Alle Beiträge von Christian Ohrens

31 Jahre jung, Studium der Medienwissenschaft in Hamburg, Radio Redakteur, DJ, Blogger

Was der Gast nicht kennt… oder: Warum wir immer wieder zu den gleichen Liedern tanzen

Seit nunmehr elf Jahren bin ich als mobiler DJ aktiv und unterwegs. Ich begleitete zahlreiche Partys, Events, Hochzeiten, Geburtstage, Gartenpartys, Vereinsjubiläen, Sommerfeste und weitere Events und sorgte für die musikalische Untermalung oder für volle Tanzflächen.

Bei meiner Arbeit als DJ ist es mir stets wichtig, sowohl den Geschmack der Gäste zu treffen, als auch ein Stück weit – so es mir die Vorlieben und Vorgaben ermöglichen – auch zu experimentieren. Nicht nur die bekanntesten Lieder von Interpret XY spielen, sondern auch ein wenig abseits des Bekannten zu suchen, zu finden und vorzustellen, ist mir ein ebenso wichtiges Anliegen. Denn Popmusik ist weitaus mehr, als nur die Top 100 der angesagtesten Titel der aktuellen Woche, die im Radio größtenteils sowieso schon rauf- und runtergedudelt werden.

Doch wie weit können Experimentierfreudigkeit und der Wunsch der Masse, mit tanzbarer Musik versorgt zu werden, gehen?

Die Antwort ist – nach jetzt elfjähriger Erfahrung – zum Teil wirklich ernüchternd: Nämlich so gut wie gar nicht!

Frei nach dem Motto, „Wat de Buer nich kennt, dat frett he nich“, ist die Tanzlust bei vielen bei ihnen unbekannten Titeln eher gering. Ob nun aus Gründen des Nichtgefallens oder des Nichtkennens bleibt mir als DJ in den meisten Fällen verborgen. Es sei denn, es äußert sich doch mal ein Gast zum gerade gespielten Titel und gibt mir somit einen ersten Anhaltspunkt.

Radio-Musik-Berieselung oder: Das Jukebox-Prinzip

Interessanterweise regen sich viele Radiohörer über die immer gleichen, gespielten Titel ihres Lieblingssenders auf, schalten aber trotzdem gerne wieder ein. Denn es könnten beim Nebenbeihören doch die Lieblingstitel auftauchen, die Dank Dopaminausschuss im Gehirn ein Glücksgefühl verursachen (vgl. auch Baum 2018 oder Walter 2020).

Aber warum laufen auf den meisten Unterhaltungskanälen im Radio die immer gleichen Titel? Wie vieles, so stammt auch dieser Formattrend aus den USA. Als sich ein Programmmacher Ende der 1950er Jahre einem schwindenden Interesse seiner Hörerschaft an seinen Programmen ausgesetzt sah, suchte er nach neuen Möglichkeiten und Wegen. Er beobachtete eines Abends bei einem Kneipenbesuch, wie andere Gäste die Jukebox bedienten und verfolgte dabei, dass sie sich scheinbar die immer gleichen Platten auswählten. Dieses Konzept setzte er darauffolgend auch in seinem Radioprogramm um – und diesem Prinzip folgen auch in Deutschland viele Radiostationen seit Aufkommen der privaten Kanäle. (Vgl. Auch Goldhammer 1995, Stümpert 2005, Raff 2007)

Dieses Prinzip lässt sich auch durchaus auf das Auflegen auf Partys und Feiern anwenden und erklärt vielleicht, warum viele Gäste trotz Teils auch unterschiedlichen Geschmäckern, sich auf Partys immer dieselben Titel wünschen.

Musik oder: Der Schlüssel zum Glück

Bei Titeln, die wir lieben wird im Gehirn Dopamin freigesetzt und der Hörer erlebt ein Glücksgefühl, Dies tritt dann immer wieder auf, sobald wir „unser Lied“ hören; das kann dann auch 3x, 4x oder 5x am Stück hintereinander weg laufen. Wir fühlen uns gut. (vgl. z. B. Walter 2020)

Diese Tatsache kann auch dazu führen, dass wir ähnliche Titel, die denselben, musikalischen Mustern wie unsere Lieblingstitel folgen, genauso viel Gehör und Aufmerksamkeit schenken – oder eben auch umgekehrt. Wir erkennen schnell ähnlich klingende, musikalische Muster und bringen diese mit unseren bisherigen Musikerfahrungen und -Vorlieben in Verbindung.

Jedoch scheint, wenn man der bisherigen Forschung glaubt, das Entdecken von für uns neuer Musik ab Anfang 30 stark nachzulassen. „Im Alter festigen sich unsere Interessen, die sich im Laufe unseres Lebens herauskristallisiert haben. Während wir in der Jugend ständig neue Styles, ob Frisur, Outfit oder Subkultur, ausprobiert haben, schwindet die Lust am Entdecken mit der Zeit langsam. Das selbe in der Musik“ (Walter 2020).

Es scheinen auf Partys noch einmal etwas andere, musikalische Gesetze zu gelten. Denn auch bei jüngeren Gästen konnte ich diesen Unwillen des nicht Neuentdecken wollens feststellen. „Kenn ich nicht, Klingt blöd, ist blöd, ich geh was Trinken“ ist dann eine häufige Reaktion. Erklingt jedoch ein ihnen wieder bekannter Titel, kehren sie, wie magisch oder magnetisch angezogen, zurück auf die Tanzfläche.

Jedoch, dies ist in dem Artikel von Walter ebenfalls nachzulesen, brauchen wir auch eine gewisse Zeit, um Titel warmzuhören und ihnen beim nächsten Mal Hören mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Gerade auf Tanzflächen entscheiden die ersten Beats, ob der gespielte Song top oder Flop ist.

Dies erklärt, warum sich die vorhin bereits zitierte Binsenweisheit, dass was der Bauer nicht kennt, er auch nicht isst, auch auf die Arbeit als DJ anwenden lässt: Was der Gast nicht kennt, dazu tanzt er nicht! Schade eigentlich…

Fazit oder: Auch abseits des Bekannten zu tanzen lohnt sich

Wenn ich in Vorgesprächen abfragte, welche Musik gespielt werden soll, hörte ich schon häufig den Satz: „Am besten das, was alle mögen!“ Auf dem ersten Blick scheint dies unmöglich zu sein, zu unterschiedlich können doch die Geschmäcker sein. Doch gerade zu späten Stunden zeigt sich, dass es zwar oftmals einerseits nicht schwer ist, den „Massengeschmack“ der Partygesellschaft zu treffen, damit aber andererseits auch eine gewisse Einfalt einhergeht. Stücke können noch so rhythmusbetont, positiv gestimmt oder schlicht weg tanzbar sein – wenn ein Großteil sie nicht kennt, führt dies, je nach Menschenschlag, zum Leeren der Tanzfläche.

Somit ist es eine wahre Herausforderung für den Musikliebhaber, neue Titel, die gut ins Konzept oder in den Mix passen könnten, mit Evergreens der Partykultur in Einklang zu bringen – mal gelingt es, oftmals jedoch auch nicht. Davon darf ich mich jedoch nicht beirren lassen, dafür ist einfach auch jede Party aufs Neue anders.

Doch kann ein Zuhören zu bislang unbekannten Tönen, selbst auf einer Party, durchaus auch bereichernd für den Einzelnen sein. „Auch wenn das Gehirn lieber den einfacheren und bekannten Weg bestreiten möchte, der viel Glück und wenig Risiken mit sich bringt, sollten wir die Courage mitbringen, Neues zu probieren. Die Welt dreht sich weiter, jeden Tag kommen tausende neue Lieder heraus. Die Kultur verändert sich auch stetig. Bei dieser Fülle an tollen Liedern wäre es schade, nicht mal wieder über den eigenen Tellerrand zu blicken. Auch wenn wir manche Lieder nur auf Anhieb mögen, weil wir etwas ähnliches schonmal gehört hat, war die Entdeckungsreise jeden Schritt wert. Und durch das wiederholte Hören neuer Musik und neuer Musikrichtungen, bilden sich wieder neue Verknüpfungen im Gehirn, die früher oder später besondere Emotionen hervorholen könnten.“ (Walter 2020)

Quellen

  • Baum, Nina (2018): Forscher bestätigen: Darum hört man immer die gleichen Lieder. (Aus): YaHoo Style Deutschland, Online abrufbar. Zuletzt abgerufen am 02.08.2020.
  • Goldhammer, Klaus (1995): Formatradio in Deutschland: Konzepte, Techniken und Hintergründe der Programmgestaltung von Hörfunkstationen. Berlin: Spieß.
  • Raff, Ecki (2007): Wie funktioniert Radio? (In): Müller, Dieter K./Esther Raff (Hrsg.) (2007): Praxiswissen Radio. Wie Radio gemacht wird – und wie Radiowerbung anmacht. Wiesbaden: vs Verlag für Sozialwissenschaften, S.25-36.
  • Stümpert, Herman (2005): Ist das Radio noch zu retten? Überlebenstraining für ein vernachlässigtes Medium. Berlin: uni-edition.
  • Walter, Mathias (2020): Wieso wir immer wieder die gleichen Lieder hören Und warum unser Gehirn das auch noch belohnt. (Aus): Bonedo.de Magazin, Online Abrufbar. Zuletzt zugegriffen am 02.08.2020.
  • Wolf, Fritz (1998): Funknoten. Radio als Begleitmedium. (In): Journalist 06/1998, S.12-18.

Gedanken-Gänge 45 – Corona-Krise und blinde Menschen oder: Geht es uns denn wirklich so schlecht? Ein Kommentar

Schon zu Beginn der Corona-Krise konnte man an vielen Stellen im Internet, aber auch in einschlägigen Lokalmedien lesenund hören, dass vor allem Menschen mit Behinderung besonders von der Corona-Krise und ihren Folgen betroffen seien. Dies ist sicherlich dann richtig, wenn – bedingt durch die Regelungen und Einschränkungen – der Alltag im wahrsten Sinne des Wortes „eingeschränkt“ würde, man beispielsweise nicht mehr ohne weiteres vor die Tür, zur Arbeit, zum Einkaufen oder sonst wo hinkäme.

Mit zu der Gruppierung der scheinbar stark Betroffenen gehören, mag man solch oben erwähnten Artikeln glauben, auch wir blinden bzw. hochgradig sehbehinderten Menschen. Weil wir auf die Hilfe anderer angewiesen sind, weil wir mehr anfassen (müssen), als es der Otto-Normal-Bürger tut etc. Doch sind wir wirklich mehr gefährdet und haben Grund zur Sorge oder sind es wieder selbstgemachte „Probleme“, die viele von uns „jammern“ lassen?

Ganz nüchtern betrachtet, mögen viele Recht haben, wenn sie behaupten, blinde Menschen seien stärker von Einschränkung und Ausgrenzung durch die Coronapandemie betroffen. Wir können weder Abstand einschätzen, noch ihn vernünftig einhalten. Wir fassen alles mögliche an, ob Türgriff, Haltestange, Einkaufswagen, Geld, Kartenleser, Fahrstuhlknopf… bei genauerer Betrachtung dürfte jedoch auffallen, dass ein Großteil der eben genannten Dinge auch von Sehenden tagtäglich berührt wird, denn mit dem Blick allein lässt sich weder der Fahrstuhl rufen, noch die Tür öffnen oder der Einkaufswagen schieben. Und noch viele, weitere Dinge im alltäglichen Leben sind für den Sehenden nur durch bloßes Anfassen machbar; an diese denkt nur keiner mehr, es sind wir Blinden, die durch die Berührung einer Gefährdung ausgesetzt sind.

Was den Abstand anbelangt, so ist dies – wieder nüchtern betrachtet – zwar richtig, dass wir ihn weder einschätzen, noch oftmals richtig einhalten können. Aber auch hier gibt es ein großes ABER. Denn die meisten von uns sind mit Blindenstock unterwegs und haben so schon, ganz automatisch, einen Abstand zwischen sich un dder Person vor sich geschaffen. Dies sind zwar keine 1,5 Meter, aber besser, als gar nichts. Was rechts und links von einem passiert, geschweige denn wenn man den Atem desjenigen hinter sich schon im Nacken spürt, gefährdet dies uns gleich so sehr? Denn letzten Endes ist als eigentlicher „Schutz“ immer noch die Mund-Nasen-Bedeckung vorgesehen. Diese soll uns ja eben immer dann schützen, wenn es mit dem Abstand schwieriger wird bzw. werden könnte. Letztlich sind auch hier sowohl Sehende als auch Blinde gleichermaßen betroffen, denn wer es eilig hat, zur Arbeit zu kommen, wählt nun mal den vollen Bus; nicht jeder kann/darf zuhause bleiben.

Wo wir auch bei einem anderen, mehr als leidigen Thema wären: Ich selbst bin auch kein Freund der Maske, trage sie dennoch, ob nun beim Einkaufen oder im ÖPNV. Sie ist nervig, bei stickiger Luft habe auch ich manchmal das Gefühl, noch weniger luftholen zu können, aber wenn dies der zur Zeit nur mögliche Schritt ist, ein Stück weit „Alltag“ und – wie sie immer so schön genannt wird – „Normalität“ zurück zu bekommen, dann trage ich eben diesen Lappen, bevor ich deswegen gleich ganz zuhause bleibe. Viele mögen dies anders sehen. Im Internet liest man haarsträubende Kommentare, von wegen die Maske würde bei der Orientierung stören etc. Dass durch das Tragen der Maske jedoch die Brille beschlägt, habe ich von vielen, auch aus meinem Umfeld, schon gehört – scheint also doch was Wahres dran zu sein. Und wem die Maske arg zu sehr stört, der kann sich ja beim lokalen Blindenverein erkundigen, ob Menschen mit einer Behinderung im betreffenden Bundesland von der maskenpflicht ausgeschlossen sind. Ganz findige Leute gehen ja lieber gleich zum Arzt und lassen sich das nicht tragen müssen attestieren.

Was die Nutzung des ÖPNV angeht, so gehen auch hier die Meinungen entschieden auseinander. Zwischen „normalem“ Alltag und großer Angst und Unsicherheit scheint hier alles vertreten zu sein. Zwar mögen einige Bahnhöfe leerer sein als sonst, auch viele Züge sind es mit Sicherheit, aber diese geisterhafte Leere, welche zu Beginn des Lockdowns vielerorts herrschte, dürfte nur noch seltenst der Fall sein. Vor der Pandemie hätte ich auch gesagt, dass sich immer jemand findet, der einem bereitwillig weiterhelfen wird, jetzt sieht das scheinbar nicht mehr ganz so gut aus.

Aus eigener Erfahrung hier in Hamburg muss ich jedoch eines sagen: Wer Maske trägt, genießt bei vielen Mitmenschen scheinbar eine Art Vertrauensbonus. Bin ich draußen in der Stadt unterwegs, benötige einmal Hilfe, habe jedoch keine Schnodderbremse an, so geschah es nicht selten, dass ich Schwierigkeiten hatte, einen Passanten anzuhalten. Trug ich eine Maske, gingen die Leute offener und schneller auf mich zu und waren hilfsbereiter. Ein Eindruck, der täuscht und ich bin womöglich zur falschen Zeit an die falschen Leute geraten? Könnte man meinen, denn andere Blinde erzählen es fast umgekehrt, dass sie gerade jetzt mehr Zusammenhalt, Hilfsbereitschaft etc. erleben. Ist Hilfsbereitschaft in Zeiten von Corona und Maske also mit regionalen Unterschieden verknüpft? Also doch ein Grund für die Maske?

Aber tatsächlich scheinen viele den Kontakt zu meiden. Jüngst auch hier in Hamburg hatte ich Schwierigkeiten, bei einer renommierten Bekleidungs-Handelskette Hilfe zu bekommen. Sie müssten den Abstand einhalten und dürften mich daher auch nur mit 1,5 M Sicherheitsabstand durch den Laden führen. Na klar, ich lasse mich, wie an einer unsichtbaren Leine gezogen, per Stimme im Slalong durch den Laden, zwischen den Kleiderständern durchlozen – mehr links, mehr rechts, mehr geradeaus, halt, zu weit, wieder zurück… Da halfen auch nicht die zitierte Führempfehlung des DBSV, hinter demjenigen zu laufen und mich mit der Hand an der Schulter zu orientieren. Eher hätte man mir angeboten, mich – ebenfalls wieder wie an der Leine – am Blindenstock zu führen. Nur dann wären wir wohl auch kaum durch die teils engen Gänge gekommen.

Not soll ja bekanntlich erfinderisch machen und – so durfte ich es mir auch schon oft anhören – man müsse dann halt nach neuen Alternativen suchen. Für vieles in unserem Alltag mag dies ja stimmen. Schlangen vorm Bäcker, die eigentlich keine mehr sind, weil alle 2 M voneinander entfernt stehen, Leute, die nicht sagen, ob und wo da überhaupt eine Schlange ist, Busse, die nur noch in der Mitte ihre Türen öffnen und und und… Hier gilt es aber nicht nur für uns, umzudenken und vielleicht einmal mehr nachzufragen. Wer nicht sagt, dass das Ende der Schlange 8 M weiter weg ist, darf sich am Ende auch nicht über den blinden Ladengast beschweren, wenn er sich – scheinbar dreist – vorgedrängelt hat. Nicht nur wir können reden, die Sehenden könnten es auch! Gleiches gilt für die Busproblematik. Natürlich könnten wir darauf bestehen, dass der Fahrer mal die Außenlautsprecher des busses einschaltet und die Linie durchsagt, wir können aber auch zur Not beharlich vorne klopfen, bis geöffnet wird, freundlich die Linie erfragen; beim nächsten Mal wird der Fahrer es besser wissen und auch machen. Wer sich beim Einkaufen nicht anfassen lassen möchte, auch nicht hinten an der Schulter, weil überängstliche Geschäftsführer es so verlangen, sollte sich (oder die Leitung) jedoch ernsthaft fragen, ob der Verkäuferjob in Zeiten von Corona überhaupt noch das „Richtige“ für ihn oder sie ist. Denn ob nun vom Kunden berührt oder selber beim Wegräumen das angefasst, was hundert Kunden zuvor schon in den Händen hielten, macht doch am Ende des Tages keinen all zu großen Unterschied.

Wir können aber auch weiter meckern und uns darüber auslassen, wie schlecht es uns zur Zeit geht, wie schwer wir es doch haben und wie stark auch – oder vor allem – uns diese Pandemie einschränkt. Alltag ist nicht einfach, weder vor noch gerade jetzt während der Einschränkungen, aber wir müssen selbigen nicht noch komplizierter machen, als eh schon geschehen. Natürlich gibt es an der einen oder anderen Stelle Dinge, die nervig sind, aber wenn ich immer wieder, auch in Artikeln, lese, wie schwer wir es doch haben und wie stark betroffen wir von Regelungen & co. doch sind, dann kriege ich – sorry – erst recht die Krise.

Gedanken-Gänge 44 – Shutdown, Lockdown, Knockdown? Ein paar Gedanken zur Coronakrise und dem, was wir daraus machen

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll… Lang habe ich überlegt, ob ich diesen Text überhaupt ins Netz stellen soll, gerade jetzt, wo (fast) jedes Bundesland ja seine Corona-Lockerungen beschlossen hat und ein Stück weit annähernde „Normalität“ in unseren Alltag zurückkehrt – soweit es nach diesem Shockdown überhaupt noch möglich ist.

Dennoch – nach über sechs Wochen tagtäglichen Corona-Berieselung auf allen Kanälen, hier ein paar kritische, teils auch durchaus sarkastische Gedanken zur ganzen Corona-Misere.
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Musikvielfalt im Formatradio: Das Beispiel „Grenzwellen“ – Im Gespräch mit Radio-Redakteur und Moderator Ecki Stieg

Keine Frage – die musikalische Sozialisation findet größtenteils im eigenen Elternhaus, im ersten Freundeskreis oder auch durch Medien wie das Radio statt. Ein Großteil meines Musikgeschmacks verdanke ich dem Radio, vornehmlich dem privatkommerziellen Sender FFN (früher Radio FFN), welcher bis Ende der 1990er Jahre im Abendprogramm genrespezifische Spartensendungen anbot, unter ihnen die „Grenzwellen“. Abseits des Mainstreams bot diese Sendung eine Auswahl an unterschiedlichster, elektronisch orientierter Musik und dürfte somit in der niedersächsischen Radiolandschaft der 90er Jahre ungelogen zu einem Radiophänomen zählen.

Mit der Umformatierung und Neuausrichtung des Senders wurden 1997 sämtliche Spezial- und Spartensendungen aus dem Programm gestrichen und FFN verkam somit, wie die meisten der privaten Sendeanstalten in Deutschland, zum Dudelfunk.

Im Rahmen einer Hausarbeit, welche sich mit der Musikvielfalt im privatkommerziellen Rundfunk auseinandersetzte, hatte ich 2007 die Möglichkeit, den Mann hinter den Grenzwellen, Ecki Stieg, für ein ausführhliches Interview zu gewinnen.

Das komplette Interview könnt Ihr hier im Folgenden nachlesen. Ich habe es noch einmal überarbietet und durch viele, weiterführende Links ergänzt. Seit 2014 erleben die Grenzwellen eine Neuauflage, die Sendung ist seit April ’14 immer Mittwochs bei Radio Hannover zu hören. Grund genug, rund 13 Jahre nach dem ursprünglichen Interview mit Ecki Stieg erneut über die Themen Radio, Musikvielfalt, Streaming und natürlich auch seiner Rückkehr zum Radio und der Neuauflage der Grenzwellen zu sprechen.

Ein herzliches Dankeschön an dich, lieber Ecki, für dieses sehr persönliche, ausführliche Interview – sowohl 2007 als auch jetzt 2020.

Hinweis: Ursprüngliches Interview geführt Januar 2007; Ergänzung März 2020.

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Gedanken-Gänge 43 – Ein Lob muss nicht immer negativ sein oder: Wenn Political Correctness auf Paranoia trifft

Es ist irgendwie seit einigen Monaten zum neuen Volkssport geworden: Dinge interpretieren. Egal, was man wann, wie, wo sagt oder postet, es muss erst einmal auseinandergenommen und analysiert werden.

Ob gutgemeinter Rat, schlechter Witz, ein Lob – hinter jeder Äußerung könnte sich etwas „Böses“ verstecken. Und wir neigen inzwischen dazu, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Bei manchen Menschen habe ich außerdem den Eindruck, sie suchen förmlich nach etwas, dass sie einem im Munde umdrehen oder anders auslegen können.

Die aufkeimende Diskussion um positiven Rassismus oder positiver Diskriminierung tat ihr übriges hierzu bei. Natürlich, wir leben in einer Zeit, in der wir versuchen, bewusster mit Sprache umzugehen. Doch, und dies schrieb ich auch bereits an anderen Stellen meines Blogs, kann jedoch auch dazu führen, dass wir uns sozusagen ein kommunikatives Bein stellen. „Was darf ich noch wie sagen?“, wird gern provokant von Kritikern dieser sprachlichen „Bewegung“ angeführt. Ihr Einwand ist durchaus verständlich.

Ewig alles zu hinterfragen (war es wirklich so gemeint? Muss ich zwischen den Zeilen lesen?) macht einem noch ganz kirre. Ein einfaches, ernstgemeintes Lob kann schnell zur Falltür werden, denn der Lobende könnte dem anderen ja indirekt genau das Gegenteil unterstellen (ich lobe, dass Person X gut Deutsch spricht oder ich Lobe, dass person Y trotz Behinderung ihren Alltag meistert, weil ich es mir in meiner aktuellen Situation wohl so nie zutrauen würde; dies wird jedoch verstanden als: Ich unterstelle sowohl Person X als auch Person Y, dass sie dies doch eigentlich so nicht können dürften).

Das WIE es gesagt wird, scheint dabei gerne mal unter den Tisch zu fallen. Denn kommt es nicht auch auf den Kontext an, in dem ich solch ein Lob ausspreche bzw. auf die Art und Weise (Betonung, Mimik, Gestik), anstatt sich stumpf nur auf das Gesagte zu berufen und dies zu zerhackstücken?

Im Beispiel Behinderung und Alltag wird häufig gern angeführt, dass es für uns eben ganz „normal“ ist, den Alltag zu meistern, zu reisen, einzukaufen, etc., es für uns somit keine besondere Leistung darstellt. Haben wir also Angst, der Nichtbehinderte könnte uns somit unterschwellig unterstellen, doch nichts von alledem zu können? Es bedeutet in wohl den meisten Fällen eher, dass sich der andere, wäre er oder sie in unserer Situation, selber nicht zutrauen würde – nach seinem jetzigen Wissensstand. Viele fordern bzw. wünschen sich, dass Behinderung immer mehr zum Alltag wird und viele Nichtbehinderte dies nicht mehr hinterfragen. Aber zur Integration gehört leider auch, dass wir mit solch Lob umzugehen lernen, anstatt es ewig von uns zu weisen.

Dies funktioniert auch beim Sprachenbeispiel. Unterschwellig fühlen sich viele diskriminiert, weil der Lobende indirekt unterstellt, dass Person X dies aufgrund ihrer Herkunft oder der Kürze der Zeit, in der er jetzt in Deutschland lebt (obwohl der andere gar nicht weiß, wie lang er hier lebt), doch gar nicht so gut beherrschen könne. Anders herum gibt es aber auch unter uns sehr viele, die sich mit dem Erlernen einer neuen Sprache schwertun würden, wären sie einmal in solch einer Situation, irgendwo „neu“ oder „fremd“ zu sein. Der Ausspruch „Sie können aber gut Deutsch!“ muss also auch hier keineswegs ein unterschwelliger Rassismus sein – wird aber gerne so verstanden.

Das erinnert mich alles an das gern genommene Beispiel mit dem Ausruf, es sei Grün!, bei dem manch einer gern versteht, er oder sie könne nicht richtig hingucken oder autofahren.

Wir dürfen nicht immer davon ausgehen, dass der Gesprächspartner automatisch schon alles über unseren Werdegang weiß. Nicht alles ist auch immer gleich mit böser Absicht gesagt oder gemeint – braucht man eigentlich niemandem mehr zu erklären… oder vielleicht doch? Im Zeitalter von an manchen Stellen schon an Paranoia grenzender political Correctness vergessen wir dies nämlich wohl all zu gern.

Noch drei Sprünge bis zum Abgrund – Warum und Wie ich als Blinder Spielkonsolen nutze

Für viele Kinder und Jugendliche gehören PC- und Videospiele inzwischen zu ihrem Alltag dazu. Und auch bei Erwachsenen gibt es viele, die diesem Zeitvertreib oder Hobby, mal mehr oder weniger ausgeprägt, nachgehen. Auch ich als Blinder spiele und das mit großer Begeisterung. Jedoch interessieren mich weniger Spiele, welche speziell für unseren Nutzerkreis entwickelt wurden (Beispiel sog. Audiogames) oder solche, die so gestaltet sind, dass wir sie problemlos auch mit Sehenden zusammenspielen können (zahlreiche Smartphone-Games, Quizspiele etc.), sondern konzentriere mich beim Spielgenuss zum Großteil auf herkömmliche Spielekonsolen wie Nintendo, Playstation etc. Wie ich zu solch einem eher ausgefallenen Hobby kam und warum ich solche und nicht die speziell für blinde Gamer entwickelten Spiele bevorzuge,, werde ich oft gefragt. Hier meine Antwort dazu.

Ich sitze vor einem alten C64, meine linke Hand hält den Steuerknüppel eines Joysticks und um mich herum stehen drei/vier Leute und schauen zu | Bild Copyright Christian Ohrens, Location Retro Spiele Club Hamburg

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18.12. – Der Tag, an dem du von uns gingst… oder: Auch Zeit heilt solche Wunden nicht

Manche Themen sind so unangenehm, dass viele sie lieber verschweigen würden – so auch der Tod. Wenn Menschen von uns gehen und man selber droht ins Trauerloch zu fallen, merkt man dies sehr deutlich an der Reaktion anderer.

Vor genau zehn Jahren nahm mein Vater sich in der Nacht auf den 18.12. das Leben – einfach so, ohne dass es vorab irgendwelche offensichtlichen „Vorzeichen“ oder „Gründe“ gegeben hätte. Doch genau danach beginnt man als Angehöriger bzw. Sohn zu suchen. Gräbt in den vergangenen Jahren nach möglichen Gründen, fragt sich selbst, ob man hätte etwas anders machen können und müssen, grübelt, ob man etwas falschgemacht hat, tauscht sich mit Nachbarn aus, bloß um ein Anzeichen für diese „Entscheidung“ zu finden. Und im gleichen Atemzug verteufelt man diejenigen, die einem genau mit diesen Fragen konfrontieren: „Warum? Habt Ihr denn vorher nichts gemerkt? Gab es Streit?“

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Als Blinder auf der Düsseldorfer Rheinkirmes 2019 – Der Testbericht

Sommerzeit ist vielerorts gleichzeitig auch Kirmeszeit. Gerade im Juli und August finden deutschlandweit viele kleine und große Volks- sowie Schützenfeste statt. Eines der Kirmes-Highlights dürfte auch dieses Jahr wieder unumstritten die Rheinkirmes in Düsseldorf sein, die gerne auch als „Größte Kirmes am Rhein“ bezeichnet wird.

Bereits 2017 konnte ich die Rheinkirmes für Parkerlebnis.de bei einem elf Fahrgeschäfte umfassenden Besuch ausführlich testen; rund zwei Jahre später stand nun ein Folgetest auf dem Programm. Gleich am ersten Kirmes-Wochenende stattete ich der „Größten Kirmes am Rhein“ einen erneuten Besuch ab – diesmal begleitet von Alexander Louis, einem Kollegen bei Parkerlebnis.de, der das ganze Geschehen inkognito im Hintergrund beobachten wollte.

Rheinkirmes 2019 von oben | Bild Copyright Alexander Louis, Parkerlebnis.de

Wir hatten uns vorweg darauf verständigt, dass er – soweit es eben ging – sich aus dem Geschehen heraushalten und nicht eingreifen sollte, selbst wenn ich in einer Situation vielleicht Hilfe benötige. Denn nur so kann ein solcher Testbesuch all seine positiven als auch negativen Facetten aufzeigen. Eines sei zudem auch gleich vorab verraten: Auch wenn alle Testfahrten zustande kamen, verließen wir den Festplatz am Ende mit gemischten Gefühlen.

Der Schwerpunkt bei dem ausführlichen Kirmestest lag in diesem Jahr nicht nur auf den rasantesten und adrenalingeladensten Attraktionen. Ich habe mich diesmal nämlich bemüht, sowohl familiengerechte als auch schnellere Karussells mit in meinen Test einzubeziehen.

Der Break Dancer des Schaustellers Bruch auf der Rheinkirmes 2019 | Bild Copyright Alexander Louis, Parkerlebnis.de

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Gedanken-Gänge 42 – Manchmal war früher eben doch vieles besser… oder: Eine kleine Hommage an die neunziger Jahre

In zahlreichen Beiträgen in sozialen Netzwerken, ja sogar in ganzen Gruppen, wird der Nostalgie freien Lauf gelassen. Für viele Menschen waren die neunziger Jahre mit das beste und tollste Jahrzehnt, die schönste Zeit – wobei das sicherlich viele von den Jahren der eigenen Kindheit behaupten werden. Ja selbst in unzähligen Retrospektiven im TV und in Live-Comedy-Shows wird seit geraumer Zeit den Neunzigern gedacht und die Musik dieses Jahrzehnts erlebt spürbar ihr Comeback, ob nun im Radio oder auf Partys. Gründe genug, auch hier mit einer kleinen Hommage an die eigene Kindheit zu starten. Mal ohne all die Probleme, die es damals schon gab oder die Dinge schlecht zu reden, die wir „damals“ noch nicht hatten. Und ich verzichte hier bewusst auf Bilder und Videos, die meine Erinnerungen durchaus illustrieren würden und überlasse Euch ganz und gar Eurer Fantasie.

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Gedanken-Gänge 41 – Es gibt nur Schwarz-Weiß-Maler oder: Ein paar Gedanken zu Greta Thunberg und der Fridays For Future Bewegung

Hut ab. Die Gesellschaft teils sehr spürbar in zwei Lager zu teilen, schafften bislang nur Politiker mit ihren Äußerungen und Taten. Wobei es hier sogar oftmals viel vielschichtigere Meinungen und Kommentare gibt, als bei dieser jungen Frau. Denn in nur einem Jahr hat es ein 16jähriges Mädel aus Schweden nicht nur vollbracht, Tausende junge Menschen Freitags auf die Straße zu bringen, sondern auch, eine Diskussion zu entfachen, die in unserer Gesellschaft ihresgleichen sucht. Grund genug, zum Jahresende einen Versuch zu starten, die ganze Geschichte etwas differenzierter zu betrachten.

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