Gedanken-Gänge XXXIII – Dienstleister mit Handikap oder: Inklusion ist, wenn wir unsere Behinderung nicht ewig thematisieren und uns wegen ihr verteidigen müssen

Fast zehn Jahre arbeite ich nun bereits als mobiler DJ. Ich war auf zahlreichen Veranstaltungen und Feiern unterwegs, ob in Hamburg oder sonstwo in Norddeutschland, Berlin oder sogar Köln. Und seit zehn Jahren muss ich mich mit der Frage auseinandersetzen, wann, ob und wie ich meine Blindheit mit ins Spiel bringe?

Ich erinnere mich noch gut an eine Hochzeitsmesse 2011 in Wolfsburg. Der Veranstalter diskutierte mit mir, dankenswerter Weise auf sehr sachlicher Ebene, ob ich meine Blindheit „ankündigen“ oder nicht sogar als Marketing instrument gebrauchen sollte. Seit jeher lehne ich diese Art der Offensivbekanntmachung ab. Ich bin DJ aus Überzeugung, mache Musik und da spielt es keine Rolle, ob ich nun blind bin oder nicht.

Da man jedoch nicht vollends am Markt vorbeiarbeiten kann, fügte ich nach und nach kleine Hinweise auf meiner DJ-Website hinzu, anhand Interessierte durchaus in der Lage sein sollten, meine Blindheit herauszulesen. Ob nun bei meinem Slogan: „Blindes Vertrauen in die Musik“ oder meinen FAQs, wer sich wirklich informieren und mit dem Menschen auseinandersetzen möchte, den er da bucht, kann durchaus nicht behaupten, er oder sie hätte nichts davon gewusst.

Nun wird man jedoch nicht nur direkt vom Kunden, sondern auch über Agenturen etc. gebucht. Die Agentur jedoch macht in meinen Augen alles richtig, indem sie eben nirgends meine Blindheit zur Sprache bringt – was wiederum Kunden vor den Kopf stößt – bloß warum?

Befragt man mal Sehende (und dies tat ich indirekt durch einen Kommentar auf Twitter vor Kurzem), so wird einem schnell klar, dass es immer noch große Hürden im Umgang mit uns zu geben scheint!

Da kommen dann solch unglaubliche Argumente wie, dass man mir ja nicht Zettel mit Musikwünschen hinreichen könne, dass man sich auf mich und meine „besondere Situation“ und meine „besonderen Bedürfnisse“ hätte einstellen müssen, dass die Gäste erwarten sich durch Augenkontakt verständigen zu können, dass man mir keine Handzeichen geben kann und, dass ich natürlich die Gäste auch nicht sehe.

Auf das, wie ich als blinder DJ arbeite und entsprechend auf Gäste eingehe, möchte ich hier nicht eingehen. Es überrascht mich jedoch immer wieder dieses anmaßende Verhalten, mit dem man mir, nicht nur auf Twitter sondern auch im realen Umfeld, immer wieder zu verstehen geben möchte, dass wir Blinden doch „anders“ sind und der Umgang somit ein anderer ist, als unter Sehenden.

Mag zu kleinen Teilen ja alles stimmen. Nur wer nicht in der Lage ist, einen Dienstleister mit egal welcher Behinderung zu akzeptieren, und dies ohne „Vorwarnung“, ist auch – böse gesagt – im normalen Alltag nicht in der Lage, adäquat mit uns umzugehen. Konfrontiert man Sehende damit, kommt die für alles geltende Generalausrede, dass dies doch was „ganz anderes“ sei und ich das ja überhaupt nicht miteinander vergleichen könne.

Ich möchte nicht verhätschelt werden, die Hilfen, die ich brauche, hole ich bzw. fordere sie bei Bedarf ein und bringe mir nicht schon von Anfang an meinen personal Assistant mit, der Blickkontakt, Zettelreichungen und besondere Bedürfnisse (welcher Art auch immer) für mich regelt. Das ist der gleiche Käse, wie die vielerorts geforderte Begleitung im Freizeitpark: Ich Sehender frage gar nicht, was du brauchst, ich sage dir, was du brauchst!

Doch so funktioniert Inklusion leider nicht! Inklusion würde im Falle eines Dienstleisters mit Handikap bedeuten, dass wir eben nicht dem potenziellen Kunden mit Samthandschuhen betreffend unserer Behinderung anfassen, dass wir eben nicht Behinderung als Herausstellungsmerkmal missbrauchen müssen, dass wir eben sie überhaupt erst gar nicht thematisieren. Wenn es nach mir allein gegangen wäre, hätte ich FAQ und Ähnliches gar nicht erst auf die Website gepackt. Aber der Markt und die in ihm agierenden Kunden funktionieren nun einmal anders.

Muss ich also vorab im Kundengespräch angeben, dass ich blind bin? Auch nach Negativerfahrungen und -Kommentaren in den letzten Monaten werde ich es weiterhin so handhaben wie gehabt: Entweder der Kunde wird von allein darauf aufmerksam oder er wird es eben nicht.

Doch was ändert es eigentlich, wenn er es vorab weiß? Aus der eigenen Überforderung heraus werden so nämlich auch viele mögliche Aufträge storniert, immer mit dem Nachsatz, es hätte ja „überhaupt nichts mit meiner Behinderung“ zu tun! Da der Ton die Musik macht und überhebliche Betonungen alles andere aussagen, weiß unser einer dann schnell, was Sache ist.

Ein wenig Sarkasmus zum Schluss, der jedoch auch ein wenig zum Nachdenken anregen soll. Bei all den Leuten, die sich nun – entweder offensiv oder nur hinter vorgehaltener Hand – quasi über meine Blindheit „beschweren“, frage ich mich, ob sie es auch stört, dass der Taxifahrer kein Deutscher, ein Molliger, Rentner oder sonst irgendeiner ist, der nicht in ihr Weltbild des Taxifahrers passt? Und es kann auch der Verkäufer, Handwerker, Hausmeister, neue Teamleiter am Arbeitsplatz oder der zukünftige Stiefvater sein. Wahrscheinlich nicht, das wird stillschweigend hingenommen, vielleicht auch, weil sich keiner anmaßen würde, sich darüber zu echauffieren. Jeder würde sich in seinem Job oder privaten Umfeld wahrscheinlich mehr Umsichtigkeit und Toleranz wünschen – genauso ist es bei uns Dienstleistern. Wir fragen Euch ja auch nicht, ob Ihr alle tanzen könnt, sondern machen am Ende mit Euch gemeinsam das möglich Beste daraus!

Wie gesagt, Inklusion ist, wenn ich nicht ewig über Behinderungen sprechen muss.


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