Bildung durch Fernsehen?!

Fernsehen macht dumm. Im Fernsehen lernt man nichts? Eine Aussage, die es erstmal zu beweisen gilt.

Ganz stupide betrachtet, bietet das Fernsehen genügend Wissen, einfach verpackt, in verdaulichen Häppchen, tagtäglich, in zahlreichen Sendungen. Hier sehen und lernen wir Dinge fürs Leben! Dass das Fernsehwissen auf Dauer schädlich sein kann (Stichwort Stereotype Menschenbilder, Vorurteile, Klischees etc.), sei bei der folgenden Betrachtung außenvor gelassen.

Fernsehen bildet: und wie!

In früheren Beiträgen bin ich bereits auf den um sich greifenden Gesundheitswahn sowie die Vermittlungsformen von Stereotypen in Reality-TV-Sendungen eingegangen. Beides wird seit geraumer Zeit eng miteinander in zahlreichen Angeboten, hauptsächlich des Privatfernsehens, verknüpft. Ob nun die stereotypen Gegensätze zwischen einer sich total auf gesunde Ernährung und sportliche Betätigung konzentrierenden Tauschfrau, die im „Frauentausch“ auf ihr Pendant trifft (siehe hierzu Folge 203, Wdh am 11.04.2012 oder via www.rtl2now.de). Die Tauschfamilie ernährte sich, zum Grauen der Tauschmutter, von H-Milch, Weißmehlprodukten, sie trank Cola und auch die sportlichen Aktivitäten ließen zu Wünschen übrig. Nun wird in diesem Format gern mit derartigen Gegensätzen gearbeitet (gesund vs. ’normal üblich‘ oder ungesund, sportlich vs. unsportlich, sauber vs. dreckig, schlank vs. übergewichtig, arbeitswütig/aktiv vs. arbeitsscheu/faul). Doch ist es gerade der Aspekt des Gesundheitsbewusstseins und des (angeblichen) Übergewichts, welcher häufig besonders hervorgehoben wird.

Schönheit ist, nicht nur beim „Frauentausch“, jedoch ein gern verbratenes Thema. Ob nun in Soaps (Doku oder fiktiv), in Form von Castingformaten oder im Kinderfernsehen. (Fast) überall wird uns Zuschauern vermittelt, dass es erstrebenswert sei, seinen Körper zu trimmen und zu verändern, sollte man nicht der Norm entsprechen. Schlimmer noch. Dem (vor allem jungen) Fernsehzuschauer wird vermittelt, dass mollig gleichbedeutend mit unattraktiv ist und, dass es bei nicht vorhandener Schönheit gilt, selbige durch Schönheitsoperationen herbeizuführen. Dass man sich und seinen Körper auch akzeptieren könnte, wird nur selten präsentiert.
Nun sind in den „Wir machen dich schön“ -Formaten des privaten Fernsehens oftmals Personen zu sehen, die der Otto-Normal-Zuschauer durchaus als ‚unansehnlich‘ bezeichnen würde. Menschen, die durch verschiedenste Umstände entstellt sind, was zu mangelndem Selbstbewusstsein und fehlender Akzeptanz ihres sozialen Umfeldes führt. Hier schafft das Fernsehen Abhilfe, indem, natürlich tränenreich und emotional aufbereitet, den Betroffenen die Möglichkeit einer ‚Verwandlung‘ gegeben wird. Diese positiven Absichten erscheinen als löblich, fühlen sich die behandelten Personen am Ende (scheinbar) glücklicher als je zuvor.

In weiteren Sendungen werden ebenfalls schöne, ansehnliche Körper gezeigt. Diese werden nicht erst verändert, sondern befinden sich bereits in der ‚perfekten Form‘. So zu sehen z. B. in Cartoons, in denen weibliche Superhelden, sog. „Supergirls“, gezeigt werden. Diese erscheinen in makelloser Form am Bildschirm und vermitteln der jungen Zuschauerin bereits einen Eindruck von dem zu erreichenden Körperbild.
Und wenn nicht in Supergirl-Cartoons, so kann man in Sendungen wie „Germany’s Next Topmodel“ schöne Körper bewundern – sicherlich nicht ausschließlich eine Augenweide für männliche Rezipienten.

Dass man heutzutage schön zu sein hat, um Erfolg zu haben, dass man schon mit 14 so auszusehen hat, als wäre man 24 (oder bei älteren Frauen in umgekehrter Form), dass man auch so alle Ziele erreichen kann, das lernen wir im Fernsehen. Wer sich dann noch gesund ernährt, Sport treibt, Cola, Toastbrot und Süßigkeiten aus dem Schrank verbannt, der scheint, mag man dem Fernsehen glauben, etwas überspitzt gesehen ein neuer Mensch zu werden. Toll, oder?

Was diese Beispiele zunächst zeigen, ist, dass anscheinend höchster Wert auf die äußere Erscheinung gelegt werden muss. Mehr noch als im rein fiktionalen Fernsehangebot (gehen wir davon aus, dass ein Teil der Reality-TV-Sendungen einen gewissen dokumentarischen Anteil enthalten), werden uns jeden Tag Menschen, entweder als Vorbild oder abschreckendes Beispiel, vorgeführt.

Und was gibt’s sonst noch so zu lernen?

Fangen wir wieder klein an. In einer der beliebtesten Cartoon-Serien, nämlich „SpongeBob Schwammkopf“, lernen wir, dass uns unser (zukünftiger) Arbeitgeber schlecht bezahlen und ausbeuten wird. Das macht mut für den bevorstehenden Schritt auf die Arbeitskarriereleiter.

Zurück im Realitätsfernsehen lernen wir, dass anscheinend viele Menschen, die arbeitslos sind, ein erschreckend asoziales Verhalten an den Tag legen. Sie sind oftmals faul, ihre Wohnungen sind verdreckt und unaufgeräumt und sie schnorren sich so durchs leben. Wir lernen, Dass es heutzutage trendy ist, schon als Teeny Mutter zu werden, dass man aber, sollte man mit dem Balg nicht klarkommen, es an die Oma, ans Jugendamt oder die Supernanny zur Betreuung übergeben kann. Wenn sich der Kindsvater nicht sicher ist, ob nicht vielleicht doch ein anderer Junge im Spiel war, lässt er in 45 Minuten Sendezeit, entweder in einer Talkshow auf Sat.1 oder in einer der Reality-Soaps auf RTL, einen Schwangerschaftstest machen.

Kommen wir mit unserem Leben nicht klar, ödet uns alles an, so wandern wir einfach aus! Egal, ob wir nun die Sprache sprechen, ob wir eine Ausbildung abgeschlossen haben oder ob wir Freunde und Familie zurücklassen. Klappt es im Ausland nicht und stellen wir fest, dass alles nur ein schöner Traum gewesen war und nicht mehr, so können wir ja einfach wieder zurückwandern.

Wenn wir nicht wissen, wie und was wir kochen sollen, können wir auch dies aus dem Fernsehen (er)lernen. Noch vor dem Boom des Reality-TV köchelten diverse B-Promis und professionelle Fernsehköche um die Wette. Ging es früher vor allem um ’normale‘ Hausmannskost, so sind die heute gezeigten Gerichte umso extravaganter und aufwendiger. Haben wir uns satt gesehen, brauchen wir nicht in die Küche zu gehen, unser Kühlschrank wird, das haben wir auch gelernt, sicherlich einen Teil der gezeigten Produkte nicht beinhalten – oder halt: Wird etwa ausschließlich mit biologisch einwandfreien Zutaten gebrutzelt?

Ein großes Thema, ob nun im medialen oder realen Leben, ist die Partnerschaft. Wir lernen, dass wir immer damit zu rechnen haben, dass unser Partner uns betrügen könnte. Bei mysteriösen SMS oder Anrufen, haben wir gleich misstrauisch zu sein. Bekommen wir keine vernünftige Antwort (was schon allein durch die Tatsache der misstrauischen Fragen die Ursache sein könnte), werden wir wahnsinnig und spionieren dem/der anderen hinterher. Das Ende vom Lied ist die oftmals vermittelte Botschaft, dass es uns doch als Single besser ergeht. Wir können flirten und Sex haben, mit wem wir wollen. Oder, wir finden jemanden anderes, besseres, anstatt uns einmal vernünftig mit dem (jetzt Ex-)Partner auszusprechen. Doch wozu denn reden? Denn jeder ist ersetzbar; eine Botschaft, die uns auch in der Arbeitswelt immer vermittelt wird.

Und nicht zuletzt lauert überall Gefahr. Abzocker, Napper, Betrüger, Zechpreller. Sie alle werden für uns regelmäßig im und vom Fernsehen aufgespürt. Ganz einfach, ganz unkompliziert.

Aus den Medien können wir viel lernen. Auch fiktionale Angebote bieten genügend Stoff. Aber wir dürfen nie vergessen: Wir lernen nur deswegen etwas, weil wir es zum Zeitpunkt des Anschauens nicht besser wissen. Das Problem dabei ist nur, dass wir oftmals scheinbar nicht mehr bereit sind, uns von der wirklichen Realität da draußen eines besseren belehren zu lassen – wir haben es ja im Fernsehen so gesehen und manchmal bekommen wir im realen Leben eine Bestätigung des Gesehenen. Nur sollte man es in diesem Punkt dem Fernsehen nicht gleich tun und somit nicht all zu klischeehaft denken.

Dies wirft am Ende natürlich die Frage auf: Inwieweit sollte das Fernsehen überhaupt bilden?

Erwachsene sind sich einig, dass Kindern auch im Fernsehen Bildung geboten werden sollte. Da wir in unserer Gesellschaft einem enormen Druck unterliegen, ist es umso besser, wenn das Kind schon früh mit Wissen ‚bombardiert‘ wird. Viele werden sich, nach Lesen dieses Artikels, in dieser Ansicht bestätigt fühlen. Doch so einfach ist das nicht! Es liegt an der (Medien-)Erziehung der Eltern, was das Kind aus und mit den Fernsehinhalten macht. „Kinder können fernsehen“ schrieb Jan-Uwe Rogge; und er behält immer noch Recht mit dieser Aussage. Denn so schädlich Eltern ein wenig Hauen und Stechen in Kinder-Actioncartoons auch empfinden mögen. Wenn sie nicht mit ihren Kindern über das Gesehene reden und ihnen klarmachen, dass es eben nur im Fernsehen so geschehen kann, jedoch nicht in der Wirklichkeit, werden sie auch weiterhin Angst haben müssen, dass ihr Sprössling im Streit den Kontrahenten auf dem Schulhof verprügelt.
Und wenn Eltern ihren Mädchen nicht deutlich machen, dass die ’schöne Maid‘ im Fernsehen ebendort nur so schön sein kann, man ihr aber nicht in allen Punkten nacheifern muss, werden wir es zukünftig immer mehr mit Prinzesschen und Modepüppchen zu tun bekommen, denn der Schönheitsdruck wird ja nicht weniger.

Dies soll jedoch nicht bedeuten, dass derartige, klischeehafte Angebote aus dem Fernsehen verbannt werden sollten. Nicht nur Kinder, auch wir Erwachsenen mögen zum Tagesausklang einfache Kost und wollen für die letzten Stunden des ausgehenden Tages nicht schon wieder mit wirklicher Realität, sondern einmal mit bloßer Unterhaltung berieselt werden – dies steht uns auch zu, warum auch nicht.
Schließlich müssen wir nicht alles blind glauben, was wir dort auf der Mattscheibe vorfinden. Und ich glaube, dieser Schritt, zwischen Gesehenem und dem Realen wirklich zu unterscheiden, können viele nicht immer vollbringen – und ich schließe mich hier natürlich auch nicht aus.

Zum Weiterlesen

Tilmann P. Gangloff: Zu schön für dich Warum ‚Supergirls‘ für Mädchen schlechte Vorbilder sind und Jungen sich irgendwie durchmogeln In: tv diskurs 43/2008, S. 68-69.
Rebecca C. Hains: Sind Supergirls für Mädchen super? Wie 8- bis 11-Jährige mit Schönheitsidealen in Girl-Power-Cartoons umgehen. In: Televizion 20/2007/2 (PDF).
Norbert Neuß, Mike Große-Loheide (Hrsg.): Körper.Kult.Medien. Konstanz: 2007.
Christian Ohrens: Fastfood-Verbot und höhere Steuern auf Schokolade? Wir leben im Gesundheitswahn! (Blogtext).
Christian Ohrens: Körperkult: Schön, Schlank, Braungebrannt? (Blogtext).
Christian Ohrens: Realität mit Folgen – Überlegungen zum Genre Reality-TV (Blogtext).
Jan-Uwe Rogge: Kinder können fernsehen. Vom Umgang mit der Flimmerkiste. 3. vollständig überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Reinbeck b. Hamburg: 1999.


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