Handlungsfreiheit zu attestieren, wen er was in welchem Umfang nutzen lässt. Ferner wird im gleichen Atemzug meist angeführt, dass es eine 100 prozentige Teilhabe sowieso nicht geben kann, denn dann müssten wir auch zukünftig blind autofahren können – was doch für ein hinkender Vergleich!
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Gedanken-Gänge XXXIV – „Was ist, wenn etwas passiert?“ oder: Von der Angst, dass irgendwann einmal etwas passieren könnte…

Immer, wenn es um Teilhabe und Teilnahme von Menschen mit Behinderung geht, ob nun Konzerte, Schwimmbad, Freizeitpark & co., hört man leider mehr Stimmen, die von Ausschlüssen und Teilnahmeverboten berichten, als umgekehrt. Und immer, wenn daraufhin Diskussionen entfachen, an denen sich nicht nur Betroffene, sondern meist auch nicht Betroffene beteiligen, ist ein Satz schon vorprogrammiert: „… und wenn etwas passiert?“.

Ich weiß nicht, ob das so ein typisch Deutsches Ding ist, die Angst vor dem ominösen „Wenn“ und „Hätte“. Vor allmöglichen Widrigkeiten wollen wir uns schützen – einerseits verständlich, vor allem aus der Sicht eines Betreibers von was auch immer für einer Freizeiteinrichtung.

Doch schießt man sich mit diesem „Wenn“ nicht sogar mehr ins Abseits und macht sich erst recht in gewisserweise „angreifbarer“?

Wo in anderen Ländern gefühlt einfach mal „gemacht“ wird und man nicht ewig die Negativkonsequenz im Hinterkopf hat, findet hirzulande der Ausschluss noch vor der eigentlichen Teilnahme statt: auf dem Papier oder im Internet, in Zugangsbeschränkungen und Nutzungsregeln, in Tüv-Bestimmungen oder anderen, ähnlich gelagerten Dingen. Allen gemein ist das angebliche Wissen über die Fähigkeiten, die ein Besucher mit Behinderung hat – oder eben nicht hat. Ob das ganze nun Hand und Fuß hat und vernünftig belegt und recherchiert wurde, vollkommen egal, denn „wenn etwas passiert“, wir sind vorbereitet!

Aber die Frage nach dem „Wenn“ und „Aber“ begegnet uns ja nicht nur bei solch Freizeitunternehmungen wie dem Schwimmengehen oder einem Festivalbesuch. Bei viel banaleren Dingen dürfen wir uns immer und immer wieder diese eine Frage anhören. Ob bei Reisen, beim Discobesuch, beim nächtlichen Heimkommen, ja selbst bei so Alltagsdingen wie dem Kochen. Als Mensch mit Behinderung muss man sich immer mit dem „Wenn“ der Nichtbehinderten, also dieser unterschwelligen Befürchtung, dass etwas passieren könnte, auseinandersetzen. Viele vergessen dabei, dass jedem zu jeder Zeit etwas passieren kann, egal wann wie und wo.

Die Antwort hierauf kann einfacher nicht sein: Was ist, wenn etwas passiert? Dann passiert es eben! Wir werden es vorab eh nicht wissen, wir können ja nicht hellsehen und das Leben hält eben nicht immer nur positive Ereignisse parat – so nüchtern traurig man dies auch finden mag.

Der Betreiber von Freizeitanlagen will sich, das ist immer die nächste Argumentation, durch dieses „Wenn“ bloß absichern. Aber war da nicht mal was mit Handeln auf eigenes Risiko oder so? Doch dieser Wille nach Risiko wird einem ja förmlich aberkannt – nichts mehr von wegen „no risk, no fun“! Und die schlechte Publicity, böse Medienmeldungen oder gar eine Schadensersatzklage kommen ja für viele als Angstszenario noch obendrauf.

Womit wir auch beim eigentlichen „Problem“ des „Wenns“ wären: Es ist die Angst, die, meist Außenstehende, zu dieser „Wenn“-Frage verleitet. Als Optimist kann ich dazu nur sagen: Wenn ich mir immer vorher die Frage stelle, was wäre, wenn, würde ich viele Dinge doch gar nicht mehr machen – selbst die einfache Straßenüberquerung könnte somit zur größten Gefahr werden; was ist nämlich, wenn einer bei Rot fährt? Was ist, wenn das Flugzeug abstürzt? Einer eine Bombe zündet? Ich des Nachts überfallen werde? Aber nach sowas fragt man nicht! Denn sonst könnten wir uns alle gleich selber begraben.

Und wenn dann doch etwas passiert? Dann sind sogleich die mit dem erhobenen Zeigefinger da („Hab ich’s dir nicht gesagt?!“). Aber meistens passiert ja eben… NICHTS! Und trotzdem, für diese vielleicht 1- 2- 3- von mir aus auch 5% des Restrisikos rennen Aktivisten, Teilhabe- und Inklusionskämpfer gegen Windmühlen an. Denn die wichtigste „Wenn“-Frage traut man sich erst gar nicht zu stellen: Was ist, wenn man uns überhaupt nicht teilhaben lassen will? Aber das ist wieder ein ganz anderes, neues Thema…

Gedanken-Gänge XXXIII – Dienstleister mit Handikap oder: Inklusion ist, wenn wir unsere Behinderung nicht ewig thematisieren und uns wegen ihr verteidigen müssen

Fast zehn Jahre arbeite ich nun bereits als mobiler DJ. Ich war auf zahlreichen Veranstaltungen und Feiern unterwegs, ob in Hamburg oder sonstwo in Norddeutschland, Berlin oder sogar Köln. Und seit zehn Jahren muss ich mich mit der Frage auseinandersetzen, wann, ob und wie ich meine Blindheit mit ins Spiel bringe?

Ich erinnere mich noch gut an eine Hochzeitsmesse 2011 in Wolfsburg. Der Veranstalter diskutierte mit mir, dankenswerter Weise auf sehr sachlicher Ebene, ob ich meine Blindheit „ankündigen“ oder nicht sogar als Marketing instrument gebrauchen sollte. Seit jeher lehne ich diese Art der Offensivbekanntmachung ab. Ich bin DJ aus Überzeugung, mache Musik und da spielt es keine Rolle, ob ich nun blind bin oder nicht.

Da man jedoch nicht vollends am Markt vorbeiarbeiten kann, fügte ich nach und nach kleine Hinweise auf meiner DJ-Website hinzu, anhand Interessierte durchaus in der Lage sein sollten, meine Blindheit herauszulesen. Ob nun bei meinem Slogan: „Blindes Vertrauen in die Musik“ oder meinen FAQs, wer sich wirklich informieren und mit dem Menschen auseinandersetzen möchte, den er da bucht, kann durchaus nicht behaupten, er oder sie hätte nichts davon gewusst.

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Gedanken-Gänge XXXII – Zwischen Schockstarre und Flucht oder: Was passieren kann, wenn du als Blinder auf Sehende triffst

Angeregt durch diesen kleinen Blogbeitrag von Markus Böttner entstand dieser Text.

Es ist immer wieder faszinierend und erstaunlich: Kommst du als Blinder des Weges und platzt förmlich in eine Unterhaltung anderer Passanten hinein, weil du ihren Weg kreuzt (und sie dabei noch nicht einmal mit dem Stock berührst) , neben ihnen an der Bushaltestelle stehen bleibst oder dich zu ihnen ins Zugabteil setzt, verebben alle Gespräche – sofort!

Erstaunlich, weil man es doch eigentlich im öffentlichen Raum gewohnt sein sollte, dass andere Menschen sich zu einem setzen, an einem vorbeilaufen und/oder stehenbleiben. Faszinierend, da scheinbar die pure Anwesenheit eines Menschen mit Behinderung es schafft, die angeregteste Konversation im Keime zu ersticken. Nur warum?

Ursachenforschung zu betreiben ist schwierig, denn wohl die wenigsten Passanten würden uns frei heraus sagen, was sie an unserer Anwesenheit so irritiert oder gestört hat.

Es mag die allseits bekannte Mixtur aus Überraschung (nicht damit gerechnet), Spannung, Interesse bzw. Neugier (was passiert jetzt? Was macht er? Schafft er das?), Faszination (Toll, wie er das macht), Unsicherheit und Angst (Was soll ich tun? Soll ich überhaupt etwas tun?) sein, die die Sehenden vieler Orts in eine Art Schockstarre versetzen. Stößt man sie mit der Nase drauf („Sie dürfen sich gerne weiter unterhalten!“), kommt die Konversation nur sehr stockend wieder in die Gänge, der rote Faden scheint verloren.

Und noch schlimmer. Gerne verlässt man auch die Sitzreihe und setzt sich woanders hin, geht an der Haltestelle einige Schritte weiter etc. Für deine Anwesenheit wirst du, böse gesagt, somit auch noch bestraft; bei einem anderen, ohne Behinderung, hätten sie dies sicherlich nicht getan, es sei denn, er hätte sich vielleicht Tage lang nicht gewaschen oder würde, aus anderen Gründen, gegen das Welt- und Menschenbild des Anderen verstoßen. Aber auch hier wäre es wieder nur das typisch oberflächliche Urteilen und in die Schublade stecken.

In solchen Situationen der Irritation merke ich als Blinder immer wieder, wie groß die Berührungsangst heutzutage immer noch zu sein scheint. Da wird geglotzt, was das Zeug hält, ob nun aus Gründen der Überraschung oder Neugier, Verwunderung oder Bewunderung. Alltäglich sind wir im Straßenbild, im Zug, im kleinen Restaurant oder, wie im oben verlinkten Beispiel von Markus Böttner, im Freibad anscheinend im Jahr 2019 immer noch nicht – eine erschreckende Bilanz, wie ich finde, die mich meinerseits innerlich ein wenig in genannte Schockstarre versetzt und für Entsetzen sorgt.

Bekommt man doch mal jemanden zu einem Statement bewegt, so hört man die abgedroschenen Sehenden-Floskeln von wegen „ich müsse das doch verstehen“, „keine Erfahrungen im Umgang“, „Hat nicht damit gerechnet“ oder, mein persönliches Highlight: „Wir waren so im Gespräch vertieft und haben uns erschrocken“. Spannend. Der Herr, der sich kurz zuvor lautstark geräuspert hatte, schaffte es nicht, diese drastische Wirkung hervorzurufen, ich, der ich nur meines Weges ging, allein durch meine Blindheit jedoch schon.

Da verstehe ich Böttners sarkastischen Blick auf die Situation sehr gut, wenn er sagt, er könne Zaubern und durch sein Auftauchen die Menschen um sich herum zum Schweigen bringen und in eben so eine Schockstarre versetzen – der Zauber der Behinderung eben, der eigentlich nicht sein müsste.

Als Blinder auf großer Fahrt: Sind Kreuzfahrtschiffe ohne sehende Begleitperson überhaupt nutzbar?

Seit einigen Jahren erfreuen sich Kreuzfahrten auf Flüssen und Weltmeeren sehr großer Beliebtheit. Begehrte Reiserouten und Kreuzfahrtziele sind bereits Monate vor dem eigentlichen Reisetermin ausgebucht – Schnellsein lautet bei der Buchung also die Devise.

Neben der Frage, welche Route man gerne auf seiner Kreuzfahrt entlangreisen und welche möglichen Städte man besuchen möchte, stellt sich vor allem Menschen mit einer Behinderung die sehr berechtigte Frage, ob eine Kreuzfahrt unter den jeweils gegebenen Umständen das „richtige“ Reiseangebot für sie ist?

Zwar gibt es für blinde und sehbehinderte Menschen, neben der einfachen Möglichkeit des Reisens mit einer Begleitung (z. B. Freund oder Partner), auch die Option, sich einer speziellen Reisegruppe anzuschließen, denn hier kann im Bedarfsfall für eine Begleitperson gesorgt werden, doch sicherlich ist das Reisen in Gruppen nicht jedermanns Geschmack bzw. mögen es auch einige auch eher individueller. Sich beim alleine Reisen ohne sehende Begleitung in Städten oder im gebuchten Hotel durchzufragen, um ans gewünschte Ziel zu kommen, stellt in der Regel keinerlei Probleme dar. Doch wie verhält es sich, wenn man als blinder Reisender eine Kreuzfahrt buchen und antreten möchte, jedoch ohne einen Sehenden unterwegs ist? Gibt es Seitens der Veranstalter bzw. der Reedereien Einschränkungen bei der Nutzbarkeit ihrer Kreuzfahrtschiffe für einen blinden Gast? Oder wird man auch als Blinder – wie der sehende Passagier auch – mit offenen Armen empfangen und kann seinen Aufenthalt an Bord uneingeschränkt genießen?

Um dieser Frage nachzugehen, startete ich im vergangenen Jahr eine kleine Recherche bei den bekanntesten Reedereien und Kreuzfahrtanbietern, welche Kreuzfahrten im In- und Ausland anbieten, ob es blinden Passagieren, auch ohne einer sehenden Begleitung, möglich und erlaubt sei, an einer Kreuzfahrt auf eines ihrer Schiffe teilzunehmen. Insgesamt wurden vierzehn Anbieter und Reedereien angeschrieben, die Antworten fallen teils sehr unterschiedlich aus – wie die folgende Auswertung zeigt.

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Gedanken-Gänge XXXI – „Wo ist Ihre Begleitung?“ oder: Über Beschützerinstinkte, die keiner braucht

Viele von uns Menschen mit Behinderung kennen diese Situationen nur zu gut: Man befindet sich irgendwo, ob in einem Restaurant, in einem Laden, in der Bahn, im Konzert, im Kino oder im Schwimmbad und wird (für den nicht Behinderten wie selbstverständlich) nach einer vorhandenen Begleitperson gefragt. Dem „Warum“ dieser Frage auf dem Grund zu gehen ist dabei gar nicht so einfach. Einerseits sind es die vielerseits vorhandenen Selbstunterschätzungen (was wäre, wenn ich jetzt in der Situation wäre?), andererseits das vorhandene Halbwissen über den Schwerbehindertenausweis, seine sog. Merkzeichen und deren Bedeutung.

Was Beschützerinstinkt, Selbstunterschätzung und Überforderung mit der Situation anbelangt, so hilft einem hier häufig nur zu versichern, dass man dieses oder jenes auch alleine schafft. Zeigt sich der andere unbeeindruckt, könnte man auch freundlich hinterfragen, ob er/sie in dieser Situation eine Begleitung dabei haben würde? Doch stößt diese Gegenfrage meist auch wieder auf Unverständnis („Wieso, ich bin ja nicht blind/sitze ja nicht im Rolli etc.“); was aber auch nur wieder zeigt, wie wenig sich viele Menschen tatsächlich mit dem Leben mit Behinderung und den vorhandenen Möglichkeiten auseinandersetzen. Viele, auch unter den Leuten mit Behinderung, argumentieren hier, woher es nicht Betroffene auch besser wissen sollten? Aber sorry, diese Pauschalausrede kann, genau wie die Pauschalforderung nach Begleitung, ebenso getrost an der Kasse zurückgelassen werden.

Spannend ist dabei die Beobachtung, dass – wie bei kleinen Kindern – Anbieter, Betreiber, Supervisoren und teils sogar nur Kassierer immer besser zu wissen glauben, wann, wo, wie und wieviel ich als Gast Begleitung brauche. Und selbst, wenn ich mich in meinem Nutzungswunsch, dieses oder jenes ohne Begleitung tun zu wollen, überschätzen würde, obliegt es am Ende trotzdem weiterhin mir und nicht einer fremden Person, hierüber zu urteilen – ein Wunschtraum, auch noch im einundzwanzigsten Jahrhundert.

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Blind auf dem Hamburger Frühlingsdom 2019 – Ein Testbericht

Frühlingszeit. Das bedeutet für viele auch der Startschuss zur Freizeitpark- und Kirmessaison – so auch seit vielen Jahren in Hamburg, wo von Ende März bis Ende April der Frühlingsdom seine Pforten öffnet und ein attraktives Programm für junge und junggebliebene Kirmesbesucher bietet.

Dass man es als blinder Karussell- und Achterbahnfan, was die Hilfsbereitschaft und Nutzbarkeit (vor allem auch ohne anwesende, sehende Begleitung) auf Deutschen Kirmesplätzen scheinbar einfacher hat, die Angebote ohne Einschränkungen zu nutzen, konnte ich für meine für Parkerlebnis durchgeführten Testbesuche regelmäßig unter Beweis stellen. Der Frühlingsdom 2019 war, mehr noch als frühere Domveranstaltungen, auf Familien als Zielgruppe ausgerichtet – dies bedeutete weniger Überkopf- und adrenalingeladene Fahrgeschäfte und Achterbahnen als zuvor. Zudem feierte die „Geisterfabrik“, eine interaktive Geisterbahn, ihre lang angekündigte Premiere. Ein Grund, bei einem sehr ausführlichen Domtest, die Nutzbarkeit von Attraktionen verschiedenster Art wieder einmal unter die Lupe zu nehmen.

Getestet wurde an insgesamt zwei Tagen; ich war, wie auch schon bei unseren früheren Testbesuchen, zumeist ohne sehende Begleitung auf dem Gelände unterwegs.

Ich sitze in einer Gondel des Dom Dancers (Bild Copyright Parkerlebnis.de)

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Gedanken-Gänge XXX – Inklusion? Aber nur, soweit die Nichtbehinderten es zulassen!

Inklusion – für viele gehört sie inzwischen zu einem der wichtigsten Güter in unserer modernen Sozialgesellschaft, für andere wiederum ist sie wie ein belastender Klotz am Bein. Diese „Belastung“ bekommt man indirekt vor allem dann zu spüren, wenn man sich die zahlreichen Negativmeldungen von überforderten Lehrern und dergleichen anschaut.

Böse Zungen sagen, dass Inklusion nur dann akzeptabel und umsetzbar ist, wenn sie dem Nichtbetroffenen nichts kostet, weder Aufwand, Nerven, Umdenken oder Geld: Bloß nichts verändern oder anders machen, schon gar nicht, wenns was kostet!

Wie ich in einem früheren Beitrag bereits schrieb, kann Inklusion teilweise auch gar nicht funktionieren, so lange wir Behinderung immer nur als solche, also als eine Einschränkung, betrachten. Denn in der Diskussion schwingt bei Nichtbetroffenen immer der unterschwellige Wunsch mit, dass es irgendwann einmal der Medizin möglich sein sollte, Behinderungen gar nicht erst auftreten zu lassen oder sie später dann zu beseitigen. Bis dahin mögen wir uns bitteschön weiterhin unterbuttern lassen.

Gerade im vergangenen Jahr sorgte ein Vorfall hier in Hamburg, zumindest kurzzeitig, mal für ein wenig Wirbel im Inklusionswasserglas. Der Fall hat sich inzwischen, wenn auch nur annähernd, geklärt, ist aber ein perfektes Paradebeispiel dafür, wie Menschen heute über Teilhabe denken.

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Gedanken-Gänge XXIX – Ist Auflegen ein „Handwerk“, das man erlernen kann? Oder: Gedanken über das DJing

Gestern habe ich mal wieder festgestellt: Man kann nicht alles – wie ein stumpfes Handwerk – erlernen, auch wenn viele dies immer gerne glauben.

Ich war mal wieder als DJ auf ner Hochzeit gewesen. Für gewisse Zeit schaute mir jemand über die Schulter, sehr wissbegierig an Technik, Bedienung der Geräte etc. Nur irgendwann stellte er die Frage, welche Songs man in dieser oder jener Situation am besten spielen könnte? Daran merkte ich, ohne überheblich klingen zu wollen, dass man DJing im Grunde nicht, wie stumpfes Handwerk, betrachten und lernen kann. Man kann lernen, mit Technik umzugehen, sie zu beherrschen, Mixing braucht man fast nicht mehr zu lernen, dies regelt leider meist die Software, da die meisten ja eh nur noch – so mein Eindruck – digital auflegen. Das Gespür für Musik, das sich Auskennen mit Musik, das wirkliche Hören von Musik ist etwas, das man – nach meinem Empfinden – nicht lernen kann. Entweder, du hast es, oder du hast es nicht. Und da hilft dir auch keine Spotify-Party-Playlist. Denn Geschmäcker können auf einer Party unterschiedlicher nicht sein.

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