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Musikvielfalt im Formatradio: Das Beispiel „Grenzwellen“ – Im Gespräch mit Radio-Redakteur und Moderator Ecki Stieg

Keine Frage – die musikalische Sozialisation findet größtenteils im eigenen Elternhaus, im ersten Freundeskreis oder auch durch Medien wie das Radio statt. Ein Großteil meines Musikgeschmacks verdanke ich dem Radio, vornehmlich dem privatkommerziellen Sender FFN (früher Radio FFN), welcher bis Ende der 1990er Jahre im Abendprogramm genrespezifische Spartensendungen anbot, unter ihnen die „Grenzwellen“. Abseits des Mainstreams bot diese Sendung eine Auswahl an unterschiedlichster, elektronisch orientierter Musik und dürfte somit in der niedersächsischen Radiolandschaft der 90er Jahre ungelogen zu einem Radiophänomen zählen.

Mit der Umformatierung und Neuausrichtung des Senders wurden 1997 sämtliche Spezial- und Spartensendungen aus dem Programm gestrichen und FFN verkam somit, wie die meisten der privaten Sendeanstalten in Deutschland, zum Dudelfunk.

Im Rahmen einer Hausarbeit, welche sich mit der Musikvielfalt im privatkommerziellen Rundfunk auseinandersetzte, hatte ich 2007 die Möglichkeit, den Mann hinter den Grenzwellen, Ecki Stieg, für ein ausführhliches Interview zu gewinnen.

Das komplette Interview könnt Ihr hier im Folgenden nachlesen. Ich habe es noch einmal überarbietet und durch viele, weiterführende Links ergänzt. Seit 2014 erleben die Grenzwellen eine Neuauflage, die Sendung ist seit April ’14 immer Mittwochs bei Radio Hannover zu hören. Grund genug, rund 13 Jahre nach dem ursprünglichen Interview mit Ecki Stieg erneut über die Themen Radio, Musikvielfalt, Streaming und natürlich auch seiner Rückkehr zum Radio und der Neuauflage der Grenzwellen zu sprechen.

Ein herzliches Dankeschön an dich, lieber Ecki, für dieses sehr persönliche, ausführliche Interview – sowohl 2007 als auch jetzt 2020.

Hinweis: Ursprüngliches Interview geführt Januar 2007; Ergänzung März 2020.

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Artikel und Essays Medien

Alles RETRO… oder was?! | Teil 1: Die „Sesamstraße“

Es ist an der Zeit, sich nach langer Pause mal wieder medialen Themen zu widmen. Auftakt hierzu bildet eine neue Artikelreihe, welche sich ein wenig mit Medienangeboten vergangener Tage auseinandersetzen soll.

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Freizeitparks: Blinde müssen draußen bleiben | Aus: Stuttgarter Nachrichten Online

Der folgende Artikel, in dem ich bzw. meine Artikel und Kommentare teilweise zitiert werden, erschien am 21.09.2016 bei den Stuttgarter Nachrichten. Diese zugängliche Textversion ist ohne Bilder und lästige Werbeanzeigen, welche das flüssige Lesen mit Screenreadern auf der Homepage der Zeitung leider stark beeinträchtigen.

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Medien Projekte

Im Interview: Zu Gast in der Sendung „Musikbox“ bei NDR 90,3

Am Montag, 21.03.2016, war ich, gemeinsam mit Elke Theede, Geschäftsführerin bei der Ausstellung Dialog im Dunkeln zu Gast bei NDR 90,3 in der Sendung Musikbox. In der von Anke Harnack und Stephan Heller moderierten, täglichen Sendung werden Unternehmen, Gruppen oder Vereine eingeladen, um ein wenig über ihr Unternehmen/ihren Verein zu erzählen und auch ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern. In der einstündigen Sendung erzählten Elke Theede und ich ein wenig über die Ausstellung, das Konzept und die Führungen. Zudem hatte ich die Möglichkeit, auch ein wenig über meine Tätigkeiten als Hobbyfotograf und Freizeitparktester zu berichten. Als ebenfalls Radioschaffender war es für mich noch mal ein besonderes Erlebnis, denn ich bekam die Möglichkeit, mir nicht nur das Studio und die Technik anzuschauen, sondern auch ein wenig an den Reglern zu drehen und einen Song abzumoderieren.

Vielen Dank an Anke Harnack für diese tolle Stunde und auch vielen Dank an Carlo von Tiedemann, der den Kontakt zum NDR herstellte.

Das komplette Interview könnt Ihr Euch ab sofort hier anhören. Die Musik musste ich aus GEMA-technischen Gründen leider rausschneiden!

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Artikel und Essays Medien

Interview: „Wir sind nur blind!“ – aus: Acht Magazin 06/2015

Im Mai letzten Jahres erhielt ich eine Anfrage des Magazins Acht, ein wenig über meine Reisen, meine Tätigkeit als Hobby-Fotograf etc. zu berichten. Das komplette Interview erschien in der Juni-Ausgabe 2015. Ihr könnt es nun auch hier nachlesen, wer lieber eine bebilderte Version bevorzugt, klickt auf den Link unten in der Quellenangabe.

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Brauchen wir ein ‚blindenfreundlicheres‘ Fernsehangebot?

Wer kennt es nicht. Man sitzt im Kinosaal und schaut sich einen atemberaubenden Streifen an. Schnelle Kamerafahrten, aufwendige Special Effects und natürlich wieder der gut aussehende Hauptdarsteller sind zu bestaunen und bleiben prägend in Erinnerung (nicht umsonst verbinden wir mit einem Film als erstes einen der Darsteller). An zweiter Stelle rückt – vielleicht – der Ton mit all seinen Facetten. Angefangen beim Dialog zwischen zwei Figuren, bis hin zur begleitenden Filmmusik. Da aber der Sehsinn bis zu 80% der Wahrnehmung eines Menschen ausmacht ist es nur all zu verständlich, wenn die akustischen Eindrücke eher ins Hintertreffen geraten. Film ist nun mal ein audio-visuelles Medium, bei dessen Inhalt es mehr auf die Bilder und die visuellen Effekte ankommt, schließlich schauen wir einen Film und hören ihn nicht nur bloß… Aber ist dies wirklich so? Nicht umsonst schon erhielten in der Vergangenheit Filme Auszeichnungen für ihr Sound-Design oder die grandiose Filmmusik. Zudem hat sich in den letzten Jahrzehnten der neue Berufszweig des Sound-Designers beim Film herauskristallisiert. Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass sich Kino soundtechnisch in den letzten Jahrzehnten massiv weiterentwickelt hat und selbst im privaten Rahmen aufwendige Dolby Surround Anlagen für den Filmgenuss genutzt werden können.

In der Medienwissenschaft ist die Auseinandersetzung mit der Tonspur im Film unterrepräsentiert. Ton wird meist als gesamten Komplex verstanden, der im engen Zusammenhang mit dem Bild zu sehen ist. Es „geistert bis heute in filmwissenschaftlichen Texten das Vorurteil herum, dass Töne ohne das Bild ihrer Quelle nicht oder nur beschränkt identifiziert werden könnten, sogar in Texten, die sich ausschließlich mit der Tonspur befassen“ (Flückiger 2002: 111). Dies ist sehr bedenklich, da doch „Geräusche sehr viel direkter und präziser als Bilder in die für die Erregung von Gefühlen zuständigen Hirnregionen hineinzielen“ (Segeberg 2005: 10). Spinnt man den Faden weiter, so könnte man aus der bei Barbara Flückiger zitierten Aussage folgern, dass der Zuschauer einen Film nur dann richtig erfassen und verstehen kann, wenn er die Bilder vor Augen hat. Einen Film nur anhand seiner Tonspur zu erfassen wäre demnach eher ausgeschlossen.

Nicht umsonst gibt es seit vielen Jahren das Angebot der sog. „Audiodeskription“, welches sich gezielt an blinde Filmnutzer richtet. Hier werden, im Zweikanal-Verfahren, auf dem 2. Tonkanal die Bilder und Geschehnisse eines Filmes akustisch wiedergegeben. Im Kino können blinde Menschen inzwischen entweder auf Bildbeschreibungen via Infarotkopfhörer oder Mittels einer Neuen App („Greta“) zurückgreifen. Jedoch ist das Angebot an audiodeskriptivem Material Vergleich mit der Hülle und Fülle an Sendungen und Kinofilmen, spärlich gesät, bedenkt man die Vielfalt der Programm- und Kinoangebote und die somit unterschiedlichen Rezeptionsgewohnheiten der Zuschauer.

Aber es bedarf nicht unbedingt immer einer Bildbeschreibung, denn man kann einem Film sehr wohl nur entlang der Tonspur (ver)folgen. Dies setzt voraus, dass die Handlungen durch Dialoge, durch Aussagen, durch die Geräuschkulisse oder aber durch die Filmmusik ausreichend kommentiert werden. Die Tonspur ist zwar ein in der Wissenschaft etwas vernachlässigter Teil des gesamten Mediums Film, ist aber dennoch – allein schon durch die heutigen technischen Möglichkeiten des Sound-Designs – zu einem komplexen Gebilde herangewachsen. Was vereinfacht immer als „der Ton“ bezeichnet wird, ist ein Zusammenspiel aus Geräuschen, Dialogen und Musik (Bildton oder Fremdton), die auf aufwendige Art und Weise miteinander kombiniert bzw. zusammengefügt werden können. Vernachlässigt auf Grund der oben genannten Tatsache, dass Ton meist nur im Zusammenhang mit Bild zu sehen ist.

Seit einigen Jahren ist ein Trend zu beobachten, nach dem der Klangteppich eines Filmes oder der einer Fernsehserie sehr dicht ist. Dies bedeutet, dass er aus zahlreichen Geräuschen, Effekten, Tönen und Musik zusammengesetzt wird. Dies findet sich vor allem im Sektor des sog. „Quality TV“ wieder, zudem US-Amerikanische Krimi- und Profiler-Serien wie C.S.I. oder 24 zählen. Aber auch der Science Fiction Film weist Charakteristika auf. Das Unbekannte, das Künstliche und das Ungreifbare hörbar zu machen, ist eine Aufgabe, der sich in zahlreichen Filmen des Genres Sounddesigner stellen mussten. Gerade in diesem Bereich wird auf die sog. Generalisierung zurückgegriffen, hierunter versteht man stereotype akustische Darstellungen (z. B. Grillenzirpen bei Nacht).

Fragten 1999 Elmar Dosch und Bernd Benecke in einem Aufsatz zur Fernseh- und Hörfilmnutzung, ob das Fernsehen blindenfreundlicher werden soll (vgl Dosch/Benecke 2004), so stellt der Autor dieses Aufsatzes die eher umgekehrte Frage: Muss Fernsehen überhaupt blindenfreundlicher werden? Ist die Rezeption und Wahrnehmung von Fernsehinhalten nicht sogar weniger eine Frage des Angebots (hier in Form von Hörfilmen) als eine Frage der Mediensozialisierung (Fern sehen lernen)?

Diese Frage soll im folgenden kurz umrissen werden. Erfahrungen aus der eigenen Fernseh- und Filmrezeption des Autors sowie ein Modell zur Tonspurenanalyse beim Spielfilm (Flückiger 2002) dienen hierfür als Grundlage.

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Blind und Filmen bzw. Fotografieren – Ein Ding der Unmöglichkeit?

[Weiter zu meinen Bildern]

Etwas, was sich, auf dem ersten Blick, scheinbar auszuschließen scheint. Denn man filmt und fotografiert ja schließlich etwas, das einem (visuell) anspricht, beeindruckt, überzeugt. Doch ist dem wirklich so?

Wo sehende Touristen und Videofilmer etwas festhalten, das sie visuell beeindruckt und fasziniert, versuche ich, die Dinge und Orte zu fotografieren und zu filmen, die mich ganzheitig beeindrucken. Sei es die Atmosphäre eines Ortes – etwas, das sich oftmals eh schwer „nur“ in Worte fassen lässt -,, die Beschaffenheit einer Statue (weil sie sich gut anfässt und somit aus meiner „Sicht“ interessant aussieht) etc.

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Wer sucht, der lässt finden: Kommentar zur Sendung „Julia Leischik sucht: Bitte melde dich“ auf Sat.1

War es Langeweile? Neugier? Oder irgendwas dazwischen, das mich dazu bewog, mir die Sendung „Julia Leischik sucht: Bitte melde dich“ auf Sat.1 anzuschauen?

Vielleicht war es auch nur der Wunsch, nach langem mal wieder eine Fernsehkritik für meinen Blog zu verfassen!

Also, here we go!

Das Konzept dieser noch von RTL bekannten Sendung ist schnell erklärt: Claus sucht Claudia, mit der er vor Urzeiten zur Schule gegangen ist. Da die Suche via Internet entweder zu schwer oder schlichtweg zu unspektakulär war, beschloss Claus, sich an Sat.1 zu wenden, um nach seiner Claudia suchen zu lassen. Julia Leischik, immer bemüht, den Wiedersehenswünschen ihrer Sendungsteilnehmer gerecht zu werden, macht sich auf die Socken nach London, Shanghai oder Hintertupfingen, um die gesuchte Person zu finden.

So viel, so gut.

Das von Sat.1 übernommene Konzept wurde zuvor sehr erfolgreich im Vorabendprogramm von RTL unter dem Titel „Vermisst“ ausgestrahlt und ist auch jetzt noch, nur mit anderer Moderatorin, im Programm vorhanden. Nach einer Neuauflage von „Verzeih mir“, ebenfalls unter der Schirmherrschaft von Julia Leischik, geht Frau Leischik nun für den Konkurrenzsender auf die oftmals weltweite Suche nach vermissten Familienmitgliedern, Freunden oder Bekannten.

In einer Sendung werden zumeist zwei Personen vorgestellt, die, oftmals nach großen, emotionalen Schicksalsschlägen, einen geliebten Menschen verloren haben und diesen nun wiederfinden wollen.

Julia Leischik recherchiert und begibt sich auf die Suche. Diese führt sie nicht gerade selten über Deutschlands Grenzen hinaus. Ob nun ganz Europa, Nordamerika, Afrika oder Indien, kein Weg ist ihr und ihrem Kamerateam zu weit, kein Aufwand zu groß. Mit Hilfe von ortskundigen Dolmetschern findet sie immer zum Ziel und zur gesuchten Person. Auffällig ist, mit welcher Leichtigkeit ihr diese Suche oftmals gelingt. Denn auch wenn sie den halben Globus bereist, unzählige Menschen befragt und es zunächst den Anschein hat, als würde ihre Suche ergebnislos ausgehen, endet die Suche meist mit einem Happy End. Nicht nur das. Die Gesuchten und Vermissten treffen sich unter Tränen nach Jahren wieder und bekunden, sich so nacheinander gesehnt und so oft aneinander gedacht zu haben. Opium fürs Volk, Tränen für die Quote.

Doch so emotional die Wiedersehensszenen auch sind und so sehr man als Zuschauer auch mitfiebert und sich für die Gäste der Sendung freut, so bleibt, bei mir zumindest, ein leicht fader Nachgeschmack.

Wenn sich zwei Menschen so nacheinander sehnen, sich aus den Augen verloren haben und so weit voneinander entfernt sind, warum haben sie dann nicht schon vorher begonnen, nacheinander zu suchen? Im Zeitalter der Globalisierung und des Internets sollte die Personenrecherche weniger schwierig sein, als noch in den 1990er Jahren, in denen die privattelevisionäre Suche nach Vermissten mit der Sendung „Bitte melde dich!“ ihren Ursprung fand. Denn hier war man wirklich noch auf das Zutun von Fernsehzuschauern angewiesen, die die vermissten Personen kannten und etwas zur Suche beitragen konnten.

Natürlich fehlen vielen die Mittel, sich in anderen Ländern auf die Personensuche zu begeben, so dass die Suche Mittels Fernsehen der einzig mögliche Ausweg scheint. Doch fragt man sich, wollen wirklich alle gezeigten Menschen sich wirklich wiedersehen? Oder werden uns die Aufnahmen, in denen ein Treffen abgelehnt wird, vorenthalten, um den Schein zu wahren und um den Erwartungen der Zuschauer nach tränenreichen Wiedersehens-Szenarien gerecht zu werden?

Gleiches fragt man sich bei der ach so spontanen Art, wie Julia Leischik Stadt und Land bereist. Das Drehen in öffentlichen Gebäuden, die Aufnahme von Personen, bedürfen doch einer Zustimmung? Nur selten lehnt jemand das Mitschneiden des Gesprächs ab, meistens jedoch wird das Vorhandensein der Kameras gar nicht weiter erwähnt. Hier scheinen vorab Absprachen erfolgt zu sein, sonst begäbe sich die Produktionsfirma auch auf rechtlich sehr dünnes Eis. Aus einer Real Docu Soap wird somit eine Mixtur aus realistischem und vorher gescriptetem, abgesprochenem Inhalt. Die Art, wie Passanten, Kneipenbesitzer, Beamte oder Freunde der Gesuchten in die Kamera sprechen und auf Julia Leischiks Fragen reagieren, lassen dies erahnen.

Das vermeintlich spontane, dennoch gestelzt wirkende Gespräch kennt man auch aus anderen Reality Shows, allen voran „Bauer sucht Frau“ oder „Schwiegertochter gesucht“ oder der scheinbar vollgescripteten Soap „Frauentausch“.

In welche Kategorie sich „Julia Leischik sucht“ einordnen lässt, ob nun zum Großteil realistisch oder eher gescriptet, lässt sich nur vermuten.

Dennoch geht das Konzept, mit viel Schicksal und Tränen die Zuschauer emotional zu fesseln, zu begeistern und zu (be)rühren auf. Nicht umsonst haben gleich zwei Privatsender ähnliche Formate im Programm (auch wenn derzeit die Sendung „Vermisst“ auf RTL pausiert).

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Visuelle oder erzählerische Unzuverlässigkeit im Kinderfernsehen?: Eine exemplarische Untersuchung am Beispiel der Zeichentrickserie „He-Man and the Masters of the Universe“

Die folgende Ausarbeitung entstand im Rahmen eines Projektseminars an der Universität Hamburg, welches sich mit erzählerischer Unzuverlässigkeit in Literatur und audiovisuellen Medien auseinandersetzte. Diese Projektarbeit diente auch als Vorbereitung zu meiner Masterarbeit, welche sich mit der Unterhaltung im Kinderfernsehen der 1990er Jahre auseinandersetzte.

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Hinter den Kulissen einer Service-Wüste: Buchrezension zu Nils Mohl’s „Kasse 53“

Ein spannend, ironisch, lustig, interessant, informativ geschriebener Roman.

Der Leser bekommt einen kleinen Eindruck in den Alltag eines Kaufhauskassierers (im Übrigen ohne Namen).

Der Wochenalltag des Kassierers hinter der „Kasse 53“ wird auf rund 200 Seiten geschildert. Im Grunde spielt sich tagtäglich das selbe Szenario ab, nur wird an jedem Tag wieder ein neues Detail gefunden, welches es zu beschreiben gilt – und beschrieben wird hier so einiges und das nicht zu knapp. Die Schilderungen und Beschreibungen sind detailreich, ähneln oftmals einer Aufzählung, einer langen Kette von Eigenschaften und Vergleichen. Aber diese ausführlichen Beschreibungen und Aufzählungen lassen ein Bild der Personen, der Gegenstände oder der Umgebung im Kopf des Lesers entstehen. Sei es bei den unterschiedlichsten Kunden, die dem Leser begegnen oder die Landschaft auf dem Nach-Hause-Weg des Protagonisten. Apropos: Die
Informationen über den Mann hinter der Kasse Nr.53 sind dürftig. Wir erfahren nicht viel oder vielleicht doch? Bei „Kasse 53“ muss man ein wenig genauer hinschauen, denn jeder Blick zwischen die Zeilen lohnt sich; am Ende formt sich ein kleines Bild des Kassierers im Kopf des Lesers.

Aber nicht nur bei ihm lohnt sich ein ausführlicher Blick. An so vielen Stellen wird sich der eine oder andere Leser sicherlich wiedererkennen. Entweder als einer der freundlichen, unkomplizierten Kunden oder als jemand, der die Kartennummer oder das ganze Portemonai vergessen, dem ein Missgeschick passiert ist oder der sich sonst irgendwie auffällig verhält. „Kasse 53“ ist nicht _nur_ein_Roman_, sondern auch Tatsachenbericht zugleich. Hierfür reicht ein Blick in die eigene Vergangenheit (EC-Karte vergessen und Einkäufe bereits eingescannt o. Ä.) oder der Blick nach Vorne zur Kasse, wenn man wieder einmal in der Schlange ansteht und wartet, weil eine Kundin den Inhalt ihrer Handtasche über den Tresen verteilt hat.

Zur Erzählstruktur: Vielleicht etwas verwirrend.

Einen Erzähler, welcher in der ersten und dritten Person das Geschehen schildert kennt jeder, persönliche Ansprachen sind jedoch eher seltener in der Unterhaltungsliteratur zu finden. Die Erzählperspektive wechselt in
regelmäßigen Abständen zwischen den eben genannten Instanzen. „Ich“, „du“ und „der Kassierer“ und niemand nennt einen Namen, aber warum auch, eigentlich brauchen wir den auch gar nicht.

Und da geht noch mehr: Es wechselt nicht nur die Erzählweise, sondern auch die Form des erzählten Inhalts. Mal wird vom Kunden berichtet, vom Kollegen erzählt oder einfach der Kassenabschluss, der Weg nach Hause, zum Bahnhof,
der Sonntagmorgen zu Hause geschildert. Und der Kassierer philosophiert, über das Leben, die Kunden, die Frauen, Bedürfnisse, Kollegen und ihre Angewohnheiten; einfach über was man so nachdenkt. Manchmal abwägig, dennoch
immer am Alltag orientiert und nie zu abstrakt, so dass man den Gedankengängen gut folgen kann. Der Leser hat so am Leben (außen als auch
innen) des Kassierers teil. Einerseits – wie oben geschrieben – zwar distanziert, aber dennoch nah. Nicht immer weiß man, warum der Protagonist
etwas tut, warum er beispielsweise seinen Kollegen verfolgt.

Fazit oder: Was teils kompliziert auseinandergenommen wurde, kann man auch kürzer Fassen:

„Kasse 53“ ist ein sehr unterhaltsamer Roman mit hohem persönlichen Wiedererkennungswert. Ist man am Ende angekommen, so stellt man
fest, wie rasend schnell doch eine Woche verflogen ist. Und verlief diese Woche gut, gab es schöne, lustige, aufregende, spannende Augenblicke, so möchte man gerne noch einmal die Zeit zurückblättern und die Woche von vorn beginnen lassen.

 

Rezension wurde verfasst am 27.02.2008

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Deutschland auf der Suche … Die Castingsaison hat begonnen!

Seit Ende August ist es wieder so weit – RTL’s Suche nach dem neuen „Supertalent“ eröffnet die diesjährige Casting-Saison.

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Kinderfernsehen der 90er Jahre. Ein Gespräch mit Wolfgang Buresch (Hamburg) vom 24.03.2010

Wolfgang Buresch, Puppenspieler, Autor, Regisseur, Fernsehredakteur aus Hamburg, schreibt und produziert seit vierzig Jahren Kindersendungen für das öffentlich-rechtliche Kinderfernsehen. Im Rahmen meines Forschungsprojekt zum Kinderfernsehen der 90er Jahre und zur Unterhaltung im Kinderfernsehen führte ich am 24.03.2010 ein ausführliches Interview, in welchem es u. a. um die Veränderungen im Kinderfernseh-Sektor, um die Gewaltdiskussion bzgl. des Kinderfernsehens in den 90er Jahren und um Entwicklungen und Tendenzen zukünftiger Kinder-Fernseh-Programme.

An dieser Stelle danke ich Wolfgang Buresch noch einmal für dieses ausführliche und sehr interessante Gespräch.

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„Wer hören will, muss suchen“: Warum es kaum Musikvielfalt im kommerziellen Rundfunk gibt

Der folgende Beitrag entstand 2007 im Rahmen eines Seminars („Einführung in die Meidne: Radio“) an der Universität Hamburg. Es handelt sich hierbei um eine Hausarbeit, für dessen Veröffentlichtung in diesem Blog der Text nochmals um einige Zitate und Quellen erweitert wurde.

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Auditives Erzählen: Eine Erzählstrukturenanalyse am Beispiel der Buchvertonung von Tad Williams’ „Otherland“

Die folgende Hörspielanalyse entstand im Rahmen eines Seminars zum Thema „Erzähltheorien und Medien“ im Sommersemester 2010 an der Universität Hamburg.

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Bildung durch Fernsehen?!

Fernsehen macht dumm. Im Fernsehen lernt man nichts? Eine Aussage, die es erstmal zu beweisen gilt.

Ganz stupide betrachtet, bietet das Fernsehen genügend Wissen, einfach verpackt, in verdaulichen Häppchen, tagtäglich, in zahlreichen Sendungen. Hier sehen und lernen wir Dinge fürs Leben! Dass das Fernsehwissen auf Dauer schädlich sein kann (Stichwort Stereotype Menschenbilder, Vorurteile, Klischees etc.), sei bei der folgenden Betrachtung außenvor gelassen.

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RTL NITRO – Ein Programm für Helden oder für Wiederholungstäter?

Am 01.04.12 startete RTL seinen schlechten Aprilscherz: RTL NITRO.

Was das ist? In knappen Worten: Die Antwort auf „Sixx“, nämlich ein auf die männliche Zielgruppe zwischen 20 und 59 Jahren ausgelegter Fernsehsender, welcher via DVBC, DVBS und IPTV zu empfangen ist.

Was er bietet? Laut Werbespruch „Fernsehen für Helden“, doch bietet das Programm im Grunde nicht viel neues. RTL verwertet wiederkäuend die Archivbestände an Sitcoms, US-Amerikanischen und Deutschen Krimiserien, Pseudo-Dokus und Actionfilmen. Klassiker wie „Knight Rider“, „Wer ist hier der Boss?“, „Quincy“, „Law and Order“ oder die bereits aus dem RTL-Programm bekannte Serie „Alarm für Kobra 11“ oder die Pseudo-Doku-Soap „Die Trovatos“ flimmern in regelmäßigen Wiederholungen und Doppelblöcken über den Fernsehschirm. Lediglich die Serien „Modern Family“, „Nurse Jackie“ sowie „Jerry Bruckheimer’s Chase“ erleben hier ihre Deutsche Erstausstrahlung.

Für Nostalgiker und Liebhaber von Krimi-, Action- und Sitcomserien dürfte dieser Sender (vielleicht) ein Dazugewinn in der Masse der Kanäle sein. Doch hätte man, anstatt wieder die üblichen Verdächtigen „CSI Miami“, „Knight Rider“ oder „Law and Order“ sowie „Alarm für Kobra 11“ auszustrahlen, nach interessanteren Alternativen suchen können. Denn ob man gleich zu Sendestart mit einem Haufen Wiederholungen beim zu gewinnenden Publikum punkten kann?
Die Zeit und die Quoten werden es zeigen, ob das Konzept hinter RTL NITRO aufgehen wird oder nicht.

Nähere Infos auch unter: http://www.rtlnitro.de

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Mediale Verkupplung: Von „Herzblatt“, „Schwiegertochter gesucht“ und Konsorten

Im oder mit dem Fernsehen sucht man, mit dem und im Fernsehen findet man: Hilfe.
Für verschiedenste Lebenslagen hält das Fernsehen als informierenden, bildenden oder unterhaltenden Begleiter etwas parat. Ob nun in passiver Form, so zum Beispiel in zahlreichen Ratgeber-Formaten, oder in aktiver Form, bei der der Zuschauer die Möglichkeit hat, selber als Hilfesuchender am Geschehen teilzunehmen (geschieht unter Anderem in „Bauer sucht Frau“, „Kochprofis“ oder „Supernanny“). Jedoch erhoffen sich Zuschauer auch bei letzterer Gruppe Anregungen für ihre derzeitige Alltagssituation zu finden.

Das Fernsehen begleitet und hilft, jedoch nicht, ohne die eigenen Interessen (Quote, Verkauf von Werbeplätzen etc.) in den Schatten zu stellen. Zwar sind persönliche Schicksale auf der einen Seite interessant, jedoch kann aus ihnen weitaus mehr für die televisionäre Unterhaltung, denn für mehr taugen die Inhalte vieler „Personal Help Shows“ oftmals nicht, herausgeholt werden. Das Fernsehen bedient sich dabei der Emotionen, sowohl der Teilnehmenden als auch der Zuschauer, um die Bedürfnisse (Quote, Werbeeinnahmen vs. Hilfe, Veränderung einer Situation, Sensationslust, Wunsch nach Unterhaltung) zu befriedigen. Dass man dabei noch Menschen helfen kann, obwohl sicherlich ein Teil der Shows bis in die letzte Minute gescriptet sein dürfte, ist ein positiver Aspekt, den sich die Sender auf ihre Fahnen schreiben können.

Eine der wohl ältesten Formen, Menschen im Fernsehen zu „helfen“, dürften die Verkupplungsshows sein, welche sowohl im öffentlich-rechtlichen als auch im privaten Fernsehen vorzufinden sind. Als Klassiker in diesem Bereich zählt unumstritten „Herzblatt“, eine Produktion des Bayerischen Rundfunks, welche knapp neunzehn Jahre in der ARD ausgestrahlt wurde. Aktuell sind es jedoch vor allem die privaten Fernsehkanäle, welche mit zahlreichen „XY sucht …“ -Formaten im Vorabend und Prime-Time-Programm mit den Wünschen der Teilnehmenden spielen und sie sich zu Nutze machen.

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Was Blinde sehen: Ergebnisse einer Befragung zum Fernsehkonsum bei blinden Menschen zwischen 20 und 49 Jahren

„Was Blinde sehen“ – diese Headline dürfte beim Sehenden Lächeln und Verwunderung zugleich auslösen. Zunächst wegen der Wortwahl: Es geht zwar um Fernsehen, aber Blinde sehen doch nichts. Also hören sie fern, so die Logik des Sehenden. Fern-Hören klingt komisch. Der Fernseher wäre somit Fern-Hörer und dies erinnert an die alte Bezeichnung für Telefon: Vernsprechapparat. Das bedeutet, dass Blinde feststehende Begriffe nicht umschreiben würden, bloß weil eine Kleinigkeit im Begriff nicht auf sie zutrifft.

Nun zum Fernsehen an sich. Dass blinde Menschen fern schauen, scheint für viele Sehende unlogisch, denn um einen Film oder den Inhalt einer Serienepisode verstehen zu können, braucht es nun einmal das Sehen der Bilder. Aber tut es das wirklich? Denn im Hörspielsektor gab und gibt es Produktionen, welche ohne einen Erzähler auskommen – man denke vor allem an die alten Krimiklassiker aus den 50er und 60er Jahren. Warum soll man somit nicht auch blind fernsehen können? Es gibt ja schließlich einige Filmangebote im TV, die mit einer akustischen Bildbeschreibung ausgestattet sind. Jedoch ist dieses Angebot lediglich Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen zu finden und deckt bei weitem nicht die komplette Palette an Sendungsgattungen und Filmgenres ab.

Es gibt in der Kommunikationswissenschaft bislang nur unzureichende Ergebnisse über den Fernsehkonsum Blinder. Zwar wurde festgestellt, dass auch blinde Erwachsene fern schauen, jedoch beschränkte sich diese Studie ausschließlich auf die „Spezialangebote“, also die eben genannten „Hörfilme“.

Doch nutzen blinde Menschen noch weitere Fernseh-Angebote? Wozu dient das Fernsehen: Zur Unterhaltung, zur Entspannung oder zur Informationsbeschaffung?

Diesen Fragen bin ich im Rahmen einer Studie nachgegangen. Im Zeitraum von März bis Oktober 2011 habe ich blinde Menschen zwischen 20 und 49 Jahren mittels Online-Fragebogen zu ihrem Fernsehkonsum befragt. Insgesamt gab es 101 Teilnehmer, davon waren 43,6% weiblich und 32,7% männlich, 23,8% wollten darüber keine Angabe machen. Von den Befragten waren 37,6% arbeitstätig, jeweils 10,9% Azubis bzw. Studenten, 8,9%arbeitssuchend und noch 3% Schüler.

Über die Hälfte der Befragten gaben an, regelmäßigen Zugang zu einem Fernseher zu haben sowie ihn auch (fast) täglich einzuschalten. Was den Sehenden vielleicht verwundern mag: Auch unter den blinden Menschen gibt es auch sog. Vielseher, Zuschauer, die mehr als 4 Stunden am Tag fern schauen (7,9%).

Was die Sendungsfavoriten anbelangt, so lagen GZSZ, K11, Wer wird Millionär oder Tagesschau, Tatort und CSI sehr hoch im Kurs. Die favorisierten Sender sind somit ARD, RTL, ZDF, Sat.1, ProSieben. Bei den Genres und Formaten waren es vor allem Nachrichten, Daily Soaps, Quizsendungen, Reality TV oder Spielfilme.

Das Fernsehen dient zu gleichen Teilen der Information, Unterhaltung und Entspannung. Mehr als die Hälfte der befragten gab an, das Fernsehen auch vorwiegend zur Informationsbeschaffung zu nutzen. Sie schalten gezielt den Fernseher ein, um bestimmte Sendungen zu schauen.

Fernsehinhalte sind nur manchmal Gesprächsthema unter blinden Zuschauern, wobei der Austausch sowohl unter Blinden als auch mit Sehenden erfolgt und sich nur wenige der Befragten wünschen würden, sich jeweils mit der anderen Personengruppe (Blinde vs. Sehende) mehr über das Gesehene auszutauschen.

Es ist den blinden Zuschauern wichtig, sich die Bilder am Fernsehschirm beschreiben zu lassen. Das aktuelle Angebot an Sendungen mit Bildbeschreibungen wird von den Befragten mit der Durchschnittsnote 3 bewertet.

Neben dem Fernsehen greifen blinde Mediennutzer jedoch auch auf andere Medien zurück. 69,9% der Befragten nutzen (fast) täglich das Internet, 66,4% hören (fast) täglich Radio, nur wenige greifen auf Zeitungen und Zeitschriften zurück, hingegen sich Hörbücher großer Beliebtheit erfreuen (34,7% (fast) tägliche Nutzung). Auch wenn blinde Rezipienten Spielfilme, Fernsehkrimis, also fiktionale Angebote, im Fernsehen anschauen, so gehen sie selten ins Kino (14,9% einmal im Monat, 56,4% seltener). Die Möglichkeit, sich Filme auf DVD oder VHS anzuschauen, wird von 26,7% der Befragten mehrmals im Monat, von 32,7% noch seltener genutzt.. Vermutlich ist das geringe Hörfilmangebot im Kino und auf DVD der Grund für die geringe Kino- und DVD-Nutzung.

Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass blinde Menschen zwischen 20 und 49 Jahren das Fernsehen in fast dem gleichen Umfang nutzen wie Sehende. Bei der Auswahl der Sendungen und Sender gibt es ähnliche Präferenzen. Das Gesehene ist auch unter Blinden Gesprächsthema. Fernsehen dient vorwiegend der Unterhaltung und Information. Nur wenige der blinden Fernsehnutzer könnten komplett auf die Flimmerkiste verzichten (23,8%).

Diese Ergebnisse decken sich mit den Erkenntnissen aus einer Nutzungsstudie von 2009, welche sich mit dem Fernsehkonsum blinder Kinder auseinandersetzte und ebenfalls bewies, dass auch bei blinden Menschen das (visuelle ausgerichtete) Medium Fernsehen eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Für den Sehenden lässt sich daraus schlussfolgern, dass blinde Menschen ihren Medienalltag nicht anders gestalten, als sie selbst – eine beruhigende Erkenntnis.

 

Eine ausführliche Auswertung der Befragung wird in den kommenden Wochen hier veröffentlicht.

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Wieso lobt man diesen Schundroman? Überlegungen und Kritik (eines Blinden) zum Buch „Wie Licht schmeckt“ von Friedrich Ani

Er wurde in den höchsten Tönen gelobt. 2005 erschien „Wie Licht schmeckt“, ein Jugendroman von Friedrich Ani, welcher sonst auch durch seine Kriminalromane bekanntgeworden ist.

Kurz zum Inhalt: Lukas ist 14 und ist der Ansicht, er brauche niemanden in seinem Leben. Bis er auf die drei Jahre ältere Sonja trifft und, wie könnte es auch anders sein, sich in sie verliebt. Wäre da nicht ein Haken: Sonja ist blind. Sonja führt scheinbar ihren neuen Freund in die „Welt der Blinden“ ein und Lukas durchlebt im Laufe der Romanhandlung einen Reifeprozess, denn er ist nicht, wie sonst üblich, der sympathische Protagonist, in dem man sich gerne hineinversetzt. Beide erleben verschiedenste Situationen, gehen weg, in die Kneipe, ins Schwimmbad und tun Dinge, die Jugendliche halt tun.

Soweit, so schön. Ani versucht, mit seinem Roman einen Einblick in die Gefühls- und erlebte Welt eines blinden Heranwachsenden zu bieten, mit viel Einfühlungsvermögen. Dabei verkennt er jedoch, dass sich blinde Jugendliche wirklich nicht anders benehmen, als Sehende im gleichen Alter. Denn genau dies trifft nicht auf Sonja zu.

Die blinde Sonja verhält sich asozial, kratzt, kneift, zickt, pöbelt. Wäre sie nicht blind, so meine Vermutung, hätte man ihr Handeln schon längst angeprangert. Doch so ist sie nur die selbstständige Blinde, die uns und vor allem Schülern, als Vorzeigebeispiel in der Schule vorgeführt wird, wenn es um das Thema Blindheit geht. Was ist das für ein Verhalten, wenn Lukas die Frage der Fragen stellt („Wie machst du das eigentlich?!“) und von Sonja lediglich mit einer schroffen, unfreundlichen Antwort zurückgewiesen wird? Auf wenige seiner wirklich guten, ernstgemeinten Fragen, bekommt Lukas nämlich eine ernstgemeinte Antwort. Wenn es darum geht, wie Sonja ihre Freundin gleich beim Betreten der Kneipe erkennt oder wie sie so einfach, allen Hindernissen zum Trotz, im Freibad zum Becken hechten, hineinspringen und Lukas retten konnte. Die Begründungen für diese wunderbaren Leistungen werden nur oberflächlich geliefert. Es braucht keiner Erklärung! Die Vollbringung des scheinbar unmöglichen, einer Sensation, bedarf keiner weiteren Aufklärung.

Stattdessen wird dem sehenden Leser ein Bild eines blinden Jugendlichen präsentiert, bei dem sich die Frage stellt: Woher nahm Ani seine Anregungen? Verhielten sich blinde Menschen in seinem Umfeld ihm gegenüber so unkollegial und unhöflich?

Wir Blinden brauchen uns, nach so einem Schundroman, nicht zu wundern, dass Sehende uns so schüchtern und zurückhaltend gegenübertreten. Müssen sie doch Angst haben, von uns nach gestellter Frage gleich förmlich angegriffen und zerfleischt zu werden! Ich schließe natürlich nicht aus, dass es nicht auch blinde Menschen gibt, die auf eine Frage schroff antworten. Wir alle, blind und sehend, können uns hier nie gänzlich ausschließen, jeder antwortet mal unfreundlich. Nur wird dieser Roman, genau wie „Hell und Dunkel“ von Hans-Jörg Martin, in Schulen gelesen und dürfte somit beispielhaft und vorbildhaft als Wissensvermittler dienen. Auch wenn Buchinhalte zumeist fiktiver Natur sind, können wir Leser uns nie völlig davon frei sprechen, dass wir den geschilderten Inhalten nicht einen gewissen Realitätsgehalt unterstellen – sei es beim Thema Blindheit, psychischer Erkrankung oder bei was auch immer.

Egal was Sonja tut, es gibt selten einen Rüffel. Kann sich ein blinder Jugendlicher somit alles erlauben? Was rechtfertigt ihr Verhalten: allein die Tatsache ihrer Blindheit? Jedem anderen Jugendlichen hätte man schlechte Erziehung oder schlimmstenfalls eine psychische Störung unterstellt – nur nicht Sonja. Sie wird zwar an manchen Stellen im Roman von Lukas ansatzweise zurecht gewiesen, jedoch ohne jegliche wirkliche Konsequenz. Lukas solle keine so dummen Fragen stellen, heißt es. Aber warum soll er das nicht! Sollen Sehende somit keine Fragen stellen und alles so billigen? Ist das die gewünschte Botschaft der Geschichte? Sonja hackt auf Lukas ein, beschimpft ihn, während Vanessa, ihre Freundin, scheinbar teilnahmslos daneben sitzt und alles unkommentiert lässt. Wohlmöglich hat sie die Hoffnung, eine vernünftige Antwort zu bekommen, schon aufgegeben.

Und noch etwas verdeutlicht dieser, aber auch Martin’s Blinden-Roman: Enttäusche keinen Blinden, er könnte es nicht verkraften! Mit erstaunen las ich in „Wie Licht schmeckt“, dass Sonjas Mutter Lukas beiseite nahm und ihm genau diese Botschaft vermittelte. Vielleicht besteht Hoffnung nach einer OP in Amerika, dass Sonja wieder sehen könne. Bis dahin jedoch sollte er nicht mit ihren Gefühlen spielen. Sie hätte bereits einmal Liebeskummer hinter sich und hätte sich völlig zurückgezogen. Natürlich, wer tut dies nicht?! Wer mag schon enttäuscht werden? Oder sind wir Blinden in irgendeiner Form automatisch sensibler, zartbesaiteter und empfindlicher, bloß weil wir blind sind?

Schlimm ist, dass es da draußen wirklich Menschen gibt, die genau das in die Tat umsetzen: Sie enttäuschen keinen Blinden! Lieber schlucken sie Ärger, Missmut und ihren Wunsch, etwas nicht tun zu wollen, zu Gunsten des Blinden und seiner Gefühle runter; sie könnten ihn ansonsten ja verletzen. Das Leben ist kein Rummelplatz, auch nicht für uns Blinde! Auch wir müssen, so wie jeder Sehende auch, lernen, mit Verlust, Enttäuschung und Liebeskummer umzugehen und können uns nicht hinter der Fassade Blindheit verstecken oder uns vom Sehenden hinter diese Fassade abschieben lassen.

Aber auch der Sehende sollte lernen, dass blinde Menschen auch mal schroff antworten können, ja, dass sie sogar das Recht dazu haben, so wie jeder Sehende schließlich auch. Und, wenn ihm das Lesen von Büchern wie „Wie Licht schmeckt“ schon aufgezwungen wird, dass Blind nicht gleich Blind ist – es gibt noch Licht am Ende des Tunnels, wo sich die Realität befindet.

Hat man noch vor einigen Jahren dem Kinderfernsehen eine gewisse Schädlichkeit bezüglich des stereotypen Figurenbildes und dem Einsatz von Gewalt nachgesagt, so frage ich mich, ob derartige (Schul-)Literatur nicht ohne weiteres in die Fußstapfen des Kinderfernsehens treten könnte? Was wir hier zu lesen bekommen ist ein verklärtes Bild von Blindheit und von Alltagsbewältigung. Aber es erklingen von Pädagogen, ja selbst von Literaturkritikern, große Lobeslieder auf diesen Roman. Nur warum? Erkennen Literaturkritiker und Pädagogen die hier aufgezeigten Handlungen nicht?

Ein Grund für den großen Erfolg dieses Romans mag aber auch in der Tatsache, dass viele Sehende noch nie mit einem Blinden und seiner Alltagswelt zu tun hatten, begründet sein. Aber kann das der einzige Erfolgsgrund für „Wie Licht schmeckt“ sein? In der Kritik ist sehr häufig von Einfühlungsvermögen die Rede. Dies mag der Autor zwar unter Beweis stellen, dies steigert aber nicht gleichzeitig die inhaltliche Qualität der Geschichte. Ich verlange von so einem Buch nicht, dass es die Realität zu 100 Prozent abbildet. Jedoch kann ich solche Buchfiguren nicht ungestraft auftreten und ihr Verhalten nicht ungebilligt lassen. Natürlich, Lukas ist auch kein Sympathieträger und entspricht somit auch nicht dem sonst üblichen Protagonisten, aber an seiner Stelle hätte ich die Frau schon längst zum Mond gejagt, anstatt mich ewig so blöd behandeln zu lassen – ach Moment, das geht ja nicht, ich dürfe sie ja nicht enttäuschen! Oder darf ich es doch, weil ich ja selber blind bin?

Zum Schluss sei noch erwähnt, dass auch dieser Medienblinde in „Wie Licht schmeckt“, und auch das Mädchen in „Hell und Dunkel“, selbstverständlich Sonnenbrillen tragen. Es entspräche ja sonst nicht dem Medienbild eines Blinden, auch wenn dieses rein fiktiver Natur ist. In Hans-Jörg Martins „Hell und Dunkel“ kritisiert der Protagonist zunächst diese „alberne“ dunkle Sonnenbrille. Bis er merkt, dass das Mädchen blind ist. Warum kann die Kritik an der albernen Sonnenbrille nicht erhalten bleiben? Darf man Blinde nicht kritisieren? Oder ist Blindheit plus Sonnenbrille = Logisch?

„Wie Licht Schmeckt“ ist nicht der einzige Roman mit blinder Hauptfigur von Friedrich Ani. In der „Seher“-Reihe geht es um einen Ex-Polizisten, welcher im ersten Roman dieser Serie erblindet. Hier merkt man jedoch sehr gut, dass Ani im Krimi-Genre sich besser zurecht findet, als bei den Jugendbüchern. Der Blinde kommt hier nämlich wesentlich besser weg.

Zum Glück gibt es nicht nur positives von Kritikerseite über diesen Roman zu lesen. Eine Rezension, welche mal keine Lobeshymnen anstimmt, findet sich beispielsweise hier.

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Mit der Einsamkeit zur Quote? Ein paar Gedanken zu „Schwiegertochter gesucht“

Am gestrigen Abend (04.09.11) startete die neue Staffel „Schwiegertochter gesucht“ auf RTL. Acht Männer wurden von RTL auserkoren, sich auf die televisionäre Partnersuche zu begeben.

Nachdem ich mir die gestrige Folge angeschaut habe, stellt sich mir wieder einmal die Frage: Wer macht freiwillig bei solch einem Format mit? Ist den Kandidaten überhaupt bewusst, was dort mit ihnen geschieht? Oder ist es den Kandidaten vielleicht sogar völlig egal, Hauptsache, sie kommen einmal ins Fernsehen?

Natürlich bleibt es jedem selbst überlassen, wie und wo er seine Partnerin für’s Leben sucht. Aber gerade die gestrige Folge lässt vermuten, dass es RTL nicht um die ernsthafte Vermittlung von Partnern, sondern eher um den Unterhaltungsgehalt im Vorabendprogramm geht. Nicht umsonst wurden hierzu passende Kandidaten/innen ausgewählt, die bei dieser Sendung teilnehmen. Jeder auf seine Weise originell, schrill und peinlich zugleich. Der Grad zwischen Originalität und Peinlichkeit ist schmal – das beweisen solche Sendungen jedes mal auf’s neue.
Und die bereits aus Formaten wie „Bauer sucht Frau“ bekannten Vorbewertungen der Kandidaten Seitens der Moderation, die Verbindung bestimmter Attribute und Eigenschaften mit einer Person, tragen ungemein zu diesem Sendungsbild bei.

Unterhaltung, Lachen und bloßes Kopfschütteln gehen mit dieser Sendung einher. Man weiß beim Anschauen nicht, ob man sich nun über den Kandidaten belustigen oder sich über RTL aufregen soll, die die Kandidaten passend in Szene setzen.

Die Dialoge sind gestellt, jedoch lassen auch die Kommentare der einzelnen Kandidaten/innen selbiges vermuten.
Begleitet werden diese Kommentare sowie die übrigen Szenen von der stark an „Bauer sucht Frau“ angelehnten Moderation Veras.

Über Kandidaten und ihre eingeladenen Frauen möchte ich hier kein Wort verlieren, hier sei ein Blogbeitrag auf laester.tv empfohlen.

Aber was ist es nun, dass Menschen dazu veranlasst, hier ihr Glück zu suchen? Pure Verzweiflung, Dummheit oder der Wunsch, einmal ins Fernsehen zu kommen?
Und geht das Konzept von RTL wirklich auf? Ich glaube zwar auch an „Liebe auf dem ersten Blick“, jedoch geschieht dies bei RTL’s Kuppelformaten doch eine Spur zu oft und viel zu schnell.

Aber doch, es funktioniert bestimmt! Es ist wie ein Plazebo: Wenn man ganz fest daran glaubt, klappt es auch!

Viele beklagen sich ja über die Anonymität im Internet, gerade auch hinsichtlich der Partnersuche. Jedoch kann ich mir hier wenigstens selber aussuchen, für was oder wen ich mich ausgebe. Bei RTL wird dieser Weg von der Redaktion sicherlich vorgescriptet.