Blind auf dem Hamburger Frühlingsdom 2019 – Ein Testbericht

Frühlingszeit. Das bedeutet für viele auch der Startschuss zur Freizeitpark- und Kirmessaison – so auch seit vielen Jahren in Hamburg, wo von Ende März bis Ende April der Frühlingsdom seine Pforten öffnet und ein attraktives Programm für junge und junggebliebene Kirmesbesucher bietet.

Dass man es als blinder Karussell- und Achterbahnfan, was die Hilfsbereitschaft und Nutzbarkeit (vor allem auch ohne anwesende, sehende Begleitung) auf Deutschen Kirmesplätzen scheinbar einfacher hat, die Angebote ohne Einschränkungen zu nutzen, konnte ich für meine für Parkerlebnis durchgeführten Testbesuche regelmäßig unter Beweis stellen. Der Frühlingsdom 2019 war, mehr noch als frühere Domveranstaltungen, auf Familien als Zielgruppe ausgerichtet – dies bedeutete weniger Überkopf- und adrenalingeladene Fahrgeschäfte und Achterbahnen als zuvor. Zudem feierte die „Geisterfabrik“, eine interaktive Geisterbahn, ihre lang angekündigte Premiere. Ein Grund, bei einem sehr ausführlichen Domtest, die Nutzbarkeit von Attraktionen verschiedenster Art wieder einmal unter die Lupe zu nehmen.

Getestet wurde an insgesamt zwei Tagen; ich war, wie auch schon bei unseren früheren Testbesuchen, zumeist ohne sehende Begleitung auf dem Gelände unterwegs.

Ich sitze in einer Gondel des Dom Dancers (Bild Copyright Parkerlebnis.de)

Anreise zum Hamburger Dom

Den Hamburger Dom erreicht man mit der U-Bahn-Linie U3, sowie den Buslinien 3 und 17, Stationen Feldstraße oder Sankt Pauli. Von hier aus sind es nur wenige Gehminuten und man befindet sich schon mitten im Geschehen. Zur besseren Orientierung bietet es sich jedoch an, seinen Domrundgang bei der Haltestelle Feldstraße zu beginnen.

Orientierung

Das Gelände ist sehr weitläufig. Zwar gibt es einen Hauptweg, jedoch mit ein paar Abzweigungen. Wer alleine unterwegs ist, hangelt sich am besten an den Buden und den Fahrgeschäften entlang und fragt bei Abzweigungen andere Dombesucher nach dem richtigen Weg.

Was das Auffinden der einzelnen Fahrattraktionen anbelangt, so kommt einem hier die laute Musik und die Rekommandation (Moderation) an den einzelnen Karussells sehr gelegen. Denn viele Fahrgeschäfte kann man, wenn man sich etwas eingehender mit ihnen auseinandersetzt, durchaus an der Rekommandation, spezifischen Fahrgeräuschen (etwa Wasserrauschen bei der Wildwasserbahn, dem Rattern der Achterbahn oder dem röhrenden Motor des Dom Dancers) oder vielleicht sogar der Musik erkennen.

An den beiden Testtagen war viel los und ein wenig Drängelei somit vorprogrammiert. Diesen Umstand konnte ich mir jedoch auch zunutze machen und hatte somit immer jemanden in meiner Nähe, den ich um Hilfe bitten konnte – so ich überhaupt durch den Musiklärm verstanden wurde. Ein wenig Geduld sollte man also schon mitbringen.

Auf teils neuem Terrain: Die einzelnen Fahrgeschäfte des Frühlingsdoms im Test

Dom Dancer (Break Dance 1), Rasch:
Der Dom Dancer war schon häufiger Bestandteil meiner Domtests. Jedoch gab es zur Saison 2019 einen Besitzerwechsel und so wollte ich herausfinden, ob auch (Ver)Änderungen in puncto Hilfsbereitschaft und Nutzbarkeit festzustellen sind. Den Dom Dancer erkennt man weiterhin an der lauten Musik, der Rekommandation sowie dem für diesen Fahrgeschäftstyp typischen Fahrt- bzw. Motorengeräusch. Das Kassenhäuschen befand sich weiterhin noch vor der eigentlichen Plattform, vielleicht etwas außergewöhnlich für solch ein Fahrgeschäft, hilfreich jedoch, was die Orientierung anbelangt – es ist somit leichter zu finden. Nach Kauf des Fahrchips stand mir auch in diesem Jahr bei meinen Testfahrten das Personal beim Ein- und Ausstieg bereitwillig zur Seite, so dass ich – trotz Schaustellerwechsel – hier zum Glück keine Verschlechterung feststellen konnte.
Geisterfabrik (Interaktive Stockwerk-Geisterbahn), Rasch:
Groß angekündigt wurde diese neue Attraktion, die auf dem Frühlingsdom ihre Premiere feierte. Eine leicht düstere, musikalische Untermalung am Eingangsbereich sowie weitere, kleine Accessoires, sorgen vorab bereits für die nötige Atmosphäre – damit war es das allerdings leider auch schon gewesen. Auf Nachfrage bei der Kasse, ob mir jemand beim Einstieg behilflich sein könnte, wurde mir mitgeteilt, dass sie hierfür niemanden hätten. Ein anderer Dombesucher, der mir netterweise den Eingang und somit auch das Kassenhäuschen (an dem man auch als sehender Domgast leicht vorbeilaufen kann) zeigte, begleitete mich somit zum Einstieg. Hier wäre durchaus genügend Personal vorhanden gewesen, das die Kassiererin hätte rufen können. Mein Kurzzeitbegleiter fuhr nicht mit, wollte jedoch am Ausgang auf mich warten – sicherheitshalber. Die Geisterfabrik ist eine interaktive Geisterbahn; mit kleinen Laserpistolen kann der Fahrgast auf verschiedene Figuren schießen, was während der Fahrt auch lautstark zu hören war. Sonst enttäuschte, zumindest aus meiner Sicht als blinder Nutzer, die Fabrik auf voller Linie. Vielleicht mal ein wenig Gekreische hier, etwas Musik dort. Ein Teil der Fahrt verläuft jedoch auch draußen, wo man den Lärm der anderen Geschäfte und Attraktionen hören kann, was nicht wirklich zum Ambiente einer Geisterbahn beiträgt. Aber wer weiß: Vielleicht wird sich ja zukünftig hieran noch etwas ändern.
Laser Pix (Interaktive Zwei-Etagen-Bahn), Jehn:
Als Retro- und Spielekonsolenfan sei diese Bahn ein „Muss“ – wurde mir mitgeteilt. Und so stattete ich auch diesem interaktiven Fahrgeschäft auf dem Frühlingsdom einen Besuch ab. Man fährt durch (wie ich am Ende erfuhr) sehr spärliche Landschaften aus alten Konsolenspieleklassikern und kann auch hier auf Figuren am Fahrbahnrand schießen. Auch hieraus hätte man, vor allem auch soundtechnisch, viel mehr herausholen können – aber einen Versuch war es alle Male wert, zumal mir das Personal auch hier, ohne Wenn und Aber, beim Ein- und Ausstieg zur Seite stand.
Viva Mexico (Walzerfahrt), Nülken:
Die Familie stand im Mittelpunkt des diesjährigen Frühlingsdoms und so durften klassische Familienfahrgeschäfte auch beim Domtest nicht fehlen. Der Fahrgeschäftstyp Walzerfahrt, den man auch aus Freizeitparks kennt, ist seit vielen Jahren in Form von Viva Mexico Stammgast auf dem Hamburger Dom. Zeit, sie endlich einmal zu testen – jedoch mit mittelmäßigem Erfolg! Auch hier brachte mich netterweise jemand zur Kasse und wartete, bis ich sicher in meiner Gondel saß – zumindest war dies der Plan gewesen. Ich musste an der Kasse zwei Mal um Hilfe fragen, bis jemand gerufen wurde, um mich auf die Plattform zu führen. Hierfür erntete der weibliche Domgast, der mich zur Kasse geleitete, jedoch unerfreulicherweise einen netten Kommentar der Rekommandeurin. Sie hätte mich doch ruhig auf die Plattform bringen und mich am Ende wieder dort abholen können. Da sie jedoch von mir wusste, was ich hier vorhabe, hatte sie sich ganz bewusst mit derartigen Hilfen zurückgehalten. Also, eine scheinbare Begleitung muss nicht auch zwangsläufig eine sein und wenn jemand, aus welchem Grund auch immer, die Plattform nicht betreten kann oder möchte, sollte man dies auch akzeptieren. Nichts desto trotz wurde mir vom Personal auch hier beim Einstieg und Verlassen der Anlage geholfen, weshalb ich diese Testfahrt als trotzdem erfolgreich werte.
Sky Dance (Kettenflieger), Nülken:
Hoch hinaus ging es bei diesem Kettenflieger, welcher 2015 und 2016 bereits erfolgreich getestet werden konnte. Und auch diese Testfahrt stand meinen Erfahrungen aus früheren Fahrten in nichts nach. Der Kassenmitarbeiter führte mich nach Chipkauf zu einer freien Gondel bzw. holte mich nach meiner Landung auch wieder dort ab und brachte mich zurück auf den Hauptweg.
Jekyll & Hyde (KMG Speed), Thelen:
Nochmals ging es hoch hinaus, dieses Mal jedoch weitaus rasanter als mit dem zuvor getesteten Kettenflieger. Denn auch in diesem Domtest wollte ich nicht ganz auf Adrenalingeladenes verzichten. Auch diese Testfahrt verlief ohne Probleme, das Personal stand mir von Anfang an helfend zur Seite.
Mr. Gravity (Heavy Rotation), Oberschelp:
Bereits bei seiner Premiere in Düsseldorf 2017 konnte ich dieses Fahrgeschäft mit Erfolg testen. Und auch in Hamburg verlief mein Testbesuch problemlos. Nach dem Ticketkauf wurde ich von einem Mitarbeiter, trotz langer Warteschlange, durch den Ausgang hineingeschleust und zu einem freien Platz gebracht. Nach Fahrtende stand auch hier wieder ein Mitarbeiter bereit, um mich von der Plattform zu führen.
Action (Musik-Express/Berg- und Talbahn), Ohlrogge:
Auch dieses klassische Familienfahrgeschäft gehört zur Stammbeschickung eines Doms. Meine Testfahrt, dieses Mal in Begleitung eines ebenfalls blinden Freundes, verlief völlig unkompliziert – also so, wie man es sich von jeder Attraktion nur wünschen kann.
Atlantis Rafting (Wildwasser Rafting), Vorlop:
Die warmen Temperaturen luden förmlich zu einer spritzigen Fahrt mit dieser mobilen Rafting-Anlage ein. Grob wurde mir vom Kassenpersonal der Weg die Treppe hinauf beschrieben, hier wurde ich von der Aufsicht in Empfang genommen und in ein freies Boot gesetzt. Dadurch, Dass der Einstieg vielleicht ein Sekündchen länger dauerte als bei einem Sehenden und die anderen somit etwas länger warten mussten, ließen sich die Jungs keineswegs aus der Ruhe bringen; gleiches galt für den Ausstieg bzw. dem Verlassen der Anlage.
Rock & Roller Coaster (Wildcat, große Version), Vorlop:
Auch Achterbahnen ohne Looping erfreuten sich beim Dompublikum sehr großer Beliebtheit. Der Ein- und Ausstieg müsse schnell vonstatten gehen, ob ich mir dies zutrauen würde?, war der Hinweis bzw. die Frage der Kassiererin. Als ich dies bejahte, ließ sie mich hinein. Ich orientierte mich an den Wartenden vor mir und erfuhr hier eine Hilfsbereitschaft, die in manch anderen Alltagssituationen ihresgleichen sucht. Auch das Personal war mir später beim Finden eines freien Wagens bzw. dem Verlassen der Anlage behilflich, sodass auch diese Testfahrt ein voller Erfolg war.
Wilde Maus XXL (Wilde Maus mit Laufgeschäft-Elementen), Eberhard:
Noch ein bereits in der Vergangenheit erfolgreich getesteter Domklassiker stand wieder auf dem Programm. Die Wilde Maus wurde in dieser Variante 2012 um einige Laufgeschäfte-Elemente erweitert, die man zunächst vor dem Einstieg überwinden muss. Jedoch hat man als blinder Fahrgast die Möglichkeit, auch hier durch den Ausgang die Anlage zu betreten und direkt, ohne Hindernisparkour, einzusteigen. So geschehen auch bei meinem diesjährigen Testbesuch. Vom Aufsichtspersonal wurde ich am Kassenhäuschen abgeholt und durch den Ausgang zu einem freien Wagen gebracht. Am Fahrtende stand auch hier jemand bereit, um mich wieder hinauszuführen.
– Big Monster (Monster 3), Krameyer:
Ein weiterer Familienfahrgeschäftklassiker stand auf dem Programm. Und auch hier wurde ich vom Personal beim Ein- und Ausstieg sowie Verlassen des Fahrgeschäfts bereitwillig unterstützt.
Konga (XXL), Küchenmeister:
Nochmals in luftige Höhen ging es mit dieser beliebten XXL-Schaukel. Kurz und bündig: An der Kasse um Hilfe gebeten und Hilfe erhalten; auch hier lief alles bestens!
Rotor (Laufgeschäft), Pluschies:
Dieses Laufgeschäft konnte ich bereits 2016, jedoch hier in Begleitung, erfolgreich testen. Nun wollte ich eine Nachtestung ohne Begleitung wagen. An der Kasse wurde ich gefragt, ob ich Probleme damit hätte, Treppen zu laufen. Dies konnte ich verneinen und wurde somit eingelassen. Hinter mir lief ein Pärchen, das mich meinen Weg jedoch erstmal finden ließ und nur im äußersten Notfall, wenn ich überhaupt nicht mehr weiter kam, helfend eingegriffen hatte. Rotor ist kein „typisches“ Laufgeschäft mit vielen Tücken und Hindernissen. Nach dem man eine Art kleines Labyrinth gemeistert hat, gelangt man in einen großen Zylinder, welcher sich einer Zentrifuge gleich schnell dreht, sodass die Besucher förmlich wie die Fliegen an der Wand kleben. Wem das zu schnell ist, der kann sich das Treiben von einer Empore aus von oben anschauen. Mein Weg führte mich auch zunächst nach oben, ein Hinweis von besagtem Pärchen brachte mich jedoch wieder auf Kurs und somit mitten ins Geschehen. Beim Verlassen der Anlage nach Fahrtende war mir jedoch das Personal behilflich.
Fuzzy’s Lachsaloon (Laufgeschäft), Rasch:
Wie verhält es sich bei einem „richtigen“ Laufgeschäft mit der Hilfsbereitschaft und Zugänglichkeit? Auch auf dem Frühlingsdom waren einige Vertreter dieser Gattung zu finden; ich entschied mich für „den Lachsaloon von Rico Rasch. Ich wurde darauf hingewiesen, dass das Laufgeschäft nicht barrierefrei sei und man mich aus Sicherheitsgründen lieber nicht allein hineinlassen möchte. Ein anderer Gast war mir jedoch beim Überwinden des dreistöckigen Parkours, an dessen Ende man sich entscheiden kann, ob man per Mini-Freefall-Tower oder spiralförmigen Tunnelrutsche wieder nach unten gelangen möchte, behilflich. Und in der Tat könnte sich ein Besuch ohne Hilfestellungen als wirklich schwieriger gestalten. Viele Wege führen hier zum Ziel und bei vielen Dingen ist es ratsam, sie sich zuvor – zumindest ein wenig – beschreiben zu lassen. Ob Wackelbrücke, Förderbänder, schwankendes Seil, über das man balancieren muss, Drehscheiben und weitere Hindernisse und Herausforderungen, es gibt hier einiges zu entdecken.
– Zwar bei diesem Besuch nicht direkt getestet wurde auch wieder der Shaker von Wilhelm, diesem Fahrgeschäft statte ich jedoch bei fast jedem Dombesuch einen Besuch ab und erhalte auch hier immer bereitwillig Hilfe, weshalb dieser Stammbeschicker an dieser Stelle natürlich nicht unerwähnt bleiben soll!

Fazit: Frühlingsdom als Blinder? Auch in diesem Jahr so gut wie kein Problem!

Insgesamt wurden 16 Fahr- und Laufgeschäfte des Frühlingsdom 2019 getestet, darunter auch durchaus der eine oder andere Attraktionstyp, welcher sonst in unseren Testläufen eher weniger Beachtung findet. Es war somit auch der wohl umfangreichste Domtest, den ich bislang für Parkerlebnis durchgeführt habe.

Auch der Frühlingsdom 2019 steht in puncto Nutzbarkeit und Hilfsbereitschaft früheren Domtest so gut wie in nichts nach. Lediglich bei zwei Fahrgeschäften kam es zu leichten „Schwierigkeiten“, was die Hilfen durch das Personal anbelangte. Dass der Betreiber des Laufgeschäfts „Fuzzy’s Lachsaloon“ mich ohne Begleitung nicht hineinlassen wollte, werte ich zunächst neutral: Diese Attraktion ist durchaus auch für einen blinden Besucher nutz- bzw. machbar. Man sollte sich vor jeder Station jedoch kurz informieren, was hier genau die Aufgabe ist bzw. wie man weiterkommt, denn oftmals führen mehrere Möglichkeiten eine Etappe weiter. Ob jedoch das Geschäft auch ohne Dauerbegleitung und dafür mit den spontanen Auskünften anderer anwesender Gäste nutzbar ist, müsste bei einem erneuten Test einmal herausgefunden werden – vorausgesetzt, man wird eingelassen.

Allen Schaustellern, aber auch allen sonstigen Helfern an dieser Stelle wieder ein herzliches „Dankeschön!“ für ihre Hilfsbereitschaft. Es zeigt wieder einmal, dass auch für einen Blinden scheinbar unmöglich zu bewältigende Dinge möglich und (auch ohne Begleitung) machbar sind, was eine solche Kirmes wie den Frühlingsdom zu einer inklusiven Veranstaltung macht.


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