Gedanken-Gänge XXXV – Teilhabe ist kein Kompromiss

Seit inzwischen mehreren jahren wird, auf politischer Ebene, aber auch vor allem in Betroffenenkreisen, in sozialen Medien und Foren heiß darüber diskutiert, ob und inwieweit eine uneingeschränkte und ungeteilte Teilhabe von Menschen mit Behinderung in unserer Gesellschaft erfolgen kann und muss – einerseits äußerst löblich, zeigt es doch, wie groß das Interesse und Desinteresse, egal von welcher Seite, für dieses Anliegen ist. Andererseits wird genau diese Diskussion ermüdender denn je; warum, dazu hier ein paar Zeilen.

„Eine ausnahmslose Teilhabe kann und wird es nicht geben!“ – so die Hauptaussage, die in vielen Diskussionen, auch und vor allem inzwischen unter Betroffenen, am Ende eines Diskussionstages im Raum stehenbleibt. Versucht man die Argumente für diese Aussage nachzuvollziehen, schlackert man am Ende nur mit den Ohren. Denn selbst behinderte Menschen fangen an, dem nichtbehinderten Betreiber von Freizeitanlagen eine gewisse Handlungsfreiheit zu attestieren, wen er was in welchem Umfang nutzen lässt. Ferner wird im gleichen Atemzug meist angeführt, dass es eine 100 prozentige Teilhabe sowieso nicht geben kann, denn dann müssten wir auch zukünftig blind autofahren können – was doch für ein hinkender Vergleich!

Es fängt doch allein schon bei der Frage an, ob ich diese oder jene Aktivität allein oder nur im Beisein einer Begleitung machen darf. „Ja gut“, sagen die einen, „was ist schon dabei, eine Begleitung zu haben?“ Im Grunde ja nichts, nur möchte ich am Ende entscheiden, was ich mir zutraue und nicht der Sehende in weiser, behütender Voraussicht.

Ferner, so wird weiter argumentiert, ist es auch eine Frage der Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit, das dürfe man nicht außer Acht lassen – wer soll die geforderte Teilhabe denn bezahlen?

Doch diese Ein- bzw. Zugeständnisse, kommen sie nun von behinderten oder nichtbehinderten Menschen, bringen uns im K(r)ampf um mehr Teilhabe und mehr inklusive (anstatt exklusive) Angebote keinen Stück weiter; eher im Gegenteil. Mich schockiert ehrlichgesagt diese Kompromissbereitschaft, mit der viele in puncto Teilhabe durchs Leben gehen.

Natürlich ist vieles im Leben ein Geben und Nehmen. Doch will man wirklich gelebte Inklusion, die für viele Diskutierende inzwischen schon zum Unwort verkommen ist – und auch Teilhabe, kann und sollte es auch hierzulande nur einen erstrebenswerten Weg gehben. Denn wo ein Wille ist, wäre bekanntlich auch ein Weg. Nur wollen wir scheinbar immer noch nicht so richtig. Ein anonymer Schreiberling sprach in einem Forenbeitrag auch von einer gewissen Lethargie, die in Betroffenenkreisen vorherrschen würde – und wurde daraufhin von anderen, wenn auch nur schriftlich, für diese (vielleicht sogar der Wahrheit entsprechenden) Anmaßung gesteinigt.

Teilhabe und Inklusion sind, das sei an dieser Stelle ganz klar und deutlich gesagt, weder ein Goodie, noch ein Geschenk, für das wir brav vorab zu Bitten und zu Betteln und uns am Ende brav zu bedanken haben. Sie sind inzwischen – wenn auch noch nicht vollends – gesetzlich verankert und somit zu einer Pflicht geworden. Und wenn sie es noch nicht in allen Teilen unseres Lebens sind, müssen sie es noch unbedingt werden!

Teilhabe ist kein Kompromiss, bei dem Wirtschaftlichkeit und Nutzbarkeit gegeneinander abgewogen werden dürfen. Es gibt für alles Gesetze, Normen und Vorschriften. Diese werden jedoch immer noch zu häufig gegen uns, aber trotzdem zu unser aller angeblichen Schutz, angewandt, aber nur selten hinterfragt oder geändert. Alles braucht seine Zeit? Richtig, in Deutschland, wo der alte Amtsschimmel innewohnt, scheinbar auf jeden Fall. In meinem vorherigen Beitrag sprach ich von dem teils zermürbenden Anlaufen gegen Windmühlen in dieser Diskussion, weiter oben von Lethargie – beides stimmt, wenn auch natürlich nicht in ausnahmslos allen Bereichen.

Teilhabe ist weder bequem, noch günstig zu haben, weder für uns noch für all diejenigen, die wegen ihr viel Zeit, Geld und Kraft aufwenden müssten, um ihre Angebote barrierefrei zugänglich zu machen. Und da man meist den Weg des geringsten Widerstandes wählt, erscheint es am Ende nur wieder all zu verständlich, wenn auch im Kreise z. B. der Blinden und Sehbehinderten die Meinung zu finden ist, dass eben nicht alles geht – es gäbe, so schrieb jemand, eben kein Schwarz oder Weiß, kein Gut oder Böse. Oh doch, gerade im Falle Teilhabe gibt es nur eine richtung: vorwärts oder rückwärts… oder eben Stillstand. Da hilft es auch nicht, mit Argumenten wie „private Einrichtung und Hausrecht“, „Angst, wenn etwas passiert inkl. der darauf folgenden, schlechten Publicity“ oder dergleichen um die Ecke zu kommen. Denn es gibt sie ja trotzdem, die Positivbeispiele, die, wenn man sie erwähnt, von den Veränderungsnörglern immer permanent nicht gesehen bzw. wahrgenommen werden wollen. Somit bleibt Ausnahme nämlich immer schön Ausnahme, worauf selbige in gewisser Weise auch mit Recht Stolz sein kann.


Ein Gedanke zu „Gedanken-Gänge XXXV – Teilhabe ist kein Kompromiss“

  1. Viele dieser Entscheidungen werden aus der Perspektive „Ich schließe die Augen, und bin hilflos“ Perspektive getroffen. Als blinde Mutter musste ich oft erleben, dass nicht behinderte Menschen zu wissen glaubten was ich alleine zu können habe, und wo ich unbedingt in Begleitung zu sein habe. Und es ist erstaunlich wie viele selbst Betroffene das auch noch richtig und wichtig finden die Verantwortung an die Begleitung abzugeben.

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