Zwölf Tage blind durch den Balkan: Ein Reisebericht aus Belgrad, Sarajevo und Zagreb

Tag 4: Letzter Tag in Belgrad mit (fast) bitterem Ende

Dienstag, 17.04.2018

Tagesnavigator

Der nächste Tag begann nicht ganz so früh, jedoch wirklich ausschlafen konnte ich dennoch nicht. Meist ist bei mir sowieso spätestens um 9:00 Uhr die Nacht vorbei, ob nun Urlaub oder nicht. So stand ich gegen 8:00 Uhr auf und begann, meine Sachen zusammen zu packen. Zwar hatte ich bis 13:00 Uhr Zeit auszuchecken, jedoch wollte ich das Gröbste bereits zusammengepackt haben, bevor ich mir draußen etwas um Frühstück suchen wollte. In Serbien oder allgemein den Balkanstaaten wird morgens teilweise schon recht herzhaft gefrühstückt. Burek beispielsweise mit Hackfleisch ist da keine Seltenheit. Dieses bekommt man beispielsweise frisch in einer der zahlreichen Bäckereien.

Rund fünf Gehminuten vom Hostel entfernt bin ich auch fündig geworden. Sicherheitshalber hatte ich mir vorab schon überlegt, was ich gerne haben wollte und mir die Sachen auf einen Zettel schreiben lassen. Die beiden Verkäufer sprachen nur wenige Brocken Englisch und so konnte ich dennoch meinen kleinen Frühstückseinkauf tätigen. Zurück im Hostel genoss ich ein leckeres, herzhaftes Frühstück und checkte danach aus.

Von der Rezeptionistin, Carmen, bekam ich noch ein/zwei Empfehlungen für Unternehmungen für diesen letzten Tag in Belgrad. So überlegte ich, das Militärmuseum, welches sich unweit der Festung befindet, einen Besuch abzustatten. Erste, telefonische Erkundigungen zeigten jedoch, dass so gut wie keines der Exponate angefasst werden darf, was natürlich vor Ort hätte nochmals genauer geklärt werden können. Ebenfalls empfohlen wurde mir das Nikola Tesla Museum, welches mir als naturwissenschaftliches Museum beschrieben wurde, mit einer kleinen Auswahl an technischen Experimenten. Zudem wollte ich vorab einige Souvenireinkäufe erledigen und somit noch einmal durch die Fußgängerzone schlendern. Mein Plan für den Tag stand somit fest und ich machte mich auf die Socken. Mein neues Quartier für die letzte Nacht würde ich später beziehen.

Einer Eingebung folgend, bat ich jedoch Carmen abschließend, bei meinem gebuchten Hotel in Sarajevo einmal nachzufragen, ob mein Transfer für den Folgetag vom Busbahnhof in Sarajevo zum Hotel klappen würde? Carmen versprach, mir eine Notiz bei ihrer Kollegin zu hinterlassen, so dass ich unbesorgt – dachte ich zumindest – endlich losziehen konnte.

Das Wetter heute war um Längen besser, als noch am Vortag. Somit waren auch heute wieder viele Menschen in der Fußgängerzone unterwegs. Mein erstes Ziel, einen Souvenirstand, erreichte ich schon nach wenigen Gehminuten. Ein Passant, den ich unterwegs um Hilfe bat, fungierte als Übersetzer und Produktberater, um ein paar schöne Stücke heraus zu suchen. Bevor es ans Bezahlen ging, erwies sich mein Begleiter noch als geschickter Verhandler. Er äußerte offen seine Einschätzung, dass die Schlüsselanhänger ihrer umgerechnet 4 Euro nicht Wert seien und ich höchstens den gleichen Preis bezahlen solle, wie für den Kühlschrankmagneten. Dies teilte er auch sogleich dem Verkäufer mit, welcher sich erstaunlicherweise, ohne groß mitzuhandeln, hierauf einließ. Ich kramte in meinem Portemonaie und suchte nach den richtigen Scheinen. Einige Dinarscheine sind unterschiedlich lang, andere wiederum haben dieselbe Größe bzw. Länge, was ein Unterscheiden oftmals schwieriger machte. Da hieß es, sich die Scheine in einer bestimmten Reihenfolge in die Geldbörse zu stecken. Ich hielt 780 Dinar in der Hand, 20 Dinar weniger, als verhandelt. Mein Verhandler meinte nur trocken, ich solle ihm die 780 Dinar geben, das sei auch noch vollkommend ausreichend. Er nahm mir das Geld aus der Hand, bezahlte und drückte mir die bereits eingepackten Souvenirs in die Hand, führte mich zurück auf den Hauptweg und verabschiedete sich auch sogleich, denn seine Arbeitskollegen erwarteten ihn bereits zum Lunch.

Hunger verspürte ich zwar noch nicht, doch wollte ich, wenn ich schon noch einmal hier war, Versäumtes nachholen und in einem Café hier etwas trinken und das Treiben auf der Knez Mihailova einfach ein wenig auf mich wirken lassen. Das Glück war aber auch heute nicht mit mir, der Lärm einer nahegelegenen Baustelle machte dem Ganzen quasi einen Strich durch die Rechnung. Nichts desto trotz genoss ich frischen Orangensaft und verbrachte eine gute Stunde in dem Café.

Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich mich bei der Zeit etwas verkalkuliert hatte. Im Nikola Tesla Museum wurden nur zu bestimmten Zeiten Führungen auf Englisch angeboten. Und so ließ ich den Besuch im Militärmuseum ausfallen und lief in Richtung Student’s Square, wo sämtliche Oberleitungsbusse (Trolleybusse) abfuhren, die ich mir dieses Mal als Verkehrsmittel rausgesucht hatte. Das Fahrgeräusch dieser Busse ist sehr markant und war mir schon am ersten Tag in Belgrad aufgefallen.

Trolleybus am Student's Square

Nach rund zehnminütiger Fahrt erreichte ich die Zielhaltestelle, musste jedoch noch ein Stück Fußweg zurücklegen. Fünf Minuten vor Tourbeginn traf ich am Museum ein – perfektes Timing sozusagen. Die „Führung“ bestand aus einem viertelstündigen Film über Nikola Tesla, einigen Vorführungen einiger Experimente und den Hinweis, dass man sich ab jetzt frei in der Ausstellung bewegen und sich alle weiteren Gegenstände anschauen könne – leichte Ernüchterung machte sich breit. Aber wo ich nun schon einmal hier war, erfragte ich, ob es nicht doch noch etwas gäbe, das ich hätte anfassen können – die zweite Ernüchterung, alles befand sich hinter Glas. Dennoch nutzte ich die Gelegenheit, eines der vorgeführten Experimente für meinen Videoblog festzuhalten, bevor ich mich auf dem Rückweg zum Hostel machte.

Am Hostel angekommen, wurde ich schon sehnsüchtig erwartet – mit eine der wohl schlimmsten Nachrichten, die einem Reisenden widerfahren kann: Das Hotel in Sarajevo hatte vor einigen Wochen meine Zimmerbuchung, ohne mich zu informieren bzw. geschweige denn in irgendeiner Form Rücksprache mit mir zu halten, storniert gehabt. Die Gründe hierfür klangen in unseren Ohren so strange wie nicht nachvollziehbar: Es wäre kein Personal da, das mich hätte begleiten oder sich um mich kümmern können. Der Manager meines Hostels, welcher hinter der Rezeption saß, versuchte, sich zu beherrschen, was ihm merklich schwer fiel. Aufs Tiefste verurteilte er dieses „unprofessionelle“ Verhalten. Was das denn solle, dachten die, ich bräuchte eine Nonstop-Betreuung? – fragte er sich bzw. uns, aber die Frage konnten wir ihm nicht beantworten. Auch ein Anruf im Hotel brachte keinerlei Erkenntnis, bloß sinnloses Gerede um den heißen Brei und die erneute Bestätigung, dass definitiv kein Zimmer mehr für mich gebucht sei, kamen hierbei herum – Jackpot, herzlichen Glückwunsch! Ich erzählte, dass dies somit schon das zweite Hotel in Sarajevo gewesen sei, welches scheinbar „Probleme“ mit mir als blinden Alleinreisenden zu haben schien – wie vermutet, stieß auch dies auf pures Unverständnis.

Der kleine Trost: diese Geschichte ließ man nicht auf sich sitzen. Dem Managermeines Belgrader Hostels gehört auch eine weitere Jugendherberge in Sarajevo. Man hatte für mich reserviert, zunächst eine Nacht im Achtbettzimmer, dann, für die letzten beiden Nächte, ein Einzelzimmer. Dennoch, es war zwar eine richtig tolle Geste und Nachricht, jedoch mit einem bitteren Beigeschmack. Was wäre gewesen, hätte ich nicht noch einmal nachhaken lassen? Ich wäre – im übertragenen Sinne – quasi vor verschlossenen Zimmertüren gestanden. Ich ertappte mich zudem kurzzeitig bei dem Gedanken bzw. bei der Frage, wie wohl andere Menschen in Sarajevo mit mir bzw. meiner Blindheit umgehen würden? Verwarf diese jedoch sehr schnell wieder, denn komische Leute mit merkwürdigen Ansichten gibt es schließlich überall, das kenne ich ja schon aus Deutschland.

Ein weiteres, kleines Goodie wartete auf mich. Mir wurde ein Direkttransfer von Hostel zu Hostel angeboten. Ich überlegte zunächst, hatte ich doch bereits ein Busticket für die Fahrt nach Sarajevo gebucht und auch bezahlt. Ich erkundigte mich dennoch nach der Abfahrt, stellte jedoch fest, dass sie mir mit 17:00 Uhr definitiv zu spät war. Ich bedankte mich für das Angebot und ließ mich nach oben, in das andere Hostel, für die letzte Nacht führen. Hier wurde ich bereits erwartet und in mein Zimmer geführt, welches sehr geräumig war und über einen Balkon verfügte.

Nach einem kurzen, aber leckeren Imbiss kehrte ich ins Hostel zurück. Man teilte mir mit, dass ich – wenn ich wollte – einen freien Shuttleplatz morgen früh um 8:00 Uhr haben könne, ein Fahrgast wäre abgesprungen und ich könnte seinen Platz einnehmen. Scheiß auf das Busticket, dachte ich mir, die Leute unten im anderen Hostel haben sich so viel Mühe mit allem gegeben und nach dem Schreck der letzten Stunde haste dir eine entspannte Fahrt nach Sarajevo redlich verdient! Und so willigte ich ein und zog mich sodann auf mein Zimmer zurück. Die Balkontür stand einen Spalt breit offen und von unten ertönten Musik und Gesänge. Müsste ich morgen nicht so früh raus, wäre ich wieder umgekehrt und hätte mir das bunte, laute und stimmungsvolle Treiben direkt aus der Nähe angeschaut. Aber es ist gerade mal ein Drittel meines Urlaubes rum, es würde noch genügend Gelegenheiten geben, ein wenig feiern zu gehen. Und so lag ich, während ich diesen Bericht tippte, auf meinem Hotelbett und lauschte und genoss die Geräuschkulisse, welche von Skadarlija zu mir hinaufschallte – auf Wiedersehen Belgrad, dachte ich, es war toll hier und ich bin nun, nach drei wirklich beeindruckenden Tagen mit sehr aufgeschlossenen Menschen wirklich gespannt, was mich ab morgen in Sarajevo erwartet!

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