Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb

Tag 3

Montag, 16.04.2018

Tagesnavigator

Früh Morgens um 6:00 Uhr wurde ich vom Rauschen der Dusche nebenan geweckt. Kurz darauf folgte ein lautes Scheppern von unten, scheinbar wurde gerade der Glascontainer geleert. Ich drehte mich wieder um und versuchte, zumindest noch ein wenig weiterzuschlafen, was nicht gelang, scheinbar wollten einige Mitbewohner heute früh abreisen, denn nach dem Frühduscher folgten noch zwei oder drei weitere. Die Gunst der freien Dusche anschließend nutzend, stand ich um 7:00 Uhr auf, duschte und setzte mich an den Laptop, um die Erlebnisse des Vortages festzuhalten.

Von draußen ertönte Motorengeräusch und einige, wenige Stimmen. Scheinbar wurden die Cafés und Restaurants unten mit neuer Ware und frischen Zutaten beliefert. Außerdem wehte eine kühle, leicht feuchte Brise durchs offene Fenster. Sollte es etwa draußen regnen? Meine Befürchtungen wurden wenige Minuten später sogleich bestätigt. Tolle Aussichten für einen ausgiebigen Stadtrundgang, dachte ich, aber vielleicht würde sich der Regen bis 10:00 Uhr auch ein wenig gelegt haben.

Pünktlich um 10:00 Uhr wurde ich von Jelena, meinem Tourguide für die nächsten zwei Stunden, in der Jugendherberge abgeholt. Sie studiert in Belgrad, stammt aus einer kleinen Stadt mit 600.000 Einwohnern und nutzt die Stadtführungen, um sich ein wenig Geld nebenbei zu verdienen. Die Tour startete auch quasi sofort vor der Haustür, da Skadarlija mit zur Altstadt und zu einem sehr begehrten Stadtteil gehört – nicht nur bei Touristen. Ich erzählte mir von meinem Restauranterlebnis vom Vortag, woraufhin sie meinte, dass gerade in dieser Straße die Restaurants teils überhöhte Preise aufriefen und man lieber ein oder zwei Straßen weiter schauen sollte.

Die rund zweistündige Tour führte mich noch an zahlreiche weitere Stationen vorbei wie der Festung, von welcher man einen schönen Panoramablick auf die Stadt und die Donau hat, durch die Fußgängerzone zum Platz der Republik und noch an weitere, interessante Orte. Ich erfuhr sehr viel über die Geschichte Belgrads, darüber, dass Belgrad eigentlich aus zwei Teilen besteht – dem „alten Teil“, welcher für Touristen am interessantesten ist, weil in ihm alle Sehenswürdigkeiten und Museen zu finden sind und dem „neuen Teil“, wo vor allem neue Wohnhäuser, Shoppingcenter und Regierungsgebäude das Stadtbild prägen – sowie viel über die Serbische Kultur. Ich durfte sämtliche Ausführungen von Jelena mitschneiden und als Video in meinem YouTube-Kanal veröffentlichen. Leider machte uns das Wetter – wie erwartet – einen kleinen, nassen Strich durch eine sonst interessante Tour. Dies führte allerdings dazu, dass an vielen Orten wenige bis keine Touris unterwegs waren und wir entspannt laufen bzw. ich auch ohne Probleme filmen konnte.

Am Ende der Tour kehrten wir noch für einen kleinen Mittagssnack bei einem Imbiss in der Nähe der Fußgängerzone ein und ließen somit den Vormittag ruhig ausklingen, bevor Jelena mich zurück zum Hostel brachte.

Während der Tour, aber auch schon am Vortag fiel mir auf, dass sich auf den Bürgersteigen, teilweise an Straßenübergängen und auch an vielen Bus- und Tramstationen Leitstreifen am Boden befinden. Jelena bestätigte meinen Eindruck. Anders jedoch, als in Westeuropa, seien viele Ampeln noch nicht mit akustischen Signalen ausgestattet; lediglich an einigen großen Kreuzungen seien welche vorhanden. Ansonsten heißt es einfach zu fragen oder einfach zu gehen, wenn die Autos halten.

Und noch weitere kleine Details erfuhr ich auf den Wegen zwischen den einzelnen Stationen. Dass eigentlich alle Serbier Englisch verstehen und auch sprechen würden, da es so gut wie keine synchronisierten Filme gibt, sich viele aber nicht zu sprechen trauten, weil sie Angst haben, falsche Vokabeln zu gebrauchen. Oder, dass viele Geschäfte auch an Sonntagen und generell bis in die späten Abendstunden geöffnet hätten. Dies erklärte auch den hohen Menschenandrang gestern in der Haupt-Einkaufsstraße natürlich.

Nach meiner Rückkehr zum Hostel überlegte ich, was ich mit dem restlichen Tag noch anfangen könnte. Jelena hatte mir einen Besuch unter Anderem im Militärmuseum empfohlen, da jedoch die Museen in Belgrad am Montag geschlossen haben, fiel diese Empfehlung zumindest für heute erst einmal weg. Ich setzte mich zunächst für einen heißen Tee zu zwei Wahlholländern in die Küche. Einer der beiden hatte Geburtstag und stellte mit viel Schadenfreude fest, dass er erfolgreich den Gratulanten entflohen sei, die mit Sicherheit heute unangekündigt vor seiner Wohnung aufkreuzen würden. Prompt klingelte jedoch sein Handy – hat wohl doch nicht so ganz geklappt, dazu hätte er sein Telefon im Zimmer lassen oder komplett ausschalten müssen. 😉

Nach dem die beiden sich auf dem Weg ebenfalls zu einer Stadtführung gemacht hatten, lernte ich Dany kennen. Sie sei hier, um sich ein wenig zu entspannen und Urlaub zu machen, erklärte sie mir. Ich erfuhr, dass ich gestern wohl auch schon kurz Gesprächsthema gewesen sei, denn ihre Kollegin und sie hatten sich schon gefragt, wie ich mich hier wohl zurechtfinden würde? Wir unterhielten uns noch eine Weile und verabredeten uns für den Abend zum gemeinsamen Abendessen. Dany wollte in die Stadt, ein wenig shoppen und auch ich überlegte, ein paar Souvenireinkäufe zu tätigen.

Ein für mich inzwischen obligatorisches Souvenir ist Musik aus dem jeweiligen, besuchten Land. Jelena, aber auch Carmen empfahlen mir den Besuch von Metropolis, einem CD- und Schallplattenladen mit angeschlossenem Café, welches sich unweit des Hostels befand. Auf diese wahrlich etwas ausgefallene Mischung war ich sehr gespannt und wurde auch nicht enttäuscht. Nachdem ich mich kurz etwas verlaufen hatte und von einem Passanten mir erst mal die richtige Richtung zeigen lassen musste, landete ich eine Viertelstunde später im Metropolis. Mein erster Eindruck war der eines verrauchten Cafés. Viele Gäste waren anwesend und genossen, auf insgesamt drei Ebenen verteilt, ihr Getränk und unterhielten sich angeregt. Im Hintergrund liefen Rockklassiker wie „Smoke on the Water“ und Ähnliches. An den Wänden befanden sich Regale mit CDs und Platten aller Art und Genres. Ich erkundigte mich sowohl nach Serbischer elektronischer Musik als auch nach Serbischer Popmusik und erhielt prompt zwei Empfehlungen, die auch genau meinen Geschmack trafen.

Nach dem CD-Kauf stand mir der Sinn nach etwas zu Trinken und da mir die Atmosphäre in diesem Laden gefiel, ließ ich mich zu einem freien Platz führen. Nach dem ich meinen Orangensaft genossen hatte, dauerte es jedoch sehr lange, bis sich eine Bedienung Zwecks Bezahlung wieder blicken ließ. Auch das Paar am Nebentisch schien auf die Bedienung gewartet zu haben. Sie erzählten mir im Anschluss auch, dass sie auch in der ganzen Zeit niemanden in der Nähe gesehen hätten, den sich hätten heranwinken können, da sie sich aber sehr viel zu erzählen gehabt hatten, wäre es ihnen auch gar nicht so aufgefallen, dass so lange niemand oben bei uns gewesen war. Ich ließ mir den Weg zum Ausgang zeigen und machte mich auf dem Rückweg in Richtung Hostel.

Mit Dany war ich gegen halb acht verabredet. Unser Weg führte uns in eine kleine Bar, welche jeden Tag ein anderes, Serbisches Gericht servierten. Heute stand Gulasch mit Nudeln auf dem Speiseplan – eine sehr gute Wahl, wie ich am Ende feststellen konnte. Zu Trinken gab es, neben zahlreichen Biersorten, auch diverse Säfte (wie Apfel-, Orangen-, Pfirsich oder Erdbeersaft) oder eine einheimische Cola, die mich geschmacklich stark an die in Ostdeutschland erhältliche Vita Cola erinnerte. Nach dem Essen und einem kleinen Verdauungsspatziergang ging es zurück in die Herberge und nach einem kurzen Plausch – zumindest für mich – auch ins Bett. Für morgen stand erst mal Koffer packen auf dem Plan, denn aufgrund eines Systemfehlers bei der Buchung, war mein Zimmer für die letzte Nacht in Belgrad doppelt belegt und ich musste für die Nacht auf Mittwoch das Hostel wechseln und ein Stockwerk nach oben ziehen.

Tagesnavigator


Ein Gedanke zu „Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb“

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *