Als Blinder auf großer Fahrt: Sind Kreuzfahrtschiffe ohne sehende Begleitperson überhaupt nutzbar?

Seit einigen Jahren erfreuen sich Kreuzfahrten auf Flüssen und Weltmeeren sehr großer Beliebtheit. Begehrte Reiserouten und Kreuzfahrtziele sind bereits Monate vor dem eigentlichen Reisetermin ausgebucht – Schnellsein lautet bei der Buchung also die Devise.

Neben der Frage, welche Route man gerne auf seiner Kreuzfahrt entlangreisen und welche möglichen Städte man besuchen möchte, stellt sich vor allem Menschen mit einer Behinderung die sehr berechtigte Frage, ob eine Kreuzfahrt unter den jeweils gegebenen Umständen das „richtige“ Reiseangebot für sie ist?

Zwar gibt es für blinde und sehbehinderte Menschen, neben der einfachen Möglichkeit des Reisens mit einer Begleitung (z. B. Freund oder Partner), auch die Option, sich einer speziellen Reisegruppe anzuschließen, denn hier kann im Bedarfsfall für eine Begleitperson gesorgt werden, doch sicherlich ist das Reisen in Gruppen nicht jedermanns Geschmack bzw. mögen es auch einige auch eher individueller. Sich beim alleine Reisen ohne sehende Begleitung in Städten oder im gebuchten Hotel durchzufragen, um ans gewünschte Ziel zu kommen, stellt in der Regel keinerlei Probleme dar. Doch wie verhält es sich, wenn man als blinder Reisender eine Kreuzfahrt buchen und antreten möchte, jedoch ohne einen Sehenden unterwegs ist? Gibt es Seitens der Veranstalter bzw. der Reedereien Einschränkungen bei der Nutzbarkeit ihrer Kreuzfahrtschiffe für einen blinden Gast? Oder wird man auch als Blinder – wie der sehende Passagier auch – mit offenen Armen empfangen und kann seinen Aufenthalt an Bord uneingeschränkt genießen?

Um dieser Frage nachzugehen, startete ich im vergangenen Jahr eine kleine Recherche bei den bekanntesten Reedereien und Kreuzfahrtanbietern, welche Kreuzfahrten im In- und Ausland anbieten, ob es blinden Passagieren, auch ohne einer sehenden Begleitung, möglich und erlaubt sei, an einer Kreuzfahrt auf eines ihrer Schiffe teilzunehmen. Insgesamt wurden vierzehn Anbieter und Reedereien angeschrieben, die Antworten fallen teils sehr unterschiedlich aus – wie die folgende Auswertung zeigt.

Kreuzfahrtschiff Royal Princess (Bild Copyright Wikipedia; This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.)

Freie Fahrt voraus!: Wo es sich unbeschwert reisen lässt

Bei Kunard Line, GTA Sky Ways, Aida, MSC sowie Cruise Group, Royal Caribbean und Celebrity Cruises ist es durchaus möglich, als blinder Alleinreisender an einer Kreuzfahrt teilzunehmen. Ob es im Einzelnen besondere Services und Angebote für blinde Reisende an Bord der jeweiligen Anbieter gibt, darauf soll im Folgenden kurz eingegangen werden.

Kunard Line:

Für diesen Anbieter versteht es sich als selbstverständlich, dass jeder Gast, ob nun blind oder sehend, an Bord willkommen ist. Körperlich eingeschränkte Gäste werden vor Reiseantritt gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, sodass die Crew an Bord die besonderen Anforderungen eines jeden Gastes genau kennt. Ein blinder Gast kann somit theoretisch auch allein an Bord eines Kunard-Schiffes reisen, sollte er jedoch speziellerer Hilfe bedürfen (pers. Assistenz, med. Betreuung o. Ä.) bietet es sich an, mit einer sehenden Vertrauensperson zu reisen. Jedoch steht das Servicepersonal in den öffentlichen Bereichen und Räumen des Schiffes blinden Reisenden mit Rat und Hilfe zur Seite. Die Kabinennummern sowie die Beschriftung öffentlicher Räume sind auch in Blindenschrift vorhanden. Für Führhundhalter vor allem wichtig: Führhunde sind an Bord der Kunard Line ebenso herzlich willkommen, wenn sie von einer Organisation zertifiziert wurden, die Mitglied im Assistance Dogs International (ADI) oder International Guide Dog Federation (IGDF) uist.

GTA Sky Ways:

Auch hier gibt es laut Anbieter grundsätzlich keine Probleme oder Einschränkungen, sollte ohne eine sehende Begleitung gereist werden. Auch dieser Anbieter fragt vor Reiseantritt ab, ob es bereits Erfahrungen hinsichtlich der Nutzung von Kreuzfahrtschiffen gibt, denn falls nicht, müsste individuell nach den Bedürfnissen und möglichen Hilfestellungen geschaut werden. Das Personal ist (noch) nicht hinsichtlich Hilfestellungen für blinde Reisende geschult und auch nicht jedes Schiff der Flotte ist barrierefrei ausgebaut. Doch die mangelnde Ausstattung (Lift, Beschriftung in Braille oder taktiler Großschrift) und die noch fehlenden Erfahrungen mit diesem Kundenkreis bedeuten nicht automatisch, dass blinde Passagiere nicht trotzdem alleine an Bord reisen dürfen!

Aida:

Aida bietet verschiedenste Services, um auch blinden Reisenden den Aufenthalt an Bord so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Infomaterialien, Tür- und Handlaufbeschriftungen etc. sind sowohl in Blindenschrift als auch Großdruck vorhanden. Auch Aida möchte gerne vor Reiseantritt über die Form der Behinderung informiert werden. Sollte man nicht in der Lage sein, bei eventuellen Evakuierungen den Sammelort selbstständig zu erreichen, empfehlen sie die Mitreise einer sehenden Person. Jedoch schließt Aida das Reisen als Blinder ohne sehende Begleitung nicht gänzlich aus.

MSC:

Auch MSC bietet, wie Aida, verschiedenste Spezialangebote an Bord ihrer Flotte. Ob Tür- und Aufzugbeschriftungen in Großdruck oder Punktschrift oder die Bereitschaft des Servicepersonals, Speisekarten und Landausflugsangebote vorzulesen, hier ist man auch ohne sehende Begleitung herzlich willkommen an Bord.

Cruise Group:

Dieser Anbieter betonte in seiner Antwort zwar, dass es keine speziellen Hilfsangebote an Bord ihrer Flotte gäbe (siehe auch Kunard Line), man jedoch als blinder Alleinreisender dennoch herzlich Willkommen ist, so lange man keiner spezielleren Hilfeleistung oder Betreuung bedarf – dies könne das Personal nicht leisten. Bei allgemeinen Fragen und/oder Hilfestellungen würde die Crew jedoch mit Rat und Tat zur Seite stehen. Es gibt keine Beschriftungen in Großdruck oder Punktschrift an Bord, die Aufzüge seien jedoch auch blind einfach zu handhaben.

Royal Caribbean:

Auch bei der Flotte der Royal Caribbean ist es nicht erforderlich, gemeinsam mit einer sehenden Person zu reisen. Auch alleine oder mit nichtsehenden Freunden könne man als Blinder eine Kreuzfahrt antreten. Auch dieser Anbieter möchte per auszufüllendem Formular über Art und Grad der Behinderung und eventuell erforderliche Hilfen informiert werden. Zudem gibt es an Bord der Flotte spezielle, behindertengerechte Kabinen, in denen das Infomaterial auch in Blindenschrift vorhanden ist. Beschriftungen an Bord sind ebenso auch in Braille vorhanden. Eine geführte Tour über das Schiff zur eigenen, besseren Orientierung wird außerdem bei Reiseantritt zusätzlich angeboten. Blindenhunde dürfen ebenfalls mitreisen.

Celebrity Cruises:

Da die Celebrity Cruises zur Royal Caribbean Gruppe gehören, gelten an Bord ihrer Schiffe die gleichen Reisebedingungen, wie eben geschildert. Dies bedeutet auch, dass auch an Bord der Flotte von Celebrity Cruises alle Hilfs- und Informationsangebote für blinde Reisende verfügbar sind.

Mit Einschränkungen ist zu rechnen: Wo es sich nicht oder nur mit Einschränkungen unbeschwert alleine reisen lässt

Auf den Schiffen von Hansa Touristik, Hapag-Lloyd Kreuzfahrten, Trans Ocean, Sea Cloud sowie Tui Cruises, M’Ocean und Nicko Cruises ist eine Mitreise ohne sehende Begleitung nur bedingt möglich. Es ist teilweise sogar noch mit weiteren Nutzungseinschränkungen zu rechnen bzw. sind die Begründungen für die erforderliche Mitnahme einer sehenden Begleitung teilweise recht fadenscheinig, wie die folgende Einzelauswertung zeigt.

Hansa Touristik:

Blinde Passagiere sind herzlich willkommen an Bord, jedoch nur in Begleitung einer sehenden Person, da die Beschriftungen und das Informationsmaterial an Bord nicht in Blindenschrift zur Verfügung stehen. Selbstverständlich unterstützt die Crew hilfsbedürftige Personen gerne, aber jeder Passagier mit einer starken, körperlichen Einschränkung muss in Begleitung einer Person reisen, die die Verantwortung für Assistenz und bei Notfällen übernimmt.

Hapag-Lloyd Kreuzfahrten:

Generell empfiehlt dieser Anbieter, Gästen mit einer (Seh-)Behinderung gemeinsam mit einer Begleitperson zu reisen. Denn nur so können alle Abläufe des täglichen Bordlebens ohne weitere Hilfe bewältigt werden. Die Crew ist fest in die täglichen Abläufe an Bord eingebunden und kann schwer für längere Zeiträume aus denen ihnen zugeteilten Arbeitsbereichen abgezogen werden. Speziellere Angebote für blinde Reisende wie Wegweiser oder Beschriftungen in Blindenschrift gibt es an Bord nicht, jedoch verfügen die Aufzüge sowie die Treppengeländer über die nötigen, taktilen Beschriftungen.

Trans Ocean:

Die Flotte der Trans Ocean ist nicht barrierefrei gestaltet. Ein Aufenthalt an Bord als blinder Alleinreisender wird somit nicht empfohlen. Aufgrund der Baujahre der Schiffe ist ein barrierefreier Umbau leider nicht möglich, ohne dabei den Charme der Schiffe zu verlieren. Generell möchte auch dieser Anbieter vor Reiseantritt über eine eventuelle Behinderung und damit einhergehende, benötigte Hilfen informiert werden. Gleiches gilt, sollte man aus körperlichen Gründen nicht an einer Seenotrettungsübung teilnehmen können. Die Mitnahme einer sehenden Begleitung wird somit empfohlen, das alleine Reisen jedoch auch nicht gänzlich ausgeschlossen.

Sea Cloud:

Die Flotte der Sea Cloud besteht aus zwei Segelschiffen, die von ihrer Bauart her nicht mit der von „normalen“ Kreuzfahrtschiffen vergleichbar sind. So verfügen die Schiffe über keinerlei Stabilisatoren, d. h. es können unerwartete Bewegungen des Schiffs z. B. durch starken Wellengang auftreten. Zudem sind auf beiden Schiffen teils steile Treppen vorhanden, sodass es für einen blinden Alleinreisenden an Bord laut Anbieter gefährlich werden kann. Insofern wird auch hier eine sehende Begleitung vom Anbieter vorausgesetzt. Ferner wird darauf hingewiesen, dass aufgrund der örtlichen Gegebenheiten an Bord grundsätzlich eine gewisse physische Fitness erforderlich. Natürlich kann das Personal Hilfestellungen geben, jedoch wird betont, dass man nicht auf blinde Alleinreisende eingestellt ist, gerade wenn es um die Evakuierung des Schiffes geht.

Tui Cruises:

Blinde oder stark sehbehinderte Reisende müssen bei diesem Anbieter mit einer sehenden Begleitung auf ihrer Kabine reisen. Praktisch würde dies für ein blindes Pärchen in den Flitterwochen bedeuten, dass sie – Dank der benötigten Begleitung – getrennt voneinander übernachten müssten. Außerdem betont Tui Cruises, dass diese sehende Begleitung volljährig sein muss, ein Reisen eines blinden Elternteils mit ihrem minderjährigen, sehenden Kind fiele somit auch buchstäblich ins Wasser. Aus versicherungstechnischen Gründen können die Mitarbeiter an Bord im Notfall keine Haftung übernehmen, sodass eventuell notwendige Hilfestellungen jeglicher Art nur von der verantwortlichen Begleitperson geleistet werden können. Ferner ist es blinden oder stark sehbehinderten Reisenden nicht gestattet, in sog. Tender-Häfen das Schiff zu verlassen. Dies würde, laut Tui, einem verantwortlichen Handeln widersprechen, da eine große Verletzungsgefahr besteht. In diesem Fall sind sie sich jedoch sicher, an Bord genügend Alternativen für den blinden Gast bereitzuhalten, während die anderen die Stadt erkunden.

M’Ocean:

Auch die Flotte der M’Ocean besteht zu großen Teilen aus Segelschiffen, die nicht barrierefrei ausgebaut sind. Steile Treppen sind auch hier vorhanden, sodass eine Mitreise nur mit einer sehenden Begleitung empfohlen wird – einer Reise allein wird jedoch auch nicht gänzlich widersprochen.

Nicko Cruises:

Reisende mit einer zuverlässigen, sehenden Begleitung, sind an Bord der Nicko Cruises herzlich willkommen. Aus Sicherheitsgründen, die der Anbieter selber als nicht zu hoch und übertrieben einschätzt, wird von einer Mitreise ohne Begleitung eindringlich abgeraten. Jedoch wird andererseits betont, dass die Crew der Nicko Cruises blinden Reisenden dennoch gern mit Hilfestellungen unterstützend zur Seite steht. Zwar gibt es kaum Informationsmaterialien in Blindenschrift, auch fehlen Beschriftungen an Bord, jedoch werden Passagiere über die wichtigsten, anstehenden Ereignisse an Bord vorab auch via Lautsprecherdurchsagen informiert.

Fazit: Auf teils sicheren Gewässern lässt es sich gut reisen

Wie die Einzelauswertungen der vierzehn angefragten Kreuzfahrtanbieter und -Reedereien zeigen, ist eine Kreuzfahrt als blinder Alleinreisender durchaus kein Ding der Unmöglichkeit!

So finden sich sowohl unter den namhaften Anbietern (Aida, MSC, Royal Caribbean) als auch unter eher kleineren Reedereien solche, bei denen eine Mitfahrt nicht nur gestattet ist, sondern bei denen einem Reisenden auch ausreichend Hilfestellungen (sei es personell oder in Form von Infomaterialien und Beschriftungen) zur Verfügung stehen. Unter den sieben positiven Rückmeldungen sollte es somit die eine oder andere, ansprechende Route für den blinden Abenteurer geben. Dass vorab erfragt wird, um welche Behinderung es sich handelt und ob es bestimmter Hilfe an Bord bedarf, werte ich nicht negativ. Es ermöglicht somit dem Anbieter, sich vorab auf die Situation einzustellen, so lange die Vorabfrage nicht zum Reiseausschluss führt!

In den Gewässern der eher negativeren Rückmeldungen ist das Ergebnis jedoch bei weitem nicht so eindeutig ausgefallen, wie man auf dem ersten, oberflächlichen Blick vermuten mag. Zwar gibt es auch hier Anbieter, die sich klar gegen eine Reise ohne sehende Begleitung aussprechen (Tui Cruises), bei vielen – dies lässt sich klar zwischen den Zeilen herauslesen – mangelt es jedoch einfach an den nötigen Erfahrungen mit dieser Zielgruppe. Denn schwankende Schiffe und steile Treppen mögen sicherlich auch für den sehenden Passagier eine Hürde darstellen. Doch wer auf solchen Schiffen die Meere und Flüsse bereist, der wird sich vorab informiert haben und somit wissen,auf was er sich da einlässt. Einige Anbieter aus dieser Kategorie empfehlen zudem die Mitnahme einer Begleitung, sie sprechen sich jedoch auch nicht aktiv gegen eine Reise ohne Begleiter aus. Hier wäre genauer zu testen und zu prüfen, ob im konkreten Fall, praktisch eine Mitreise möglich wäre.

Letztendlich kann jedoch festgestellt werden, dass blinde Reisende, ob nun allein oder in Gruppen, durchaus die Möglichkeit haben, selbstbestimmt zu reisen und zu entscheiden, ob es einer sehenden Dauerunterstützung an Bord bedarf oder nicht. Mit sieben von vierzehn angefragten Anbietern (50%), gefolgt von einigen Kandidaten, bei denen eine Mitreise durchaus möglich sein könnte, ergibt sich für die Kreuzfahrtbranche ein durchaus positives Bild, was die Nutzbarkeit durch blinde Menschen anbelangt.

Ob die per E-Mail gemachten Angaben am Ende auch der Praxis an Bord der jeweiligen Schiffe entspricht? Hier muss man sich auf das Wort des jeweiligen Anbieters verlassen und am Ende eigene Erfahrungen bei der nächsten Kreuzfahrt sammeln… nur Mut!

Bildquelle


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